Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■ » Ko. 20. _JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 21U schichte zu unsem Gunsten deuten, während sie ganz dcutöch das Ocgditeil lehre. So hätten wdr Zionisten gar kein Recht, die unter Serubabel und Josua zurückgekehrten Juden zu rühmen und die in Babel zurückgebliebenen zu tadeln. Die Bibel hätte das nicht getan und Jeremias Standpunkt sei eine Rechtfertigung der Zurückgebliebenen. Man woiss wirklich!nicht, was man von der Urteilsfähigkeit des Verfassers denken soll! Der Patriotismus der Zurückgebliebenen steht doch hoficntlich nach Herrn Dr. Samuel nicht in Zweifel, andernfalls hätten diese doch wohl die abziehenden nicht reichlich durch allerlei Geschenke unterstützt. Sic waren nur nicht moralisch stark genug, uni im Dienste ihres Volkes sich aus den Verhältnissen, in die sic sich hincingclcbt hatten, w ieder loszulösen. Gewiss w׳ar dies auch wiohl nicht von jeden! einzelnen unter ihnen schlechterdings zu verlangen; aber darum stellt es doch fest, dass die Abziclicndcn und vor allem ihre Führer, eine glühendere Bcgc’sterung für das alte Vaterland, mehr Opfermut, Tatkraft und Uiiternclmiuiigsgeist hatten. Wer noch den rechten Massstab für die Wert- Schätzung der moralischen Dinge besitzt, wird sie da nicht höher stellen! Wie lebendig immerhin bei den Zuriickgcbliebenen der nationale Gedanke geweseh sein muss, das beweist doch gerade ein N'eheinia, der noch neunzig Jahre später aus ihrer Mitte nach Jerusalem kommt, um in gemeinsamer Arbeit mit Esra die Wiederaufrichtung der verfallenen Herrlichteit Jsracls vorzubcrcitcn, wozu nach ihrer religiösen Auffassung der strenge Gehorsam gegen Gottes Gebot die Vorbedi 11 gütig war. Herr Dr. Samuel hätte gut daran gcfrii, Esra, Kap. 9 durchzulesen, ehe er seinen Artikel schrieb. Denn dort hätte er deutlich sehen können, dass selbst der fromme Esra mit seinen überwiegend religiösen und gelehrten Interessen den Verfall des religiösen Lebens hauptsächlich deshalb beklagt, weil ״um unserer Sünden w'i 11en wir, unsere Könige, unsere Priester In die Gewalt der Könige der Länder gegeben sind?” Und wenn er gründlich zu lesen versteht, dann würde er welter gesehen haben, dass Esra von einer strengen Befolgung des Gotteswortes die Wiederaufrichtung des jetzt so klimmetliehen israelitischen Volkes zu einer starken, grossen, freien Nation wie ehedem erhofft. Und wenn Dr. Sanntel noch ein übreges hätte tun wollen, dann hätte er nur noch Nchemia, Kap. 1. lesen sol'en. Dort betet nämlich Nchemia folgendcrmassen: ..Gedenke doch des Wortes, das Du Deinem Knechte Mose aufgetragen hast, indem Du sprachst: Werdet Ihr Euch vergehet!, so werde ich Euch unter die Völker zerstreuen. Wenn Ihr Euch aber zu mir bekehrt und meine Gebote haltet und darnach tut: sollten auch Eure Vertriebenen am Ende des Hirnmels sein, so will ich sie doch von dort sammeln und bringen an den Ort, den ich erwählt habe, um meinen Namen daselbst wohnen zu lassen." Dpr Verfasser muss In der Tat recht schlechte Augen haben, wenn wir, wie wir es vorziehen, an seine ehrliche Ucberzeugung glauben sollen. Geradezu als eine Schmähung des Propheten Jcrcnüa müssei! wir es aber bezeichnen, w׳enn unsere tapferdi Assimilanten diesen grossen Mann für sicli reklamieren möchten. Woher nimmt Herr Dr. Samuel die Dreistigkeit, einen Jcromia, der sein Volk mit seiner ganzen glutvollen Seele geliebt ha't, als den Schutzpatron der Assimilanten mit ihrem Glaubcii an eine ewige Diaspora anzurufen״ Hat Jcrctuia nicht mitten im polt- , tischen Untergang seines Volkes den rührendsten und zugleich festesten Glauben an die Rückkehr Jsracls ins heilige Land und seine neue Freiheit und seih neues Glück bekundet? Hat. nicht gerade er, ebenso wie nach ihm Ezechiel und in flammender Begeisterung Deuterojesajn, das Ende des Exils prophezeit? Sollte dies alles Herrn Dr. Samuel wirklich unbekannt sein? Wirklich? Dann um so schlimmer für ihn, der als Lehrer in Jsracl die Geschichte Jsraels denn doch besser hätte keimen müssen. Wie wenig grade Herr Dr. Samuel das Recht hat, uns Zionisten Unterricht in der jüdischen Geschichte geben zu wollen, dafür noch eilt paar andere Beweise! Wir können bei allen einzelnen Punkten nicht lange verweilen, wenn wir seinem Artikel nicht gar zu viel Ehre antun wollen. Das Buch Daniel, sagt er. hat keinen anderen Sinn, ״als die Bekenntniskraft und das alles überwindende und zur