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Jüdische Rundschau · 1904-04-29 · Heft 17 (29.4.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 17 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 174 Blättchen, wie sie in den letzten Monaten von Köln und Würzburg ins Land geflattert sind, niicn ganz unnötig eine schiefe Beurteilung unserer Arbeit hervor. Ueberdies nützen sie uns nichts, sondern beladen uns mit einem Ballast verständnisloser Mitläufer. Von der andcren Seite aber fordern wir, dass fenes törichte Misstrauen überwunden wird, das uns verletzt und die Sache schädigt. Wir begreifen wohl, dass Menschen, die unter furchtbarem Drucke leben, die täglich von den Machthabern beraubt, betrogen und atisgebcutet werden, das Vertrauen zu ihrer Umgebung eiubiisseti und überall Feinde und Verrat wittern. Wir begreifen auch, dass Männer, die man seit Jahrhunderten in sich selbst hineingetrieben, von. der Aussenwelt und jeder Betätigung in der ()Öffentlichkeit abgeschlossen hat, nur noch deduktiv denken können und den Massstab für ihre Umgebung und deren Handlungen verlieren. Aber — sunt certi denlqtte fines. Wenn der Bruder dem Bruder die Hand gibt und mit ihm ehrlich beraten will über die Hilfe aus gemeinsamer Not, dann muss man ihm Vertrauen sehenken. Bei uns ist ein Wort ein Wort. Und wir bitten unsere Brüder im Osten, dass sie endlich anfangen, uns das zu glauben. Dann wird nicht Ostafrika und nicht die ״Augenblicksarbeit” mehr die Bewegung zu spalten vermögen, sondern nach offener Aussprache w ird man stets einen gemeinsamen Boden für weitere Arbeit finden— weil man ihn finden will und muss. Adolf Friedemann• Hamburger Briet. Von anderer Seite wird Ihnen wohl ein Bericht über den Verlauf de״ hier vom ״Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" abgchaltenen Ver- Sammlung zugegangen sein, in der Herr Dr. Seligmann. Frankfurt a. M. über den ״Willen zum Judentum“ sprach. Ich kann mir daher wohl eine detaillierte Schilderung dieser würdigen Veranstaltung ersparen und möchte an dieser Stelle bloss einige Eindrücke wiedergeben, die Ich an jenem Abend empfangen habe. Von der den! Zionismus gegenüber beliebten Taktik d,es genannten Vereins konnte ich mir allerdings nach den Geschehnissen in Posen ungefähr eine Vorstellung machen, aber w ie gering ist der durch Lektüre gewonnene Eindruck gegenüber den Empfindungen der Empörung und des Ekels, die durch das Miterleben und Anschauen der Wirklichkeit wachgeruten werden. Das bezieht sich keineswegs aut* ••) die prinzipielle Gegnerschaft und die Vorkennung unseres zionistischen Standpunktes. Was dort an Oberflächlichkeit der jüdischen Aufiassung im allgemeinen und an Verketzerung und Entstellung des Zionismus im besonderen geleistet wurde, würde nicht mein seelisches Gegengewicht stören; es blieb doch für den Fall, dass die Gegner den ehrlichen Willen verraten würden, das Für und Wider massvoll und sachlich zu erörtern, die Hoffnung bestehen, dass Missverständnisse beseitigt und eine tiefere Auffassung des Judentums und der Judenfrage angebahnt werden könnte. Ich würde mich auch über die Tatsache trösten, dass ein moderner Seelsorger trotz seiner ״grossen Liebe zum Judentum“ mit w׳enig Scharfsinn, aber grossem rhetorischen Aufwand darzulcgen versuchte, dass unser ganzes Geistes- und Kulturleben seit Mendelsohn auf deutscher Grundläge beruhe und dem Deutschtum zu verdanken sei, (daher Wile zum Judentum!) und den Zionisten ״jugendlieh schwärmerische Romantik“ vorwarf. Zwar sollte doch gerade vom jüdisch-religiösen Standpunkte angesichts der allgemeinen Entjudung nicht die Propagierung No. 17. einer den ״Zeitbedürinisscir