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Jüdische Rundschau · 1904-06-10 · Heft 23 (10.6.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 23 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 23• JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 349. Zwischen beiden Punkten besteht zweifellos ein Zusammen• hang deart, dass der konsequente Nationalist das Ost-Afrika־ Projekt in jeder Form als dem Baseler Programm zuwiderhandelnd zuruckweisen muss. Obgleich die Versammlung durchaus darin einig war von keiner Haaresbreite von dem nationalen Programm abzuweichen, glaubte sic doch, nicht durch eine schroffe Stellungnahme die politische Bewegungsfreiheit unserer Zentcalleitung stören zu wollen, und stellte deshalb die Auerbach’schc Resolution bis zum nächsten Delegiertentage zurück. — Ein Passus in einem Kölner Zirkular, der unbeschadet des nationalen Prinzips das philanthropische ,Motiv in der Agitation nicht missen wollte, hatte zu mehrfachen scharfen Protesten aus dem Lager der orthodox Nationalen geführt.!11 einer mehr als einstündigen inhaltlich und rhetorisch glänzenden Rede verteidigte sich unser Präsident Dr. Bodenheimer gegen die ihm gemachten Vorwürfe, indem er sich, wie er schon in der Eröffnungsrede betont hatte, durchaus auf nationalen Boden stellte. Gleichzeitig rechtfertigte er auch das Verhalten des Zentralkomitees in der bekannten Würzburg-Mannheim’schen Angelegenheit. Die Zuzückziehung resp. Abänderung der Protest-Resolution und die von verschiedenen Seiten eingebrachtcn und mit zahlreichen Unterschriften bedeckten Vertrauensvoten, besiegelte die wiederhergestellte Einmütigkeit. — Nächst diesen prinzipiellen Fragen erreg*e die Frage der Aenderung des Organisationsstatuts die Gemüter am meisten. Es war gegen die. in Köln residierende Zentralleitung der Vorwurf erhoben worden, dass es nicht genügend arbeite. Es sollte daraus einzelnen Personen kein Vorwurf gemacht werden, sondern es werde dem Svstem der Arbeits- und Geldverteilung die Schuld gegeben. Es war deshalb ein neues Organisationsstatut und die Verlegung der Zentrale von Köln nach Berlin beantragt worden. Nach erregter Debatte und eingehender Kommissionsberatung wurde beschlossen, dasZentral.\0mitee in Köln zu belassen und ein — wesentlich exekutives — Zentralbüro in Berlin zu errichten. — Redner berichtete dann chronologisch über die Referate, die ja in dem Blatte ausführlich erschienen und deshalb hier nicht noch einmal besprochen werden sollen. In der Diskussioi wies Dr. Z loci st i das aus Karlsruhe lancierte widersinnige Gerücht zurück, dass Ausländer in den deutschen Zionistenverband nicht mehr aufgenommen werden sollen — Dann entfesselte er eine Debatte über den Begriff der Nationalität und das nationale Prinzip im Zionismus. Ellas Auerbach brachte den Modus der Delegiertenwahlen aufs Tapet und rief damit eine recht erregte Diskussion hervor. Dr Mühsam regte 14tagig abzuhaltcnde interne Diskussionsabende an, um das Interesse am Zionismus in der Ortsgruppe wachzuhalten und seine Kenntnis zu vertiefen. — Zum Schluss machte Dr Klee die mit stürmischem Beifall aufgenommene freudige Mitteilung, dass sich das Befinden unseres verehrten Führers, Dr. HerzI, gebessert hat. M—m. Colmar. Verflossenen Donnerstag Abend folgten der Einladung des Zionistischen Distrlktsburcaus für Elsass-Lothringcn, Ortsgruppe Colmar, zu einer Versammlung Im Zentralliote! etwa 150 Personen. Herren und Damen. Etwas nach 9 Uhr cröffnctc der Vorsitzende des Distriktsbureaus, Dr. Dannenberg aus Mülhausen, die Versammlung, dankte den Erschieneuen für Ihr Interesse zur Sache und erteilte das Wort zum Referat über das Thema ״Die Alliance israelite und der Zionismus“ Herrn Dr. Elias, Stadtrat aus Mülhausen. Der Redner malte-iu düsteren Farben das Elend der Juden im Osten. Russland und Rumänien und die Ursachen der Judenverfolgungen in diesen Ländern. Er gab auch zu, dass die jüdische Rasse dort degeneriert sei. Russlands Bewohner seien zu 4 Fünfteln Ackerbauer, die Juden aber vom Ackerbau ausgeschlossen, mithin blieben ihnen nur die übrigen Berufe zur Existenzfristung übrig, der Handel und das Handwerk. Seit in Russland das Branntweinmonopol eingeführt ist, hat auch der jüdische Schankwirt dort seinen Erwerb verloren. Der Redner beziffert die Zahl auf 23 000 Familien. Wo dir Zwischenhandel durch den soziales! Fortschritt beseitigt wird, Raiffeisenkassen, Konsum- und Wirtschaftsgcnosscnschaften, da werde auch den Juden die Existenz unterbunden; auch der Regiebetrieb dei vielen Verwaltungen habe de.1 Juden das Brot genommen. Dadurch würden viele Juden zu einem entehrenden Erwerb getrieben; so seien die Müdchcnhündler vielfach Juden und die .Opfer dieses schändlichen Gewerbes meist Jüdinnen. Um der Not des jüdischen Proletariats zu steuern, sei vor 40 Jahrei. die erste Organisation auf dem Plane die ״Alliance israelite“. deren Hauptsitz sich ln