Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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41 No. 18, JÜDISCHE RUNDSCHAU. t . Seite 191. J sinnungsgenossen. die auf die Auswahl von Vorträgen in Litteraturvereinen Einfluss haben, darauf aufmerksam, dass Dr. Pnedcmann bereit, ist. seinen Lichtbildervortrag in Littcratiuvereinen zu halten.' Bei unserm Publikum, das schon durch Vorträge der Mannheimer Gesinnungsgenossen l)r. Moses und. Julius Simon vorbereitet wurde, ist durch dert Fricdcmannschcn Vortrag unsere Sache wieder ein Stück vorwärts gekommen. Dem Redner deshalb besten Dank! Koakursausschretben Im Hinblick auf die Absicht des Komitees der ״Gesellschaft zur Unterstützung der Ackerbauer und Handwerker in Palästina und Syrien“, an ihre Mitglieder Diplome zur Verteilung zu bringen, ist es wünschenswert, eine Zeichnung zu haben, welche symbolisch diejenige Idee zum Ausdruck bringen soll, die unsere Pioniere in Palästina beseelte und ihnen die Kraft ver* lieh, alle Unbilden aus Liebe zum Lande unserer Ahnen geduldig zu ectragen. Die Fiiianzkommission der Gesellschaft schlägt deshalb den Künstlern vor. eine entsprechende Zeichnung zu entworfen und an das genannte Komitee nach Odessa zu senden. Für die beste Zeichnung erteilt das Komitee eine Prämie bis zu 200 Rubel. Der Text muss hebräisch sein. Mit Anfragen wolle inan sich geil, an Herrn Dr. S a p i r, Odessa, Gr. A r 11 a u t s k a j a 59. wenden. Der Vorsitzende d:r Finanz-Kommission. Dr. J. S a p i r. Hamburg, den 22. April. Die Ortsgruppe Hamburg- Altona des Zentral Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am Dienstag abend eine Versammlung mit der Tagesordnung: Vortrag des Herrn Dr. Caesar Seiigmann. Frankfurt a. M.: 1. Der Wille zum Judentum. 2. Freie Aussprache. Die etwa 1000 Personen zählende Zuhörerschaft hatte sich. — das Thema dürfte' viel hierzu beigetragen haben — erneu eigenartigen Genuss von den Ausführungen des als Tempel- Predigers hier nCcht unbekannten Herrn versprochen und ich muss gestehen, es war in der Tat ein eigenartiger Genuss, den der Abend brachte, eigenartig im Vortrag, eigenartig in de! Diskussion. Lassen Sie mich schon aus diesem Grunde (und Sie werden weiter unten sehen, dass für meine Entschliessung noch ein weiteres stichhaltiges Moment bestimmend war) auf die übliche Art der Berichterstattung zugunsten einer Milleuschilderung. einer Personaiskizzc oder wie Sie sonst meine Zeilen nennen wollen, für diesmal verzichten.. Der Vorstand der Berliner Gruppe der grossen deutschjüdischen Vereinigung, die. wie ich schon hier hervorheben möchte, neben der himmelhoch grösseren Idee des Zionismus, der Kolonisationsvercinc etc. durchaus ihre Berechtigung hat. der Vorstand dieser Gruppe ist entschieden zielbewusst und gut beraten: Entw׳edcr kannte er Herrn Dr. Caesar Seligmanns Ausführungen vorher nicht, dann dokumentierte sich seine Voraussicht darin, dass er Herrn Rechtsanwalt Hörwitz aus Berlin zur Assistenz delegierte oder er kannte Herrn Dr. Caesar Scligmanns Ausführungen und — — dann hat der verehrliche Leser nur nötig, die Konscmienzen. die ich aas dem Vordersätze gezogen habe, an dieser Stelle noen einmal zu ziehen. - Also es erschienen der Redner zwei! Da. wie man unten sehen ward, an diesem Abend so manches verkehrt ging, lassen Sie mich mit dem zweiten Redner des Abends. Herrn Rechtsanwalt Horwitz beginnen. Herr Horwitz ist Volksreduer. Volksreduer. der auf der einen Seite ein grosses Publikum durch seine Persönlichkeät, durch rhetorische Konzessionen und Witzelten zu fassen versteht, der an der richtigen Stelle es auch nicht verschmäht, den einen oder anderen Gemeinplatz in etwas modernisiertem Gewände einem dankbaren Publikum zu präsentieren. Kunst- Stückchen, die man zu grösseren oder kleinerem Teile dem Volksredner konzedieren kann. Volksreduer. der auf der anderen Seite aber auch geschickt •— gcwisscrvnassen cn passant durch eine rasche Verbeugung — seine Verbindlichkeiten geistig höher Stehenden gegenüber eiulöst. deren Appetit mit einem schnell hingeworfenen Geistesbrocken wachhält, um rascl» wieder der grossen Masse mit stereotypem Lächeln die Alltagskost in breiter Sauce weiter zu servieren. Am Dienstag abend ging Herr Horwitz — ich würde mich freuen, dies ausschliesslich auf Konto der allgemeinen Erregung setzen zu dürfen, — leider zu weit, indem er sich nicht scheute, mit kleinen Ungenauigkeiten und mit Faktoren zu operieren, zu denen ein ernsthafter Redner, nicht greifen sollte, — Warum ich mich mit Herrn Rechtsanwalt Horwitz aus Berlin zunächst eingehender beschäftigte? Weil e r der Redner des Abends w־ar, trotzdem die Vcrsammlimgseinlasskarten seinen Namen nicht