Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651359--01240-2658081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 176. JÜDISCHE RUNDSCHAU. ..'.. ' No. 17. Schreiber dieser Zeilen hat vor einiger Zeit an anderer Stelle die Qründe anzugeben versucht, die den Juden der nachexilischcn Zeit die dauernde Beschäftigung mit dem Ackerbau, dieser ersten und wichtigsten Produktivarbeit unmöglich gemacht haben. Es hat ihnen in erster Reihe an den Vorbedin- Rungen einer gedeihlichen Entwickelung der Agrikultur, an Sicherheit der Person und des Bodens und somit auch an dem Gefühl der Bodenständigkeit gefehlt. Und reichte dieser Umstand nicht hin, ihnen den Landbau, dem sic auf eigener Scholle ein volles Jahrtausend obgelegen, gänzlich zu verleiden, sehen wir trotzdem allenthalben, in Spanien,• wie in der Provence jüdische Ackcrbaukotonicn erstehen und blähen, so sind Wege gefunden worden, die die zähe andauernde Schaffenskraft der Jaden gänzlich unterbinden sollten. Und bedenkt man, wie systematisch man ihnen jede Produktivarbeit verleidet, oder auch gänzlich unmöglich gemacht hat, so muss es als eine durch Bosheit nur gesteigerte Unwahrheit bezeichnet werden, wenn man angesichts alf dieser Momente von einer Abneigung oder Unfähigkeit der Juden zur Produktivarbeit spricht. Nicht Abneigung* und Unfähigkeit hat den Juden im Laufe der Zeiten vom produzierenden Schaffen abgebracht; er ist ihm vielmehr gewaltsam entfremdet, er ist aus seinem Bereiche förmlich hinausgcgrault worden. Und dieses Abdrängen der Juden von der Landwirtschaft und sonstigen Gewerben, so systematisch es geschah, so wohlberechnet war cs auch in seinen Folgen. Denn abgesehen von den egoistischen Beweggründen, die. nun einmal bei der Ausschliessung der ■ Juden von den meisten Berufen und Erwerbszweigen den Ausschlag gegeben, indem man sich so auf leichte Weise der gefährlichen Konkurrenz entledigte, haben dabei auch andere Momente mitgcspiclt, die, abseits vom wirtschafttich&n Gesichtspunkte, mehr auf psychische Regungen zurückzuführen sind. Und diese seelischen, aber unscclisclien Regungen, als da sind Fanatismus, Rassenhass, Neid u. a., sic haben richtig kombiniert. Indem man dem Juden die Agrikultur unmöglich macht und ihn damit der Bodenbeständigkeit beraubt, indem man ihn ferner auch von den sonstigen produktiven Gewerben verdrängt, ist der wunde Punkt von selbst gegeben, auf welchen nun der Angriff gerichtet werden kann. Oder kann es wohl ein besseres Mittel geben, um eine gar.ze Nation, die von religiös-sittlichem und kulturelle! Standpunkte von. grosser Bedeutung Ist, die der Welt die höchsten Güter der Sittlichkeit und Menschlichkeit gegeben, in den Augen der Welt herabsetzen, der allgemeinen Verachtung sowohl, als auch dem Hasse preisgehen zu können, j\Js dass man sie als BildungsanstaUcn sind den Juden fast völlig verschlossen, ebenso die meisten Berufe. Ausserdem drücken sie die härtesten Steuern, so die Kcrzensteuer für die Sabbatlichtcr, die Käppchensteucr (!?), die jeder zu zahlen hat. der beim Gebot ein Käppchen auf dein Kopf hat, und noch viele andere. Es würde uns zu weit führen, all die schier erdrückenden Lasten und Beschränkungen atrfzuzäblen. mit Hilfe deren cs gelungen ist. die russischen Juden in ein so ungeheueres Elend zu stürzen. Die meisten von ihnen haben gehungert und werden weiter hungern. Sic suchen nur Arbeit, denn die noch furchbareren Feinde, Typhus und Cholera, bilden das treue Gefolge des Hungers. Und diese unsagbar elenden Menschen sollen die Christen ausgebeutet haben! Dies* *־gunieirt kann nicht zu dem furchtbaren Judenhass geführt haben. Der Verfasser versucht nachzuweisen, dass auch nicht der Rcligions- י hass dazu geführt haben, sonst würde Russland die Juden } nicht zur Taufe zwingen. Wir sind aber anderer *Meinung; J sicherlich ist etwas Rcligioushass mit im Spiele. Wäre cs j aber nur dieser woher käme der Hass gegen getaufte Juden und deren Nachkommen. Die Staatsräson begünstigt die Taufe, das Volk aber erkennt die Ucbcrläuier aus einer anderen Rasse nicht an! Ganz richtig sagt Bcrgel, dass die Juden geopfer werden, um das Volk von anderen politischen Bestrebungen fernzuhalten: Und nur so konnte es zu einem Kischincw kommen, zu den entsetzlichen Grcucltatcn. die kein Bericht in der grausigen Deutlichkeit wiedergeben kann, wie sie sich wirklich zugetrageu. — Ucbcrall entstanden Komitees zur Bekämpfung