Paris befindet, gewesen; diese habe viel gearbeitet und wenig erreicht Die diplomatischen Schritte, welche sie unternommen, seien ohne Erfolg gewesen, die von ihr gegründeten zahlreichen Schulen hätten den Tlctstand in der Bildung des jüdischen Proletariats nicht zu heben vermocht. Die Lchrlingsschuicn hätten wenig Handwerker geschaffen, sowenig wie die Ackerbauschulen, da die Ausgelernten keine* Stellen bei Andersgläubigen ״fanden und jüdische Arbeitgeber wenig oder garnicht vorhanden waren. Den Ausgelernten blieb deshalb nichts anderes übrig als den Händlerberui des Vaters zu ergreifen d. h. wieder zum Proletarier herunter zu sinken. Auch die sog. Realschule«, welche die Alliance errichtete, trachten die Schüler nicht weiter als eine deutsche Elementarschule. Die von der Alliance mit reicher Unter- Stützung des Baron Hirsch und dcrJ, C. A. errichteten Kolonien haben seit 20 Jahren etw־a 20 000 Juden kolonisiert, also jedes Jahr etwa 1000 das gehe viel zu langsam, denn bis sämtliche hilisbedüntigen Juden Russlands in diesem Tempo’angesicdelt wären, vergingen 5 bis 6 Jahrhunderte. Die Juden müssten, um etwas gründliches zu schaffen, den Weg der Selbsthilfe beschreiten, und cs bleibe, da die von Judenfreunden vorgeschlagene Assimilation eine Utopie sei, nur die Auswanderung übrig. Hier begegne aber der jüdische Auswanderer dem Hass, den die Konkurrenz erweckcw Im Eisass, wo die Juden seit 100 Jahren volle politische Freiheit geniessen, seien sie noch nicht assimiliert. In Nordafrika,, wo das Bildungsniveau der Juden auf einer niedrigen Strafe sei, wäre an eine Assimllation noch weniger zu denken. Es werde dem Bestreben der Zionisten, dessen Ziel die Ansiedelung und Nationalisierung der Juden in Palästina sei, aus religiösen Gründen entgegengehalten, dass der mosaische Glaube dem Juden die Errettung aus allen Nöten durch den Messias verheisse, cs sei aber gleichgültig, wo man den» Messias erwarte, das könne auch in Palästina geschehen. Der Redner ging alsdann auf die Entstehung, das Wesen und die Emwiekejung des Zionismus über: In den achtziger Jahren habe der Odessaer Arzt Pinsker de;1 Plan ins Auge geiasst. in Palästina nicht allein Kolonien zu gründen, sondern cs als Heimstätte 1'ür das Judentum zu wählen. Der Oesterreicher Herzt der gegenwärtig an der Spitze des engeren Aktionskomitees des Zionismus steht, bleibt, nicht bei der Theorie, er will das jüdische! Volk organisieren und cs für die Idee des Nationaljudentums, welches sich im Zionismus verkörpert, begeistern. Die Einwände dagegen innerhalb des Judentums selbst seien durchaus haltlos, der Zionismus stelle sich nicht ausserhalb, sondern innerhalb des Jifdentumes, er züchte nicht den Antisemitismus; Palästina sei nicht uniruchtbar; das Land, das vor 2000 Jahren Millionen ernährte und jetzt kaum eine halbe Million Einwohner •hat, sei heute bei rationeller Bewirtschaitung w׳ohl in der Lage, sechsmal soviel aufzunehi.ien. So viel Argumente also gegen den Zionismus geltend gemacht werden, so viel Unsinn bekunden sie. Auf die Verhältnisse der Juden in Deutschland übergehend, iührte der Redner aus, es ginge ihnen im ganzen nicht schlecht, dass aber viel in neuerer Zelt erlassenen Gesetze Spitzen gegen die Juden hätten, er findet solche im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Börscnge/setz u. a. Die soziale Bewegung habe auch den Juden Schaden gebracht, so unterbinden die Raiffeisenkassen viel jüdische Erwerbszweige. Bei uns im Eisass sei infolge Auswanderung die jüdische Bevölkerung in den letzten Dcnenzicn von 40 000 auf 30 000 Seelen zurückgegangen. Es sei deshalb notwendig, dass der Strom der Auswanderung zur Stärkung des Rassenbewusstseins .nach Palästina, dem Lande der Väter, gelenkt werde. Der Vorsitzende dankte dem Redner für seine trefflichen Ausführungen und forderte zur Diskussion auf. Herr Rechtsanwalt Dr. Levy aus Mülhausen malmte die Israeliten Colmars durch ihre Opfcrwilligkcjt das Werk des Zionismus zu unterstützen durch Ucbcrnahme von Anteilscheinen der jüdischen Kolonialbank und durch freiwillige Gaben. Duisburg. Iu den Vorstand unserer Ortsgruppe wurden gewählt die Herren Siegmund Levy, Oelber. Epstein. Salomon Levy und Siegfried L 0 e w c. Die Mitgliederzahl betrügt 73. Es wurden!n 6 Versammlungen 7 Vortrüge gphalten und zwar von Dr. Bodenheimer, Dr. Löwenstein. Frau Dr. Boden hed me r, Wolffsohn, Dr. Wa'thcr Friedemann, H0fiman« und Dr. Adoli F ו ז e d e ווו a n ». Ausserdem landen alb vierzehn Tage ZnsantmcnkUnfte statt, in denen kleinere Referate gehalten wurden. Es wurde eine Bibliothek gegründet Und 35 Shares wurden abgesetzt. Köln. Am 1. Mal fand hier «ine S:tzung des Distriktsbureaus für Rheinland und Westfalen statt. Anwesend waren Bodenheimer. Wolffsohn,! Wtolff, Ooldreich, Hoffmannl, HofIm ann II aus Köln. Edelstein aus Bonn, Salomon Levy, Siegmund Bevy,

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