Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 18. Seite 188. JÜDISCHE RUNDSCHAU. liehe Oeist ־ mögen sich wohl zeitweilig daran zu klammem wissen. Wo aber es sich hier um die Wertung einer ewigen Wahrheit handeln soll, müssen wir die Frage in das Licht der Wissenschaft rücken und zu gestehen, dass von einem offenbarten Qotte in dieser Beleuchtung schwerlich wohl die Rede sein kann. Nur wenn wir das göttliche Prinzip einzig und allein als die Versöhnung des kausalen Prinzips mit dem ethischen auffassen, die Gottheit lediglich zum Postulate eines Gemütsbedürfnisses erheben, so. wird dagegen auch die Wissenschaft kaum etwas einwenden. Für den Monotheismus im Speziellen aber erscheint damit nicht mehr gewonnen als für jede andere Religionsform, da Ja eine Frage des Gemütes nur aus dem Gemüte heraus ihre Beantwortung und Lösung finden kann. Wer diese Lösung zu einer neuen Formel zusammenschweissen will, der muss tief hinabgeschaut haben in die Werkstatt, ln das Rätsel-Labyrinth der menschlichen Seele, wenn ihm der Ariadne-Faden nicht verloren gehen soll. Ein neues Zauberwort, ein ״Sesam öffne dich“ muss ihm zu Gebote stehen und kläglich scheitern wird derienige, der nur alter Weisheit Stücke aus ihrer organischen Fassung zu brechen sich erkühnt. — Das Dogma der Monotheismus beruht, wie Jede nicht durch wissenschaftliche Erfahrung gewonnene Lehre ausschliesslich auf dem Prinzipe der Autorität, und mit dem Augenblicke, wo seine Verkünder selbst begannen!, durch Abstriche an keineswegs unfassbar übersinnlichen, sondern klar nationalen uralten Gebetsformeln und durch Hinweg- Interpretierung von ebensolchen Bibelstellen die Grund- Pfeiler dieser Autorität abzutragen, haben sie selbst den schlagendsten Beweis dafür erbracht, dass sie ein Totes zum Ideal erheben wollten, sind sie aus Lehrern des Volkes zu Exekutoren von Parteiprogrammen herabgesunken. Wozu soll dem Voiksgemüte der Harnisch des Monotheismus dienen, wenn dessen Retter ihn aus den Fugen reissen? Ja, als Moses dem Schicksals- und wandermüden Volke unserer Väter hoch vom donnernden Sinai her das Wort vom einigeinzigen Gotte verkündete, als er es damit säulengleich emporhob aus den Völkermassen ringsumher, da hatte er aus der Intuition seiner grossen Seele heraus das Gemüt seiner Nation durchschaut auf Aeonen hinaus und in diesem Sinne ist seine prophetische Sendung eine Tatsache, an welcher keine wissenschaftliche Krit'k je zu rütteln vermag. Damals — umwogt von dem Wüste barbarischer Weltauffassung — bedeutete Monotheismus Heldentum! Welches ist die Glorie, die sich an den Kampf für ihn in unseren Tagen \ knüpfen soll? Zum Objekte des Pfaffengezänks ist er hcrabgewürdigt, das, der wahren Wissenschaftlichkeit bar, ewig unfruchtbar bleiben muss. Die Sehnsucht der menschlichen Psyche dürstet nach etwas anderem. Der so nüchterne Protestantismus weiss, warum er an dem Abendmahl in seiner ganzen Symbolik als einem seiner ^integrierendsten Dogmen festhält. Wir aber, die wir reich waren an Schätzen, nicht mystischen, wohl aber archaischen und poetischen Wertes, sind bettelarm geworden in unserem Gemüte, seit daraus die Blume alt- Jüdischer Tradition mit Stumpf und Stiel hinweggejätet worden ist, ohne dass an ihrer Stelle etwas Neues gepflanzt wurde. Diese gähnende Leere des Gemütes ist es, welche uns in der eingangs erwähnten Stumpfheit und Gleichgiltigkeit des deutschen Judentums gegen alle Ideale entgegentritt. Wo als Kriterium der Zusammengehörigkeit nur noch die Scheu vor der Taufe mit ihrem Appell an das letzte Quäntchen Logik und das schwächste Fünkchen Ehre gilt, wo nur noch der