Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23, Seite 243 *•"*׳ע■ P— ._\_..4 . ul.״. r JÜDISCHE RUNDSCHAU. Hinter diesen Plänen zur Abwehr der Not aber stellt unser grosses historisches Ziel’, Palästina als Heimat des jüdisehen Volkes. Man w*rd urts jugendliche Schwärmer uw* Romantiker nennen, dass wir mit so gewaltigen Plänen uns tragen. Gewiss, wir sind jugendliche Schwärmer, aber das ist unser Bestes. Ohne jugendliches* Feuer •st kc'nc grosse Tat der Geschichte geschehen. Auch Moses war ein Schwärmer, als er daran dachte, sein Volk aus der Knechtschaft z•־ befreien, die ersten Christen hätten ohne Schwärmerei nie die Welt erobert, Oe Männer. d:c 1848 mitgemacht haben, waren Schwärmer, die Mornionen haben mit ihrer schwärmerischen Begeisterung eine Wüste in ein Paradies verwandelt und d'• Soz'al'sten waren Schwärmer, die Millionen um sich geschart haben. Auch wir sind Romantiker, weil wir eine neue Tat %01'bringen wollen. Grade wir deutsche Juden, d e wir unter der moralischen und kulturellen Judennot leiden, haben die Pflicht, uns als Vertreter der ältesten Kulturnation zu fühlen. Neue Kulturgüter wollen wir der Welt geben, und so r schlossen wir mit Unterstützung aller Wohlmeinenden das Ziel, unser Altncu'and! (Stürmischer Beifall.) Mit einigen Worten will ich Ihnen nun auch die Lage . auf dem Bauimvollmarktc darstelicii. Man kann augenblicklieh schon von einer wahren BammvolJnot sprechen. Fs beg'nnt von Jahr zu Jahr stärker e'n Missverhältnis zwischen der Produktion u»sd dem Verbrauch dieses ausserordentlich wichtigen Materials hervorzutreten. Das Wachsen des Verhrauchcs ist am besten ersichtlich aus dem׳ Wachstum der Spindelzahl, d'c jährlxh um 2- 3 Millionen oder 2-3 Proz. der Gesamtzahl in die Höhe geht. Dem steht zwar eine nicht unbeträchtliche Vermehrung des Baumwol'arcals gegenüber, die mit diesem Wachstum eimgermassen Schr tt hält. Die Zunahme war beispielsweise in Amerika, das ja die erdrückende Meli rite'4 der Baumwolle liefert, von 24,3 Mill. Acres 1897 auf 27.8 Mill. 1902. Der Ertrag aber nahm dabei nicht zu, sondern sank im Gegenteil von 11,2 Millionen Balie.1 aui 10,7 Millionen. Olcichze:t'g ertönen zahlreiche Klagen, die für die Zukunft nicht sehr viel Zuversicht geben. Der Rüsselkäfer richtet grosse Zerstörungen an, die Saat 'st schlecht, der Mangel an Fruchtwechsel macht s:c!1 bemerkbar, es herrscht Arbeitcrmangel. Und die anderen Baumwollländer sind nicht Imstande, 11 dieser Kalamtät helfend einzuspringen. In Aegypten ist der Anbau an der Grenze seiner Ausdehnungsfähigkeit angelangt, der Export wächst nicht mehr, dasselbe st in Indien der Fall. Daher durchhallt ein Notschrei nach Baumwolle den ganzen Kontinent. In Deutschland allein betrug die Preisdifferenz vor 1903 gegen 1902 117 Millionen Mark. Schon verarbeitet Amerika V* seiner Produktion salbst, und Russland, das die Produktion in Turkcstan aufs stärkste urgiert, (leckt wenigstens die Hälfte seines Bedarfes von dort, das übrige Europa aber ist in grosser Not. Man hat darum Versuche in den Koloivcii gemacht, aber diese sind schwierig und langsam, sie leiden unter dem Menschcnmangel und der Arbeitsscheu der Eingeborenen. Auch ist das Kl ma nur in gewissen Gegenden günstig, in den Tropen verhindern zahlreiche Schädlinge das Gedeihen der Baumwolle. Anders steht es mit Vordcrasiin, dem klassischen, prädestillierten Lande für Baumwol'bau. In Syrien ׳,st die Baumwollkultur uralt sic stand zur Zeit der Kreuzfahrer in hoher Blüte. Bis zum Ende des vongen Jahrhunderts versorgte sich das Land mit Baumwolle selbst. In Hanta, Horns, Aleppo, Damaskus sind solche Zentreu der BaumwcHii'diistrie. de leider durch die Unglückselige Zollpoltik der Türkei zu Grunde gerichtet ist. Im Jahre 1901 beförderte die Sinyrinbahn 36 000 Bal'cn, die Balm Adaha- Mers'na 50000**8 ־ Ballen. Die gleichen klimatischen Bedinglingen wie in Mcrsiua tmd Aleppo finden sich in Monis, auch südlich der Kurdischen Gebirge über den Euphrat tmd Tigris h'n. Was fehlt, das ist nur die Vorbildung dieser einzelnen Zentren und der Schutz gegen Beduinen. Beides würde durch die Bahn gesichert