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Jüdische Rundschau · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 254. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24. jüdische Schule ist, die pädagogisch und in jüdischer Beziehung besseres als die meisten ähnlichen Anstalten leistet, eine sehr grosse Zahl tüchtiger Zionisten hervorgegangen ist. Es ist ein Erfordernis des dogmatischen Liberalismus, überall die Simultanschule einzuführen. Dies Erfordernis ist aber nicht zur Staatsmaxime geworden. Vielmehr haben bisher nur die Juden ihre Schulen aufgegeben, um sie in Simultanschulen verwandeln zu lassen. Öa man zugleich die jüdischen Lehrer bis auf eine ganz geringe Zahl aus ihnen verdrängt iiat, so hat man zugleich damit den jüdischen Lehrerstand auf eine entsetzlich niedrige soziale Stufe herabgedrückt und andererseits in Wahrheit gar nicht eine konfessionslose, sondern eine christlich-konfessionelle Schule für die jüdische Jugend geschaffen. Das war freilich im Sinne der Zeitung von und für getaufte Juden, die als das führende Blatt der deutschen Judenheit gilt, ein gewaltig grosser Erfolg, während wir gar nicht genug erfreut sein können, dass dieser elenden Assimilationssucht wenigstens nicht alle jüdischen Schill-Lehrer zum Opfer gefallen sind. Denn die vielen Privatschulen in den kleinen Städten nicht minder wie in Berlin, die von dem reichen Schulgelde der jüdischen Schüler und Schülerinnen zehren, stellen weder jüdische Lehrkräfte an, noch denken sie je daran, die Gefühle der jüdischen Zöglinge zu schonen. Ist cs doch bekannt, dass sie sich vielfach für die berufenen Vertreter der Judeinnission in partibus infidclium — in diesem Falle im Gebiete der zu vertrauensseligen jüdischen Eltern — anschcn. Darum und noch aus vielen andern Gründen haben wir Juden am allerwenigsten Veranlassung uns an dem fri§ch־frohlichen Kampfe gegen den nationalliberalen Schulantrag zu beteiligen. Zwar glauben wir nicht an so viel Gerechtigkeit, dass man auch uns Juden unsere jüdische Schule wiedergeben wird, die uns gerade durch die Simultanschulc der Nationalliberalcn genommen worden ist. Die Klausel, dass dort Simultanschulen weiter offen gehalten werden sollen, wo das nationale Interesse es erfordert, gibt zu sehr die Möglichkeit, dass nach wie vor die jüdischen Schulen und die jüdischen Lehrer dem ״nationalen“ Interesse der Deutschen wie der Polen geopfert Werden sollen. Wir haben aber kein Interesse, gegen den Schulantrag aufzutreten. Denn j-venn wir auch für uns keine* ' Eine jüdische Lesehalle. Dr. pldl. E. P. In München traten vor einigen Tagen die Vertreter verschtedencr jüdischen Körperschaften zusammen, um über das Projekt einer jüdischen Lesehalle zu beraten. Die Versammlung beschloss die Gründung und gewährleistete das erste Jahresbudget. Die Gründung einer Lesehalle ist ja an sich nichts aussergewöhnl'ches. Im Lande Pestalozzis ist kaum c»n Dort ohne Volksbibliothek oder 'Lesehalle. Audi jüdische Lesehallen sind ja glücklicherweise nicht mehr ein novum atque inandituni. Trotzdem schien mir die Müchcncr Gründung der Erwähnung wohl wert, nicht weil sie überhaupt, sondern wegen der Art, wie sie zustande kam. Vielleicht dünkte cs nur mir so, der ich die letzten Jahre im Auslände weilte u. den jüdischen Verhältnissen in Deutschland entrückt war. — Auf meiner Retina bewahre Ich ein Bild des deutschjüdischen Gemcindelebens von etwa folgender Art. In so einer mittleren oder grösseren Gemeinde war vor allem die ״Isra- Clinche Kuhusgonieindc“ mit ihrem Vorstand u. Präsentantenkol'eg'um. Die Wahlmcthode war ׳eigenartig propliylaktscli und erzieherisch. Sie brachte unfehlbar die dem Judentum am fernsten Stehenden an die Leitung der jüdischen Angelegenheiten, vermutf'ch•damit sie dort wenigstens Judentum sahen und erlebten, oder damit sie ihm nicht entschlüpften. Tatsache war, dass es nicht wenig jüdische Parnassim gab deren Desccnöenten schon Ihre Zukunft vor sich