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Jüdische Rundschau · 1904-06-03 · Heft 22 (3.6.1904) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 22 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 238. J Ü D ISCHE RUNDSCHAU. No. 22. sanunicr von Schckelgeldern. der andere als Nationalfondkassierer, der dritte als Agitator. Einige zeigten als Legitimation ihre Bankaktie und beschämten so manchen deutschen Zionisten, der trotz besserer finanzieller Lage erst überredet werden muss, in dieser Richtung seiner Pflicht zu genügen. Schnell fassten sic Zutrauen und erzählten uns ihre täglichen kleinen und grossen Sorgen. Glücklicherweise konnten wir sic über manches beruhigen und wir schieden in dem Bewusstsein, dass die Tätigkeit im Zionismus alle Unterschiede und Differenzen in unserer Mitte zu beseitigen imstande ist. — Der Ausflug endete mit einer Kaffeetafel in Blankenese, die, wie natürlich, mit Toasten auf die Gastgeberin und insbesondere auf deren Vorsitzenden Dr. Franck und den Arrangeur des Ausfluges Dr. Allen gewürzt war. Berlin. Von der Festzeitung, die die Ortsgruppe Hamburg- Altona zum Dclcgicrtentag herausgegeben hat, sind noch Hxemplare zum Preise von 50 Pi. von Herrn M. Goldschmidt in Hamburg. Stadthausbrücke H-15 zu beziehen. Jedem Parteigenossen wird die künstlerisch ausgestattete und auch inhaltsreiche Fcstzcitung angelegentlichst empfohlen. Berlin. Die Sondernummer der ״Jüdischen Rundschau“ zum Delegicrtcntagc wird, soweit der geringe Vorrat reicht, zum Preise von 20 Pi. von der Expedition abgegeben. Die zur Eintragung des verstorbenen Gcsinnungsgenossen Mcrltz Moses in Kattowltz eingeleitete Sammlung hat die notwendigen 205.— M. mit dem Ausweis in! der heutigen Nummer der Rundschau erreicht. Die Eintragung in das Goldene B u c h wird umgehend criolgcn. . Dresden. ״Die auf der diesjährigen Generalversammlung der hiesigen Ortsgruppe vorgenommenen Neuwahlen ergeben folgende Zusammensetzung des Vorstandes: Fabrikant S. H u r ־ witz, 1. Vorsitzender; Dipl.-Ing. D. Löwen borg. 2. Vorsitzender; Dipl.-Ing. J. Laad au, Schriftführer; Kaufmann L. J a c o b i, Kassenwart; Generalagent W. Z w i 11 e n b c r g. Beisitzer; Frl. R. Hur witz. und Frl. R. Schenker, Bib- ,iotheksverwalterinnen. aEBSSSBSSHSöSSSSSSSSS Rundschau. 1 Der Kampf Im Berliner Bäckergewerbe hat mit der Judenfrage gewiss direkt nichts zu tun. Es tangierte keineswegs den Komplex von Problemen, die zusammen die Judenfrage ausmachen, wenn die Bäckermeister ihren Gesellen auch nicht das notdürftigste bewilligen wollen, was zu einer menschlichen Existenz gehört. Wenn aber der ״Boykottabwehrausschuss aer Bäckermeister Berlins und der Vororte“ in seinem Wirken, die Gesellen vor der ״Versuchung zu stehlen“ zu schützen und bei seinem plötzlich erdachten Eifer für die Sittlichkeit, der Gesellen bei der ,Staatsbürgerzcitung" seine Flugblätter 11er• stellen lässt, genau wie die Flugschriften des Dreschgrafen, so soll die Jüdische Bürgerschaft verstehen, dass man dort, wo kein rotweisses Plakat von dem Vorstand des Verbandes der Bäcker und Berufsgenossen im Fenster hängt, jüdische Kund- Schaft nicht wünscht. Wir wollen uns daher niemandem als Käufer aufdrängen. Unsere Hausfrauen mögen aber verstehen, dass cs sich dabei nicht um Kleinigkeit, sondern um ein Stück Selbstachtung handelt. Inzwischen hat der Herausgeber der ״Staatsbürgerzeitung“ Bruhn das Tegeler Gefängnis verlassen, das er besuchen musste, weil er sich in seinen Schmähungen nicht aut die Juden und die jüdische Lehre beschränkte. Seine Entlassung aus dem Tegeler Gefängnis hatte gestern nachmittag zahlreiche Parteigenossen in etwa hundert Equipagen und Droschken nach Tegel geführt, um den der Freiheit Wiedergegebenen nach Berlin zu geleiten. Nahe der Licscnstr. erwartete ein starkes Aufgebot von Schutzleuten zu Pferde und zu Fuss den Wagcuzng. Um Ansatnmjungen zu verhüten, wurden dort immer nur je drei Wage» in einen! Abstand von etwa 200 Meter abgelasseu, die unter polizeilicher Bedeckung weiter fahren durften. So kam es, dass Brulms von berittenen Schutzmannschaften begleitet durch die Friedrichstrasse nach dem Rcdakttonslokal fuhr; eine grössere Menge von Wagen folgten,'während die andere Hälfte der Demonstranten den Weg zu Kistenmachcr In den Zelten eiuschlug. Aber cs ist bezeichnend für die Situation, dass die Polizei es für nötig befindet, für Ruhe in so strenger Weise sorgen zu müssen, damit sich nicht etwa Konitzer Szenen auf den Strassen Berlins absnielen Das ״Berliner Tageblatt" ist ein Korrelat zu der ״Staatsbftrgerzcitung." Jenes bekämpft das Judentum, wie diese die Judenheit- Aber zuweilen tritt auch das Tageblatt direkt gegen die jüdischen Interessen offen auf. wenn nämlich das Interesse der kleinen Schar halbjlidischcr Grosskapitalistcn, der