Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Beschlüsse dieser Sitzung sind Ihnen in ihren Einzelheiten bekannt. Nichtsdestoweniger haben wir cs für unere Pflicht gehalten, dem deutschen Delegiertentag einen kurzen Gesamtüberblick über die Ent- Wickelung der politischen Situation unserer Bewegung seit dem Kongress zu geben, also über die Arbeit, die das Baseler Programm in seinem letzten Satz fordert, wo es von der Erlangung derjenigen Regierimgszustimmungen spricht, die;' für die Erreichung des zionistischen Zieles erforderlich sind. Die auswärtige Politik des Zionismus kamt, wie alle auswärtige Politik, nur von einem ganz kleinen Kreis von Persönlichkeiten geführt werden, von dem Präsidenteil des engeren Aktionskomitees und denjenigen, denen er in den einzelnen Ländern von Fall zu Fall Spezialauiträge gibt. Dem diskreten Charakter der Arbeit entsprechend hat die Kritik vorsichtig zu sein. Das hat man im deutsehen Zionismus stets begriffen. Man hat bei uns immer das Wort jenes berühmten Führers des deutschen Liberalisrnus beherzigt, dass man nur in Fragen der inneren Politik, wo man von bestimmten Grundsätzen, deren Durchführung man erstrebt, ausgeht, gegebenenfalls Op- . Position machen könne, dass man sich aber hüten müsse, in Fragen der auswärtigen Politik etwas hineinzureden, die in erster Linie Zweckmässigkeitsfragen sind, und nur von demjenigen richtig beurteilt werden können, der die gesamten Fäden In der Hand hält, alle Urteile kennt und ja auch die Verantwortung trägt. Es war ein anderer deutscher Politiker, der das Wort prägte von den Kanonenstiefeln, mit denen der unverantwortliche Kritiker häufig in feinmaschige Netze tritt. Wir sind von Basel fortgegangen unter dem Eindruck von zwei Ereignissen, dem Ostafrikaprojekt und der Kundgebung der russischen Regierung In dem Briefe des Herrn v. Plelnve an Dr. Herzl. Fast sämtliche deutsche Delegierten haben für die Entsendung einer Expedition nach Ostafrika gestimmt. Sic haben das Anerbieten Englands als einen politischen Erfolg begriffen. Das grosse England hätte das jüdische Volk als eine nationale Gemeinschaft anerkannt und sich bereit erklärt, dieser nationalen Gemeinschaft eine Staatliehe Konstruktion zu geben. Das war ein bedeutsamer Fortschritt. Nach Basel hat nun eine Diskussion über die Ostafrikafrage eingesetzt, die häufig eine falsche Richtung nahm, indem von ängstlich besorgten Freunden Front gemacht wurde gegen die Möglichkeit, Ostafrika für Palästina einzusetzen. Daran war natürlich nie von irgend jemand gedacht worden. Die Frage einer eventuellcn Besiedlung Ostairikas war eigentlich überhaupt noch nicht zu diskutieren. Brachte die beschlossene Expedition ungünstige Nachrichten, so fiel das Projekt; brachte sie günstige, so war noch immer Zeit, auch die prinzipielle Seite der Frage anzuschnelden. Jedenfalls aber konnte nach den unzweideutigen Aeusserungen der Parteileitung die Fragestellung nie lauten; ״Palästina oder Ostafrika?“ sondern immer nur; ״Ostafrika und Palästina?‘4, oder allenfalls konnte die Parole ausgegeben werden ״über Ostafrika nach Palästina.־‘ Die verfrühte Diskussion und das zum mindesten überflüssige Ankämpfen gegen die blosse Möglichkeit einer Frage- Stellung, die den Intentionen der Parteileitung nicht nur vollständig fern lag, sondern diametral entgegengesetzt war, hat manche unnötige Bcrutmthigung hervorgerufen. Dazu kam die ungesetzliche Form, der Konferenz in Charkow. Wir hatten die grosse Freude, dass die!nassgeltendsten russischen Führer das Ungesetzliche der Konferenz zugegeben haben. Wirglauben, dassdiese Dinge, die nun erfreulicherweise erledigt sind, den Sinn für Oesetzlichkeit und das Verständnis für die absolute Nutwendigkeit der Unterordnung unter scibstgcgebenc Be- Schlüsse unserer Organisation gestärkt haben. Das Wiener Ausgicichsprotokoil, das Sie kennen, enthält bei genauer Betrachtung, Selbstverständliches. Es spricht die Genugtuung aus, dass das engere Aktionskomitee ununterbrochen für Palästina gearbeitet hat, dass die vom Kongress beschlossene Expedition abgehen wird und 11t u s s, und, dass die Diskussion der Ostafrikafrage jedem unbenommen bleibt. Ob die letztere aber wirklich ratsain ist, scheint mir höchst zweifelhaft und diesem Zweifel möchte ich auch im Hinblick auf unsere Beratungen Ausdruck geben. Nach Rückkehr der Expedition wird das Grosse Aktionskomitee wieder zusammentreten, um den Bericht entgegenzunehmen. Erst, w׳enn das Grosse Ak-