der äussersten Not. zwar war es in Russland nicht erlaubt, sic taten es aber auf eigene Gefahr und leisteten I ein Volk hinstellt, das in seiner Gesamtheit nichts ,eistet, deien einziges Streben dahin geht, sich die Leistungen anderer?u Nutze zu machen. Und dass all diese Motive bei der Behändlang der Juden mitgespielt haben, dafür liefert uns die Goschichte der Beispiele genug. Eine Jüdische Deputation, die wegen Erneuerung des Schutzbriefes bei Kaiser Karl IV. vorstellig ward, hat sich dem Kaiser zu Füssen geworfen, indem sie ihn anflchtc, er möge den Juden einige Gewerbe freigeben und sic nicht von jedem ehrliehen Gewerbe ausschllcsscn. Aber umsonst. Das Recht an־• ehrlichö Arbeit durfte ihnen nicht gewährt werden, um ihnen nachher desto bequemer den Stempel der Ehrlosigkeit aufdrücken zu können. Sic sollten und mussten viel; ausschlicsslieh dem Geldgeschäft widmen, um einerseits, wenn in der kaiserlichen Kasse Ebbe eingetreten, sie wieder füllen zu können und um anderseits durch ihr Gewerbe dein immerwährenden Hasse des Volkes und der Adeligen ausgeset/.t zu sein, Oder w׳ollte mau den Juden die Wichtigkeit und Not- Wendigkeit des kaiserlichen Schutzes, den nun sich so bezahlen licss, besser und eindringlicher zum Bewusstsein bringen, indem man sie der Verfolgungswut des Volkes ausliefertc. um sie nachher in Schutz nehmen zu können. Dass dieser kaiserliche Schutz nur allzu oft illusorisch war und man die Juden tr״t! tltt.es ״Privilegiums“ als kaiserliche Kan nicrknechtc geschlagen lind abermals geschlagen, wissen vir auch m׳r allzu gut. Man wollte die Juden zu Parias der Menschheit herabdriieken und wenn dies nicht vollständig gelungen, so ist cs bei wehem nicht der Untätigkeit der Feinde In Erfindung immer n(*:ei Mittel hierzu zuzuschrciben. Es ist nun •dargestellt worden, wie ungerecht und unwahr es in Erwägung obiger Umstände ist. von Unfähigkeit oder Un- Inst der Juden zu produkther Arbeit zu sprechen, geht doch dieser Vorwurf gerade von jener Seite aus, von welcher alle möglichen und unmöglichen Mittel angewandt worden sind, sie der produktiven Arbeit zu entfremden. Aber so ungerecht auch einerseits dieser Vorwurf ist, so kann anderseits nicht gcleugnet werden, dass das wirtschaftliche Leben der Juden, wie es heute ist, auf schwachem und unsicherem Fundament ruht. Denn bedenken wir, dass die systematische Verdrängung der Juden vom Ackerbau und von den anderen Produktivtätigkeiten die Hauptquelle aller Uebcl war, unter welchen sie Jahrhunderte lang zu leiden hatten und dass auch die schiefe und unsichere Stellung der Juden unserer Zeit eine Folge dieses Grundübcls ist, so muss zugegeben werden, dass eine Aendcrung der Riehvorzügliches im Sammeln und Verteilen der Uirterstützungsmittel: und es gelang der äussersten Not zu steuern! Was geschah weiter? Drängt nicht der gesunde Mensebenverstand von selbst auf die Lösung, die wir als einzig richtige anzuerkennen vermögen? Müsste ein solcher iurchtbarer Schicksalsschlag nicht alle Juden zu dem einen grossen Ziele führen, ihrem heimatlosen, versessenen, unterdrückten Volke die Heimat wieder zu verschaffen? Unwillkürlich fallen mir die Worte Pinskcr's ein: ״Man rede sich nicht ein. da« die Humanität und die Aufklärung jemals radikale Heilmittel iiir das Siechtum unseres Volkes sein werden.“ Und doch! Am. 28. Juni v. J. fand in Berlin auf Betreiben des Hiii's- Vereins der deutschen Juden eine Konferenz statt, zu der die Vertreter der Wiener ..Israglitischen Allianz“, aus London d>c Vertreter der ״Ang’o Jewish Association“, aus Ncw-York die Vertreter der amerikanischen Juden, ferner die Vertrauensnüiuner der ״Alliance israelite universelle“, der 1. G. A.. des .,Exekutivkomitees" des Gesamtordens der Bnc-Bnth und anderer bedeutender Körperschaften erschienen, um mit den Führern des Halfsvcreins der deutschen Juden und der Grosslöge für Deutschland über die weiteren Massnahmen zu 10יraten, die für die bedrängten Stanuncsgcnosscn in:!Russland 7ü ergreifen seien. Bcrgel hebt nun besonders hervor, dass hier nicht nur die finanzielle Hilfsaktion beschlossen wurde. v41dem auch ein Zentralkomitee gebildet wurde, in welches jede der verschiedenen Institutionen je zwei Vertreter entsendet. ״Dieser Beschluss der Konferenz darf als das weitaus wichtigste Ergebnis der Zusammenkunft angesehen werden, als ein solches, das die vorübergehenden Erscheinungen zu,über- ... S* - '־ ־*