Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-05-20 · Heft 20 (20.5.1904) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 20 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651362--01298-2658142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No*. 20: . * JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 213. als einen Irrtum ehr Qeschichte betrachten. Diejenige» unter uns* die kein religiöses Interesse haben, werden die lange Diaspora einfach als eine traurige Tatsache hinnehmen und die Religiösen werden sich dieses Faktum je nach ihrem Standpunkte zurcchtlegen. Aber wenn die letzteren sich auch ihre Gedanken darüber machen werde!’,‘so werden sic sich doch ,alle damit bescheiden, etwas Bestimmtes darüber nicht zu wissen. Aber Herr Dr. S. und seine Odsinnungsgenossen, die wissen es gd.tz genau, dass wir zu dem Zwecke unter die Völker zerstreut sind, um die Pioniere des reinen Monotheismus zu sein. Woher sie es'wissen? Sehr einfach! Daher, dass in der Bibel, Im Talmud und in unserem gesamten religiösen Schrifttum kein. Wort darüber zu lesen ist! Weiss Herr Dr. Samuel auch, dass dieses ganze Missionsidcal kaum mehr als 8 0 Jahre alt ist? Weiss er, dass es ein V c r 1 e g e n 11 c it s i d e a 1 religiös gesinnter deutscher Judd 1 jdes neunzehnten Jahrhunderts gewesen ist, die für das Linsengerieht der Emanzipation die nationale Zukunft zu opfern bcreit waren, aber aus Liebe zum Judentum nach einem Gründe für das gesonderte Bestehen des letzteren i!Jicrlialb der Völkcrwelt suchten und ihn in jenem Vcricgcnheitsidcal gefunden zu haben glaubten? Wenn er dies weiss und cs gen ü g c n d beherzigt 11 a b c 11 wird, d a 11 n av i r d er w ohl nur n o.c 11 b e q u e 111 e 11 H g o i s t e n 11.1 d alle 11 &k Ia ve 11 sc cle 11 in Westeuropa, die sich in goldenen Ketten wohl i ii h l e n, z u m u tn, dass sie jenes Verlegen 11 citsideal als bequemes Ruhcpolstcr benutzen mögen, von dem aus sic die weitere Verelendung und den Jammer ihres Volkes mit verbrecherischem Gleichin 11•t 111 i t a!1 s c 1! en könne n. Herr Dr., Sanmd wirft die geistreiche Frage auf, warum die spanischen Juden Spanien geliebt haben, wenn sie jüdischrational empfanden und sich nach Zion sehnten. Weil sic dort geboren waren und weil ihre Väter und Grossväter dort begraben lagen, verehrter Herr Doktor! Aber darum hatten sie doch Z'on keinen Augenblick vergessen. Und war Jehuda hal- Lew! etwa der Einzige, dar die Zioiissclnisu.ht im Herzen trug? Sie müssen doch die jüdisch-spanischen Dichtungen schon recht lange nicht mehr gelesen haben, sonst würde cs lluith gegenwärtig gewesen sein, dass der national-mcssianischc Gedanke dort allüberall lebendig ist und von seiner ursprünglichen Kruit auch dort nichts verloren hat. Der 11 a ti 0 n a I 111 ־ c s s i aiiischc üedauke ist in der Diaspora bei den Juden ausnahmslos in allen Ländern lebendig gewesen und bildete *das eigentliche Rückgrat des Lebenstriebes des jüdischen Volkes. Wenn doch die Herren Assimilanten den Siddur und des Machsor ohne alle Voreingenommenheit und als ehrliehe Philologen lesen wo״td!, sie würden nicht weiter die verblüffende Behauptung aufstellen, dass Akiba der letzte Nationaljude gewesen sei. Wir greifen zum Schluss nur noch einen Punkt aus den Ausfiiliruiigcn des Herrn Dr. S. heraus. Derjüdisch-nationale Geda'ike, meint er, komme zu spät. ״Wäre er vor 150 Jahren so wie jetzt, gepredigt worden, wer weiss, vielleicht hätte ihm auch das deutsche Ghetto zugejubelt.” Ach nein, Herr Dr., der jüdisch-nationale Gedanke kam gerade zur rechten Zeit. Nicht zu früh! Denn schon ein halbes Jahrhundert später wäre der Zersetzungsprozess im westeuropäischen Judentum bereits zu weit vorgeschritten gewesen, als dass seine geistigen, moralischen und materiellen Kräfte für die Wiedcrgehurt des jüdischen Volkes noch hätte׳.! in ausreichendem Maasse nutzbar gemacht werden körnten. Nicht zu früh! Denn wer weiss, welches furchtbare Schicksal bis dahin einen grossen Teil der östlichen Juden ereilt haben würde. Aber auch nicht zu spät! Denn di 2 G h c 110 j u d e 11 vor 150 Jahren m i t ihren tu y s t i s c 11 c 11 Erwart 1111 g e 11, ihrer A b 11 e i g u 11 g . g e g e; j die moderne Kultur und ihre m tu a 11 g e 111 a 1' t e 11 Verständnis ihr straf i e Disziplin und Unterordnung wären ganz und gar u 11 fä big gewesen, in rationeller Welse das grosse Werk der nationalen B e i r c in 11 g i 1t Angriff zu tte 11 ttte 11, wie cs der heutige Z i o n i s nt 11 s tut und a 11 c i 1׳ t u 11 k a 1111. י Wie hätte sich das neue jüdisch-nationale L.