Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ז '־״11 ־״׳/rsf־*'% י Seite 226, hcitliches, zuverlässiges Qanzcs betrachten können. — Es ist vielleicht überflüssig, hier cinzufiigcn, dass selbstredend hier nur an die grundlegenden programmatischen Materien gedacht ist, nicht aber an ,Zeit- und Streitfragen innerhalb der Bcwegung. In der Ostatrika-Frage mag Jeder seinen Standpunkt vertreten, — wenn es sich aber um die Frage der jüdischen Nationalität oder der Stellungnahme gegenüber der Religion oder dem Staatsbiirgertum handelt, darf der berufene Vortreter unserer Idee nicht seine eigene politische oder religiöse oder sozialpolitische Auslassung vortragen, sondern hat zunächst den Standpunkt der Partei zu präzisieren. — Dass wir heute irgend ein einheitliches Prinzip bei der Erhebung des Schekels verfolgen, wird niemand behaupten .können. Fs gibt ungeheuer viel Varianten zwischen den beiden extremsten Anschauungen, deren eine den Schekel nehmen will, wo und wie immer er nur zu erlangen ist, während die andere derart rigorose Anforderungen an den Schekclzahler stellt, dass vermutlich der liehe Herrgott selber trotz seiner vielfach uns bewiesenen Sympathiekundgebungen nicht in unseren Bund aufgenounucu werden könnte. ״־ Die Anschauung, dass wir den Schekel nehmen sollen, wo wir ihn nur kliegen, erscheint mir die hei weitem verfehlteste. Die Vertreter dieser Idee sehen in dem Schekel vielfach nur ein Geldstück, wie jedes andere auch. Aus rein fiskalischen Gründen wollen sie keine Möglichkeit. das Volksvermögen zu mehren, sich entgehen lassen. - Bei dieser Auffassting ist allerdings das historische W ort Schekel•־ zu einem gewöhnlichen Reklamewort herabgesunken und zwar zu einem das Publikum in grober Weise täuschenden Kemworte. Das dürfen wir nie und nimmer ziigebcu; das fiskalische Interesse soll bei uns nicht ausschlaggebend sein. Ausserdem aber braucht das Volksverinögcn durchaus nicht unter unseren Prinzipien zu leiden. Wenn Jemand aus Freundschaft iiir mich oder aus Mitleid mit den armen luden Russlands oder dergleichen au sich sehr löblichen Gründen das jüdische Volk um eine Mark Inreichern will, so mag er dieses Kapital dem Natioualfonds Zufuhren, — nie und nimmer aber Soll er damit das Recht gemessen, durch seine Stimme vielleicht ausschlaggebend über das Schicksal unseres Volkes zu entscheiden. Wenn es nun wirklich nur Vertreter eines allen anderen Erwägungen unzugänglichen Fiskalisnms wären, welche diese weitgehende Liberalität bei der Sclickelerhebuug befürworteten, so wäre darüber Raum eil Wort zu verlieren. Das ist eine reine Niitzlichkeiiserwägung. die sielt eben über alle theoretischer! Einwfmdc hinwegsetzt. Aber die Idee, als ob wir den Schekel von Jcd-^ni erheben dürften und folgeweise. — diese Folgerung ist nur logisch, — auch, wo nur die Möglichkeit vorliegt, von Jedem erheben müssen. ־- diese Anschauung wird auch theoretisch begründet und eifrig verteidigt. Man meine mm nicht, dass diese Meinung lediglich dem Ideenkreise der fabelhaften westeuropäisehen Wohltätigkcitsziouisteu. — der Rachmnucszionisteu. — entstamme. Per beredeste Vertreter der Anschauung, dass wir von jedem Juden den Schekel aunchmeu dürften und zu erhalten uns bestreben müssten, wie immer er auch zu unserem Programme, zu unseren Anschauungen sielt verhielte. — ist ein