Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651357--01206-2658045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 154. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 15. b e k i n n t, das Unmögliche, Palästina zu erlangen. Es gibt keine Aeusserung H’s, die unzweideutig seine Absicht, Pa- ISstina aufzugeben, zeigt. Das Gegenteil ist der Fall. Für Herzl ist Ostafrika eine Frage der Wohltätigkeit. Bei anderer Gelegenheit — Kolonialbank — hat Herzl gezeigt, wie euergisch er vorgehrt, um seinen Willen durchzusetzen. Er hätte anders gehandelt, wollte er Ostafrika für Palästina einsetzen. Herzl will nur, dass der Zionismus der Mittler sein soll zwisehen der englischen Regierung und den philantropischen Ge- Seilschaften, die doch keine Einheit sind. So muss man die Frage betrachten, wenn kein Misstrauen vorhanden ist. Anders, wenn solches vorhanden. Nach dem Kongresse geschah allerdings manches Bedenkliche, andererseits hat aber gerade der Palästina-Gedanke nach dem Kongresse neuen Boden gefasst. Die den Palästina-F.nthusiasmus nicht haben, sind deutlieh abgegrenzt: sie sind nicht etwa identisch mit den׳ Ja- Sägern des 6. Kongresses. Bei einer baldigen Berufung des siebenten Kongresses würde siejier die erdrückende Majorität für Palästina sein. Die Charkower sagen weiter, es seien viele andere Missstände vorhanden. Wo etwas schlecht ist. müssen es gerade die legal Gesinnten zugeben. Jetzt gibt es keine Verkleisterung mehr, nur Einigung durch Priifung der sachlichen Beschwerden und Abstellung des fiir schlecht Befundenen. Es sind Missstände im A.-C. Der Grund ist, dass dieses ungeeignet zusammengesetzt ist: cs ist eine Sammlung von Agitationsrednern, aber kein politischer Rat. Leute mit mehr politischem Verständnis sollten hmcinknmmtn. oder man sollte Ministerien einrichten. Wegen der die Bank betreffenden Klagen muss eine genaue Untersuchung stattfinden. Nicht unberechtigt ist der Vorwurf, dass für Palästina bisher zu wenig geschehen sei: das müsse anders werden: genau so wichtig ist freilich die Erhaltung des Politischen. Alles aber muss man durch parlamentarische Mittel zu etreichen suchen. Die erste Forderung der Charkower ist eine schwere persötdichc Beleidigung Herzl's: dieser Beschluss ist eine Torheit. Jetzt ist eine Erbitterung geschaffen worden, welche er legalen Opposition die Arbeit erschwert, sic aber nicht an der Arbeit hindern darf. Herr Becker: Es liegen derartige Ungesetzlichkeiten gegen das A.-C. vor. denen gegenüber die einzige Gegenwehr abermals eine Ungesetzlichkeit ist. Die Form der Charkower Beschlüsse ist freilich eine Unklugheit. — Das Oeffentlich- Rechtliche im Programm ist nur richtunggebendes Motiv, das andere Grundprinzip: letzteres ist der essentielle Gehalt, crstercs nur ein. wenn auch hochwichtiges. Attribut. Die Möglichkeit, dass bei׳ dem Schöpfer des Politischen im Zionismus dieser Gedanke eine Präpondcranz hat. kann nicht geleugnet werden. — Auch Soldaten dürfen, wenn der Führer sie gegen das Vaterland führt, den Gehorsam verweigern, ja. sic müssen es. Charkow war nur eine Folge der gewissenlosen Propaganda miit dem Ostafrika-Projekt auf der anderen Seite» Die Wohltätigkeit ist überall am Platz, nur nicht aul dem Zionisten-Kongress! Auerbach: Greenberg*^ und Zangwill’s Vorgehen dart s nicht Herzl zur Last gelegt werden. Es ist nicht moralisch, eine ungesetzliche Handlung durch eine ebensolche zu pariereu. Alles, was nach Wohltätigkeitszionismus aussieht, muss freilich ausgerottet werden. Herr Pi n k u s: Warum haben die schon lange ״geladenen“ Russen auf dem Kongress geschwiegen, a’s dort Trietsch seine Vorwürfe erhob? Warum haben sie ihn nicht unter- Stützt, als er sein Misstrauen gegen Herzl's praktische Politik aussprach? Man darf nicht auf dom Kongress für Herzl stimmen und ihn dann anklagen! Die Versammlung ging nach weiterer lebhafter Diskussion um 2 Uhr nachts auseinander, nachdem nun sich dahin geeinigt, dass die sachlichen Forderungen der Charkowei ' grossenteils berechtigt sind, die Ar t ihres Vorlebens aber zu tad-eln ist. Eine Einigung muss hcrbeigefiihrt werden: sie ist aber kaum anders denkbar als auf dem vom Referenten am Schlüsse seiner Ausführungen angegebenen Wege. h$• ’ Neues aus aller Welt wird fortdauernd über die Juden gemeldet und doch sind es seit zwei Jahrtausenden stets nur die