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Jüdische Rundschau · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. iS. JÜDISCHE KUNDSCHAU. Seite 157. zahlreiche^ Beteiligung der Genossen beerdigt. An seinen* Grabe sprach mit polizeilicher Erlaubnis eine junge, redege wandte Arbeiterin und schilderte in vornehmer Rede die Lag•' des Proletariats aller Länder und insbesondere des russischen Proletariats. Sie verstand es, die tausendköpfige Menge durch ihrer Rede Gewalt zu fesseln. Selbst die Hüter der russischen Administrationsordnung vergassen für einen Augenblick di' staatscrhaltendc Pflicht urd Hessen die junge Arbeiterin lange und ungestört beim Worte. Plötzlich jedoch erinnerte sieb der Poi'izeibeamte seiner Aufgabe und rief ihr in •barschem Ton zu: ״Genug, genug!״ Darauf laute Rufe aus der Menge: ״Ausreden lassen!“ ״Nieder mit ihm!“ Die Polizei schritt zur Verhaftung der Sprecherin. Die Menge widersetzte sich. D'e Vertreter der Ordnung machten von der blanken Waffe Gebrauch. Die Menge warf mit Steinen. Der Polizeileutnant wurde lebensgefährlich, die Schutzleute schwer verwundet. Mittlerweile erschien Militär auf dem Platze. Das Vaterland war gefährdet und so hieb die Soldateska mit blanker Waffe wie wütend um sich. Die Kirchhofausgänge waren gesperrt. Ein Entkommen war nur durch das IJebcrklcttern der' Kircb hofmauer möglich. So erk’ärt es sich, dass viele junge Mädchcn klaffende Wunden am Hinterkopf, am Rücken und an den Beinen davonfrugen. Einige der Verwundeten stehen in privaten Heilanstalten unter polizeilicher Bewachung, andere wurden sofort ins Gefängnishospital überführt. Sonntag abends konnte man in allen Arbciterkreiscu mit stark lettischem Eiement von Polizisten die folgende gruselige Oeschichte hören: ״Die Juden hätten einen Letten auf ihrem Kirchhof beerdigen wollen! Und weil die Polizei das nicht dulden wollte, da wurde sic von den Juden angegriffen und geprügelt. Warum aber wollten wohl die orthodoxen Juden einen unheiligen Christen auf ihrem Kirchhof mit so grossen Ehren begrabet»? Sehr einfach. Die Zeremonie wäre nur ein Vorwand gewesen. Fn \V irkl cbk.it wellten die Juden dieser Tage ihr Pessachi ,s» in entsprechender Weise feiern, und da haben sie dazu einen Letten ermordet, wie sic es ja schon oft vorher getan haben.“ ־ - Heute kann man auf allen Strassen der Kulturstadt Riga gcbl'dct ausschcndc Bürger im ersten Disput untereinander und mit Beamten über den Ernst der Lage der Christen ln dem verjudeten Russland sehen! In solcher Weise schlägt man zwei Fliegen mit einem Schlag: man massregclt die Arbeiter, und man verhetzt die Bevölkerung gegen die Juden. Inzwischen n»acht.die Verelendung der jüdischen Massen dauernd ungeheure Fortschritte. Die deutsche ..Petersburger Zeitung“ entnimmt einer Korrespondenz der ..löewsk. Otkliki“ aus Belaja Zerkow im Kiewschcn Gouvernement folgendes: Infolge seiner geograobisehen Lage hat unser Städtchen in den letzten Jahren einen hervorragenden Platz im jüdischen Ansiedclungsrayon einge« tiommcn. Die bedauerlichen Vorgänge in den achtziger Jahren, die eine kontinuierliche Aussiedelung der Juden aus den Dörfern mit sich brachten, bewirkten es. dass Belaja Zerkow das Zentrum wurde, wohin sich aus den Dörfern ein Strom obdachloser und abgerissener blutarmer Juden ergoss. Trotzdem das Städtchen einige hundert steinerne Häuser, zahlreiche glänzende Läden und grosse, wob!gepflegte Strassen besitzt, empfängt der Besucher den Eindruck, dass der Ort von Bettlern bewohnt sei. Und tatsüch'ich sind auch die meisten Bewohner bettel* arm: die Aerzte und Wohhätigkcitsaiistalten konstatieren einmutig, dass mit jedem Jahre die Zahl derjenigen grösser wird, die sich durch die bitterste Not gezwungen sehen, an die Wohltätigkeit zu appellieren. Da die meisten Bewohner des Ortes Juden und dabei Handwerker sind, so *ist die Konkurrenz manecls eines zahlkräftigcu Publikums ausserordentlich gross. Man gehe einmal durch die abgelegenen Gässchen des Ortes: zu beiden Seiten dieser Gässchen steile»» Hütten, so klein, elend, schmutzig und zerfallen, dass man an ihrer Bewohnbarkoit zweifelt» »uuss. Und doch wird Jeder Winke! dieser engen, stickigen, niedrigen und finsteren Räume von Menschen hewohnt. Diese stets hungernden, mit