Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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verein hipeintriigen, und sprach von ihm als den ,jungen Leuten‘‘, obwohl doch zwischen ihn! und den beiden zionistischen Rednern kein sehr erheblicher Altersunterschied bestehen dürfte. Bei alle: Empörung empfand ich doch eine gewisse Befriedigung, ist es doch eine alte Erfahrung, dass die- ׳eiligen, die von ihren Gegnern aus Mangel an geistigen Waffen mit derartigen Mitteln der Gewalt und Willkür bekämpft werden, das *moralische Recht auf ihrer. Seite haben. Die Herren vom Zentralverein mögen ,sich gesagt seih lassen, dass, wenu sie ihre Machtmittel benutzen, um eine positive jüdische Bewegung zu bekämpfen, sie dadurch Ihre eigenen, an sich wohlberechtigten Be- Strebungen in Misskredit bringen werden. Immer lauter wird die Frage erschallen, welches Judentum denn eigentlich von jenen Herren vertreten wird, es wird sich die Erkenntnis Bahn brechen, dass sic durch die Bekämpfung des jüdischen Stammes- und Natiqnalbcwusstseins der Auflösung des deutschen Judentums Vorschub lusleh und die religiös indifferenten Elemente zur Taufe :reiben. Mögen sic daun zornige Reden gegen die Täufliuge halten; es wird ihnen so ergehen wie dem Zauber- .,chrling, der die gerufenen Geister nicht bannen kann. Wie heiss: es doch so richtig im Rabbi von Bacharach: ״Wie schlecht geschützt ist Jsrael! Falsche Freunde hüten seine Tore von aussen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht. Hamburg. Dr. Besser. Die Juden und die produktive Arbeit. Es wird alicemein den Juden zum Vorwurf gemacht, dass sie s ch zu wenig oder gar nicht mit produktiver Arbeit beschüiti- C411. Aus dem I mstande, dass wir nur verhältnismässig wenig Uiden finden, die sich in eigener Person mit Feldarbeit bcs.haltigen, wird eine allgemeine Abgeneigtheit derselben zur pn Juktiveu Arbeit deduziert, was wieder dabin führte, dass ihnen schliesslich auch jede Fähigkeit hierzu abgesprochen wird. Dabei hat cs aber nicht sein Bewenden. Von dieser negativen Behauptung wird zum Positivuni geschritten, indem man dt in Juden eine besondere Befähigung zum Handel, oder wie זי an cs gerne nennt, Zwischenhandel, zuschreibt, was an und :;*•-־sich nichts Odioses enthielte, wenn nicht wieder diese Bc- Litteraturbericht (Bücher der einschlägigen Litteratur, welche der Redaktion 1 .«•• zugesirdt wxrdcn, finden eingehende Besprechung. Zur Jabrzeit dbr Opfer von Kischlncw. Ein Ja.hr ist vergangen, seitdem die fnrclitbare Kunde von 1Uu Greueltaten in Kiscbinew zu uns drang. Bevor man noch die. ganze Grösse des Unglücks ermessen konnte, waren von allen Seiten Geldmittel zusammengeströmt, um der furchtbaren ersten Nc: zu steuern. Was war geschehen? Ganz umfacb. .man hatte uns wieder einmal gezeigt, dass wir ״nur .luden" sind. e:ne recht- und schutzlose Masse, der Willkür des Pöbels preisgegeben. Das jüdische Volk besann sich aut s!cb selb»!. Die jüdische Volksseele trauerte und gab dieser Trauer nicht nur in den erwähnten reieheu Spenden Ausdruck, *,!.dem zahllose .Artikel traben beredte Kunde von ihr, Broschüren erschienen, Reden wurden gehalten zu Ehren der Märtyrer von Kischioe\v. Aus dieser Reihe der Veröffent- Heilungen dürfte die eines Mannes für uns von Interesse sein, der. im Aufträge des ״Hilisvereins der deutschen Juden“ nach Kischincw• gesagt wurde, um dort zu untersuchen, in welcher Weise am besten den elenden Verhältnissen der russischen Juden cntgegcn/utretc». ganz besonders aber dem Unglück in .Kischincw* zu steuern sc*) ... *) KBchlrte* und die Laue der Juden In Russland von >;1 *gmund BereeL Berlin 1903. 