angepassten germanischen Konfession geboten erscheinen, sondern di cNotwcndigkeic eines stärkeren Einflusses des Judentums auf unsere Lebensgcstaltung und sittliche Denkweise betont werden, aber Herr Dr. Seligmann leitet aus der blossen Existenz eines nicht wünschenswerten und tmjiidischer. Zustandes das Recht zu einer Legalisierung desselben her. Es verdient jedoch, anerkannt zu werden, das^ schliesslich seine Ansicht, dass das sittliche Denken der modernen Völker auf jüdischer Grundlage beruhe, doch eine gewisse Hinneigung zur mosaischen K9״fession erkennen lässt, und so waren wir auf dem Weg eines merkwürdigen circulus vitiosus glücklich wieder beim Judentum angclangt. Wenn ferner ein Vorstandsmitglied des Hamburger Lokalvercins die Stammesgcmeinsdiait mit den Juden anderer Länder schroff ablehnte, die Männer, die für Zion und Jsracl ihre Lebenskraft einsetzteu, mit den Antisemiten auf eine Stufe stellte und unseren Patriotismus verdächtigte, so ist auch das nach unseren Ertahrungen nichts Ungewöhnliches. Es ändert auch wenig an dem traurigen Gesamtbild, wenn seitens des Herrn Dr. Horwitz-Berlin, kräftige und mannhafte Worte gegen die Täuflinge fielen, denn deren Verhalten bedeutet gew issermassen doch nur die Konsequenz und Fortsetzung des im Zentralverein vorherrschenden Standpunktes, der auf eine rein negative Abwehr und eine Perhorreszierung positiver Strömungen im Judentum hinaiisläuft. Die ganze Veranstaltung würde keine besondere Beachtung beanspruchen, wenn nicht ein Moment hinzuträte, das dem geehrten Leser bereits von Posen 11er bckannt sein dürfte, nämlich die unwürdige und brutale Are und Weise, in der sich die Abneigung gegen eine auständige und ruhige Diskussion äusserte. Wenn der zweite Punkt der angekündigten Tagesordnung die Worte ״Freie Aussprache“ aufwies, so war das äugenscheinlich nur nach dem berühmten Muster lucus a non lucendo gemeint. °) In den zahlreichen von mir besuchten zionistischen Versammlungen war es stets als ein nobile officium betrachtet worden, dem in der Minorität befindlichen Gegner möglichst Gelegenheit zur Darlegung seines Standpunktes zu geben und alle Gegner anzuhören. Im Gegensatz hierzu ging matt in der Ver- Sammlung des Zentralvereins von dem Prinzip aus. durch eine Beeinflussung der Versammlung und eine ad hoc konstruierte Geschäftsordnung einem unbequemen Gegner den Garaus zu machen. Das wurde mir noch nicht klar, als der Referent den Zionismus angriff und Herr Dr. Horwitz gleich hinterher in zwar unnötiger, aber doch loyaler Weise das Verhältnis zum Zionismus beleuchtete. Dass hier eine Abschreibung des Zionisintis vorgenommen werden sollte, merkte ich erst, als der erste zionistische Redner, Dr. Kalmus, der in sachlieber Form die ungerechtfertigte Anzapfung seitens des Referenten zurückweisen wollte, durch einen an das Kriegsgeschrei in denUrwäldern Amerikas gemahnenden Lärm unterbrochen wurde. Der Vorsitzende machte allerdings einen angeblichen Versuch, dem Redner Gehör zu verschaffen, aber cs fehlte gegenüber dieser Ver- Sammlung der kräftige Appell an die Gefühle des An- Standes und der Ritterlichkeit.”‘*) Der weitere Verlauf gleicht dem in Posen wie ein Ei dem anderen. 111 seinem Schlusswort stellte Herr Dr. Horw itz noch obendrein die Zionisten, die doch nur notgedrungen und provoziert ihre Sache gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen suchten, als Friedensstörer hin.die stets Zwietracht in den Zentral- •) 0 nein, nach dom Muster des Grafen Pücklcr. bei dein der Zerttralverciu freilich nicht viel mehr lernen kann ••) Wohl mit Recht. JÜDISCHE RUNDSCHAU II

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