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Jüdische Rundschau · 1904-06-03 · Heft 22 (3.6.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 22 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 235. Dieser Aufschwung der Industrie ist undenkbar ohne V e rvollkommnung der Ha’ndelsmöglichkciten, und auch diese müssen wir schon jetzt in die Hand nehmen. Wir haben für Konzentrierung des Handels durch Gründung geeigneter Gesellschaften zu sorgen. Es wird Sie in diesem Zusammenhänge gewiss Interessieren, zu erfahren, dass irt den letzten Wochen hier In Hamburg eine jüdische Handels• gcsellschaft in Palästina von uns gegründet worden ist. Ebenso müssen Vorkehrungen zur Regelung des Absatzes getroffen werden; auch damit ist, besonders für die Weinproduktion, bereits der Anfang gemacht. Die grösste Arbeit aber ist im Lande selbst durch Verbesserung der Verkehrswege zu leisten. Es müssen fahrbare Strassen gebaut, Kleinbahnen und elektrische Lokalbahnen geschaffen werden, Brücken müssen gebaut werden, der Schiffahrt muss Beachtung geschenkt werden. Bisher konnte sich ja schon wegen der ausserordentlich hohen Transportkosten kein reger Handel entwickeln. AU das sind Gegenwartsarbeiten in Palästina, die gerade im Hinblick auf den Charakter, in der Erwartung einer Schnell- Kolonisation, notwendig sind. Sie sehen also, es gibt eher zu viel als zu wenig zu tun. Welche Mittel hat nun der Zionismus, um diese Arbeiten durchzufilhren? Ein breites Gebiet füllt hier der Tätigkeit der Jüdischen Kolonlalbank zu. Durch Diskontierung und gewöhnliche Bankgeschäfte kann sic zur Hebung des Handels beitragen, durch Gewährung von Warenvorschüssen, als Ausnahme auch von Hypotheken kann sic Landwirtschaft und Handel stützen. Ihre Aufgabe ist ferner der Ankauf und Verkauf von Ländereien, die Parzellierung und Arrondierung des erworbenen Gebietes, und so kann sie zur Anziehung neuer Kolonisten wirksam sein. Abgesehen davon, dass sie das politische Instrument des Zionismus ist, kann die Bank auf die Entschlüsse der Regierung und Verwaltung des Landes Einfluss gewinnen durch Erlangung von Lohnkonzessionen, die grade In der Türkei eine grosse Rolle spielen, durch Unterbringung von Anleihen, Pachtung von Steuern, Beteiligung an Minen, Bewässerungsanlagen. Sie muss ferner allgemein fördernd cingrcifen durch Beteiligung an landwirtschaftlichen, industriellen und kommerziellen Unternchmungen. Durch fachmännische Aufsicht und Revision derselben wird sic auswärtige Kapitalisten zu palästinensischen Anlagen ermutigen. — In der richtigen Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Unternehmungen hat der Zionismus von seiner Bank die Anglo-Palästina-Company abgezweigt, und die ersten Arbeiten dieses Instituts in der kurzen Zeit seit seiner Grün• düng zeigen, dass wir damit einen glücklichen Griff getan haben. Das zweite Organ des Zionismus ist die wirtschaftliche Palästina-Kommission. Ihr untersteht der grösste Teil dessen, was wir als wirtschaftliche und wissenschaftliche Erkundungen in Palästina bezeichnet haben. Ich kann wohl sagen, wir sind, obwohl• die Kommission erst seit dem VI. Kongress besteht, tüchtig bei der Arbeit. Die Kommission hat sich eine Reihe von Sektionen angegliedert, besonders auch von in Palästina selbst lebenden Fachleuten, um die verschiedenen Gebiete in Angriff •zu nehmen. Die landwirtschaftliche, die juristische und andere Sektionen sind bereits konstituiert, andere, wie die medizinische, treten demnächst in Aktion. Unsere Palästina- Kommission Ist auch die gegebene Instanz für die Gründung und Beaufsichtigung der geplanten Versuchsstation, und wir können Ihnen mitteilen, dass diese Gründung durch eifrige Förderung der Vorarbeiten in nahe Zukunft gerückt Ist. Im übrigen können wir grade für die Palästina-Kommission viel von ahn-, iiehen Institutionen anderer Völker lernen, z. B. von dem Kolonial-wirtschaftlichen Komitee in Berlin. Von ihm, in noch weit grossartigeren Massstabc von andern Staaten, gehen Studienreisen aus, um Gebiete ähnlicher Verhältnisse kennen