wechselnden Töne derselben Melodie. In alle Fragen aller Länder und aller Zeiten wird die Judeniragc hineingetragen. ־, sei es die Tumfrage, die des Jesuitengesetzes oder der japanisch-russische Krieg. Per während der Ostern ln Berlin tagende Turntag beriet unter anderem über die Anträge, die sich auf die Anerkennung der deutsch-freiheitlichen Turnvereine beziehen, die durch den sogenannten ״Arierparagraphen“ aus dem fünfzehnten österj reicbischen Turnkreis hinausgedrängt worden sind. Die 48 ן deutsch-freiheitlichen Vereine Oesterreichs, unterstützt von; einer Anzahl «־eichsdeutscher Vereine, an deren Spitze der alte : Turnverein Breslau steht, beantragen, die drei Abgeordneten des Verbandes der deutsch-freiheitlichen Turnvereine Oesterreichs zum Turntage mit beratender und beschlicsscndcr Stimme zuzulassen. Die Juden in Oesterreich jubeln über den Beschluss, der ihnen, ,denn um sie handelt es sich, dieses Recht verleiht, während in Wahrheit damit die Kluft zwischen deutschen und jüdischen ä tout prix deutschseinwollenden Turnen! in Oesterreich noch schärfer und klaffender wird. Ebenso hat das Jesuitengesetz die Judenfragc tangiert. Der ״Germania“, dem führenden Organe des Zentrums in Berl’n passt es nicht, dass einzelne liberale Organe, die als ..jüdische Organe“ angesprochen zu werden pflegen gegen die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes Stellung genommen haben. Sie sucht dbsc Blätter nun zu einer besseren Einsicht zu erziehen, geht dabei aber eigentümlich zu Werke. Sie be- Lebt nämlich den Juden schlechthin mit der Bekehrung des Zentrums zuni Antisemitismus zu drohen, erinnert daran, dass das Zentrum den Erlass eines Schachtverbots verhindert, dass schon Peter Reichenspcrger einmal Anlass gehabt habe, darauf hinziiweisen, dass die Juden eine Minoritäts- Stellung •einnehmen und das Gesetz vom 3. Juli 1S69, das ihnen die volle Gleichberechtigung in bürgerlicher und Staatsbürger- Ixher Beziehung gewähre, auch einmal wiedef aufgehoben werden könnte. Das Blatt des Protestanten Arthur Levysohn ist es besonders, das der Hass der katholischen Germania gegen die Jude״ w ieder u:1d wieder aufstachelt. Inzwischen ist im sächsischen Landtag die Beratung des anderweiten Berichtes der ersten Deputation über § 5 des mittels KcnigMdien Dekrets Nr. 10 vorgelegten Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die israelitischen Roligionsgemeinden, erfolgt. De: erste Entwurf hatte dem Gei: Kirchenrat Pank Anlass zur Befürchtung gegeben, es möchten die Judentaufen nicht genügend durch ihn befördert werden. Bei der bereits stattgefutidcnen Beratung des Gesetzentwurfes hob Geh. Krrchenrat D. Pank die einschneidenden Acnderungen des gegenwärtigen Zustandes durch § 6 nach der Richtung hervor, dass das, was bisher nur für den Austritt von Angehörigen einer vom Staate anerkannten (aufgenommenen) christlichen Konfession galt, nuiguchr auch für die Angehörigen einer israelitischen Religionsgemeinde Geltung erhalten soll. Infolge diese! Bedenken wurde die Vorlage nochmals, soweit § 6 in Frage kam. an die Deputation zurtickverwicsen. Die übrigen Paragraplien fanden Annahme. Die Deputation prüfte die Frage eingehend und trug den erwähnten Bedenken insofern Rechuung. als sic beaivtragt, den § 6 in folgender Fassung anzunehmen: ״Auf den Austritt aus der israelitischen Religionsgemcinde — soweit er nicht durch Eintritt in eine auigenommene christliche Konfession (§ 56 der Verfassungsurkunde) erfo’gt - sow׳ie auf die religiöse Erziehung von Kindern aus israelittselten Ehen oder aus Ehen zwischen Israeliten und Andersgläubigen iitKlen die Vorschriften in §?0 des Gesetzes, die Einführung der Zivilstandsregister usw. betreffend, vom 20. Juni 1870 entsprechende Anwendung.“ Ausschlaggebend ist | die Frage, ob die israelitischen Religionsgemeindeu zu den gesetzlich anerkannten oder nur zu den geduldetem gehören. Bestimmte gesetzliche Normen bestehen nicht, und deshalb soll eben die Anwendung von § 20 des ״Dissidentengesetzes“ vorgesehen werden. Die Deputation hatte sich in eine Mehrheit und eine Minderheit gespalten. Die Minderheit wollte § 6 unverändert zur Annahme empfehlen, die Mehrheit war für eine Umgestaltung. In der Debatte erklärt Geh. Kirchenrat D, Pank, Superintendent zu Leipzig: ״Der Bericht der Depu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.