einander den Kampf ums Dasein führenden Menschen sind fast alle Handwerker. Es -gibt fast kein Fenster — wenn die kleinen Luftlöcher diese Be- Zeichnung verdienen — in dem nicht ein Zettel hinge, auf dem ein Flickschneider, ein Klempner, oder ei•! Galosphenflickcr seine Dienste aubietet. Verirrt sich einmal ein Zahlungsfähiger in diese elenden Oässchen. so macht er. von den angeborenen Dienste!» keinen Gebraucl»,_sondcrn hält sich an die grossen Magazine: die armen Juden aber, die so gern arbeiten möchtcn. hungern. Doch die Leiden und Entbehrungen der Juden m Belaja Zerkow sind so alltägliche Erscheinungen, dass man sich an sie gewöhnt hat und ihnen keine weitere Beachtung schenkt. Bel diesem Elend kann man es begreifen, wenn das־ Bütt, das die vornehme Tonart des deutschen Nationalismus vertritt, die ״Tägliche Rundbehau“ sich zu Artikeln» bemüssigt findet, die besonders dann interessant werden, wenn man weiss, wie die. christlichen Russen zu vielen Tausendin desertieren, während Polen und Juden gegen die Japaner im Feuer stehen. Es ist charakteristisch für die Vertreter der Edelrasse, wenn jetzt die ״Tägliche Rundschau“ in einem Leitartikcl orakelt: ״Ein noch viel trüberes Licht auf die Anhänglichkeit an Kaiser und Reich hat aber die gemeine Weise geworfen, mit der sich die jüdischen Gestellungspflichtigen und die bereits aktiven jüdischen Soldaten ihrer Waffenpflicht zu entziehen versucht haben. Eine schmutzigere Feigheit, ajs die dieser jüdischer Krieger — die Aerzte machen eine höchst rühmliche Ausnahme - und Zukunftskr.'cgcr hat es in der ganzen Welt noch nicht gegeben. Von den Gestellungspflichtigen sollen in einzelnen Bezirken nicht weniger als achtzig v. H. fiirchtgepeitscht durchgebrannt und ohne oder mit falschem Pass über die Grenze entflohen sein! Wo gibt es auf Gottes Erdboden ein zivilisiertes Volk, das unter solchen Umständen nicht zu Ausschreitungen geneigt wäre! Was darf man von dem kaum halb zivilisierten russischen Muschik anderes erwarten, als dass er bei dem fast hysterischen Patriotismus, der ihn selbst hei diesem, iür ihn nur schwer verständlichen Krieg ergriffen hat, seiner blinden Wut nachgibt und für den Frevel dieser Bagage auch die schuldlosen besseren Juden büssen lässt! Mit den schon eingereihten jüdischen Soldaten soll es nicht' utn ein Haar besser stehen. In cinze’nen Garnisonen dürfen sie den Weg von der Kaserne in die Stadt nur in Begleitung von Patrouillen machen, weil die berechtigte Furcht besteht, dass auch sie den heiligsten Eid des Soldaten, den Fahneneid, brechen und jede Gelegenheit zur Flucht benutzen könnten.“ . ' Hier kann man zwischen deutscher und russicher Wahrheitslicbe die Grenze nicht mehr ziehen. Inzwischen werden in Russland die Juden zum ״Patrlotls— muss** kommandiert Herr Sawitsch, der Gouverneur von Kiew, erspart — wohl auch für Kriegszwecke — Papier und Tinte. Er ladet, was gar nichts kostet, den Grossrabbi der Stadt zu einer freund- * schaftlichen ״Besprechung“. Wohlwollend teilt er ihm mit, dass er vernommen habe, die Juden seien über die russischen Niederlagen erfreut. Er mache ihn nun aufmerksam, dass er bei der augenblicklichen Stimmung der Bevölkerung für gar nichts, aber schon für gar nichts gutstehen könne. Der Rabbiner kam so wert zu Wort, um sagen zu können, die jüdischeu Familienväter, auf die allein er Einfluss zu üben imstande wäre, seien treue und loyale Untertanen des Kaisers; die Jugend aber entziehe sich der Kontrolle. Da hatte aber der Rabbi den Gouverneur missverstanden. Der fand natürlich, dass er in den Sammellisten für Kriegszwecke die Juden nicht in dem Masse vertreten sehe, wie es sich für loyale Untcitauen des Zaren gezieme, die docli überdies wissen »»iüssteii. dass ״man f»i׳r gar nichts gutstehen könne". Nun verstand der Rabbiner. Er begab sich zu den Honoratioren. Diese heschlossen, reichlich zu spende»», und ihre Spenden ausschltesslieh den Verwundeten zu widmen. Arme Verwundete. Ihnen wirds trotzdem, wie dem jüdischen •Arzt Dr. Oppenheimei, ergehen, dem die Glieder Im Eisenbahnwagen auf dem Wege zum Kriegsschauplatz abgefroren sind. Das Geld geht andere, nicht mehr ungewöhnliche Wege. Aber Russland In der Well voran! Andere dicht hinter

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