zu lernen. Das werden auch wir tun müssen, um anderwärts neue Kulturen und Produktionsmethoden zu studieren, die sich nach Palästina cinführen lassen. Solche Reisen könnten sicli z. B. bis Caiifornicn erstrecken, wo wir sehr, sehr viel lernen können. Die Kommission muss cs sich angelegen sein lassen, die Resultate ihrer Studien zu veröffentlichen, um Interesse und Mitarbeit für ihre Pläne zu erwerben. Es ist töricht, Geheimniskramerei mit diesen Dingen zu treiben. Denn falls es sich nicht grade um exzessiv günstige Konjunkturen handelt, brauchen wir nicht zu befürchten, dass uns andere zuvorkommen werden. Die Gelegenheiten für das Kapital fn der ganzen Welt sind so reichlich und das Anlage suchende Kapital so vorsichtig, dass nicht gleich jemand, den nicht spezielle Gesichtspunkte darauf drängen, mit seinem Oelde nach Palästina *gehen wird. | Schon für diese Art der Propaganda brauchen wir ein f eigenes Organ, und so haben wir vor einigen Monaten die I Zeitschrift ״A 11 n c u l a n d“ herausgegeben. Was ich Ihnen Ich will nur noch erwähnen, dass jeder Delegierte sich (Gott sei Dank!) im stillen einen Antrag austüftelte, den er wunderschön fand, der aber, wenn er ihn vorzulegen wagte, von den anderen meist weniger schön gcfunden wurde, und dass von allen organisatorischen Leistungen im Zionismus die Institution des Büffets einstimmig begeistert anerkannt wurde. So hat der Delegiertentag alle zufriedengestellt; teils durch Stillung ihrer Kss- und Redelust, teils weil Hamburg eine wunderschöne Stadt ist, weil man einen oder auch mehrere liebe Menschen und allerlei anderes kennen lernte, weil man mancherlei Erfahrungen sammeln konnte und schliesslich, weil die Verhandlungen doch auch ganz interessant waren!! Kunst und Wissenschaft. Aus einem Vorträge ״Die Juden des Mittelalters 11 Ihrer wirtschaftlichen Betätigung“ von Dr. Caro ln der Antlquarlsehen Gcsellschaft in Zürich. Im späteren Römerreich bildeten* die Juden eine besondere Gesellschaft. Die Mehrzahl sass freilich Jenseits des Euphrat; im Reiche selbst sind sie in den östlichen Partien stärker vertreten, in Palästina auch nach der Katastrophe Jerusalems noch überwiegend. Wirtschaftlich sind sie nicht geschieden von der übrigen Bevölkerung. Für die Klassenbilduug war noch der Grundbesitz der wesentlichste Faktor, cs gab nun in Palästina jüdische Grossgrundbesitzer, daneben sind samaritanische Kolonien speziell nachweisbar. Der starke Steuerdruck veraulasste 352 einen Aufstand der Koloncn. Als Grundbesitzer und Kolonen finden sich die Juden auch im Westen. Sie treten auch in die städtischen Kurien (Räte) ein. — Bei den Juden war das Handwerk hochgeschätzt und schon in der hellenistischen Zeit lieferte die jüdische Diaspora einen Teil der Handwerkerschaft. Der Handel wurde dagegen durch die älteren jiidisclien Anschauungen nicht gefördert. Einige jüdische Handelsleute gab es freilich schon in Roni, die im Besitz der ganzen antiken Verkelirsteclmik waren; auch grosskapitalistische Betätigung, wie Zollpachtung, wird für Juden bezeugt. Die Anschauung Sombarts, dass die mittelalterlichen Juden ihren Reichtum den aus der römischen Zeit hinübergeretteten Kostbarkeiten verdankten, ist unlialtbar. Die veränderte Haltung der römischen Kaiser seit Konstantin, die Bevorzugung des Christentums, wirkte stark auf die Juden zurück; es wurde ihnen verboten, christliche Sklaven zu halten, und im fernem wurden sie von den Aemtcrn ausgeschlossen. Die Motive für diese Behandlung waren durchaus religiöser Natur. Die Neigung zu Handel und Gelderwerb entwickelte sich unter dem 1 Hinfluss der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung, nicht zufolge eines ausgeübten Zwanges. In die ersten germanischen Staaten traten die Juden noch als römische Bürger ein; ihre Behandlung war eine sehr verschicdene; wälirend die Päpste, so Gregor I., milde verfuhren, zwang der westgotische Episkopat in Spanien die Juden zur Taufe. Die gallischen Konzilien schlugen einen Mittelweg ein; »

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