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Jüdische Rundschau · 1904-04-22 · Heft 16 (22.4.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 16 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 162._ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Nö. 16. sckien Einzelheiten oft genug besprochen worden ist. Aber für die Selbstverständlichkeit scheinen in jüngster Zeit Jüdischnationale Gesinnung und hohe Intelligenz nicht genügend sichere Bürgen zu sein, und was die zahlreichen Artikel über die ״ Jüdischen Mischehen betrifft; so: scheinen sie fast alle einen I Punkt zu wenig zu berücksichtigen, der für den blossen Religions-Juden bedeutungslos ist, vom Jüdisch-nationalen Standpunkt aus mir aber von ausschlaggebender Bedeutung zu sein ״scheint' i , ' :י Ich finde ihn in der Antwort angedeutet die Saxo Jadaeus auf die Aeusserungen Matthias Achers über die Mischehe erteilt (״Mischehe und Blutmischung“, Monatsschriit Zion, 1897). *י-.Er spricht von der Einbusse, die das jüdische Volk an Einzel- Individuen erleidet, indem der grösste Teil der aus Mischehen stammenden Nachkommen aus dem Judentum ausscheidet, ferner von der geringen Fruchtbarkeit der Mischehen un־J anderen Momenten, erwähnt dann aber auch, dass das verwandtschaiüiche Gefühl, das einen wesentlichen Bestandteil der nationalen Gesinnung darstelle, durch die Zuführung grosser Ströme fremden Blutes abgeschwächt werde und schliesslich verloren gehen könne. Also ein anthropologisches Moment. Es ergibt sich ohne weiteres, dass die Wertung der einzelnen gegen die Mischehe sprechenden Momente eine verschiedene sein wird, ie nachdem man sie unter dem rein religiösen oder dem nationalen Gesichtswinkel betrachtet; aber wir werden sehen, dass unter Umstanden national-jüdische Rücksichten eine schroffere Ablehnung der Mischehe erfordern als religiöse. Jene Mischehen, in denen der einer fremden Rasse und Religion angehörendc Teil, also z. B. die christliche Krau, in der' fremden Religionsgemeinschaft verbleibt, werden selbstverständlich vom Standpunkt eines jeden Juden, der auf die ErhaUung der jüdischen Religion oder des jüdischen Volkes Wert legt strikteste Ablehnung erfahren. Aber selbst in diesem extremen Falle wird das nationale Interesse weit mehr geschädigt als das religiöse. Denn wenn die Berliner Statistik für die Jahre 1889— 1S93 die Tatsache ergibt, dass 22 Prozent aller ln Berlin überhaupt geschlossenen jüdischen Ehen Mischehen sind, wenn sich fer.ner herausstellt, dass nicht weniger als ל» der aus den Mischehen stammenden Nachkommen den! Christentum ahheimfallen, wenn in 2 Jahrzehnten von 300 OOf, Joden Sn Preussen 20 000 Personen durch Mischehen dem ludentum verloren gegangen sind, so muss zwar der religiöse Jude die Massenabwendung von der jüdischen Religion schmerzlich empfinden, aber mehr Im Interesse der Abtrunnigen als In dem der Religion, deren Bestand durch den Abfall einiger Tausend westeuropäischer Juden nicht in Frage gesteht ist. Sehr empfindlich aber trifft dieser Verlust das National- Judentum, denn dieses!st in seinem Bestand und seiner Ent- Wickelung auf die Mitarbeit möglichst aller seiner Söhne anvcwiesen und kann so kolossale al’jShrliche Verluste an Individuen ohne Gefährdung seiner Zukunftsplänc auf die Dauer nicht ertragen. Der Verlust ist umso schmerzlicher, als wir aus Erfahrung wissen, dass sich oft genug aus den Familien der Abtrünnigen ln Westeuropa die arbeitsfreudigsten National- Juden rekrutieren. Umso entschiedener ist vom nationalen Standpunkt ein Schritt zu bekämpfen, der, wie wir gesehen haben, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die Nachkommen einer fremden Gemeinschaft zuführt, der die gesamte Nachkommcnschaft aller kommenden Generationen von Qebunt au in ein Milieu versetzt, ln dem eine Entwickelung gut Jüdischer Gesinnung von vornherein ausgeschlossen ist, in dem die endgilt'ige Abwendung der Nachkommen vom Judentum durch den unseligen Schritt eines der Ahnen prädestiniert Ist. Was sonst gegen die Mischeire vorgebracht worden ist. hat teils nur für ׳diejenigen, die die Ehe scWiesstm,* persönliches Interesse, teils berührt es die soziale Seite der Frage. Hiorher gehörte z. •B. die geringe Fruchtbarkeit der Mischehe, die'relativ häufige