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Jüdische Rundschau · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ttez 4• lfgj-8:___JÜDISCHE RU Ueber Mischehen und jüdisch-nationale ׳' Gesinnung. Zu dem Artikel von Dr. Sandler in No. 16 der ״Jfid, Rundschau". ln No. 16 der ״Jüdischen Rundschaö19 ״CM findet sich ein Aftikel Sarvdlers über ״Mischehen und jüdisch-nationale Oeännang'% 1)10 logische Schärfe des־ rühmlichst bekannten Auforü t\ird ihren Eindruck auf die Leser nicht verfehlen. Wird sie sie auch überzeugen? Ich glaube nicht, denn gerade die Hauptsache, die Beweisführung, dass die Mischehe zwischen dem jüdischen Mann und der arischen Frau der jüdischen Sache schädlich ist, lässt zu wünschen übrig. Es kommen hierbei zwo: Prägen in Betracht. Einmal die allgemeine,• ob Mischehen überhaupt besseres oder schlechteres Menschemmteria! als die Inzucht liefern. Und dann die spezielle, ob es für die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes angebrachtcr ist, ,Mischlinge in die Volksgemeinschaft hineinzubrdn- . gen, als letztere als reine Rasse 71! erhalten. Bisher wurde immer geglaubt, dass eine lange fortgesetzte fnzu'eht, eine beständige Ehe unter Verwandten zur Degeneration liiiirte Und dass eine Kreuzung mit fremdem Blute, sofern letzteres einer mindestens gleich edlen Rasse angehört, vortcüliaft sei. Sandler steht auf dem entgegengesetzten Standpunkt. Er will den Nachweis geführt haben — wo, ist leider nicht angegeben — dass, nach dem Stande unseres heutigen Wissens der Rasseninzucht vielleicht ein förderlicher Einfluss zuzuschrieben sei. Wer hat nun Recht?• Experimentell lässt sich der Streit nicht entscheiden. Denn was die diesbezüglichen Tierversuche anbetrifft — in der Landwirtschaft liegen ausgedehnte, seit langer Zeit methodisch fortgesetzte Untersuchungsversuche über Rassen-Kreuzung und Inzucht vor —, so können diese; absolut nicht auf den Menschen übertragen werden. Allein schon aus dem Grunde, weil da Probleme ganz anderer Art in Frage kommen. Wenn der Landwirt seine Lämmer, der Pferdezücfrtcr das Blut seine Rcnnställe kreuzt, so will der eine eine besonders feine und feste Wolle, der andere einen bisher unerreichten Rekord von Schnelligkeit erzielen. Alles andere ist ihnen gloichgiltig. . Beim Menschen kommt es dagegen darauf an, dass alle seelischen und körperlichen Eigenschäften glelchmässlg gesteigert werden und nicht eine auf Kosten der anderen bevorzugt wird. Mithin bleibt nichts anderes übrig, als diejenCgen Völkerfamilien zu Rate zu ziehen, die allgemein als die edelsten anerkannt sind — das sind die grossen Kulturnationen — und bei diesen zu untersuchen, ob sic reine Rassen oder aus der Mischung verschiedener Volksstämme, das heisst aus Mischehen, hervorgegangen sind. Und da muss man doch sagen, dass alle Kulturnationen des Altertums und der Jetztzeit, soweit sich dies feststellen lässt, aus der Mischung verschiedener, Rassen hervorgegangen sind. Daraus folgt allerdings nicht, dass nicht auch reine Rassen kulturfähig wären. Denn dieser negative Satz würde sich nur dann ergeben, wenn ausgedehnte Versuche mit reinen Rassen vorliegen würden und diese ilxpcrimentc stets zu Fehlschlägen geführt hätten. Das ist der Natur der Sache nach ausgeschlossen. Ebenso lässt sich daraus nicht folgern, dass etwa alle Mischnationen besonders für die Kultur befähigt wären. Aber das eine Positive geht doch daraus hervor, dass die Mischung der Rassen an sich mindestens kein Hindernis für die Erzielung einer tüchtigen Nachkommen- Schaft ist. Damit wäre in Kürze diese prinzipielle Frage zu gunsten der Mischehen beantwortet. Einzelheiten beizubringen erübrigt sich, denn die Argumentation ist so oft gemacht worden, dass sic als allgemein bekannt vorausgesetzt werden darf. Ehe ich nun zuvor Beantwortung der speziellen Frage, ob nämlich die bestehende Rassereinheit des Judentums im nationalen Interesse aufs strengste zu wahren sei oder nicht übergehe, muss Ich gegen die Ausführung Sandlers, die offenbar weit über das Ziel hinausschiesst, Einspruch erheben. Sandler gibt zu, dass man N D S C H A U,_* Seite 189. ein guter Nationaljude sein, sich aber doch in eine Christin ver- Leben könne. Aber heiraten dürfe man sie nicht. ״Denn.