sein. Vor allem aber fehlt es an Arbeitern. Die Pläne, Jtatiener cm/.tuuhrcn. sind hoffnungslos, da s'e kein Land erwerben dürfen, mithin nur als Arbeiter im Grossb'Striebe zu brauchen sind. Und h*er ist der Punkt, wo sich die Judenfrage mit der Frage der Bagdadbahn und der Baumwollnot berührt. Dieses Arbeltcrmaterlal lähgs der Eahn könnten die Juden Östeuropas liefern. Dafür spricht mehreres: Sic stehen in grosser Zahl zur Verfügung und werden mit Freuden bereit se«'n, ihre bisherigen Aufenthaltsorte zu verlassen. Es ist auch nicht anzunehmen, dass e'ner grösseren Auswanderung Hindernisse in den Weg gelegt werden. S'c werden auch geneigt sein, türkische Untertanen zu werden, so dass sic Land erwerben können. Der Transport von Osteuropa hpr ist nicht ko^‘ spicl'g. Endlicli ist die Baumwollkultur eine derartige, dass auch die Juden, die des Ackerbaues nicht gewohnt sind, sie betreiben können. . Die Rabbinerversammlung in Braunschweig. In dieser Woche vol'enden sich 60 Jahre, seitdem die sogenannte erste Rabhinervcrsammlung Deutschlands zusammengetreten ist. Vom 12.—19. Juni 1844 tagten in Braunschweig. dem Rufe PhTppsons in der von ihm redigierten Allgemeinen Zeitung folgend. 25 Rabb'ner, von denc.1 die bekantesten der gelehrte Philosoph Dr. Hirsch aus Luxemburg. Formstecher aus Offenbach. Pb'lippson ans Magdeburg und Dr. Her.xheimcr aus Bernburg waren. Der bedeutendste unter ihnen und die eigentliche Seele der Versammlung war Samuel Kbldloim, damals Rabb'ner in Schwerin, lieber diesen Mann sind die Urteile der Geschichtschreibung sehr verschieden ausgefallen. Einer seiner Lobredner beehrt ihn mit der d&'ikatcu Sclmiciichelei: Hfjdheim ist Pole von Geburt: aber er scheint vmr die guten Eigenschaften seiner Landsleute behalten zu haben. Alsdann zählt er ein; beträchtliche Anzahl solcher Eigenschaften auf, und wie er mit seinem Latein zu Ende ist. schreibt er .,u. s. xv.“. Nicht so schmeichelhaft, aber viel kürzer und bündiger •st Gractzens Urteil: ,.Seit Paulus von Tarsus hat das Judentum nicht einen solchen innern Feind erlebt, der dessen ganzen Bau bis auf die Grundvesten zu erschüttern trachtete." Wir Spätgeborenen. die weder eine Ahnung noch Furcht vor der damaligen Krise mehr haben, fJondern sie r.’s überwunden bezeichnen, dürfen über dese der Geschichte augiehörenden Personen und Verhälimsse nrldcr urteilen. Wir brauchen wirklPch heute diesen Reformvcrsuch. nachdem zwei Generationen ins Grab gesimke;», nicht mehr so tragisch zu (nehmen. Aber lene echten Judentumsfreunde konnten nicht ahnen, welche Folgen das frevelhafte Spiel der Rabbiner zeitigen würde. Dem vierten Jahrzehnt des vorigen Jahrhundert xvar ein revolutionärer Zug eigen, es war die Sturm- und Dran^neriodc des bürgerlichen Idealismus, der bis zur Märzredolution 1S4S führte. Aus der mit sozialistischer Elektrizität geladenJn Atmosphäre schossen d:e drohenden Blitze der Revolutionsdichter, deren klirrende Lieder im Volke begeisterten Widerha'l fanden, ln d'cse Zeit fällt die erste Rabhinervcrsammlung. Indessen lassen die Protokolle keinen Hauch frischen, revolutbnären Gc'stcs verspüren, das liest sich so wie ein Buch Logarithmen. Rin Berichterstatter jener Tage hat das Gefühl offenbar auch empfunden, und anstatt seinen Lesern die pfl'chtgcmässeu Mitteilungen über den Inhalt der Reden zu geben, erzählt er lieber m:t vielem Behagen, ein wie ..höchst glänzendes und prachtvolles Souper“ d‘e Braunschweiger Reformphilistcr dem Komitee gespendet haben. Getoastet wurde vor allem auf Holdheim, und zwar in dreifacher Beziehung, als auf einen Mann der Wissenschaft, des Ta'muds und des Humors — er hatte eben von dem Polcnursprung nur das Gute nicht abgestreift. Wie der geneigte Leser merkt, ist es nicht sehr revolutionär zugcgrhgcn und, was schlimmer ist. man sprach nicht einmal originell. Der echte Hegelianer Hirsch beantragte die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag nicht, sondern wollte hur die Kluft zw'schcn Lehre und Leben durch Aufhebung oder Milderung von Sabbath- und Spo'scgcstzcn aiF^eichcn. Ein Antrag von Rabb. Hess aus Stadtlengsfeld: Ob der Unbe-