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Jüdische Rundschau · 1904-05-20 · Heft 20 (20.5.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 20 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 210. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 20. Judentum übrig blieben? Und Sie reservieren sich noch nachdrflcklichcr, indem Sie den Juden die Mischung mit arischen Eicmentdi empfehlen — ״natürlich immer nur soweit, dass dadurch die jüdische Eigenart nicht verloren geht.“ Es leuchtet also dem Verfasser ein, dass cs eine Grenze gibt, dte bei der Blutmischung nicht überschritten werden darf, wenn wir nicht auf• die jüdische Rassenspezifität vcrzxhtcn wollen. Aber wo liegt die Grenze? Etwa jenseits von 6 Millionen? Glaubt wirklich jemand, dass Millionen östlicher Juden sich heute mit Ariern mischen dürften ohne bald ihre Religion oder ihre jii- (fische Eigenart zu verlieren? Wo soll deiti im Prozess der Blutmischung plötzlich Halt gemacht werden? Wie dann die Ocister bannen, die man rief? Mail mag über die Zulässigkot der Mischehe in diesem oder ejncm Falle streiten. Die Verallgemeinerung des Prinzips b> deutet eine fundamentale Gefahr für das Judentum, die nach meiner Absicht nur durch die strikteste Ablehnung des Prinzips auch in jedem Einzelfalle unterbunden werden kann. leb denke wieder an den Deserteur. Wenn durchaus der ethische Ikgrif! in Anwendung kommen soll, so nenne man vom Standpunkt meiner Aufiassung von der Mischehe diese Auflehnung gegen altruistische Rücksichten meinetwegen ebenso unctlvseh wie das Desertieren. Zum Abschied ein Wort. Herr Simplizissimus! Es ist mir nicht ganz klar geworden, warum Sic den Namen des Titel- Ito'dcn c&ics alten Romans von Grimmelshausen als Pseudonym gewählt haben. Da Ihnen aber jedenfalls der Roman sehr genau hekannt sein wird, so erinnern Se sich vielleicht der Verse in I., 18: ״Die Steineich* durch dci.1 Wind getrieben und verletzet. Ihr* eignen Acst’ abbricht, sich ’ns Verderben setzet.“ Breslau. Dr. S a n d 1 e r. Nachbemerkung der Redaktion. Dadurch, dass in voriger Woche des christlichen Feiertags wegen die Nummer früher gedruckt werden musste, blieb dieser Artikel Dr. Sandlers, mit dem wir diese Diskussion schliesscn. liegen. Er kommt darum nicht zu spat. Der Standpunkt der Redaktion ist jedem klar, der die ״Jüdische Rundschau” kennt. Er deckt sich vielfach mit dem Artikel von Saxo-Judaeus tu dem von uns früher herausgcgebena.1 ״Zion”. Nur einen einzigen Punkt glauben wir noch hervorheben zu dürfen. Bei dein Worte Mischehe denkt man in Anlehnung an die Verhältnisse bei uns im Reiche in erster Linie an die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Bekenntnisse. Darum dreht es sich bei dieser Diskussion nicht, sondern um die Mischehe zwischen den Kindern verschiedener Nationen. Vergleichsweise müsste man nicht die Ehe zwischen Katholiken und Protestanten, sondern zwisächcn Deutschen und Polen, zwischen Engländern und Buren hcranziclien. Und dabei wollen wir an die Stellung erinnern, die die deutsche Nation cinnimmt. ohne sie gerade als Vorbildlieh hinzustcllcu. Der Deutsche erblickt in der Mischehe, d. h. i!1 der Verehelichung eines Deutschen nrt einer Ausländerin keineswegs etwas Unrechtes. Aber das deutsche Gesetz verbietet dem Manne, der im auswärtigen Dienst steht, die Ehe mit einer Ausländerin. In dem Sinne dieses Gesetzes müssen wir zum mindesten die Mischehe verwerfen. Der Kaisor allein kann davon allenfalls entbinden. Wer durch die Ehe mit einer Nichtjüdin in die Lage kommen kann, das Interesse der Nation seiner Frau dem jüdischen Volksiirteressc gleichzusetzcn und vielleicht zu bevorzugen, k avi n nicht in unserer Führung und nicht in unserer .,ausw ä r 11 g e n V e r t r et u n g" sein. Im allgemeinen Hegt in der Al scliehe eine Gefährdung unsrer so bedrohten Einheit: und wenn wir auch zugebeit. dass in cfizclncn Fällen die Mischehe uns echte und rechte Juden mrt nationalem Empfinden und .jüdischem Herzen gegeben hat, so wollen wir hedenken, dass es sich dabei um sehr rühmliche Ausnahmen u ti d nicht um die Regel h a ii d c 11. Wir sollen aber alles dringend vermeiden, was unseren nationalen Bestand gefährden könnte! i Rabbiner Dr. Samuel und der Zionismus. Wir müssen unsere Leser sehr um Entschuldigung bitten, wenn wir sic mit einem Zeitungsartikel befassen, der an sich weder Beachtung noch Widerlegung verdient. Der Artikel steht in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums", ist ״Jungjüdische Geschichtsauffassung” tiherschricbcn