nanutei». und weil er rettete, was zu retten war. Doch später noch von ihm. Eine imposante Versammlung! Der mächtige Saal besetzt bis «1 die dunkelste Kcke. bis auf den letzten Stuhl, selbst auf den Galcrleen kein leerer Platz. Publikum, das sich überwiegend aus den höheren Schichten des Mittelstandes, und zwar grossenteils aus Angehörigen der liberalen Tcmpelgemeindc zusanmiensetzt. die wohl das Interesse für den Vortragenden angclockt hatte. Und dies dürfte auch den zweite׳- losen Befall begründen, der den Ausführungen des Redner* folgte. Und doch, inhaltlich welche Leere! An Stelle des Mannes, der 1ms mit begeisterten Worten Glühendes. Unvergessliches cns Herz graben soll, betritt ein Prediger die Bühne, der in breit-pastoralem, salbungsvollen» Tone cii» Etwas vorträgt, das dem Aestheükcr schon in der Form die Haut schaudern machte, der mit dem weinerlich-gerührten Stimmfalle eine* Mi'itärpfarrers erzählt, wie er in seinem ,.Kämmerlein“ auf und abwandelte, ratlos, was er seinen lieben Hamburgern nur bringen könnte, der stöhnt und bittet und fleht und jammert und die Hände ausstreckt, dessen uns leider von der Kanzel her so bekannten Sätze in tötender Einförmigkeit mit: ..Wer von uns hat nicht . ״Wer von euch ist nicht . .?*״ ־Sind wir nicht alle...?" ״Aber meine Lichen...!*‘ beginnen und fast durchweg ausküngcu i:* eine aufdringliche und deshalb peinlich wirkende VerlierrKchuing des natiomldeutsclun Wesens unserer Judenheit. eine Apotheose, die nicht nur un* ästhetisch in Form, sondern unästhetisch im Inhalt, geradezu widerlich durch die ewige Wiederholung wurde Und dies derselbe Mann, der gerade hervorliob. dass wir einer osten- :ativen Betonung unserer Loyalität nicht bedürfen. Die Redner des Zentralvereins deutscher Staatsbürger ־ - 2. Klasse, wie ein malitiöser Freund bemerkte ־ sind — und das ist nach den Tendenzen dieser Verenigung nur erklärlich und aus diesen heraus anzuerkenncu ־ ' genötigt, gerade diesen Punkt: die Betonung des nationalen Deutschtums dem grossen Publikum gegenüber in den Vordergrund treten zu lassen, wie es ia Menschen gibt, die es für unmöglich halten, die Trauer um einen Verstorbenen •ln anderer Form, als durch schwarze, den» verehrlichcn Publiko schon von weitem sich»- bare Kostümierung nach aussen hin zu dokumentieren. Und Schreiber dieses hatte selbst des öfteren Gelegenheit, von Agitationsrednern jener Vereinigung nach dieser Richtung hin •Meinungsäusserungen zu hören, die jeder in Deutschland lebende Jude, mag er (je nach der Beschaffenheit seiner Geduld und seines Felles) über die ihm zuteil werdende Behänd- ,»mg erbittert sein oder nicht, ohne weiteres wird unterschreiben müssen oder können. Wer aber die Tirade»» des Hem» Dr. Seiigmann hörte, wer ihn pathetisch die Arme ausstreckcn sah. wer ihn triefen sah von ״Teutschtunt". seine salbungsvollen Appelle vernahm, dessen Inneres hätte sich empört, auch wem» der Redner sich einzelne, durch •Ihre Originalität geradezu frappierende Gedanken ganz geschenkt hätte. Zum Belege hierfür einige Zeilen aus den Referaten der Hamburgei Tagesblätter. Es heisst dort: ־ ..Der Redner (Dr. Seligrnam») betonte, dass man den deutscheu Juden noch immer den Vorwurf mache, sic seien keine treuen Staatsbürger und Hessen cs an vaterländischem Empflnden mangeln, aber wollen wir etwa wegen dieser Anklagen ein vor 2000 Jahren bestandenes Reich wieder aufplchtcn. ein eigenes Staatswesen gründen? Al'erdings haben sich uns die Jugendträume des vorigen Jahrhunderts nicht erfüllt, die alten treiyncnden Schranken sind von der modernen Gesellschaft wieder aufgerichtet worden und vom Nachbarstaate her weht die bhrtig-rotc Fahne der Verfolgung. Aber dessen ungeachtet sind wir deutsche Staatsbürger nicht nur dem Rechte nach, sondern auch vor allen Dingen unserem Geiste und unserer Empfindung nach. Selbst diejenigen Juden, de dem Zionismus huldigen, haben doch eine deutsche Seele. Und wie könnte es auch anders sein! Sind doch deutsche Kultur und deutsche Elemente die Hauptfaktorenj d׳;r modernen jüdischen B1Idu 11 g. Die deutsche Wissenschaft hat unseren Wissensdurst gestillt, deutsche Kultur vmd deutsche Kunst haben unser Empfinden veredelt. Sollen und können wir unsere deutsche Seele verleugnen, unsere ücutsclic Kultur aus der Seele reissen? Nein und abermals nein! Doch dies ist die geringste Gefahr, unser Wille zum Deutschtum ist nicht in Gefahr, wenn mir die anderen uns unser verfassungsmässiges Recht nicht auf dem Verwal- . tungswego entziehen.- wenn nur die errichteten gesellschaft* liehen Schranken fallen wollten,.so.stürzen wir freudig in die uns geöffneten Arme der L'jebc!“ — Zur Charakteristik der Einheitlichkeit des jüdische!» Q$-