Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651363--01314-2658159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seile 222, Unser herzinniger Wunsch ist es, dass bald auch dieser Schatten von dem freudig flatternden Banner des siegreich vordringonden Zionismus genommen werde. Unser aller Herzenswunsch begegnet sich darin, dass bald der Führer unseres Volkes, unser Theodor Herzl, in seiner vollen Kraft und Go• sundbeit der Arbeit lür sein Volk wiedergegeben werde. j Heinrich Sachse.! Ansprache und Bericht des Vorsitzenden des Zentralkomitees Rechtsanwalt Dr. Al. J. Bodenheimer-Köln. Hochverehrte Versammlung! Werte Delegierte! Zum 7. Mule versammeln sich die Vertreter der Zio.iisten Deutschlands zu gemeinschaftlicher Beratung seit jenem denkwürdigen Tage, an dem auf dem Boden der freien Schweiz der I. Zionistenkongress zukammentrat. Auch hier in dieser Republik, welche uns heute Gastfreundschaft gewährt, weiss man den Gedanken der Freiheit zu würdigen. Wir freuen uns, dass uns so zahlreiche Vertreter und Mitglieder der hiesigen Gemeinde und Vereine durch ihre Gegenwart ihre freundliche Teilnahme bekunden und wollen j wünschen, dass man allenthalben unseren idealen Bestre-; bungen so vorurteilslos gegenüberstünde, wie in dieser i grossen und bedeutenden Hansestadt, ln unserer beschei- ' denen Versammlung haben wir nicht die grossen Ziele für! die zionistische Bewegung aufzustelien und die Wege zur; Erreichung derselben zu ebnen, wir haben vielmehr ledig■ j lieh das Band enger zu knüpfen, welches die Gemeinschaft j unserer Gesinnungsgenossen in Deutschland umschliesst,! und die Frage zu erörtern, wie wir die Idee des Zionismus j unseren Stammesbrüdern in Deutschland zugänglich machen! und die Notwendigkeit derselben erweisen können, also; den Ausbau der Organisation und die Vorbereitung der j Propaganda. Wir müssen unsere Organisation in Einklang mit dem 1 von dem Basler Kongress beschlossenen Programm und; allgemeinen Organisationsstatut bringen, und wir haben j auch jene Widerstände und Hindernisse hinwegzuräumen,! welche sich im einzelnen dem Fortschritt unserer Bewegung j cntgegenstellen. Wenn unsere Bewegung heute in Deutschlana leider noch nicht die Bedeutung erlangt hat, welche der Grösse des gestellten Zieles und der Erhabenheit unserer Idee zukommt, so zeigt doch ein Rückblick auf die Ent- Wicklung derselben seit dem 1. Kongress, dass die Zahl unserer Anhänger und die Begeisterung derselben fort• dauernd und stetig gewachsen ist. Wir haben heute in Deutschland über 65 Ortsgruppen und zirka 57 Vertrauensmänner und kleinere Gruppen in den verschiedensten Gegenden und insgesamt etwa 6000 Schekelzahler. Besonders in dem Bezirk des Berliner und Mannheimer Büros war im Laufe des letzten Jahres ein erfreulicher Fortschritt und die Gründung zahlreicher Vereine zu verzeichnen. Ueberall, wo sieh auch nur eine kleine Zahl tatkräftiger Männer für unsere Sache zusammenfindet, ist die Entwicklung der Ortsgruppe gesichert. Warnen möchte ich aber vor der verfrühten Gründung von Vereinen, solange nicht ein zuverlässiger Kern sesshafter Gemeindemitglieder für unsere Sache gewonnen ist. Derartige Schöpfungen, die zumeist dem Tatendrange jugendlicher Stürmer entspringen, haben sich allenthalben für eine gedeihliche Entwicklung als schädlich erwiesen. Mit Stolz können wir heute aussprechen, dass wir in Deutschland, trotzdem uns freundliehe Gönner manchen Knüppel zwischen die Beine geworfen, stark genug sind, die Bewegung zum Ziele zu führen, selbst wenn der barbarische Druck in andern Ländern unsere Stammesgenossen verhindern sollte, an dem Rettungswerke für unser Volk mitzuarbeiten. Denn nichts anderes erstrebt der Zionismus, als die Rettung des jüdisehen Volkes in seiner überwiegenden Mehrheit aus fortdauernder politischer, sozialer und ethischer Not. Wir jassen uns in diesem Werk durch das Widerstreben führender No. 21. n Kreise nicht irre machen. Auch zur Zeit der?!