Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651358--01224-2658064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No• 16• _ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 165. Herren verstehen, dass die Einigkeit das Alpha und Omega unserer. Bewegung ist, dann müssen Sie auch zugeben, dass es niemals Streitigkeiten und Uneinigkeiten geben darf. Wenn wir dieses nicht erfasst haben, so wird es nicht lange dauern und wtr werden alle die Narren sein. Dr. Jakobsohn: Auch wir alle wünschen die Einigkeit Es gibt aber nur eine Einigkeit Das ist die Einigkeit in den Gedanken. Ideen und Prinzipien. Damit hat die Brotirage nichts zu tun. Das Unglück der Jüdischen Nation besteht eben in dieser Brotfragc. Aber wir können cs nicht fassen, wie Sie in da* grosse Jüdische Problem mit der Ugandafrage kommen können und glauben, dass Sie mit diesem Mittclchen das grosse ökomimische Unglück beseitigen können. Sic kommen zu dem Volke, das Hunger hat und V1 Not ist, mit dem Worte ״Ziel‘*. Das Volk wird immer darnach greifen und es wird nicht daran denken, ob dieses Brot auch wirkliche Hilfe bedeutet. Wtr würdigen alle den grossen Vorschlag der englischen Regierung, aber dieser Vorschlag ist dann ein enormer Erfolg für die zionistischc Bewegung, nur wenn er a b g e 1 e h 111 wird, ein Unglück, wenn er angenommen wird. In Russland gibt es 5 000 00U Juden, der jährliche Zuwachs beträgt etwa 3 Prozent, also zirka 150 000. 50 000 wandern jährlich aus, und da kommt mr(n diesem Volke, das trotz der riesigen Aüswanderung den Zuwachs nicht verringern kann, mit dem Uganda-Projekt. Alle Vorschlüge, den Strom der Auswanderung abzuienken. sind eine Almosenpolitik, wie Dr. Herzl selbst auf dem 5. Kongresse gesagt hat, das Endziel einer Bewegung muss mit der tägliche״ Bewegung Immer streng verbunden sein, sonst wird das Endziel eine Mumie. Unser Endziel ist in dem Basler Programm niedergeiegt. Das können wir nicht ändern, denn es ist durch die Jahrhunderte gemacht worden. Wir haben deswegen in Charkow gesagt, wir wollen Klarheit in der Uganda-Sache haben, wir wollen wissen, ob Dr. Herzl es ernst meint oder nicht. Mit Uganda kommt man zu nichts und wegen dieses Nichts stört man unsere grosse Sache. Wollen Sie Frieden haben, so kehren Sie zu Zion zurück. Dienstag, den 13. April, 4. (Nachmittags-) Sitzung. Auch die vierte Sitzung wurde mit der Debatte über die Erklärung Dr. . Hcrzls ausgcfüllt. R a b b. Rabbino witsch meint, der Kongress darf sich mit der Kolonisation Ugandas nicht beschäftigen. Er darf nur die Initiative geben, sonst hätte ich gewiss nicht mit ״J a“ gestimmt. Die Expedition muss natürlich abgeschickt werden, denn cs ist ein Koncressbcschluss. Unsere Arbeit gehört nach wie vor für Palästina. Können wir den Charter Jetzt nicht bekommen, so müssen wir die Juden, die bereits dort sind, dort kolonisieren. Stand (Lemberg): Ich bin vou Galizien ausschliesslich zu dem Zwecke gekommen, um hier als Vermittler autzutreten. Die Vermittlung denke ich mir aber nicht als Lösung einer peisönlichen Frage, sondern als Herbeiführung einer Einheit, auf Basis der Idee. Ich will also die Hauptfrage, die Ugandatragw beleuchten. Ich sehe da drei Alternativen, die sich in folgende Formeln bringen lassen. Zion oder Uganda. Uganda als Mittelweg nach Zion und Zion und Uganda. Wer die Frage Zion oder Uganda stellt, steht bereits ausserhalb unserer Partei una hat aufgehört Zionist zu sein. Mit ihm werden wir also