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Jüdische Rundschau · 1904-06-03 · Heft 22 (3.6.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 22 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 232. JÜDISCHE RUN DSCHAU No. 22. tionskomitee dann den Beschluss fassen sollte, das Ostafrikaproiekt als Siedelungsprojekt dem nächsten Kongresse vorzulegen, scheint mir die Diskussion in den Gruppen und auf Landeskonferenzen aktuell. Heute bedeutet sie Zeit- und Kräfteverschwendung. . Weiter zu Russland! Sie kennen den Wortlaut der Erklärung,der russischen Regierung, der Ihnen ja in Base! vörgelegt wurde. Ich darf Sic an den Passus in der Eröffnungsrede Dr. Herzls erinnern: ״Endlich ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei Seiner Majestät dem Sultan mit ihrem Einfluss zu unterstützen.“ Ich bin bc rechtigt, Ihnen heutezu sagen,dass das bereits geschehen ist. Die Ihnen allen bekannter! Vorgänge in der Weltpolitik haben es selbstverständlich mit sich gebracht, dass diese Dinge vorläufig noch sich in der Schwebe befinden, aber jedenfalls eröffnet uns diese neue Tatsache hoffnungsvoll-c Ausblicke in die Zukunft. Ich habe dann weiter auf die Empfänge in Rom hinzuweisen. Sie wissen, dass Dr. Herzl vom König von Italien empfangen wurde und mit dem italienischen Minister des Auswärtigen Sgr. Tittoni eingehend über unsere Bewegung gesprochen hat. Es handelt sich für lins darum, das gesamte europäische Konzert für unsere Sache zu interessieren, und es erübrigt sich wohl, darauf hiuzuw eisen, welch gewichtiges Wort eine Grossmacht wie die italienische in der politischen Entwickelung des Orients im gegebenen Augenblick mitsprechen wird. Wir begrüssen es dankbar, dass die massgebenden Stellen in Rom verständnisvolle Sympathie für unsere Sache zeigen. Es wurden auch Beziehungen zur Kurie angeknüpft. Dr. Herzl ist sowohl vom Papst selbst, wie vom Kardinal- Staatssekretär empfangen werden und hat auch hier für unsere Bestrebungen ein wohlwollendes Ohr gefunden. Meine verehrten Anwesenden! Es wird uns so oft bei unserer Arbeit entgcgengehalten, — freilich nur von jüdischer Seite —י der Zionismus sei eine Utopie. Dergleichen kann man schwer widerlegen. ״Utopie“ ist zuletzt ein Schlagwort, das man gegen jede grosse Beweguttg mit weit ausschauendem Ziel ins Feld führen kann. Wir können nicht beweisen, dass der Zionismus realisierbar sei, etwa, wie wir beweisen können, dass zweimal zwei vier ist. Wir können nur zeigen, dass wir mit vernünftigen Mitteln nach einem vernünftigen Ziel streben. Ich glaube, dass auch meine kurzen Atisführungen — cs trennen uns ja nur wenige Monate von unserer Baseler Tagung — in Ihnen die Ücberzcugtitig gestärkt haben, dass wir nichts Unpraktisches tun, dass unsere Arbeit nichts Sprunghaftes, Unsicheres zeigt, sondern dass nach wohl erwogenem Plan umsichtig Stein an Stein gelegt wird, unser Haus zu bauen. Möge in immer weitere Kreise auch unseres deutschen Judentums die Ucbcrzeuguug einziehen, dass cs nur eine wirkliche Lösung gibt für die Jtidenfragc, nämlich die, die wirerstreben, und möge vor allem der allverehrte Führer unserer Oesamtarbeit, unser Dr. Herzl. recht bald neu gekräftigt bei uns sein und uns weiter den sicheren Weg weisen bis zu dem Tage, und über den Tag hinaus, wo wir erreicht haben, was wir wollen: ״Die öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Unsere