und hat den Rabbiner Dr. Samuel aus Essen zum Verfasser. Möge eben dieser Umstand, dass hier der Rabbi,1er einer grossen Genieinde zu vielen gebildeten Lesern spricht, eine Auseinander- Setzung mit seinen Ausführungen als gerechtfertigt erscheinen lassen. Wir Zionisten, sagt der Verfasser, deuten, durch unsere Theorien, unseren Nationalismus verleitet, die Tatsachen der jüdischen Geschichte 1alp.11. Der Verlauf der jüdischen Geschichte ist »ach Dr. Samuel ein wahrer Pamgyrikus auf das kosmopolitische Missionsideal des religiösen Assimilationsjuden. Der nationale Gedanke habe im Judentum nach dem ersten Falle Jerusalems im Grunde nur eine untergeordnete Ro’le gespielt und in dem sterbenden Akiba habe das alte nationale Judentum seinen letzten Seufzer ausgehaucht. Herr Dr. Samuel findet cs daher gar nicht schön von uns, dass wir die Gedringen in a'l seine Teile und Teichen deshalb setzt sie auch den Hebel ihrer Wirksamkeit gerade da ein. wo der Boden am ergiebigsten und am erspriessüchsten ist. an der jüdischen Familienstube. Bevor noch die göttlichen Zchnworte dem Gesamtvolke verkündet werden, ergeht in flammenden Worten der Sinaiappcl! an die Familie: So sprich zum Hause Jakobs und verkünde es den Kindern Israels". .,Haus, das ist d:e Frau", wie es unsere Weisen in ihrer kemgen Sprache erklären. Das jüdische Weib muss zunächst vom Geiste unserer Tora erfasst sein, sollen ihre grossen Lehren aui fruchtbaren Boden fallen. In das Herz des jüdischen Weibes und der jüdischen Kinder muss zuerst der Lebenstau der jüdischen Lehre dringen. Von d'eser geweihten Statte aus soll sie ihren Weg in die Oeffentlichkeit nehmen, um sich m׳t befruchtendem Erfolge in den grossen gewaltigen Strom des Lebens ergiessen zu können. Vor dem Eintritt in die Sinascbule muss das Terrain im jüdischen Hause dazu vorbereitet werden. Frau und Kind müssen für die Schu’c gewöhnen sein, soll sie auf fester Basis aufgeführt worden. Das jüdische Haus. Vater und Mutter müssen *11 ihrem engen Familienkreise ene jüdische Lehrtätigkeit cutfalten, auf dass das jüdische Heim sich zu einer geweihten Vorhalle gestalte, die unsere Kinder in das Hedigtum der Schule hinüberleitc. Pflicht der Eltern >u tsrael war es datier, selbst ihre Kinder zu unterweist!t: ״Belehre Dane Kinder, schärfe ihnen das (lottcswort in Deinem Hause ein", ist die grosse Mahnung, mit welcher d e heilige Schrift sich an die jüdischen Eltern wendet, eine Mahnung, die noch bis heute von jeden! gesetzestreuen Juden im täglichen Gebete morgens und abends mit Inbrunst wiederholt wird. Noch ein'ge tausend Jahre vor der modernen Pädagogik hat die jüdische Lehre auf die Notwendigkeit. des Zusammengehens zwischen Haus und' Schule I1:;tgewics1f1. Das jüdische Haus gab die erste Stätte liir unsere Lehre ah. es war der erste Spatenstich im Hoden jüdischen (leistes. D e Lehre war in der jüdischen Familie ein ..Ben bajit". ein Stammgast, kein Luxusgegenständ, sondern die Quintessenz, die ge'stige Atmosphäre des jüdischen Heims. Und weil dem so war. so crgrt'f unsere Tora Besitz von al’en Schichten uhd Klassen unseres Volkes. Von der ärmlichsten Hütte bis zu den schön ausgestatteten Salons, war es der jüdische Bücherschrank mit seinen grossen Talmudiol anten und anderen jüdischen Schriften, der als das schönste und ededste jüdische Schmuckstück aufgestellt war. An d esem Anblick ergötzen sieh Arm. Reich und Mittelstand. Gelehrte. Arbeiter und Kaufmann erblicken im geistigen wie im wirklchen Besitze unseres Buches ihren edelsten Stolz. Allen war elie Devise gemeinsam: Das Torastuduun über Alles תלבזוד וזורח מנד בי״ס I)cr jüdische König, so erzählt uns der Talmud, hatte zwei Torarollun als se*in Eigentum. Die eine hielt er $1 sc'ner Schatzkammer aufbewahrt, während er die andere stets mit steh führte, so oft er in den Kampf gegen seine Feinde auszog. Das jüdische Volk ist gewisserm issen d'eser König im Reiche des Geistes. Die Tora ist seine stete Begleiterin. Sie beiirdet sch in der Schatzkammer der Reichem s'e ist das heilige Eigentum der wohlhabenden und besitzenden Klasse. Die Tora zieht aller auch in den Kampf mit. Sie ist treue Gefährt n des armen Juden, der im Sehwcissc seines Angesichts den Kampf ums Dasein führt, um für sich und die Seinen &»* spürüchdi Brotkrumen zu erringen. Nicht mit Unrecht trägt Israel den Ehrennamen: Das Volk des Buches, das ihm die arab sehen Stämme verliehen. Denn während andere Völker ihre Geistesschätzc nur den Aus-

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