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Jüdische Rundschau · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wenn wir die Widerstünde betrachten, welche sich unter den deutschen Juden der Ausbreitung des Zionismiis hindernd in den Weg stellen, so springen am krassesten zwei davon ins Auge — einmal die anscheinend jedes Idccnschwtinges bare Plattheit und Stumpfheit eines unmässig grossen Teiles unseres Menschenmaterials und zum Anderen die überall w licliemde Fiktion, dass das Judentum lediglich eine Bekcimuiistheoric darstellt. Sobald wir uns indes etwas eingehender mit der Analyse dieser beiden ihrer Natur nach anscheinend so verschiedenartigen Hauptheminungen unserer Bewegung befassen, wird sich ergeben, dass es sich keineswegs unv* zwei ganz heterogene Erschcinungen handelt, sondern dass beide innig miteinander verwandt sind, ja eine geradezu die Mutter der anderen ist. Wir werden alsdann, um das Uebel an seiner Wurzel zu fassen, nicht unsere Kraft damit vergeiiden, an Unrechten Stellen zu schaufeln und zu reuten. Fassen wir zunächst die Frage der Entwickelung der Theoretik, welche sich, ihrer näher an der Oberfläche liegenden Natur entsprechend, leichter historisch zurückverfolgen lässt, ins Auge, so stellt sie sich uns als eine der selstsamsten Selbsttäuschungen dar, der ein grosses Volksglied, wie es die westeuropäische Judenheit an unserem Nationalkörpcr bildet, jcnuils anheim gefallen ist. Es lässt sich in der Weltgeschichte schwerlich irgend eine Parallele finden, und nur die ganz singuläre Stellung der jüdischen Nation gibt auch für diese einzigartige j Verirrung eine Aufklärung. Hatte durch endlose Jahrhunderte dem Zaunkönige unter den Völkern eine Ghetto- Schranke felsengleich als Käfig sich entgegen getürmt, so war es verständlich, dass er nach ihrem völligen Wegfall seine Flügel in der Freiheit mir zu tragikomischen Verrenkungen zu benutzen w׳usste. Die nicht aus Philo- Judaismus, sondern aus dem Revolutions-Dogma ent• sprungene Emanzipation musste denjenigen, die sie befreite, nachdem ganzen Geschlechterreihen ein Leben der kläglichsten Entrechtung zum natürlichen Urzustände ge- . worden war, nicht mehr als das, was sie w׳ar, die Wegräiimung schmachvollen Unrechts, sondenn geradezu als - ein Gnadenstrahl, ein gew׳altiges Opfer, welches Gegenopfer heischte, erscheinen. Man wollte sich an Grossmnt und Freigebigkeit nicht übertreffen lassen, und so machte sich denn im Judentum ein edler Wettstreit geltend, mehr hinzugeben als je auf der Gegenseite hätte verlangt und erwartet werden können.' Ueber Bord!'lag alles, was nur immer zu einen! Hindernis der erträumten ״Verbrüderung“ den Kein! bilden konnte, und ein Halt gebot erst der Punkt, an welchem endlich diese Verbrüderung zur offenen Kapitulation des einen Teiles geworden wäre, der Uebergang zur Taufe. So blieb denn als Fanal nach Preisgabe alles dessen, was den Herzen ein teures Vermächtnis war, einzig und allein das Bekenntnis übrig-und der Bekenntnis-Jude zog in überwallendem Gefühf die ganze Christenheit im Oeiste an seine Brust, ohne dass jene von einem solchen Liebestaumel eine Ahnung gehabt hätte. Damit ist eine der hehrsten Tugenden unseres Volkes, seine Dankbarkeit, ihm an diesem Wendepunkte zu schwerem Verhängnis geworden. Denn ein Verhängnis wrar es! Ein trauriger Fundamentalirrtum frisst seitdem an dem Seelcnmarke des deutschen Judentums. Das stets in Zeiten des Glückes und des Jammers gewahrte Bew usstsein unserer Fremdbürtigkeit ging verloren und an seine Stelle trat die Hypothese von dem ״Deutschen jüdischen Glaubens־‘, eine Definition, die aber mir für das erste Geschlecht ausreicht, welches sich stolz zu ihrer Autorschaft bekennt, schon dem folgenden gegenüber jedoch gemeinhin ihre Kraft verloren hat und dann den Massenabfall cinleitet. Was so aus einer sprunghaften geschichtlichen Entwicklung heraus als dies Produkt dunkler, ungeklärter Gefühle geboren wurde, ist aber inzwischen in j seinem Resultate durch das liberale Rabbinertum als theoretische Forderung kodifiziert und znni Grundsteine einer Dogmatik erhoben worden. Von der Stirne dieses Dogmas leuchtet als Deyisc die Losung des Kampfes für den ״reinen Monotheismus". Seien wir nicht ungerecht! Aus dem innigen Verlangen heraus, dem Verfall des Judentums einen Damm entgegenzusetzen, ist ohne Zweifel diese Losung zum ersten Male formuliert worden. Der Fehler lag darin, dass subjektiv die Verkündiger dieser These der ungesunden Zeitströmung unterlegen sind, anstatt sie zu beherrschen und objektiv in der tiefen Verkennung der geschichtlich wirksamen Kräfte, in letzter Linie des menschlichen Gemütes! Auf den ersten Blick erscheint das Leitmotiv der Verfechtung der rein monotheistischen Gottesidee nicht so besonders paradox und der minder gebildete sowie der öberfläch-

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