im Taufwasser liegen sahen. konfessionelle Schule, sondern eine jüdische Schule wünschen, in der unsere Kinder unsere hebräische Sprache und unsere jüdische Geschichte lernen, so ist doch immer eher die Möglichkeit dazu auf Grund des SchulkompromLses gegeben, als auf dem Boden der Simultanschule, die nie jüdisch und stets christlich, wenn auch nicht gerade evangelisch oder katholisch ist. Die Simultanschule war die Kompromisschule, die im Kulturkampf geschaffen wurde, um Katholiken und Protestanten zu befriedigen. Ihre Kosten I1abe־u die Juden getragen. Jetzt wollen wir uns nicht für sie in das Feuer stürzen, denn sic hat am allermeisten zu dem Brande im Judentum mit beigetragen. Aber wir wollen dahin arbeiten, dass bei dem neuen Schulgesetze auch die Möglichkeit gcgeben wird, die jüdische Schule wieder auizubauen, die man uns um der schönen Prinzipen eines dogmatischen Liberalismus willen leider zerstört hat. Heinrich Sachse. Bericht über die Verhandlungen des Delegiertentages. (Schluss.) Von der Nachmttagssitzung vom Dienstag ist noch zu dem schon Berichteten das Referat zu erwähnen das im Anschluss hieran Rechtsanwalt Dr. A. Hzntkc über die Entwickelung der ״Jüdischen Rundschau" «erstattete. Der Referent ging kurz aut die Enfcstchungsgeschichte des Blattes ein und schilderte die mannigfachen Schwierigkeiten der nunmehr wohl abgeschlossenen zweijährigen Entwickelungscpochc unseres Parteiorgans. Dasselbe steht jetzt bezüglich der Höhe seiner Auflage, die sich weit mehr als verdoppelt hat, an dritter Stelle unter den jüdischen Zeitungen Deutschlands. Es hat sich unter der Redaktion Dr. Heinrich Loewc’s von einem mageren, nur acht Seiten zählenden Blättchen zu einer stattlichen Wochenschrift von 16—20 Seiten entwickelt Auch die finanzielle Lage der ״Jüdischen Rundschau“ ist nach menschlicher Voraussicht nunmehr als gesichert zu bezeichnen. Das Hauptverdienst nach dieser Riehtung gebührt PrL Bertha Maierowitsch, die in uneigennütziger und unermüdlicher Arbeit die Expedition des Blattes leitet. Der Referent schliesst mit dem Wunsche, dass die Zeitung baldmöglichst von allen Parteigenossen gelesen werden möge. Wenn dieses Ziel erreicht und damit die jetzige.Auflage wie- — Demgegenüber stand eine ״orthodoxe Privatecmcinde.‘' Von der Kultusgmcinde unterschied sie sich häufig dadurch dass sie einen hebräischen Namen trug. Adass Jescliurun. Ohel Jacob etc., den die meisten Mitglieder im Urtext lesen, manche sich sogar schreiben konnten. Viele dieser Orthodoxen feühltcn sich als anders — und besser geartet den andern Juden überlegen, standen allem feindlich gegenüber, was aus dem Rahmen ihres ״praktischen Judentums“ fiel. Zwar hatte nach ihren Anschauungen S. R. Hirsch ein neues jüdische* Prinzip erfunden, nämlich dass mau Orthodoxie und moderne Kultur vereinbaren müsse. Brachten sic nicht genug Opfer für ׳'hr Judentum, wurden dhnen nicht die Spciscgesctzc zu Hungergesetzen, wenn sic ihre Geschäfte auf lange Reisen riefen? 0, man wusste, was man seinem Judentum schuldete. Die Köchin sorgte schon! dafür, dass der zum Himmel führende Draht nicht unterbrochen wurde. Man brauchte sich von jenem ״Schcfclim“ keine jüdische Lebensart beibringen zu lassen, und für all das Neuartige, das ma»־ ihnen zumutete, hatte man ein hochmütiges Achselzucken *. Al tischaber la reschaim. Elb Teil dieser Presse suchte das Judentum mit seinen unvergänglichen Ideen zu einem religiöser Paganismus hinuntcrzupflanzen. Der ״Israelit" batte!eicht deduzieren: War man befugt, dett bestehenden 613 Geboten ein neues hinzu/nfügen? Befand sich unter jenem eines, das lautete: Ihr sollt Euch als Glieder einer Nation fühlen, ihr sollt jüdisch-selbstbewusst, stolz auf Euer Judentum sein und wie die andern schönen Dinge hiessen? Stand es auch nur im Kizur cShuIchan Aruch des Rabbi Schlaumos Günzburg? Nein, das stand m keinem Paragraphen! Konnte man historisch nach-

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