>! tische Sklaverei hat es Juden gegeben, Führer in Israel, welche in seltsamer Verkennung der Begriffe von Freiheit und Menschenwürde die Knechtschaft in Mizrnjim höher hielten, als die Freiheit, zu welcher Moses das Volk emporheben wollte. Wer an die Dunkelheit gewöhnt ist, scheut das Licht. Das Spiegelbild jener Finsterlinge sind jene angstliehen Herren, welche das Scheitern des zionistischen Planes ebenso erschreckt, wie seine Verwirklichung. ich nenne den Zionismus ein Rettungswerk. Dennoch unterscheidet sich unsere Tätigkeit von der jener Vereinigunger, die gleichfalls für die Linderung der Notlage des jüdischen Volkes tätig sind, wie die Alliance Israelite, der Hilfsverein deutscher Juden und andere mehr. Wir arbeiten nämlich an der Verwirklichung dieses Werkes aus politisch - sozialen Gründen mit politischen Mitteln. Die andern lediglich aus dem Gesichtspunkt der Humanität auf dem Wege privater Wohltätigkeit. Wir erstreben eine Lösung al> soziales Hilfswerk für das ganze Volk und durch das Volk als selbstbewusste Einheit. Die andern wollen einzelnen durch die einzelnen Individuen helfen. Deshalb arbeiten wir nach dem Prinzip der Sammlung und Vereinigung, die andern nach dem Prinzip der Zerstreuung. Die Hilfe der andern tragt den Charakter des Almosens, die unsrige den der nationalen Selbsthilfe. Eine Mitwirkung an dieser ist aber aus den verschiedensten Motiven denkbar und freundlichst zu begrüssen. Am liebsten sind uns natürlich diejenigen, welche au. innerem Drang, aus Begeisterung für die grosse nationale Sache sich anschliessen, die, welche den wunderbaren Traum verwirklicht sehen wollen, die Früchte des Werkes selbst auf dem Boden unserer Väter reifen zu sehen, die in dem Bewusstsein handeln nostra res agitur; es ist unsere Sache, es i:.t mein Volk. Es giebt aber auch andere, die, trotzdem sie für sich selbst verzichtet haben, für den Teil des jüdischen Volkes, der sich in unentrinnbarer materieller Not und vollständiger Unterdrückung befindet, ein nationales Heim schaffen wollen. . Mit Unrecht hat man hierfür das Wort ״Rachmonuszionismus“ erfunden. Wohl ist es das Mitleid, welches hier den Anstoss zur Mitarbeit giebt und nicht das nationale Gefühl, allein das letztere schlummert nur in ihrer Brust und die Mitwirkung an unserem Werk entfacht auch in diesen unbewussten Nationaljuden mit der fortschreitenden Arbeit für unsere Sache das Feuer nationaler Begeisterung zur Flamme. Es mag gegenüber den Gerüchten, die verbreitet wurden, an dieser Stelle laut und unzweideutig ausgesprochen werden, dass die Führung der zionistischen Bewegung auch in Deutschland stets die national-jüdische Gesinnung als die Voraussetzung der zionistischen Idee betrachtet hat. Nur auf dieser Grundlage halten wir die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina überhaupt möglich. Es kann aber die Frage aufgeworfen werden, ob es notwendig und nützlich ist, diese Seite der Bewegung immer besonders zu betonen. Der Begriff der Nation ist besonders in Deutschland ein überaus strittiger und ein Aussenstehender kann aus diesem Worte nicht erkennen, in welchem Sinne wir dasselbe betrachtet wissen wollen. Wir müssen auch bei denjenigen, welche uns gezeigt sind, mit Ueberresten ihrer alten Anschauung hierüber rechnen und solange der Begriff der national-jüdischen Idee den Aussenstehenden nicht völlig klar ist, sind Missverständnisse nicht zu vermeiden. Daher können* unsere Gegner einen Augenblickserfolg erringen, indem sie bei der Erörterung die Idee der Vaterlandsliebe, des Patriotismus mit dem Nationalgelühl verwechseln und unser Ziel als unpatriotisch verdächtigen. Worin zeigt sich aber denn der Patriotismus unserer deutschen Glaubensgenossen bei der Lösung der Judenfrage? Welche Gefahr fürchtet man für Deutschland von der Gründung einer autonomen Judenkolonie in Palästina? Ist es etwa patriotischer, die auswandernden Juden nach London und New-Vork zu schicken, als nach dem Lande ihrer Väter? Map hat sodann einen Erisapfel unter uns zu werfen