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Jüdische Rundschau · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 256. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24. Oualen. sich zum Islam zu bekehren, ausserdem hielten sie den Unglücklichen gefangen. Ein Versuch der Verwandten, Ihn zu befreien, misslang; sie wandten sich nun an den Direktor der Jüdischen Schule in Schiras. der unverzügl/ch den Besitzer des Dorfes Kamedjun, den angesehensten Bewohner von Schiras. von dem Vorfall in Kenntnis setzte. Dieser, ein gebildeter und toleranter Mann, gab sofort den FroilassungsbefehL Die Bewohner von Kamedjun häuften bei dem nun folgenden Verhör Lügen auf Lügen u. a. wurde der Jude bezichtigt, heimlich eine Junge Muhamedancrin geheiratet zu haben, das verdiene die Todesstrafe. In der höchsten Not gelang es dem Direktor der Schule von dem Gouverneur von Schiras. Alla-El-Dowlet, emem rechtlich denkenden und strengen Mann die Freilassung des unglücklichen Juden zu bcwirken, der mehr tot ,wie lebendig zu deta Seinen zurückkehrte. Die frühen Heiraten sind eine weitere Ursache des furcht- .baren Judenclends in Person. Aber n’rgends ist dieser Missstand so verbreitet, wie gerade in Schiras. Ein Mädchen von 14 Jahren.׳ das noch nicht verheiratet ist. gilt als ..alte Jungfer". Mit 12 Jahren sind die ungliickl chen Jungen Geschöpfe schon Mütter, und cs ist unsagbar traurig, solch armes welkes Kindergesicht über das seines kleinen Kindes \ gebeugt zu sehen, das schrt.1 ebenso welk und elend, wie! das der Jugendlichen Mutter aussieht. Die Männer machen; d,־c Gesetze. Ein Mann von 40 Jahren findet 0־ ganz natür- I lieh ein Kind von 5 Jahren zu heiraten. Ein Rabbiner zwischen 65 und 70 Jahren heiratete, nach dem Tode seiner ersten ' Frau, ein 9- oder lOiähriges Mädchc'1. Das sind ungeheuerliehe Dnge, die man nur schwerlich glauben kann, die aber lc'der nur allzuwahr sind. Hoffentlich wird in dieser Be- Ziehung die Jetzt errichtete jüdische Schule erzieherisch wirken, die es auch -In Hamadan bereits so weit ״ebracht hat. dass sich die jüd'schcn K:ndcr den Heiratsplänen der Eltern zu widersetzen beginnen. Das schlimmste Laster in Schiras ist die Trunksucht, und so unglaublich es uns klhigt. die Junden s’nd ihr ebenso unterworfen wie die Perser; auch sle# finden ihren Trost in dem ..Lebertswasser“. Vor der Ankunft des Gouverneurs Alla-El- Dowlet hatten die Juden das Recht, fedc Art Alkohol zu verkaufen, dafür mussten sie iährlich 4000 Frcs. Steuern zahlen. Der Islam verbietet schien Bekennen! zwar Alkohol zu genicssen. ebenso zu verkaufen, aber das hindert -׳>ht. dass alte Abend die Stadt von dem Gejohle und den Abscheulichkeiten der Betrunkenen widerliallt: Messerstechereien sind an der Tagesordnung. Der neue Gouverneur, wie schon erwähnt, ein strenger, gerechter und vor allem auch unbestcch- Iicher Mann, wollte diesem Uebel mit aller Macht steuern und verböt den Juden den Handel m't Alkohol. Die schwersten Strafen wurden dem Zuwiderhandelnden in Aussicht gestellt Alles ging gut. bis der Gouverneur eine Zeit lang In Geschäften abwesend war. Die Juden,die jetzt keine Strafe fürchteten, fingen ihren Alkoholhandel wieder an und d;c Strassen hallten aufs neue des Nachts wieder von dem Geschrei der Betrunkenen. Als der Gouverneur zuröckkchrte. erhielten die Schuldigen schwere Strafen; aber das Wohlwollen, das dieser Mann bisher den Juden bewiesen hatte, war begreiflicherweise dahfn. Leider ist Jetzt Alla-El-Dowlet nach Teheran versetzt worden. Auch aus Hamadain, der Stadt, wo sich die Gräber von Esther und Mardochai befinden, kommen traurige Nachrichten. In Bidjar. bei Hamadan, wurde Im vorigen Jahre eine Junge Jüdische Frau mit Gewalt zu einem tnuhamedamischen Pr ester gebracht, der sie der Islam zuführen wollte. Erst nachdem die jüdische Gemeinde sich darüber in Teheran beklagt hatte, w׳urde die Frau freigelassen. — Mehrere jüdische Häuser war in Bidjar von Muhammedanern geplündert worden; die j Schuld'gen hatten ihre gerechte Strafe erhalten. Nachdem ein neuer Gouverneur gekommen war. ein fanatischer Priester, j stellte man ahm gegenüber die Plünderung als Erfindung hin; die angesehensten Juden wurden hierauf ins Gefängnis gew’orfen, ausserdem nvt einer hohen Geldstrafe belegt. — Das sind einige der traurigen Schilderungen, die zu uns aus Persien gelangt sind. Leider kann man sich von der Bcdeutung dieser Unterdrückungen nicht das rechte Bild machen, so lange mail nicht d:e jüdische Einwohnerzahl der erwähnten Städte kert.U In den Briefen aus Person, die mir hier vorliegen, fehlt jeder Anhaltspunkt hierzu. Nach Brockhaus (1S9S) hat Schiras 32 000 Einwohner und Hamadan 50—70 000 F.inwohner. darunter 