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Jüdische Rundschau · 1904-04-22 · Heft 16 (22.4.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 16 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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! 1'!• Seite 164. _;_JÜDISCHE RUNDSCHAU._■No. 16. Ucbkeil Wolf Josefsohn hat demgegenüber In seiner Antwort auf die ,Jüdische Moderne“ mit Recht die Forderung vertreten, dass untef Umständen der einzelne auf die Geltendmachung seiner persönlichen Individualität verzichten müsse, um der -Individualität einer Partei oder einer Nation Geltung zu ver- -schaffen. Es kann in der Tat nicht dringend genug vor diesem modernen Kautschukbegriff gewarnt werden, der so manehern allerdings geeignet schcwien mag, sein moralisches Manko mit einem wissenschaftlichen Pilästerchen zu decken. Das Wesen der jüdisch-nationalen Bewegung wurzelt doch in dem Bestreben, die jüdische Volksindividualität wieder zur Geltung zu bringen. Soll nun dieses Bestreben daran zerschellen, dass all die einzelnen Elemente, die das jüdische Volk zusanmiensetzen* darauf bestehen, ihre Unter-Individualität«!! durchzusetzen? Die Volksindividualität kann nur In gewissen Qrundzügen zum Ausdruck kommen, die den meisten de! ־ Volkszugehörigen eigen sind, nicht aber in einem Typ, der nun . photographisch genau auf alle Einzelindividuen passt. Besteht nun das Individuum darauf, die ihm wesentlich scheinenden Grundzüge seiner Persönlichkeit auch dann durchzusctzan, wenn sie mit dem Volksintercssc unvereinbar sind, so gelangen wir nicht zur Einigung und Festigung der gemeinsamen Eigen- Schäften, sondern zu Anarchie und Zersplitterung. Sind uns auf allen Gebieten des Lebens von höheren Gesichtspunkten aus Grenzen gezogen, die wir nicht überschreiten dürfen, wenn wir In dem Wirrwarr widerstrebender Interessen und Rücksichten Irgend einer Weltanschauung nachzuleben suchen, so gilt das In weit höherem Grade unter den abnormen Bedingungeit, unter denen das jüdische Volk lebt Eier sind die Grenze״ enger gezogen, hier müssen sic gewissenhafter respektiert werden. Dieses Bewusstsein muss in dem Zionisten stark genug sein, um ihm die Kraft zu geben, seine persönlichen Neigungen in vle’fachen Situationen zu unterdrücken. Der Einwand, dass man ein guter Nationaljude sein und sich doch in eine Christin verlieben könne. Ist durchaus nichtlg. Wir wollen nicht so weit gehen zu behaupten, dass echt rassiges Empfinden, gestärkt durch die Erkenntnis seiner Not- Wendigkeit, derartige Neigungen nicht aufkommen lassen könne. Aber darf der Zionist soweit den Individualismus pfiegen, dass er die letzte Konsequenz zieht die Christin zu heiraten, eine Konsequenz, •die Ihren Einfluss auf die gesamte Nachkommenschaft üben kann? Wenn der Individualismus solche Schranken durchbrechen darf, dann ist nicht ein zusehen, warum ein Mann, ״dem Individualistischem Zuge der Zelt folgend“, nicht eine verheiratete Frau verführen dar!, oder warum nicht der Soldat, wenn er auch noch so sehr von der Notwendigkeit des Kampfes, an dem er teilnimmt, übeizeugt Ist, Im entscheidenden Moment Rctssaus nehmen sollte, well er mit Recht annimmt dass gerade sein Lehen der Abgemelnheit grösseren Nutzen bringen könnte als sein Tod. Haben diese Männer nicht das Recht, nach eigenem Ermessen ״sich auszuleben“? Dem individualistischen Zuge der Zeit? nachziilebcn, Ist solange gestattet, als dadurch keine Verletzung altruistischer Rücksichten eintrltt, daher in entsprechend gc- Tingerem Grade erlaubt ln Zeiten und Verhältnissen, in denen die altruistischen Rücksichten besonders dringend sind, wie Im Kriege oder unter den abnormen Umständen, unter denen wir Juden leben. . Man kann darüber streiten, oh der Zionist in religiösen Tragen"• aus den erwähnten Gründen verpflichtet ist, unter Um- f r ־ * Ständen das Opfer des Intellekts zu bringen, wie Wo’f Josef- - sohn verlangt, oder ob er wenigstens verpflichtet ist, tr. rcU«:ös- ־ traditionellen Formen zu leben, oder auch nur zu vermeiden. ' dass durch Propagierung von Anschauungen, die denen de! überwiegenden Majorität, widersprechen. Anstoss erregt wird. . .Die Frage, Inwieweit!wer