Anerkciäiung zwingeude Heldentum der draussen gebliebenen darzutun.” Wirklieh, Herr Dr.? Wirklich? W i r haben bisher immer gemeint, dass dieses Buch eine Trostschriit für die tapferen Frommen der Makkabäerzeit vor der Erhebung sein sollte! Wir meinten immer, es sollte die Frommen in ihrer Standhaftigkeit bcstärken, es sollte ihnen sagen, dass die gottlosen Heiden nicht immer triumphier#! und Jsracl nicht immer machtlos und bedrückt sein werde! Auch sollte dem Herrn Verfasser nicht unbekannt sein, welche Rolle dem kleinen Stein in Nebukadnezar’s Traum zugewiesen wird und dass nach den überschwänglichcn nationalen HoiT.iungei! des Buches Daniel Jsrael für die Zukunft die Macht und die Herrschaft über alle Völker erlesene 1! zur Verfügung stellten, wendet sich Israols Lehre an das ganze Volk, während andere Völker ganze Bibliotheken in Brand steckten, errichtete Israel die grösste Welth'bliothek, in dem es das Buch der Bücher geschaffen und cs in alle Weltteile getragen, während andere Völker schliesslich in der Kriegskunst, in der geschickten Handhabung der gezückten Mordwaffe, ihr Ideal erblickten, bewährte sich Israel als unübertroffener Krieger auf den Schlachtfeldern des Gedankens, als ein König, der ״die Torarolle” als die einzige erprobte Waffe mit in den Kampf gegen eine Uebermacht von Feinden führt. ... So das Israe! von -einst. Und w׳ic stets mit dem Israel von heute? Wie sieht so'nc jetzige Sccienverfassung aus. Ist de Frau noch immer das Haus Jakobs, und s'nd die Kinder noch immer die Kinder Jakobs? Und ist schliesslich das Volk noch immer das Volk des Buches? Zu dieser Frage sind wir mehr wie je an diesem Feste berechtigt und sic dürfte sich wohl eihem jeden von uns aufdräiigen, der diesem Tage seine geheime Sprache abzulausclicn versteht. Wie wir bei einem heitern Feste profaner Natur oft in dem Momente freudigster Erregung uns im Geiste von dem Jubelrausch abweuden und fragen: Was soll diese Freude? so gehts uns auch bei diesem heiligen Feste der jüdischen Kultur. Mit welcher Bcrechtiguiig feiern wir heute SehabuotU als das Fest unserer Tora, is-t sie uns doch fremder, als hätten w״'r nie den Geist ihrer grossen Lehren gekannt, mit welcher inneren Beredttigung erzählen wir von grossen Si.iaicrciguissen. schlägt doch unser jüdisches Herz so matt, als hätte cs nie de geistige Bergluft des Sinai geatmet. Unsere Frau ist nicht mehr das Haus Jakobs, sie ist nicht mehr die geistige Stütze des jüdisclicn Hauses, sie ist in ihrem jüdischen Hem! ein Fremdüng. in ihrem eigenen Hause ist sie nicht zu Hause. Ihr Sinnen und Tracht#;!, Ihr Streben und Wallen, ihr Können und Kennen gelten fremden Idealen, fremd ihrem Volke, fremd der grossen Tradition unseres Volkes. Und da die Frau nicht mehr das jüdische Haus ist, da sic ihr heiliges Amt als Erzieherin niedergelegt, so sind auch unsere Kinder nicht mehr die Kinder des alten Israels. Aus dem jüdischen Hause in die Nonnenschulen gejagt, stillen unsere Mädchen, die künftigen jüdischen Frauen, ihren Geistesdurst an trüben Quellen, an vergifteten Brunnen, wo sie sich höchstens das Wasser der Taute holen können, aber nimrnermehr das W'asscr des Lebens, das aus dem Heiligtum der jüdischen Geschichte flutet und ihre schwachen, jüdiseilen Glieder beleben und erfrischen könnte. Aus dem jüdisehen Hause fortgejagt, ist das jüdische Mädchen dem geheimen Wehen der jüdischen Volksseele entfremdet. An ihr Ohr rauscht jiiiiiinerniehr der heilige Wellenschlag jüdischer Sagen und Legenden, die das kindliche Gemüt gefangen nehmen, sich 11! seine Herzeitsfiirclien m't ehernem Griffel cineraben. zum Quell unverwischbarer Erinnerungen gestalten und dem Kinde das Gepräge des unerschütterlichen, in Liebe zu seinem Volke ausharrenden, treuen Juden aufdrückt. Ist aber das jüdische Haus, das jüdische Mädchen, das jüdische W'eib ein Fremdling in unserer Mitte, da brauchen wir nicht mehr nach den Jüng- Imgeh und Mädeheu in Israel zu fragen, wir w ssen von vornherein, wie es mit ihrem Judentum bestellt ist. Da kann nimmermehr von einem Volke der Kultur, von einem Volke des Buches, von einem Volke der göttlichen Gcsctzestafel die Rede sein. Der Snaiappeli wendet sich an das jüdische Wdb. au das jüdische Haus, als an die erste jüdische Schule. Und wo diese aus ihren Fugen gehoben, wo diese bis in ihre tiefsten Tiefen aufgerühlt ist. wo diese heilte Stätte in Trümmer ging, da werden wir uns vergebens nach der Schule höherer