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Jüdische Rundschau · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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nnydlNBdfcAJMM■• A No. 18. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 195. sehen, ihrer Juden an gegenüber der Vergewaltigung durch russische Behörden. Das amerikanische Unterhaus nahm die Resolution an, Russland aufzufordern. Juden mit amerikanischen Pässen keine Schwierigkeiten zu bereiten. Die Presse erwartet bestimmt, dass Russland nachgeben wird. Aber das hängt wohl mit der ganzen amerikanischen Politik und nicht mit ihrer etwaigen Judetffreundlichkeit zusammen. ’ Der Petersburger amerikanische Botschafter Überreichte dem Grafen Lamsdorff eine Note, die energisch eine Abschaffung der Passplackereien für amerikanische Journalisten, die Russ-!and bereisen, fordert. Die Note schlägt einen drohenden Ton an und stellt einen diplomatischen Zwischenfall in Aussicht, falls die russische Regierung nicht nachgibt. Die Nachrichten, die das Berliner Tageblatt über innerrussische Zustände bringt.' sind jetzt mehr als ic von Freund- Schaft und kommerzieller Hinneigung zu Russland eingegeben, und sie müssen mit Vorsicht genossen werden, denn sie leisten — wie es in der Diplomatensprache heisst — ..der russsisichen Regierung die guten Dienste“. Die Niederlagen der Russen am Jalu erfreuen zwar jedes menschlich fühlende Herz und die Sjuipathien jedes Kulturmenschen begleiten de siegreichen Fahnen der für nationale und humane Kultur kämpfenden Japaner, aber wir wollen darüber keinen Augenblick vergessen, dass es unsere Brüder und die auch unterdrückten Polen sind, die dort im Osten für das Sticfvaterland bluten, während Russland seine lieben Kazappen und Kosackcn zurückhält vom Kampfe, bis sic den Osterrausch ausgeschlafen haben. ln Oesterreich gchts wieder drunter und drüber Dabei haben die Juden am allermeisten zu leiden. Wie man m't ihnen zuweilen umgeht, möge folgender Bericht des ..Karlsbader T a g e b 1 a tt s“ illustrieren: ״Klschinewer Rechtspflege. Ein Rechtsfall aus unserer Stadt gelangte heute zu unserer Kenntnis, der nicht nur bei Laien, sondern auch bei alten erfahrenen Juristen Kopfschütteln erregt. Der Vorfall verhält rieh iolgcndermassen: Es Cst eine leider genügend bekannte Tatsache, dass in unserer Stadt Knaben Israelitischer Konfession häufig durch Beschimpfungen zu leiden haben, die darin bestehen, dass ihnen andere Knaben auf der Strasse ״Jud“. ״stinketer Jud" nachzurufen pflegen. Grössere israelitische Knaben pflegen sich diese Beschimpfungen nicht gefallen zu lassen und so kommt es zuweilen zu Schlägereien zwischen den Schimpfern und Beschimpften. Dor.Fischcrner Knabe Franz Joseph D. pflegt nun in dieser Beziehung etwas weiter zu gehen, als die anderen, denn, me wir eventuell erweisen könnten, zog derselbe, wenn sich israelitische Knaben diese Beschimpfungen nicht gefallen lassen wollten, schon ein oder zwo!• mal aus der Brusttasche ein Messer hervor, um dasselbe zu gebrauchen. Am 16. d. M. gingen nun mehrere Knaben israelitischer Koniession u. zw. die Bürgerschiilcr William Kohn. Ernst Kohn und Wciss ln der Kaiser Franz Josephs-Strasse ruhig spazieren, als D. mit einem grossen Burschen des Weges kam. und sie wie gewöhnlich zu beschimpfen begann. Den Knaben Ernst Kohn. einem sonst ruhigen, gesitteten Burschen, kränkte diese Beschimpfung so sehr, dass er dem D. eine Ohrfeige gab. Dieser griff sofort wieder in die Brusttasche, riss, wie oci früherer» Gelegenheiten, etwas daraus hervor und stach damit nach Emst Kohn. Dieser bückte sich jedoch rasch und D. stiess den unbedingt scharfen Gegenstand dem unbeteiligten Knaben namens William Kohn derart unglücklich zwischen Auge und Schläfe, dass demselben eine drei Zentimeter lange und einen halben Zentimeter riefe Schnittwunde zugefügt wurde. Sein Vater, der ihn mit der beängstigend aussehenden. klaffenden Wunde traf, brachte ihn zu Herrn M.-Dr. Sigm. Landsmann, der beinahe eine Stunde damit verbrachte, die Wunde zu vernähen und zu verbinden. Nachdem William Kohn durch 8 Tage einen vohkommenen Verband am Kopfe trug, der seinen Besuch in der Schule verhinderte, und förmliches Aufsehen auf der Strasse erregte, ist er nun so weit hcrgcsteUt. dass er lediglich einen Jodoformverband benötigt. Von diesem Vorfall hat nun die hiesige Polizei Kenntnis erlangt, und in Vcrb.'naung damit, haben wir einen ganz merkwürdigen Vorfall zu berichten. Anstatt dass dieser Vorfall ordnungsmässig an das k. k. Bezirksgericht zu: Untersuchung geleitet worden wäre, da hier ohne allen Zweifel eiie Verletzung des § 411 St.