“ sagte er, ״wenn der Individualismus solche Schranken durchbrechen darf, so ist nicht einzusehen, weshalb man nicht eine verheiratete Frau verführen oder vor dem Feinde desertieren darf.“ Qemach, hier handelt es sich doch um recht verschiedene Dinge. Wer eine verheiratete Frau verführt oder vor dwn Feinde fahnenflüchtig wird, begeht eine schimpfliche Tat, beflockt sich mit einem nie wieder gut zu machenden Makel, dor ihn In den Augen aller herabsetzen muss. Wer die l'rau, die er liebt, heiratet, tut dagegen etwas, was, abgesehen von der Orthodoxie, deren Standpunkt auch bei Sandler nicht ausschlaggebend ist, alle Welt billigt und billigen muss. Das sind doch kolossale Unterschiede und sie dürfen nicht aus den Augen gelassen werden.־ will man nicht Qefahr laufen, zu Schlüssen zu kommen, die unstichhaltig sind. Der Zionismus ist gewiss eine sehr schöne Sache; Aber man kann doch nicht alle Dinge einzig und allein aus einem Gesichtswinkel betrachtet!, sonst lässt sich nicht einseheii, warum man z. B. aus nationalen Gründen nicht ebensogut die Führung eines rituellen Haushaltes, die strikte Befolgung der med'ziiiischen und juridischen Vor- Schriften des Talmud, den Gebrauch der hebräischen Sprache im alltäglichen Leben und ähnliche Ueberreste "unserer alten jüdischen Kultur mehr verlangen könnte. Was nun die eigentliche Beweisführung Sandlers inbezugauf dio These, dass die Rassereiuheit des Judentums zwecks Erreichung des zionistischen Endzieles aufs strengste zu־ wahren sei, anbetrifft. so hebt Sandler ganz richtig hervor, dass die Wertung der. gegen die Mischehe sprechenden Momente eine verschiedene sein muss, je nachdem man sic vom religiösen oder vom nationalen Standpunkt aus betrachtet. Das religiöse Moment interessiert hier nicht;- zudem legt Sandler auf diese Seite der Frage kein besonderes Gewicht. Es bleiben also nur die nationalen Argumente Sandlers übrig. Er führt deren meist •— In Uebereinsümmung mit Saxo- Judäus folgende an: * ־ ״ ' 1. Die Einbusse, die das jüdische Volk an einzelnen Indivlduen erleidet, indem der grösste Teil der aas Mischehen stammenden Nachkommen dem Judentum verloren geht. •.׳ 2. Die Unmöglichkeit der arischen Mutter, dem heranwachsenden Geschlecht das jüdische Empfinden mit der Muttermilch einzuflössen, ihm die jüdische Erziehung nüt allen ihren spezifischen Nüancen angedoihen zu lassen. ׳ 3. Das für Sandlers Anschauung ausschlaggebendste und wichtigste Argument Ist die Zuführung fremden Rasseblutes. Unser Rasseblut sei dor Träger unserer jüdschen Eigenart und müsse rein erhalten bleiben. Sonst müsse das jüdische Nationalbewusstsein aufhören. Die Blutmischuug würde unsere spezifischen Charaktere verwischen. Das wäre jedenfalls der Tod der jüdisch-nationalen Bewegung. Sehen wir uns einmal diese dreü Gründe Sandlers auf ihre Richtigkeit an! Dass 75 Prozent der Nachkommen aus Mischchcn in Berlin dem Judentum verloren gehen, ist Tatsache. Aber wie viele gehen denn aus rein jüdischen Ehen verloren? Die Zahl derselben muss doch von obigen 75 Prozent abgezogen we־״den. um bestimmen zu können, um wieviel mehr die Mischehe das Judentum schwächt. Dass sie sie schwächt, scheint mir unbestreitbar. Aber Ich glaube nicht, dass sie es In so hohem Masse tut, als nach der blossen Zahlenangabe von 75 Prozent vermutet werden könnte. Auch das zweOte Argument Sandlers, die Unfähigkeit der arischen Frau, das altjüdische Familienleben zu tradieren, bcsteht offenbar zu Recht. Aber Sandler vergisst, dass die Pflege altjüdfschcr Gebräuche sich keineswegs mit nationaler. Gesinnuug deckt. Beides sind toto coelo verschiedene Dinge. Sie haben ebensowenig wie Orthodoxie und Zionismus etwas mit einander gemein. Absolut Recht würde Sandler nur für den FaJI haben, dass die ־christliche Frau an sich ein Hindemis für die Ausbildung national-jüdischer Gesinnung ihrer Nachkommenschaft wäre. Aber das wird Sandler wohl •selbst nicht

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