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Jüdische Rundschau · 1904-05-20 · Heft 20 (20.5.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 20 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 208. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 20. Hader im Trüben fischen zu können, wie das ihre Art ist. Aber sie irren sich auch hier ganz gewaltig, denn mit dem Wesen des Zionismus ist eine solche Hand- . lungsweise unvereinbar, und ein Zionist, der einen solchen Gedanken auch nur in Erwägung ziehen wollte, ist überhaupt kein Zionist. Denn es gibt gar keinen ^.,deutschen und keinen besonderen russischen Zionismus, ־ jondern nureinen einzigen Zionismus. Undwennerdurch• aus einen Beinamen von einem Volke tragen soll, nun dann ist es eben der jüdische Zionismus. Er würde aufhören, er selbst zu sein, wenn er irgend wie anders national sein wollte, als eben jüdisch-national. Es gehört die ganzeUnwissenhcit unsererassimilationssüchtigenGegner dazu, uns zuzumuten, dass wir in ihren eigenen Fehler verfallen und zwischen uns und unsem Brüdern Grenz• pfähle errichten würden. Wie dem grossen ethischen Kulturbau der mosaischen Gesetzgebung das Zehngebot zu Grunde liegt, so baut sich unsere ganze Arbeit und unsere ganze Organisation auf dem Baseler Programm und jenem indisch-nationalen Gedanken auf, der ihm immanent ist. Wir haben kein Programm neben dem Bnsele־׳ Programm!, •das es erweitert oder einengt. Wir haben nichts hinzugefiigt und werden nichts davon hinw eg- . nehmen. Darum folgen wir, unserm selbst gesetzten Führer und hoffen, dass er uns den Weg bahnt von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Abhängigkeit zur Selbständigkeit und von der Nachahmung und Nachäffung zur eigenen Kultur. Mögen Jahre .und Jahr- * wochen darüber vergehen, wir werden unser Ziel nicht aufgeben und es nicht verrücken lassen. Und das Schabuothiest wird noch ganz besonders ein strenger Mahner bleiben, in dem Zionismus zu verharren, denn er ist das Judentum. In diesem Sinne begrOssen wir die zionistischen Delegierten in Hamburg. Wir wünschen ihnen, dass es ihnen gelingen möge, in jüdischem Geiste'und erfüllt mit nationaler Begeisterung das Beste zu finden für die zionistische Partei, d. h. für das Jüdische Volk. Noch einmal die Mischehe. Die letzte Nummer*) der ״Jüdischen Rundschau‘‘ enthält eine Erwiderung von ״Simplicissinius“ auf meinen Artikel über Mischehe und jüdisch-nationale Gesinnung. Der kritische Vergleich der Darstellungen zweier abweichenden Standpunkte ist zwar Sache des lesenden Publikums, und ich ha'tc die Methode der fortgesetzten Erwiderungen in den meisten Fällen für nicht rationell. Wenn ich dennoch von ihr Gebrauch mache, so ge* schiebt das mit Rücksicht auf das in den Artikeln behandelte Material, dessen Kenntnis nicht sehr verbreitet ist, und bcsonders mit Rücksicht auf die enorme Bedeutung des Inzucht- Prinzips für den Fortbestand des Judentums. * Ich gehe nur auf vier Hauptirrtürmer der Erwiderung ein. Die Hauptresu'tatc umfassender Forschungen finden zumeist in bestimmten Formeln in den grossen Massen Eingang. Die Erde ist eine Kugel — bekanntlich; Darwin hat gelehrt, dass der Mensch vom Affen abstammc — bekanntlich; die Inzucht der Rasse führt zur Degeneration — bekanntlich. Obwohl alle drei Sätze in dieser Form durchaus falsch sind, obwohl sic nur eine höchst ungenaue Erinnerung an gewisse Lehren darstellen, vererben sich diese Formeln im Wortlaut mit Beharrlichkeit fort. Der Herr Verfasser behauptet, ״es wurde bisher immer geglaubt,“ dass die Inzucht zur Degeneration führe. Ja. es erübrigt sich nach seiner Ansicht, Einzelheiten hierfür belzubringen, ״denn die Argumentation ist so oft gemacht worden, dass sie als allgemein bekannt vorausgesetzt werden darf." *) Bitte die Nachbemerkung der Redaktion zu beachten. Ich behaupte dem gegenüber, dass die Littcratur über die f.izucht nicht nur nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden darf, sondern als den meisten