Aufgaben in Palästina und Syrien. Der Referent führt etwa folgendes aus: Wenige Jahre erst besteht der Zionismus, und schon begir.nt er sein praktische Tätigkeit. Er hat sehr schnell den Weg von den grossen programmatischen Gedanken in das Getriebe der Einzelarbeit gefunden. Aber sein System ist ein anderes als das der bestehenden jüdischen Kolonisierungsgcselli schäften. Sie arbeiten mit Wohltätigkeit und Infiltration einzelncr Bauern, der Zionismus mit dem Gedanken der Sozfrt- Politik und zielbewusster Volkskolonisation. Aber auch in unseren Reihen muss Klarheit geschahen werden über den Begriff der ״Grosskolonisation". Eine Grosskolonisation im Sinne von Massenwanderung von Anfang ah gibt cs nicht und hat es nie gegeben. Die grössten Kolonisationen, Amerika, Australien, Kapland, haben klein begonnen. Sie entwickeln sich im natürlichen Lauf der Dinge auf Grund der gegebenen Bedingungen. Massenkolonisation kann nicht ״gemacht“ werden, das zeigen die Pläne Baron Hirsch’s in Argentinien und ihr wirklicher Ausgang. Bedingung jeder grossen Kolonisation ist. allerdings die Gestalten auf dem Hamburger Delegiertentage. Von Esther Magarete Jacobsohn. So ein Dclegiertentag schenkt einem die grosse Freude, Menschen kennen zu lernen. Vielerlei Gestalten krauchen da umher, und von denen, die ich näher aufs Korn genommen habe, will ich berichten. No. 1 kam eigens aus einem schlesischen Nest nach Hamburg. Nicht etwa des Delegiertentages wegen, sondern um Hamburg wieder zu sehen, die Stadt, die er auf.der ganzen weiten Welt am liebsten hat, um wieder auf der Alster zu fahren und sieh gewisser Mondscheinnächte zu erinnern. Er ist sicherlich einer der Interessantesten. Einer, der uns tief traurig macht, weil in ihm am intensivsten der Zwiespalt liegt zwischen Gott und Tier. Er fühlt den Zwiespalt, er fühlt ihn schmerzlich, wenn er es auch nicht zugibt und mit leichtsinniger Offenheit seine Lebensmaxime ■zum besten gibt: das Tier siegen zu lassen. Und deshalb müssen wir es ansehen, wie er mit leuchtenden Augen Beethoven spielt und kurz danach wie ein Faun hinter allen Mädchen her ist. Derselbe Mann, der alle Oedanken unserer grössten Geister in sich aufnahm. dem die Wissenschaft und die Erkenntnis nichts Acusserliches blieb, sondern tief in die Seele drang, macht sich zum Sklaven eines hübschen, dummen Mädchens. Jupiter wird zum Ochsen. — . DerZienismus ist ihm deshalb wertvoll, weil der Gedanke an seine relativ grosse Begeisterung dafür ihn in seinen moralischen Katzcnjanunerstundcn auf richtet und den Glauben an sich zurückgibt. — No. 2 ist eine der. Stützen der Bewegung. Immer* lächelnd und liebenswürdig, anpassend und schmiegsam. hat er sich bis-— --*) Nr. 3 ist eine von den wenigen weiblichen Delegierten. Jung und ganz hübsch — sorgfältig und duck äugezogen — hört sie während der Verhandlungen eifrig zu. Auch sie bcw׳cgt ein Konflikt. Sie ist mit dem festen Vorsätze gekommen, sich nicht als Weib zu empfinden, sondern nur als begeisterte Anlüingerm der ilir heiligen Sache. Sie möchte den Zionismus zum Lebensinhalt machen, sic möchte in ihm den notwendigen Ersatz finden, wenn ihre Sehnsucht nach persönlichem Glück. *) Anmerkung der Redaktion. Hier fiel dem Setzer vor Schreck die bereits fertige Zeile aus der Hand.

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