hiei nicht sprechen. ״Zion und Uganda“. Unser Volk, das kaum imstande ist. die erste Frage zu lösen, zwei auf einmal lösen? Wir haben weder das Geld, noch das Mcnschenmatenial in so starkem Masse, um die zweite Frage zu erfüllen. Wenn wir es aber haben, dann wollen wir erst recht die erste lösen. So lange nicht ein. Kongressbeschluss mich bindet, dass ich fiir Uganda sein soll, bis zu dem Momente werde Ich kämpfen, da ich unser teures Geld nicht verschleudern, unser Menschenmaterial nicht opfern will und die teure Person unseres Führers nicht weggeben darf für eine fremde Sache. ״Uganda als Mittelweg". Wozu der Mittelweg? Ist heute Palästina leicht zu erreichen, gut ist cs schwer zu erreichen, ein desto grosserer Ansporn aller existierenden Kräfte ist notwendig, damit es geschieht Der Mittelweg kann nur das Endziel aufhaiten. Ja vielleicht mit der Zeit aufheben. Wird ein Kongressbeschluss im UgandasJnne zustande kommen, dann werde ich als diszipliliierter Parteisoldat für ihn nicht sprechen und nicht schreiben, wohl aber schweigen. . Dr. Tschienow freut sich über die Aufklärungen, die Dr. FriedcnTann 4m Namen der deutschen Zionisten gegeben hat, dass sie durchaus nicht au! philanthropischem Standpunkte stehen. Redner gesteht, dass auch er zu denen gehörte, die bisher den wesentlichen Zionismus vom philanthropischen Standpunkte betrachtet haben und freut sich, jetzt eines besseren überzeugt zu sein und die westliche!) Zjonistcn auf demselben Standpunkte zu finden, den wir von je 11 er eingenommen laben. Wenn die Saciic so ist. dann müssen wir auch die Ugandafrage nur von diesem Standpunkt betrachten. Es gibt ausser einigen Ausnahmen wohl niemanden, der es zu sagen wagte, dass man statt Palästina ein andres Land für unser Endziel wählen könnte. Was aber behauptet wird, dass man neben Palästina noch ein anderes Land hinzuziehen könne, so stehe ich nicht auf dem Standpunkte, dass jede Rede von einem andern Lande als Palästina als ein Verrat betrachtet werden muss, wie Ussischkin und vor *hm Prof Gottheii gesagt haben. Wenn man aber fetzt von einein andern Land«, als Gegenwartsprogramm spricht, so müssen wir uns fragen, ob wir wirklich etwas in dieser Hinsicht leisten können. Wir haben noch keine Erfahrung in der Kolonisierung neuester Länder, aber andere, wie Karl Rathgen, der die englische Auswanderungspolitik im 19. Jahrhundert behandelt hat, können uns darüber belehren. Und da können wir sagen, alle Versuche mit Massenkolonisatiou sind misslungen. Lord Kimber, der Präsident der Nathan Land Company, arbeitete ein Projekt aus. das im englischen Pariament beraten wurde und als Minimum für die Besiedelung einer Familie 3000 Rubel festgesetzt hat. Bei unserer Emigration aus Russland von 75 000 Leuten jährlich, welche Gelder müssten da aufgewendet werden, um auch nur einen kleinen Teil anzqsiedeln! So ist die Uganda-Frage, wie icli schon am 6. Kongress sagte, eine Illusion, die uns nicht schaden kann. Die Leute, die letzt von Uganda schwärmen, werden wieder zu uns kominen. Jetzt aber wird ims der Kongressbcschluss vorgewiesem der unbedingt ausgeführt werden muss, und da bin ich nicht der Meinung des Kollegen Ussischkin. dass es auch nicht obiigatorischc Beschlüsse für uns gibt. Darum sage ich. dass, wenn man das zionistische Geld nicht angreift, man die Ex- Deditioti wegschicken soll. Doch hat diese Illusion uns in der Agitation schon grossen Schaden gestiftet, da niemand rechte Lust