Scheidung u. ä. Vom jüdischen oder gar vom zionistische^ Standpunkt •interessieren diese Gesichtspunkte in keiner Weise, da ja diese Elemente für das Judentum meist־ ־verloren sind.' ♦־' \ ‘ ־ ' Wie aber ist die Mischehe zu beurteilen, wenn die Qhristin zum Judentum Übertritt? Der Nur-Religionsjudc wird gegen diesen Schritt nicht allzuviel einzuwenden haben. Das Judentum ist zwar keineswegs bekehrungswütig, aberr warum sollte es nicht fremde Elemente in seinen Schoss aufnehmen? Hier scheidet sich das zionistische Interesse von dem rein religiösen. Das jüdische Volk lebt heute ln höchst abnormen Verhältnissen. Da es weder in sprachlicher noch in territorialer Be- Ziehung pine Einheit darstellt, da es ihm also an gewissen äusseren Bindemitteln fehlt, die unter normalen Verhältnissen eine ständige nachdrückliche Betonung seiner Zusammengehörlgkeit, eine intensive Kultivierung aller gemeinsamen Eigenschäften und Ideale unnötig machen, so ist es gezwungen, all jene Güter, die sein nationales Bewusstsein und den Emiieitsgedanken wachzuhalten vermögen, liebevoll zu schonen und zu pflegen. Zu diesen Gütern gehört die Religion, gehören die Ueberrestc unserer alten jüdischen Kultur, denen ich unser ait-jüdisclies Familienleben zurechnc, und nicht zum mindesten das jüdische Stammblut, unser Verwandtschaftsgcfühl, unsere Rassensolidarität. Wer uns diese Güter raubt oder verdirbt, der legt die Hand ans Judentum. Der ׳religiöse Jude wird die christliche Mutter, selbst wenn die Kinder Juden bleiben, als ein Unglück für. die Familie b> trachten; ist die Mutter Jüdin geworden, so wird sich der Unwille zu einem gemässigten unsympathischen Empfinden abdämpfen, das aus dem Bewusstsein hervorgeht, dass eine als Christin geborene und erzogene Mutter nie recht imstam* sein wird, wahrhaft jüdisch-gläubige Kinder zu erziehen. Der Nationaljude betrachtet aber auch diese Ehe als ein Unglück. Er weiss, dass in der Familie die Hoffnung des zionistischen Judentums ruht, sein Verlangen geht dahin, dass dem heranwachsenden Geschlecht das jüdische Empfinden mit der Muttcrmilch emgcflösst werde, dass die jüdische Erziehung mit all ihren spezifischen Nuancen uns all Jene Güter schütze und festige, die durch das fehlende jüdische Milieu gefährdet sind. Dass aber eine christlich •arische Mutter, selbst wenn Ihr der Rabbiner und der Staatsbeamte beschönigt haben, dass sie nunmehr der mosaischen Konfession angehöre, niemals im stände sein wird, diese Aufgabe zu erfüllen, liegt auf de! Hand. Der Zionist, der eine Mischehe auch «1 dieser religiös fast einwandsfreien Form eingeht, hilft damit einen Jener wenigen Grundsteine beseitigen, auf denen dor Notstandsbau des heutigen Judentums ruht. Macht sich schon hier das zionistische Interesse etwas stärker geltend als das religiöse, so Ist es das einzig mns>- gebende bei der Beurteilung der Mischehe vom anthronologischen Standpunkt. Hier ergeben sich für den Zionisten Rück- 's׳chten, mit denen sich sein zionistisches Gewissen ganz erfüllen muss. Man braucht sich nicht als gelehriger Schüler Gobineaus auf die anthropologische Geschichtsauffassung eingeschworen zii haben und unbedingt Jede Lebensäusscrung ‘eines Indivlduums oder eines Volkes als einen Ausfluss seiner Rassensnezifrtät zu betrachten, man braucht sich nicht mit dem anthropologischen Tollwutsbacillns infiziert zu haben, der ln jüngster Zeit in manchen Gehirnen einen bedenklichen Schaden angerichtet hat — davon aber muss man sich fest überzeugt halten, dass das Zusammengehö'lgkeitsgefühl der Juden nicht allein durch gleiche historische Erinnerungen und den gleichen Glauben, sondern zum guten Teil durch Rassengemeinschnft gegehon Ist dnss es Im weiteren Sinne ein Verw־and־tschaftsgefühl ist. ’ Ich glaube zwar, dass es noch heute eine jüdische Rasse gibt. Aber es kommt hier durchaus nicht darauf an. dass dieselbe eine homogene Struktur aufweisc, sondorn es genügt, dass in grossen Himmelsstrichen das Jüdische Element in einem deutlichen anthropologischen Gegensatz zu der umwohnenden Bevölkerung steht. Welcher Art dieses jüdische Element In anthropologischer Hinsicht auch sein mag ־ - gleichviel, dieses unser Rassciihliit. wie es Jetzt in unseren Adern

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