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Jüdische Rundschau · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 156. No. 15. wir bezahlen für das Blut unserer Kinder, das sie zu Ostern trinken. Mit Blut bezahlen für unsere arnien Brüder, die ihrethalben in die Zwangsarbeit geschickt wurden. Mit Blut bezahlen für den Japanischen Krieg. Tod den Juden! Galt ist mit uns and der Zar für uns. Die Organisation der Rechtgläubigen.“ י Im Augenblicke scheint diese Agitation der russischen Regierung noch nicht zu Pass zu kommen. So meiden die ״Nowostij“, dass der Stadthauptmann von Odessa eine Ve!r- Ordnung erlassen habe, worin erklärt wird, dass alle russischen Untertanen den gleichen Schutz der russischen Gesetze geniessen. Nur Gegner Russlands könnten innere Zwiste anzetteln. Es wird verboten, absichtlich falsche Gerüchte zu verbreiten. Schuldige werden mit einer Geldstrafe von 500 Rubel oder Arrest his zu Urei Monaten bestraft. Dass die antisemitische russische Regierung nur für den Augenblick die Judenhetze vertagen möchte, is׳t jedem halbwegs Einsichtigen klar. Der russische Minister des Innern, v. Plehwe, hat sechzig Vertreter der grösseren jüdischen Gemeinden Russlands nach Petersburg berufen und sie beauftragt, dem Ministerium eine Denkschrift über die Nöte der Juden und über wfinschcnswerte Reformen zu überreichen. Diese sechzig Vertreter habe unter anderm folgende Wünsche zum Ausdruck gebracht: 1. Die Aufhebung der prozentuaien Beschränkung fiir Juden an den Bildungsanstalten des Reiches; 2. die Erweiterung des Wohnrechtes der Juden und 3. die Wiedereinführung der Handwerkcrverwaltungen, weiche allein das Recht haben, jüdischen Handwerkern Zeugnisse auszustellen, die den Juden das Wohnrecht im Innern des Reiches cinräumcn. Die Denkschrift hatten die jüdischen Vertreter am 16. Februar dem Minister v. Plehwe persönlich überreicht. Es fand hierauf eine Unterredung zwischen Plehwe und den Juden stalt, über welche einige Einzelheiten vorliegcn. Nachdem Plehwe die jüdischen Vertreter ersucht ,hatte; den Inhalt der Unterredung geheinizu- .halten, sagte:er wörtlich: ״Ganz ungerecht ist die verbreitete Ansicht, dass der Zar und ich die Juden als eine inferiore . Rasse betrachten; im Gegenteile, wir erblicken in den Juden eine überlegene (welcher gemeine Hohn! Aber Plehwe ist Balte, das.besagt alles!) Rasse, und wenn man den Juden den Zutritt zur höheren Bildung freimachen wird, werden sie. wenn, auch auf ehrlichem Wege, alles an sich reissen, und e? wäre*e!n Unrecht, die Minorität über die Majorität herrschen zu lassen. Mit Bedauern habe ich mich überzeugt, dass die Juden nicht nur Rcvo’utionäre, sondern sogar Mörder sind Mein Vorgänger wurde von Balmassen ermordet, Fürst Obolenskij zwar von einem Christen angeschossen, aber alle diese Morde und Attentate sind von Juden vorbereitet worden. Die Juden haben uns den Krieg in der ausländischen Presse erklärt; ich mache darauf aufmerksam, dass ein Krieg Opfc bedingt. Die Regierung ist bereit, die ökonomische Lage der Juden zu verbessern, aber sehr langsam. Von Gleichberechtigung sollen die Juden nicht einmal traum e n, denn man braucht nur heute den Juden die Gleichberechtigung zu verleihen und schon am nächsten Tage werde 11 s.lchdie Ereignisse von Kischinew und Hornel wiederhole n.“ Am Schlüsse dieser Unterredung ersuchte* v. Plehwe die Notablen, die revolutionären Bestrebungen der Juden einzudämmen, und versprach ihnen, wie die neueste ״Osswoboschdenije“ meldet, dass ihre Arbeit in düeser Riehtung Früchte tragen würde. Aber auch diese Andeutungen einer geringen Möglichkeit von ״Früchten“ beziehen sich nur auf die Zeit der Verlegenheit und Verlogenheit während des Krieges. Dementsprechend werden in einem vertraulichen -Zirkular des Staatssekretärs Plehwe (Ministers des Innern), das zur Kenntnis der ״Frankfurteu־ Zeitung“ gelangt ist, die zuständigen Behörden ent sprechend instruiert. Besonders bezeichnend ist der Schluss satz des betreffenden Rundschreibens, der folgenderniassen lautet; ,.In dem Bestreben, alles zu vermeiden, was in dieser schweren Zeit den regelmässigen Gang des inneren Lebens des Reiches stören und die Unzufriedenheit der Bevölkerung erregen könnte, halte ich cs für notwendig, sofort, z e i t we i- Hg, bis zur Wiederherstellung des Friedens, von den Juden, die nach Ansicht der administrativen Behörden sich unrechtmässig in ihrem 'jetzigen Wohnort aufhalten, die Ausweisung derjenigen einzustcllen■, die den Wohnort rech'!