-Q. vorliegt, nach welchem berelts 10jährige Knaben wegen derartigen Uebertretungcn be- 'straft werden können, wurden der starkvc.-letzte Knabe William Kohn. der nur durch eine himmlische Fügung sein Qchirn und Auge unverletzt hat. der zweite Knabe jüdischer Konfession ernst Kohr der Sohn einer Witwe. und d׳.- dritte unbeteiligte Knabe Karl Weiss von der Polizei bei de־ Scnulc zur Be• strafung angezeigt, und die Eltern wurden verständigt, dass ,hre Kmder eine ״dreier Klasse“ aus Sitten erhalten. Keine gerichtliche oderr andere Untersuchung, keine Einvernahme weder der Knaben noch doren Eltern bei Gericht fand statt, noch wurde der Arzt vernommen. Der Herr im Polizeiamt hat alles für das k. k. Bezirksgericht und für die Zeugen glatt erledigt, es bedurfte weiter gar keiner Einmischung. — die drro. Judenbuben sind bestraft, das Gewissen des Herrn Polizeibeamten beruhigt, und — die Kischinewer Justiz ist ausgeübt. Es fehlt nun nichts w׳eiter. als dass der Herr Beamte, der diese Art Justiz in Karlsbad cinführen wäll, befördert wird. Besser wäre es freilich, wenn nach derartigen Umständen der poii/eiliehe Apparat unserer Stadt einer gründlichen Revision unterzogen wird, und dass, wie in anderen Städten, polizeiliche Bestrafungen und Verfügungen in Zukunft ausschliesslich von einer Person vorgenommen werden, die eine vollst:ind׳ge juridische Ausbildung genossen hat. Es!st eine alte Erfahrung im Polizeiwescn. dass Beamte für Unte;M1chu1gen ganz wohl geeignet sein können: allein zur Fällung von Urteilen. Verfügungen und Entschliessungcn juridischen Charakters ist hesonders in einer Stadt, wie sie Karlsbad ist, nur ein atsolvierter Jurist besser geeignet.' Dass ein Junge, der aus Verselten den Kopf zerstochen erhält, dass er ihm zugenäht werden muss, noch dafür bestraft wird, steht jj den Annalen der Justiz einzig da und cs wäre schon deshalb empfehlenswert gewesen, dass die Polizeibehörde in dieser Sache genau זר vor gegangen wäfe. nachdem der Vater des jugendlichen Täters einen amtliehen Charakter hat, der ihn mit der Poüzel in häufige Verbindung bringt.“ Wir wollen dabei nicht leugnen, dass auch unter uns Juden Roheit und Gewalttat mög'ich sind, und nach der Wahusinnstadt des Luban, von dem man nicht wciss, ob er Armenier oder Jude ist. wohl aber dass er iür seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden darf, kommt jetzt eine Meldung ähnlicher Art aus Jaffa, wo ein in gewissem Sinne noch ekelerregendes Attentat verübt wurde, von jemandem, der für seine Handlungen sehr wohl verantwortlich zu machen ist, auch wenn er einem ihm selbst kongenialen Kre'sc angehört. Die russischen Behörden sorgen sehr streng dafür, dass die von ihnen inszenierten kleinen Judenverfolgungen nicht ausser Landes bekannt werden, um ihrem Bundesgenossen auf dem Geldmarkt, der sogenannten ,.Judenpresse“, nicht unnütze Ungclegcnhcitcn zu bereiten. Diesmal ist aber ein solches kleines Pogromchen durchgegangen. Wie po’nische Blätter ausserhalb des christlichen Russland melden, brachen in Bender, drei Stunden von Kischinew, Exzesse gegen die Juden aus. Mehrere Juden und ein fünfzehnjähriges Mädchen wurden ermordet, eine Wöchnerin wurde aus dem Fenster auf die Strasse geworfen und ihr dann der Schädel gespalten. Erst dann erschienen Kosaken, die die Exzedenten zerstreuten und die Ruhe wieder!!erstellten. Ueber eine Schandtat ohne gleichen wird uns aus Jaffa aus vertrauenswürdigster Quelle berichtet: Unser wackerer Freund Dr. Hillel Joffe, der sich immer auf dem ersten Posten befindet, wenn es gilt, für unsere Sache einzutreten, ist soeben glücklich einem empörenden Attentat entronnen, das von einigen niedrigen Rädclsiührcrn der Jaffacr Gemeinde gegen ihn angestiftet wurde. In dor Nacht vom Sonnabend, dem 16. April, erhielt Dr. Joffe eine Zuschrift von einem seiner Kollegen itn Zcntralbureau der Organisation der palästinischen Judenschaft (Wa* ad harnmerkaz), in der ihm mitgetcilt wurde, dass eine Bande von Rowdics mit einem ihrer Chefs, Moritz Schönberg an der Spitze, in das Bureau eingedrungen sei. Zugleich wurde er gebeten, seinen Kollegen aus der schlimmen Lage zu bcfreien. Ohne zu ahnen, w׳elchcm Skandale er sich aussetze, alte Dr. Joffe, der schon häufig in ähnlichen Fällen seinen Mannesmut bewiesen hat. ins Bureau, ungeachtet der Bitten seiner Familien und Freunde, die ihn zurftckhaltep wullten. Im Bureau umzingelte ihn die freche Bande mit ihrem Chef an der Spitze sofort. Während er sich bemühte, Ruhe und Anstand herzustellen, erhielt Dr. Joffe plötzlich einen heftigen Schlag über den Kopf, von einer zweifellos mit einem scharfen Instrument bewaffneten Faust. Er empfing-über (fern linken

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