Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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So wie Pcssach ist auch Schabuotli ein Nationalfest des Jüdischen Volkes. Nur zwei verschiedene Seiten des nationalen Wesens kommen an den beiden Festen zum Ausdruck. Pessach feiert die politische Befreiung aus dem ägyptischen Joch und das Wochenfest gedenkt der Gründung einer spezifisch jüdisch-nationalen Kultur. Der Auszug aus Aegypten, die Begründung einer eigenen jüdischen Vclkskultur und endlich die Besetzung Palästinas sind nur drei Etappen auf dem Wege nationaler Selbständigkeit und volkstümlich-jüdischer Entwicklung. Es ist derselbe Weg, den wir auch heute einzuschlagen haben und zu dem wir uns bereits angeschickt haben. Wir müssen unsere Unterdrückten in Freiheit versetzen, müssen jüdisclic Kulturgcdanken entwickeln und pflegen und müssen als unverrückbares Ziel jenes Land im Auge behalten, in dein unsere Väter zu einem Volke wurden, in dem sie jene Kultur schufen, die dadurch die Grundlage der ethischen Kultur einer ganzen Welt werden konnte, dass sie durch und durch national und deshalb einheitlieh war. Die Gesetzgebung des jüdischen Volkes in ihren ethischen Grundsätzen nicht minder wie in ihrer Landesverfassung, die der modernen Hodcnbesitzreiormbewegung Mass und Ziel gegeben hat, ist nicht minder nationabjüdisches Eigentum, wie die Lehre von der strengen, unbeugsamen Gerechtigkeit, die den Armen und den Fremden schützt vor der Willkür und der Rechtsbeugung, wie sie das erste und einzige Gesetz war, das der Milde eines gerechten Gesetzgebers entsprang und das Tier in den Bannkreis eines milden und doch strengen Schutzes zog. Gewissermassen unter dem Zeichen des Schabuotlifestes, des Gedenktages und Geburtstages jüdischnationaler Kultur, treten unsere zionistischen Delegierten aus dem ganzen Deutschen Reiche in Hamburg zur ernsten Beratung zusammen. Wir haben schon wiederholt auf die Wichtigkeit dieser Tagung hingewiesen und sind dadurch heute der Pflicht iiberhobcu, Im einzelnen auf die reichhaltige Tagesordnung einzugehen. Um so wichtiger ist es, zu betonen, dass, wie der eine Grundgedanke nationaler Freiheit sich durch die ganze mosaische Kultur hindurchzieht, wie die nationalethische Kultur des Judentums untrennbar mit seiner Eigenart als Volk verbunden ist, dass so auch die zionistische Bewegung mit dem nationalen Gedanken steht und fällt. Nur aus dem nationalen Gedanken und Gefühl, nicht aus der Judennot oder gar aus dem Antisemitismus und seiner Abwehr heraus ist die zionistische Bewegung, geboren worden. Dieser Gedanke liegt allem zionistischen Wesen zu Grunde und bildet die Grundlage unseres Baseler Parteiprogramrnes. von dem nicht eher ein Stück geändert wird, als bis wir das Ziel unseres Strebens, die Erriehtung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimat des Jüdischen Volkes in Palästina erreicht haben. Wir werden nicht eher, als bis Israel in Palästina zu seiner Ruhe gekommen ist, von dem Baseler Programm ein Wort hinwegnehnien oder hinzufügen. Jene Gegner, die da meinen, wir seien von unsernt Endziele abgekommen, weil unser Aktionskomitee eine Expedition zur Erforschung eines Teiles von Britisch-Ostafrika entsendet, irren sich ganz gewaltig. Denn diese Entsendung muss von dem Standpunkte aus betrachtet werden, dass nach dem Kongressbeschluss keine zionistischen Parteimittel hierzu verwendet werden dürfen, und dass die gleiche Tagung, die diese vom Kongress vorher gebilligte Ent- Sendung beschloss, den Gegnern des Ostafrikaprojekts ausdrücklich zugestand, dass es kein Verstoss gegen die I Parteidisziplin sei, wenn sie grundsätzlich gegen eine ostafrikanischc Kolonisation durch die Zionistische Partei Front machen wollen. Nein, es wird kein einziges Wort von unserrn Baseler Programm fallen, ehe es uns gelungen ist, es in die Tat umzusetzen. Und so wenig wir uns von Palästina als unsernt einzigen Ziele abdrängen lassen, so wenig werden wir jenen Gegnern ihre Wünsche erfüllen, die gen! Zwie״ tracht und Streit in unsere Reihen tragen möchten. Wozu anders hätten sie jetzt unmittelbar vor unserer Hamburger Tagung die Meldung durch den Blätterwald rauschen lassen, dass die deutschen Zionisten ihre ausländischen Brüder in Deutschland zu Parteigenossen zweiter Klasse herabdrücken möchten, wenn nicht ausschliesslich zu dem Zwecke, um bei etwa entstehendem