1000 •'üdischc. Da die Gesarr.ieir.wohnerza’;! eventuell um 20 000 diierieren kann, darf man wohl auch die Zahl 10C«) für die Juden nicht allzu genau nehmen. L F. *) Nach Berichten der Direktoren der jüdischen Schulen. d:e ln Schiras und Hamadan von der Alliance Israeütc Universeile gegründet worden sind. © © | Aus der Bewegung. § Berlin. Eintragung inj das Goldene Buch: Mit dem Ausweis in dieser Nummer ist die zur Eintragung des Rcchlsanwaltes Dr. Arthur H a n t k c. Berlin, im Goldenen Buch erforderliche Summe von 205,— M. erreicht. Die Eintragung wird sofort erfolgen. Die Breslauer Zionistische Vereinigung hat beschlossen für einen Oelbaumgarten auf den Namen der Breslauer Zionistischen Vereinigung zu sammeln. Es sind hierfür 100 Bäume ä 6,— M. erforderlich. Zur Erleichterung der Sammlung wird die Nationalfondkonimission die Jedesmal gezeichneten Bäume In der ״R u n d s c h a u" quittieren. Die Quittung der ersten drei Bäume finden die Leser in dieser Nummer. Wir empfehlen diese Anregung unserer Breslauer Gesinnungsgenossen auf das wärmste. apotheösc. — Ein kleines Stück jüdischen Weltfriedens. — ן Muss das Judentum nicht erst sich selbst den Frieden geben, bevor es den Froplietcngcdanken aus den! unendlichen Azur der Vision in die empirische Wirklichkeit prüsiziert? — Hier hörte man nichts mehr vom vermeintlichen jüdischen Absondcrungsgelüstc: keinerlei müdes Dekadcntcntum. kein Judentum aus Resignation. Keine Gruppe hielt ihr Judentum für zu gcläutert, um es mit dem der Andern verschmelzen zu können. Keine Argumentation von der Notlage der russichen Juden: nostra res agitur. Vor dieser ehrlichen Begeisterung, die zu glühend war., um eine widerwillig gew-ährte Konzession als eine Modcströinung darzustellcn. schmolz all mein Skeptizismus dahin. Ich glaube in den Vorgängen den Anfang der Erstarkling des Willens zum Judentum zu sehen, eine Gesundung aus einer' schweren Psychosklerosc. die die jüdischen Gemeinden befallen hat. Das w׳ar mehr als eine quantitative Aenderung. schon cln> wirklich neugeartetes Gebilde, eine organische Mittation mit ihren bezeichnenden Wortmalcn. -Begnügt man sich nicht mit der blossen Beschreibung der Erscheinung, sondern sucht auch nach deren Ursachen und den Kräften, die bei dieser Wandlung wirksam waren, so wird man gewiss zuerst den Antisemitismus hcranz.iehcn. Man hat in gewisse״ .jüdischen ״Krisen eine eigene Schattierung marxistisch er Ge sei» IcM sau fia s« im e bemusgearbeitet. Philo- und Antisemitismus. hi der Jeweiligen Wirtschaft wairzelnd und von ihr determiniert, sind nach dieser Auffassung die beiden grossen Mächte, welche alte Geschichte des Judentums mit ihren inneren und־ äusseren Erlebnissen schaffen, die Lenker des indischen Erdkreises. Erhellt Amalek-Antisemitismiis scinb Hände, so siegt das auf sich selbst sich besinnende Judentum, entstellen 1 nationale Wallungen; lässt er aber seine HüXide s’nkcn, dann 1 nimmt die Intensität des jüdischen Fuhlens ab, ein trüber Synkretismus tritt auf, dessen Formbcstaiidteilc alles Charakteristische eincebiisst haben, die Stauimgcschichtc wird revidiert, die Antogcmic durch Taufwasscr häufiger glücklich korrigiert kurz: Perioden stärkeren 4י!!וזז!$יי Theorie ist allzu heuristisch, um in ihrem Kerne wahr zu seine Man kann freilich in sie. den Cherem des Rabbenn Gcrschom wie die Reforinbestrebuneen des 19. Jahrhunderts, die Bibelkritik eines Ihn l!sra und die eines Orätz. die Assimilation der naclmiendeissohnschcn Zeit und die Basler Kongresse nrokrustisch cinordnen. Aber in unserem Falle versagt die kühnste Intcrpretationskuiist. Denn der Antisemitismus hat in! den letzten sechs Jahren gar nicht 7״״c*nonnnen, am allerwenigsten in Süddcutschland. wo es sogar indische Trainlcutnants gibt. Unausgesetzt versichert die assimilatorische ״Judenpresse“, dass der parlamentarische Antisemitismus total abgewirtschaftet hat. Soll man die 1)111־ tiecn Banalitäten des Grafen von Klein-Hirne für alles verantwörtlich machen? Zuviel der Ehre für ihn. zuviel der Unehre für uns. ihn als unseren Gewisscnserschütterer anerkennen 7• müssen.— Nur eine Bewegung, die aus dem Judentum selbst hervorgegangen, kann den neuen Judcntvpus geschaffen haben. Nur eine solche, die von der Zionsidcc getragene, ging aus dem Schosse des. Judentums, das weltentrückte Schriftgelehrtc und BürscnueltkiUK&'ge schon hn Klimakterium w'ahntcu. hervor. Wie •dl♦* trros«:en. trug ihre Idee so sehr das Charakteristische der Zeidosigkeit au sich, dass die anhistoriseben Köpfe sie ״modern" schalten, die feineren Deuter der Zeit und ihrer Strömungen sfc als eine moderne rühmen konnten. Mögen die v X

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