dem Individuum heute. Spielraum zu " lassen sei, ma^ also strittig sein. Sie hat immerhin nur einen• ideellen Faktor zun! Gegenstand, und andererseits wäre es ein f’riierölschcs Opfer .:-י .,das. Opfer des Intellekts. Anders bei der Mischehe. Hier handelt es sich um di•* handgreiflichsten, bcdeutungsvollsten Konsequenzen des Schrittes. Hier handelt es sich auch nicht um die Aufdrängung fremder Denkungsart, sondern um einen Verzicht auf eine Handlung im Interesse einer höheren Einsicht. Das Volk ist eine Einheit, dessen Einzelglieder sich immer wieder regenerieren, die sich nach Ablau! eines Jahrhunderts aus immer neuen Individuen zusammensetzf. Die religiöse Anschauung eines Juden schliesst nun keineswegs eine gänzlich anders geartete Anschauung seiner Nachkommen aus, sie bedeutet also — von einem bestimmten religiösen Standpunkte aus — keine dauernde Schädigung der Nation. Dagegen bedeutet es die schlimmste Unterminicrung aller zionistischen Tendenzen, wenn durch die Mischehen neue Individuen erzeugt werden, in denen der Zusammenhang mit der Kette der Vo!- fahren unterbrochen ist. — Recht nichtssagend ist unseres Erachtens die Antwort, die man oft genug erhält, wenn man auf einen derartigen Fehltritt im Privatleben eines Zionisten hin weist: das seien Privatangelegenheiten, mit denen sich die Partei nicht zu befassen habe. Die Antwort wäre zutreffend, wenn die zionistische Örganisation eine Vereinigung darstellte, die einer Schützengilde, einem Verein junger Kauflcutc oder einem liberalen Bürgervereiu analog zu setzen wäre. Es handelt sich hier um ״Privat*‘hanühingen, die verallgemeinert die Basis zerstören würden, auf die sich unsere zionistischen Bestrebungen aufbauen. ״Privatim“ vollzieht man eine Handlung, die zur Ausmessung jener Ideale führen muss, deren Aufrichtung den Inhalt unserer Bewegung darsteüt. Aber abgesehen von dieser Ausiialime-Situation — gilt nicht allgemein im öffentlichen Leben die F01derung, dass das Privatleben der Wortführer in einer Partei mit den von dar Partei vertretenen Tendenzen nicht im Wider- Spruch stehen darf? Wenn man einem Führer in der Sozialdemokratie, der in seinen Reden und Schriiten Bourgeoisie und Kapitalismus in den Grund und Boden zu donnern pflegt, nachweist, dass er ein ausschweifendes Leben führt, so sind das allerdings Privatangelegenheiten, um die sich der politische Gegner nicht zu kümmern hat; wenn man ihm aber nachweist, dass er in seinem Privatbetriebe die eigenen Arbeiter 111 schämloser Weise ausbeutet ־־* sind das auch noch ״Privat“angclegenheiten? Jedermanns Hilfe beim Werke ist uns w illkommen, besonders dessen, der durch hohe Geistcsgaben und redlichen Eifei geeignet ist, das schwere Werk zu fördern. Aber seine Privat- Handlungen, die unseren primitivsten Grundsätzen schnurstracks zuwidertaufen, müssen nichtsdestoweniger energisch zurflekgewiesen werden. Wenn iür irgend jemand, so gilt gerade für d i e Männer, die an exponierten Posten stehen, das alte Wort Kants: Handle so, dass deine Handlungsweise die Maxime einer Gesetzgebung sein könnte. Die Mischehe als Maxime einer Gesetzgebung bcdeutet das Ende des religiösen und nationalen Judentums. Breslau. Dr. Sandler. Die Taqung des Grossen Aktionskomitees. (Schlussbericht.) Die Diskussion über die Erklärung Dr. HerzFs wird auch Dienstag fortgesetzt. Dr. Herzl gedenkt, zunächst des dahingeschiedenen Gg. Lositisky, der uns ein guter und brave! Kamerad war. Das Wort in der Debatte ergreift Herr Dr. Jelsky: ..Ans Mitleid tiet uns selbst sind wir zum Zid Ismus gekommen. Es war also auch eine philanthropische Sache. Wir haben eiligesehen, wir müssen uns erlösen und müssen uns in das Land flüchten, von dem die Bibel spricht: ..Zürn!״ Man sagt, das Volk wolle nur Ideale. Ich lebe aber auch im Volke und weiss, das Volk wil' vorerst Brot. Dieses Volk und sein Elend muss man gesplten haben, um diese Brotfrage zu verstehen. Ein Talmud-! wort sagt: ..Zum Mitleid gehört auch sollen.*־ Was wir alles! gesehen haben. lut Dr. Herzl «lieht!׳eschen und doch ist er aus .;einer Ueberzeugung heraus Zionist geworden. Wenn Sie meine

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