Menschen durchaus unbekannt — mit Einschluss derer, die von dem degenerativen Einfluss der Inzucht so fest überzeugt sind. Ich habe in meiner Broschüre ״Anthropologie und Zionismus“ (Jüdischer Verlag, Brünn) versucht, dem mit den! Sch'agwortc Inzucht getriebenen Missbrauch cntgegenzutnctc',1, indem ich an der Hand der Arheit von Peipcrs einen flüchtigen Uebcrblick über das vorl egende Material bot. Da ich in der Broschüre den Hauptwort darauf gelegt habe, zu beweisen, dass es noch heute eine indische Rasse gebe, so mag der von der Inzucht handelnde zweite Teil etwas zu stark ausgefallen sein. Ich bitte den Herrn Verfasser, nicht nur jenen Teil meiner Broschüre ad notam zu nehmen, sondern sich aus der Arbeit von Pcipers (Ailg. Zeitschrift fiir Psjvhiatric, 5S) die zahlreiche^ Litteraturangaben zu notieren und die betreffenden Arbeiten nachzulcscn. Weiterhin empfehle ich ihm Reibnuyr, ״Inzucht und Vermischung beim Menschen“. Die Lektüre der Quellen wird ilm bald darüber belehren, dass unser heutiges Wissen über die Inzucht die Annahme zulässt, dass ihr ein eutwickelungsiordemder Einfluss zuzitschreibcu ist, dass allermindestens ein scliüdlieber Einfluss derselben nirgends wissenschaftlich begründet ist. dass cs aber vor allem nicht gestattet ist, von der degenerativen Wirkung der Inzucht als von einer ״allgemein bekannten‘* Tatsache zu sprechen. Der Verfasser stellt nur e:n paar kurze allgemeine Betrachtungcli über die Kulturiiatione» des Altertums und der Jetztzeit an und kommt schon nach wenigen Zeilen zu dem Schlüsse, das eine Positive gehe aus seinen Ausführungen hervor, ״dass die Mischung der Rassen an sich mindestens kein Hindernis für die Erzielung o’ner tüchtigen Nachkommenschaft ist.“ Es ist mir nie in den Sinn gekommen, das zu bestreiten. Ich brauche für meine Beweisführung nur dh Aberkennung der Tatsache, dass die Inzucht keinen schädlichen Einfluss auf die Rasse ausfibt. icli bin aber sogar so weit gegangen zu behaupten, dass ihr vielleicht ein lörcVrlicher Einfluss ',zuzuschreiben ist. Wäre nun wirklich bewiesen worden, dass die Rassenmischung für tüchtige Nachkommenschaft kein Hindernis darstcllt — soll dieser Satz nun meine Behauptungen widerlegen? Sind das nicht vielmehr zwei Sätze, die sich gegenseitig überhaupt nicht berühren? Wie kühn, steh nach einigen flüchtigen Bemerkungen, die beweisen sollen, dass die Blutmischung kein schädigender Prozess ist, dahin zu resümieren: ״Damit wäre in Kürze die prinzipiell Frage zu gunsten der Mischehe beantwortet.“ Hier liegt ein massiver logischer Fehler vor. Wäre cs gelungen, zu beweisen, dass die Rassenmischung keinen schädigenden Einfluss ausübt, ist damit die Frage zu gunsten der Mischehe beantwortet? Ist es nicht bei alledem möglich, dass auch die Inzucht ״kein Hindeiiis für die Erzielung einer tüchtigen Nachkommenschaft ist," oder weiterhin möglich, dass sie förderlicher als die Rassenmischung ist? Welch ein Gedankensprung! Auf die Untersuchung der prinzipiellen Frage selbst lasse ich mich hier nicht ei.1. Jedermann, der der Ansicht ist, dass ״die Argumentation nicht allgemein bekannt“ ist, hat auf jeder grösseren Bibliothek Gelegenheit, die Literatur über diese Frage zu studieren. — Ich hatte weiterhin geschrieben, dass, wenn wir als krasse Individual sten berechtigt wären, uns nach eigenstem Ermessen auszulebcn, ohne altruistische Rücksichten gegenüber den individuaUstischen gelten zu lassen — dass dann nicht einzusehen sei, wfarum nicht ein Mann dem individualistischen Zuge der Zeit folgend, eine verheiratete Frau verführen dürfe, oder warum nicht der Soldat im entscheidenden Moment Rcissaus nehmen sollte, wenn -er mit Recht an/nimmt, dass sein Leben der Allgemeinheit grösseren Nutzen bringen kann als sein Tod. Es wird darauf erwidert, dass das schimpfliche Handlungen seien, die man nicht mit der Handlungsweise eines Juden, der eine von ihm geliebte Christin heiratet, vergleichen dürfe. Dieser

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