- massig bezogen hatten, aber nachträglich ihr Wohnrecht verloren haben, sowie ferner derjenigen Juden, die schon längere Zoit in ihrem gegenwärtigen Wohnort wohnen und dabei ein: Famüie und Haushaltung besitzen. Ais unerlässliche Bedingung für die Anwendung der gegenwärtigen Verfügung muss die Gewissheit der administrativen Behörde betrachtet werden, dass der Jude, der in einem für lilm verbotenen Wohnort belassen werden soll, weder für die öffentliche Ordnung schä.*- lieh ist, noch in der Bevölkerung, in deren Mitte er sich aufhält, Unzufriedenheit erregt.“ Zu der Acusserung des germanischen Russen Plehwe, dass die Juden Mörder seien, kommt so schön der bevorstehende Prozess über die russischen Mordtaten von Hömel. ..Die vor wenigen Tagen beendete Voruntersuchung in dem Prozess über den Krawall in Hornel hat ein geradezu niederdrückendes Ergebnis zu Tage gefördert. Die Untersuchungsbehördc hat alles getan, um durch höhere Beeinflussung der Zeugen, nötigenfalls aber auch durch schamlose Anstiftung derselben zu lügenhaften Aussagen die wirklichen Vorgänge in Hornel zu verdunkeln. Die Untersuchungsrichter haben sich augenscheinlich zur Aufgabe gestellt, den Homelcr Krawall so darzustellen, wie er seinerzeit in dem berüchtigten Communique der Regierung geschildert wurde. Es muss zugegeben werden, dass ihnen die Lösung dieser Aufgabe im hohen Grade gelungen ist. Die Schlägerei am Marktplatze vom 29. August wird in den Untersuchungsprotokollen als ein von de!1_ Juden wohlorganisierter Angriff auf die christliche Bcvö'kerrng dargestellt. Es fanden sich ״vertrauenswürdige“ falsche Zeugen, welche bekunden konnten, dass der Angriff der Juden von diesen schon lange vor dem 29. August gut vorbereitet war. dass er zum Zweck hatte, den Christen den Krawall von Kischinew licimzuzahlcn. und dass die Schlägerei auf den! Marktplatz nur die Einleitung und das Signal zum geplanten Angriffe war. Aus einer grossen Reihe von geschickt untergeschobenen falschen Aussagen abgerichteter Zeugen geht eine ungeheuerliche Anklage gegen die ung'ücklichen Juden von Hornel hervor. In dem Material zur Voruntersuchung werden die Juden als die dreisten und frechen Feinde aller frieclllc1.cn Christen sowohl wie der herrschenden staatlichen ur:d gesellschaftlichen Ordnung geschildert. Als sachverständige Spezialisten fiir d:c Psychologie der Juden werden Soldaten uni Gendarmen vorgeführt. Diese Sachkundigen führen zwar sehr wenig tatsäch- Mches Material an. dafür wiederholt aber jeder Einzelne von ihnen alle die Beschuldigungen, welche in der bekannten Anspräche des Gouverneurs Klingenberg so beredt zum Ausdruck gelangt sind. Obgleich die Voruntersuchung schon abgeschlossen isi. schmachten 8 Juden (5 aus der Schlägerei am 29. August und 3 wegen der Vorgänge am 1. September) noch immer in der Untersuchungshaft, während die christlichen Plünderer, ji sc'bst die christlichen Alördcr gegen Bürgschaft oder Kaution sich sämtlich auf freiem Fusse befinden. Die Homcler Anklage verspricht in noch weit höherem! Grade zu einem tendenziösen politische:! Prozess zu führen, als se’hst die Kischiiicwer Prozesse. Aus den Ergebnissen der Voruntersuchung lässt sich schüessen. dass den Homeler Juden der Versuch der Advokaten, den Kischinewer Behörden und der dortigen ״Intelligenz“ die Maske heruntcrzurcissen. au!s Kerbholz gesetzt werden soll. Ferner sollen sic zur Vcrant- Wartung dafür gezogen werden, dass sie die Frechheit Besessen haben, mit bewaffneter Hand ihr Leben zu verteidigen, wie auch dafür, dass die sozialdemokratische Bewegung unter den Arbeitern in Hnmcl so grosse Ausdehnung gewonnen hat. Man kann sich leicht verstellen. welches Urteil über die angek'agten Juden unter solchen Umständen von dem Gerichtshof gefällt werden dürfte.“ Was der Balte Plehwe als Lenker des Reiches plant, kommt auch im Baltenlande zum Ausdruck. In Riga, der kuiturreiciistcn Stadt des gläubigen Russland, starb am 25 März ein jüdischer Handschuharbeitcr, der nebenbei ein eifriger, doch durchaus nicht fanatischer sozialistischer Agitator gcwesen war. Am Sonntag darauf wurde er unter demonstrativ

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