es dient, wieso oit.dcm allgemeinen Interesse der jüdischen Nation widerstreitet. Dabei ist sein ״Ulk“ stets bei der Hand, wenn es gilt die zu blamieren, deren Vertreter angeblich das Berliner TageblaU ist. Es kann darum unsererseits garnicht oft genug festgestellt werden, dass das Mosscsch-Levysohnschc Blatt nicht das Organ des Judentums ist. Das Berliner Tageblatt vertritt die Interessen der Christen, die früher Juden waren. So kommt es, dass cs jetzt lauter Tatarcuuachrichten von Begünstigungen der Juden in Russland bringt, die nicht gestogen und nicht geflogen sind, und die cs. um ihnen mehr Nachdruck zu verschaffen, auf Gehcitnerlässe des von Plehwc zurückführt. So meldet es, dass der Minister des Innern beim Reichsratc die Aufhebung des Gesetzes, welches den Juden die Ansiedelung und den zeitweiligen Aufenthalt an der Grenze ln einer Strecke bis 50 Kilometer verbietet. Die jetzt Mossesclte Volkszeitung kann dabei nicht umhin, diese doch immer nur in Aussicht gestellte Aufhebung eine lächerlich geringfügige Milderung der mittelalterlichen Be- Stimmungen zu betiteln. Aber das Tageblatt, das ja uuscrti Brüdern den dringenden Rat gibt, in Kischinew zu bleiben, ist moskowitischcr als Kurokipacktihn selbst. Von der Wirtschaftliehen» Krise in Russland und Polen, sind besonders die Juden bettoffen, wie ja auch ihre Zahl unter den ostasiatischen Soldaten Russlands ganz unverhältnissmässig gross ist. Dabei hat man die offenbare Absicht, sobald die Rücksichten auf die Finanzen cs gestatten, von neuem die Judenverfolgung im Grossen zu betreiben, wie sie erst in voriger Woche wieder in Bessarabien im Kleinen geübt wurde, damit inan nicht aus dem gewohnten (}leise kommt. Wie sicher man in Kiew damit rechnet, die Juden durch die Barfiisscr unter obrigkeitlichem Schutz zu guten Russen bekehren zu lassen, ersieht man daraus, dass der Gcncralgouvcrneur von Kiew, General Klcigel, durch eine Veriiigung den Einwohnern in den Städten und Städtchen des Siidwcstgebictes das Tragen von allen Arten von Waffen und Messern strenge verboten hat. Diese Verfügung bezieht sich auf die Juden, welche aus Furcht vor Judenexccssen sich mit Waffen versehen, um im Notfälle sich verteidigen zu können. Wenn also der Petersburger Korrespondent des B. T. berichtet, dass der Minister des Innern Herr v. Plehwe neuerdings ein Geheimzirkular an alle Gouverneure erlassen hat, in welchem der Polizei vorgeschrieben wird, dass sie keine Juden mehr ausweisen darf, selbst wenn deren Anwesenheit in Städten und Ortschaften entdeckt wird, in denen ihnen der Aufenthalt sonst untersagt sei, so ist es nur schade, dass der Gehcimerlass nie öffentlich wird, da er ad hoc für das Berliner Tageblatt aus der Gclieimmappc hcrausgefiogen ist, um für die Juden eine goldene Brücke zu bauen, die durch Finanzierung russischer Anle'lten sielt einen Platz an der Sonne sichern wollen, den ihr Volk so lange nicht hat. als die Knute zu den Mitteln der ״Kultur“ gehört. So richten sich wieder die Blicke der russischen Juden nach den gastlichen Gestaden jenseits des Kanals und über dem Ozean, wo die angeisächsiche Rasse dem Verfolgten ein Asyl immer hot. Aber da ist die neue englische Fremdengesetz- Fcbintg. Oie stösst bei den englischen .luden, die wohl wissen, dass es sich in erster Linie gegen jene bedrückten Genossen richtet, die bisher aus dem Osten vertrieben, in England eine Zufluchtsstätte fanden, auf heftigen Widerstand. Lord Rothschild hatte bereits vor einigen Tagen an der Spitze einer jüdischen Deputation hei der Regierung Protest gegen das Gesetz erhoben, und am Donnerstag äusserte sich ein Redner in der Synagoge von Hampstcad auf das heftigste gegen den Gesetzesalttrag. Dieser bedeute, dass eine Krisis in der Geschichte des englischen Judentums bevorstehe. Wenn alle Juden Englauds das Land verlassen würden, so werde damit die Frage der Ucbervülkeruug Londons in keiner Weise gelöst sein. Für London sei es besser, dass der Osten eine fieissige und den Gesetzen sieh beugende jüdische Bevölkerung besitze, als zahlreiche mit Säufern gefüllte Wirtshäuser. Die Juden Londons würden Feiglinge sein, wenn sic nicht jeden Nerv anspannen wollten im Kampfe für die verfolgten Brüder. In Beantwortung des ofienen Schreibens des Premierm'misters Mr. B a l f n u r an die Presse, worin derselbe sich dagegen verwahrt, dass mau die Bill als ein Vorzeichen der antisemitischen Ansteckung Fnglauds betrachte, richtete Mr. Zangwill, auf dessen Worte sich die Gcgcnbeteuerungen des Premiers bezogen, folgenden Brief an den Herausgeber der ״Times": ״Mein Herr! Ich habe in ihrem Blatte gelesen, dass Mr. | Bulfour der Meinung ist, die Behauptung. England wäre von ‘ der Epidemie, die überall gegen die Juden wütet, angesteckt, sei

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