zeigt. Schekel zu zahlen, Shares zu kaufen, ja selbst fiir denaNationalfond wird nicht mehr recht gesammelt, da niemand die Gewissheit hat. was mit dem Ge!dc geschieht. Alle unsere Aufklärungen nützen da nichts, und deshalb wollen wir von der Leitung genau wissen, wie sie sich zur Ueandafrage stellt. Und da frage ich Dr. Herzl, er möge uns erklären: Ist er Territorialist ode r Zion is t? Um diese Frage auizuklären, haben wir insere Kollegen aus Charkow geschickt. Wir haben in Charkow nur Frieden zu schauen gesucht. Derselbe Zweck war auch in meinem Zirkular. Wenn man jemals etwas mit seinem Herzblut geschrieben hat. so tat ich es im Zirkular. Ich besteht auf jeder Behauptung vollständig. Zum Schluss noch zwei Worte. Dr. Jelsky hat uns eine ״schöne Rede über den Frieden" gehalten. Ich bin auch der Ansicht, dass das Grösste, was der Zionismus geschaffen hat. die Einigkeit ist. Nur muss es auch. wenn Einigkeit sein soll, einen Zweck geben, der die Leute einigt. Darum sage ich Ihnen jetzt. Brüder, wir stehen vor einer grossen Gefahr. Wenn das Ideal gebrochen wird, dann gibt es keine Einigkeit. Darum bin ich gekommen. Ihnen zu sagen: Das einzige.was uns einigt, ist Zion! Hüten wir das und dann werden wir einig sein! Greenberg: Ich habe in Leeds nichts anderes gesagt als das, wenn unsere Bewegung von Anfang an eine jüdischnationale genannt worden wäre, ein guter Ten von Missverständnissen ausserhalb unserer Bewegung geblieben wäre und ich erklärte dort, dass ein jüdischer Nationalismus ohne Palästina unmöglich sei. Meine ganze Rede in Leeds war notwendig, weil Dr. Gaster und auch andere in heftiger Weise gegen die Beschlüsse des Kongresses aufgctretcii waren und weil icli erfuhr, dass der Regierung Auszüge aus ihrer Rede übergeben wurden, um zu zeigen, dass, der Einfluss Dr. Herzls vermindert sei und die Kongressbe- Schlüsse nicht anerkannt werden. Darum war es notwendig, in grossen Versarmn'ungen zu zeigen, dass Dr. Horzl nach wie vor unser Führer sei. Die Herren in Russland haben aber meine Rede nicht verstanden. Es wurde nie gedacht. Gstafrika als Endziel unserer Arbeit zu betrachten. Ostafrika ist eher ein Sprungbrett, um unsere Arbeit ■für Palästina vorwärts zu bringen. Sind Sie aber, meine Herren, nicht dieser Ansicht und fürchten Sie. dass das jüdische Volk von Palästina abgewendet werden könnte, dann ist es Ihre Pflicht als die alte Garde in der Bewegung zu verbleiben, um eine Diversion zu verhindern. Ich will Ihnen aber folgende Frage vorlegen: Würde es nicht besser sein, wenn soviel Juden als nur möglich nach Ostafrika gehen, damit sie sich dort in einer Ansiedelung von jüdischem Charakter.mit jüdischer Autonomie befinden, statt, dass sie sich in den Glietti von Amerika und den übrigen Teilen der Welt zerstreuen. .Es ist für uns ebenso notwendig, die Juden für Palästina zu retten, als Palästina für die Juden. Sicher ist, dass dann! ein Ende gemacht würde mit den grauenhaften Hin- und Herschwankeu der grossen Masse von jüdischer Armut und Jüdischem Elend. Könnten wir den unglücklichen Wanderern einen ruhigen Platz gehen, würde sich auch die ganze Situation der Juden in der ganzen Welt heben, denn die Welt würde uns tür fähig halten, mit der Schaffung eines Staates in Palästina betraut zu w׳erden. Aus der derzeitigen verworrenen Situation gibt cs nur einen Ausweg, das ist ein Kompromiss zu schlossen. Lassen Sic Dr. Herzl das Angebot der cnglisoheirReglerung aimehnicn und vor