Mann, den niemand als Rachmoiieszionisten bezeichnen wird ttnd den selbst unsere mit dem feinsten Sehuüffeludent hegabten freiwilligen Zionswüchter nicht als verdächtig gefmuktt haben, ist Herr Ussisehkin. Auf dem fünften Kongresse legte Ussischkin einen Organisationscutwurf vor. — cs war ein Entwurf voll grosser und kühner Ideen, die es bedauerlich erscheinen lassen, dass er in der Beratung fast gar nicht gewürdigt wurde', - - im übrigen aber reichlich unpraktisch. — In diesem Entwürfe heisst es im § IS: ..Schckclzaliier sind alle Juden und Jüdinnen ohne Unterschied des Alters“ und Herr Ussischkin fügt in der Begründung hinzu: ..Per Schekel wird von jedem verlangt, ohne Altersbestimmung und ohne Er- Ifluteruug seiner Beziehungen zum Zionismus. Dieser mein Votschlag entspringt aus der Ansicht, dass die Zahlung der volksabgaben, des Schekels, obligat ist; dieser Umstand gibt ״ns das Recht, die Abgabe von jedem zu fordern, der nicht offiziell aus dein Judentum getreten ist. Ebenso behandeln alle Regierungen aller Staaten ihre Staatsbürger, Welcher Ansicht sie auch über ihre Regierung sind.“-- Sehr hübsch und geistreich, aber doch etwas zu weit von dem realen Boden entfernt. — Herr Ussischkin vergisst, dass wir noch keinen Staat haben, dass w׳ir vielmehr erst die Grundlagen zu einem Gemeinwesen schatten wollen, diese Grundlagen aber gar nicht schlimmer gefährden können, als durch die Atufahmc seines Vorschlages. Wollten wir den Schekel von jedem Juden verlangen, ohne ausser der Mark noch etwas zu verlangen, — ei. so würden wir vielleicht von jedem deutschen luden dieses Irmkgeld erhalten können. Wie aber der von diesen Schekel• N0. 21. zahlen! gewählte Kongress aussehett und was für Beschlüsse er fassen wird, das auszumalen, überlasse ich unsernt Freunde Mwapwa Jumbo von Schicmiel. Nicht viel brauchbarer ist die Anschauung, welche das andere Extrem vertritt. — welche ungeheuer skrupulös Vorgehen will und jeden, der sieh bereit erklärt, den Schekel zu entrichten, erst unter die kritische Lupe nehmen will, — erst eine minutiöse Untersuchung verlangt, ob nicht irgendwie von dem Kandidaten ein Assimilationsbacilius cingebracht wird, — ob nicht irgend welche Ghetto-Eierschalen an ihm kleben, — ob nicht irgend in einem Versteck!!och etwas Golus-Kontrebande verborgen liegt. — Ginge cs nach diesen zelotisclien Tor- und Zollwächtern, so bedeutete das Wort Schekclzahler das Endziel menschlicher und jüdischer Vollkommenheit. — Wer w ürdig befunden ist, den Schekel zu entrichten,. der hat die höchste Probe ahgcgclcgt, der hat überhaupt nichts mehr zu lernen, kann überhaupt keinen höheren Grad der Vollkommenheit etreichen. — So müssten wir denn von Rechts wegen dann alle unsere mit der Erziehung und Bildung unserer Leute beschäftigte Vereine auilöscit. den grössten Teil unse,rer Kulturarbeit autstecken, ־ denn unsere Leute hätten ja dann nichts mehr zu lernen. — Man muss zugeben, dass dieser Auffassung des Schekels, die weit verbreitet ist. wenn sie vielleicht auch nicht ganz so drastisch ztfm Ausdruck gelangt, — dass es dieser Auftossimg nicht an Idealismus mangelt. Die Schekclzahler würden dann eine Art Elite der Judenheit bilden und es wäre eine Lust, mit solchen Idealgestalten zusammenzusitze״. weise Gespräche zu wechseln und zu warten, bis durch ein Wunder das