-beii damals auf dem Boden der europäischen Kultur, wie wir es durchaus wünschen miissen, entfalten Köthen! Nein, vereintester Herr Doktor, der Zionismus kam nicht zu spät! Das hätten Sie schon allein aus seinen bisherigen raschen, grossen und stetig zunehmen־ den Erfolgen sehr wohl ersehen köiuen! Fragen Sic sich doch ehrlich, ob Sic vor zehn Jahren geglaubt hätten, dass der Zionismus im Jahre 1901־ die Verbreitung und die Erfolge die er heute hat, haben würde! Und dann wagen Sic noch 10 Jahre weiter'in die Zukunft zu sehen! Vielleicht aber zielen Sie es vor, vorläufig weiter an den ..Sieg der Gcrcclitigkeit" zu glauben; wir werden ijiterdessen weiter für die nationale Wiedergeburt unseres Volkes arbeiten. seine Schriften finden wird, erlauben wir uns zu bezweifeln. Fis ist ja ganz natürlich, dass aut der einen Seite seine früheren jiidenieind'ichth deutschen F'reimdc sich von ihm abkclirten. wo er wieder sein jüdisches Herz entdeckte und ilm mehr und heftiger als «einen Renegaten betrachten und bekämpfen, als dies jemals von Seiten seiner Volksgenossen geschah, als er 'n bedauerlichem Irrtum sieh von ihnen abgewendet hatte. A11dererscits ist ein Misstrauen auf jüdischer Seite ganz nauirlieh. Wir wolkji nicht mit ihm rechten, sondern lieber aus der vorliegenden Broschüre eine Stelle wiedergehen, die am besten zeigt, wie er seinen Abfall vom Judentum und seine Rückkehr zu ihm aufgefnsst wissen wilf. ״Ich kannte in meiner Jugend einen jüdischen ״Coriohh". Den renüseheii Coriolan hat uns Shakespeare, dieser nächst Napoleon vielleicht grösste Psychologe, den die eur0D'׳iscbe Menschheit hervorgebrächt hat. so nahe gerückt, dass wir ihn greifen können. ,.You are too absolute” sagt seine Mutter Volumnia zu ihm (Akt III, Szene 2). Und damit trifft Shake- ’ speare den Kern des tragischen Konfliktes. Und das sagte ‘auch jenem jüdischen Coriolan seine Mutter.•als er. bevor er sein Volk verliess, den Coriolan von Shakespeare als letzte Theatervorstellung in seiner Heimatstadt sah (einer jener merkwürdigen kb'l.icti ״Zufälle" des Lehens). Dieser jüdische Coj riolun war ein junger Patrizier mit positiven politischen Idealen. 1 die er ״absolute”, herrisch seinem Volke autzwin׳״:n wollte: er wollte seinem Volke predigen, nicht ihm Tanzstunde und Toiletteniustruktionen geben. Er wurde dafür, teils durch seine, tei's durch seines Volkes Schuld schwer gestraft, ins Exil geschickt, ja noch mehr als das. teils mit Recht, teils m t Unrecht. Er ging daun, wie Coriolan. zu den Volskern, die seinem Volke feindlich waren. F.r überzog sein Volk mit Krieg, war abwechselnd Sieger, dann wieder Besiegter. Und wie Coriolan von den Vo'skern infolge tiefer ZerwiiriY.isse des stotzen Fremdlings mit seinem Wirtsvolk erschlagt:! wurde, so endete auch jener jüdische Coriolan. Er wurde von seinen Freunden, den antisemitischen Gojen langsam, aber vollständig getötet, etwa wie vo! einen! Vumpvr. der allmählich seinem Opfer alles Blut aussuiigt. Da er aber c;:1 Jude, also der Kern seines Wesens imtötbar. unzerstörbar war. so erfüllte sich an ihm jene Weissagung die uns Ezechiel in seiner graud'.osen Vision (cap. 37) bcsclireillt. Sein ״toter" Organismus wurde vom Geiste Gottes neu belebt. Und da:׳!! machte er sich auf, fast wie der verlorene 801111 im Fiv. l.ucas. und wanderte drei Mal nach ״Rom", um Busse zu tue vor seines Vaters Volk. Seine Sünde gegen sein Volk sühnte er, mochte auch sein Volk seine Sünde gegen ihn noch immer nicht recht erkennen und sühnen. Nicht mehr als Aristokrat über sein Volk herrschen, sondern als Demokrat in und mit seinem Volk wirken wollte er. Der alte herrselisiielitige Coriolan. den Shakespeare so treffend mit dem Worte: too absolute zeielinet. war bei den Volskern gestorben. Nun war der bescheidene OmoUG. der nichts hie sich, ul'cs ihr sein Volk begehrte, iu seine Vaterstadt zunickgekclirt. Und Gott segnete diesen verwandelten jüdischen Coriolan. trieb auch sein Volk zur Busse und Einsicht ihrer F'ehler. die sie gegen ihn verübt hatten. Liebe. Friede und Eintracht wurden ein immer festeres Baud zwischen ihm und seinem Volk. Er wurde aus einem Volksieiiid dicr Liebling seines Volkes. Und er soll sogar später Konsul geworden sein. — — ־•־*" Dass er sich seihst mit diesem CoriohCt meint, geht י

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.