1 iähiguiig zum ״Hang" zum ״angeborenen Charaktermerkmal" J gestempelt und so als ״Charaktcrdefckt“ hingcstellt werden; würde. Die Vermittlerrolle des Juden zwischen Produzenten und Konsumenten wird dahin gedeutet, dass es ihm nur darauf an komme, aus dein Schweisse des Bauern und des Arbeiters ohne viel Mühe möglichst viel Nutzen zu ziehen und daher wird jede, durch die jeweilige Konjunktur verursachte Unzufriedenheit des einen oder des anderen , des produzierenden oder des konsumierenden Elementes auf ihn als Ursache zurückgeführt. Alle diese Momente mussten endlich dazu führen, dass man schliesslich urbi et orbi die Juden als Parasiten der Gesellschait, als Schmarotzer hinstellen zu dürfen vermeinte und auch hingcstellt hat. * ' -•־ | Diese Unterstellung hat nicht in letzter Reihe zu den Vor- ן wänden und Gründen, wenn es solcher überhaupt bedürfte, gehört, mit denen man die frühere inferiore Stellung׳ der Juden im Staate und in der Gesellschaft als gcfecht und wohlverdient bezeichnet hat. Und wenn in unserer Zeit Emanzipation,• Rczipicrung und Gleichberechtigung und wie alle diese schönen Worte und Phrasen lauten mögen, zum grossen Teil nur Worte, Phrasen und leere Begriffe geblieben, papiergeboren nur au! dem Papiere geblieben sind, so kann dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis letzten Endes nicht minder auf ober.eewähnten Widerspruch zurückgeführt werden. { Sehen wir nun näher zu, ob und inwieweit dltfser Vorwurf, 1 der jahrhundertelangen Zurücksetzungen und Ungerechtigkeiten zum Vorwand gedient hat. auf Richtigkeit beruht, so kommen wir zur Ucbcrzcugung, dass er auch nur ein Ausfluss derjenigen Motive ist, für die er als Vorwand dienen musste, und dass er nur ein Deckmantel des Rassenhasses, der religiösen Unduldsamkeit und ungerechter Vorurteile gewesen ist. Und bliebe nach gründlicher Untersuchung noch ein schwacher Schein der Bercchtigung obigen Vorwurfes zurück, so muss auch dieser vollständig schwinden, so die Umstände in Betracht gezogen werden, die das wirtschaftliche Leben der Juden aller Länder und Weltteile begleitet haben und "teilweise noch begleiten. Und dies vollends, so wir aus der jüdischen Geschichte gewahr werden, dass jedes, noch so geringfügige äussere Ereignis ׳ die ökonomische Lage der Juden nicht nur beeinflusst, sondern zuweilen auch umgcstaltet hat. Unter solchen Umständen ist cs aber leicht begreiflich, dass hier keine Stabilität in den Existenzbedingungen plaizgreiten konnte und dass sich das Wirtschaftsleben der Juden von dem der Nichtjuden so* grundverschieden gestaltet hat. ז ־ f י; ־■־...:. ׳‘־.... *. —....ך. -..י'., - —:. . « Zunächst legt der Verfasser dar. dass die Ereignisse in Kischincw nicht ohne Berücksichtigung der Vorgeschichte der Juden in Russland zu verstehen seien, dass sic vielmehr nur einen Akt in dem grossen Trauerspiel bilden, dessen Schauplatz Russland, ist und dessen untergehende Helden die Juden sind. Und mehr a's 5 Millionen, mehr als die Hälfte unserer Stanmicsgeitosscii wohnen dort! Es wohnten schon Juden in Russland!000 Jahre, bevor die Russen aus Finnland einvvanderten: zeitweise haben sie sogar unter eigener Herrschaft dort gelebt, bis im 15. Jahrhundert die systematische Be-r drängung der Juden begann. Die Gefühle, die man in Russland für die Juden hegt, gehen wohl am besten aus den Worten eines der einflussreichsten russischen Staatsmänner. P01>e־ donoszew. hervor: ״Die Absperrung und Unterdrückung der Juden soll den Eriolg habe»!, dass ein Drittel zum Christentum Übertritt, ein Drittel zur Auswanderung gezwungen wird und ein Drittel durch Not und Hkrid zu Grunde geht." Wenngleich auch diese drei Ziele nicht in dem gewünschten Masse erreicht wurden, so konnte doch im Jahre 1857 die vom Staat eingesetzte ״Kommission zur Judenfragc“ feststcllcn. dass 90 pCt. aller russischen Juden unter den drückendsten Verhältnisscu von der Hand in den Mund leben und ein verzweifcltes Proletariat bilden, das ohne Gleichen ist. Der Verfasser schildert mm im weiteren, wie diese ungeheuere Verelendung zustande gekommen ist. Als Hauptursache der russischen Judennot ist es anzuselieu. dass den Juden die Freizügigkeit genommen wurde, ein Verbot, das in der ganzen, zivilisierten Welt ohne Beispiel ist und dass uns von Errera und den amerikatwschen Kommissaren Weber und Kempster in soiucr ganzen Furchtbarkeit vor Augen geführt worden ist. Die höheren