zionistische Ideal sich erfüllt. Penn irgend welche praktische Arbeit wird natürlich nicht mehr möglich sein, sondern wir werden nur noch Theoretiker besitzen, welche es weit unter ihrer Würde finden, sich realen Dingen zu widmen. IYJ wer soll schliesslich der Richter sein, ־ wer soll über die Würdigkeit entscheidet? In gewissen program- »uatischen Forderungen können wir alle uns zusatumenfinden. sowie aber jemand beginnen w ill, auch in die Details zu gehen, gewisse Spez.ialiorderungen zu stellen, so kommt ein zweiter und ein dritter, der ganz andere Gesichtspunkte für ntassgebend hält, und es kommt ein vierter, ein fünfter, -״ cs gibt ein unentwirrbares Chaos. — Einige unserer Freunde, welche in diesen Bahnen wandeln, sind richtig so weit gekommen, an Herrn Dr. Herzl die bescheidene Anträge zu richten, ob er Zionist ist, und andere unserer Freunde, welche sonst durch ' ihre wunderschönen Theorien uns wirklich gefährlich werden könnten, pflegen sich gegenseitig der Ketzerei zu beschuldigen. itidettt sic ihren eigenen Zionismus als den allcinechtcn und unverfälschten bezeichnen, und so sich glücklicherweise unschädlich zu machen. Es gilt den Mittelweg zwischen diesen Extremen zu finden. Wir wollen nicht von jedem, der da will, den Schekel anuehmen. da w ir nicht glauben, dass jemand der im stände ist, eine Mark zu zahlen, damit schon den Befähigungsnachweis er- | bracht hat. das Schicksal unseres Volkes mitbestimmcu zu j können. Wir wollen aber auch nicht den Beitritt künstlich ן erschweren, wollen cs nicht darauf anlcgcn. gutgesinnte Juden mit allen möglichen Mitteln abzustossen. Der Prüfstein ist unser Programm. -- Aber es ist noch wenig damit gesagt, wenn wir dieses Programmen seinem Wortlaut vorlegen. Gew iss, wer sich 1t i c 111 zu diesem Programm bekamt, scheidet ohne weiteres für uns aus. — Wir | müssen einem jeden, der zu tms kommt, dieses Programm ■ wörtlich vorlegcn, wörtlich, nicht umschrieben. — und wir können hei einem normalen Menschen anueluuen. dass er weiss, j was er tut. wen:! er durch Hingabe des Schekels dieses Pro- 1 graiimi umrkaint. Aller wir haben vorsichtig bei der Interj pictation dieses Programms zu sein.; Eins muss ich liier vorweg nehmen. Unser Programm 1 laulet: Per Zionismus erstrebt für das jüdische Volk (nicht | ״für die Juden", welche sich nicht assimilieren können oder j wollen) iiir das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich! rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Pas ist das : Programm, ־ - weiter nichts. Dieser Leitsatz allein ist in dem $ 1 unseres vom Kongress festgelegten Statutes enthalten. — Pie Mittel und Wege dagegen, auf denen wir das Ziel zu erreichen gedenken, sind 11 i e 111 w esentliche Bestandteile misa cs Programms. Wer den genannten Leitsatz bestreitet, hat | ir.'t uns zu tim. - ־ stellt sich ausserhalb unserer Organisation:! dagegen kni.11 es einem Zionisten nicht verwehrt sein, gegen die in Aussicht genommenen Mittel zu polemisieren, etwa dip- : lotuatische vorbereitende Schritte iiir untauglich zu halten oder i bezüglich der Besiedelung Palästinas einen Souderstandpunkt | eliizimcliinen. Werden1 also in dieser Beziehung von Nicht- Zionisten Eiuweiidti'igeti gegen die zionistische Politik erhoben. 1 so sind 'diese nicht anders zu behandeln, als ein Widerspruch JÜDISCHE RUNDSCHAU