Kultussteuerzettel die Standarte bildet, um die man sich schart, da kann von keinem positiven Gemeingefühl mehr, geschweige denn yon Jüdischen Idealen, Irgendwie die Rede sein. Daher dann auch auf der anderen Seite die noch merklich über das Durchschnittsmass unseres materiellen Zeitalters hinausragende Rastlosigkeit im Hasten nach dem Profit und nach äusserlichen Ehren, auf geistigem Gebiet das Hervorkehren des Dekadenzstandpunktes i!n Schrifttum. Denn auch ein deutschpatriotisches Ideal ist das Judentum, welches sich infolge der unüberwindlichen Abneigung der deutschen Volksseele in gleichem Masse isoliert sieht wie in früheren Jahrtausenden, nicht zu erfassen imstande. Wenn wir somit die* überwiegende Untauglichkeit des deutschen Judentums für den Zionismus auf einen Fehler der Belehrung, der Erziehung zurftckzufüliren uns berechtigt halten, so ergibt sich damit für uns zugleich die Richtung für den Weg zur Abhilfe. Es scheidet unter diesem Gesichtspunkte für unsere Bestrebungen die ältere Generation im allgemeinen völlig aus. Mögen hie und da einzelne in gutem Sinne atavistisch veranlagte Individuen sich zum Erfassen der Kernpunkte unserer nationalen Idee hindurchringen, der grossen Masse der Aelteren werden wir stets unverständlich bleiben. Wir brauchen deshalb nicht auf den Sympathicschckcl und die platonische Anerkennung des Programms verzichten, wenn wir nur dessen eingedenk bleiben, dass der Kern- Punkt unserer Arbeit sich auf ein anderes Gebiet beziehen muss. Studentenkreise und junge Leute aus anderen Ständen für unsere Ideen zu begeistern und zu einem Stamme von Agitatoren auszubilden, dürfte schon eine dankenswerte Aufgabe sein. Wollen wir aber unser Ideal zur Wahrheit machen, wollen wir dem jüdischen Volke eine ehrenvolle Zukunft sichern, dann muss unsere ganze Kraft dem heranwaclisenden Geschleclit, unsere ganze Sorgfalt seiner Belehrung gelten. Wir müssen Mittel und Wege finden, die zu diesem Ziele führen, und die Forderung, dass schon jetzt der Hebel dazu angesetzt werde, darf nicht als aussichtslos zurückgewiesen werden. Wenn auch die Alten uns kühl bis ans Herz hinan gegenüberstellen, so fühlen sie doch instinktiv, dass etwas faul ist in ihrem Staate, und wenn sie selber sich auch nicht von uns aus ihrem gewohnten Gleise drängen lassen wollen, so werden sie unserer ehrlichen Begeisterung die Einflussnahme auf ihre Kinder nicht überall in gleich schroffer Weise versagen. Wir müssen trachten, dass in das jüdische Schulprogramm ein kräftiger Hauch nationalen Renaissancetums hineinweht. Dazu gehört in erster Linie eine Neubelebung des Unterrichts inbiblischerundjüdischcrGeschichte durch kräftiges Anklingenlassen einer volkspatriotischen Note, ferner die Nutzbarmachung einer sorgsamen Auswahl der besten modernen Poesien auf zionistischem Gebiete, da Weniges im Gemüte tiefere Wurzeln schlägt als das Lied aus der Kinderzelt. Es müsste sodann auch eine Belehrung über Palästinakunde unter besonderer Beleuchtung der jüdischen Kolonicen. zugleich inderideal praktischen Form einer hebräischen Fibel hinzutreten. Endlich würde auch eine Aufklärung über das Wesen und die Ziele der Kon“ gresse mit hierhin zu rechnen sein. Wo immer zionisisch gesinnte Rabbiner ihres Amtes walten, sollten sic uribedingt auf diese Reform des Lehrplanes hindrängen. Wir werden mit diesem Verfahren nicht von heute auf morgen Früchte ernten können. Aber was wir erzielen, wird zur wahren Regeneration des Judentums in Deutschland, nicht blos zu Tageserfolgen gereichen. In das verarmte jüdische Gemüt aber werden neu einziehen Licht und Leben, Farbe und Duft. E. L. c0@(§S3o