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Jüdische Rundschau · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 15. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 153. werde. Gerade die besten Kräfte gehen uns verloren, obwohl bei der Entüusserung der jüdischen Eigenart nichts zu gewinnen, wohl aber sehr viel zu verlieren ist. Aber auch die. die sich vom Judentum abwenden, können nicht ganz loskommen: immer kann man Zeichen innerer Zernc<!enheit bei ihnen wahrnehmen. Der Judenschmerz bleibt ihnen, eine Folge den־. Empfindung der Gebundenheit ihrer Kräfte. Den anderen aber, die auch die Sehnsucht haben, ganz wie andere Menschen zu sein, als Juden zu leisten, was sie können, suchen einen Ausweg. Sie finden ihn in dem Gedanken einer geireirasamen jüdischen Zukunft. Das Volk muss neugeboren werden. Das kann man nicht durch Geld erreichen — ״die Idee ist es. die das Volk erlöst“, sagt ein Wort unseres machtvollen Führers Theodor Herz!. Was wir Zukunftsjuden zu erwarten haben, das empfinden wir Zionisten bereits, denen die Arbeit am Versuche schon unendlich viel gegeben hat. Wir haben unser Eigenstes und Bestes wiedergefunden. Anders als bei den Griechen hörte bei den Juden das politische Leben auf, gerade als sic auf der Höhe ihrer Kulturarbeit standen. Wir haben noch nicht alies getan, was wir tun können — so ist der Gedanke unserer Mission aufzufassen. Aber nur durch Gründung einer gemeinsamen Heimat können wir dem Vorbeugen, dass wir überhaupt aufhören als Kulturfaktar zu existieren. Jetzt gerade, nicht früher und nicht später, musste unsere Bewegung cinsotzcn. Einundeinhalb Stunden war die Versammlung den klaren Ausführungen! mit gespannter AufmcrksiamkeBt .gefolgt una lohnte sie zum Schlüsse durch reichlichen langanha! teil Jen Beifall. Aus der Diskussion ist nur hervorzuheben, dass Herr Katger behauptete, die anderen Vereine (gemeint sind Kolonisations-. Htlt'setc. Vereine) wollten dasselbe wie der Ziouismus, wenn sie es auch nicht sagten. Au der Diskussion beteiligten sich noch die Herren Dr. Neustadt, halb fiir, haln gegen, iemar Hirschfeld als Gegner, sowie zionistischerseits Herr Pinkus. Rechtsanwalt Schwarz. H. Sch. Rosenbaum und der Referent. - Nationalfond AS Mk. Karlsruhe. Der neu begründete jüdisch-akademische Verein ..M a k k a b ä a“ teilt mit, dass er jederzeit bereit ist. über die Studienverhältnisse an dortiger Hochschule jede Auskunft zu erteilen. Diejenigen, die Antwort erhalten wollen, werden gebeten, Ihrem Briefe mindestens zehn Nationalf'mdmarken betzulegen. Adresse: Akademischer Verein ..Makkab ä a“. Karlsruhe i. B.. S c h I o s s p!a t z Ko. 3. Regensburg. Samstag, d. 9. 4.. hatten wir das Vergnügen, einen unserer Führer, Herrn Dr. Friedemann aus Wiesbaden, bei uns als Redner zu begrüssen, dessen Ausführungen stürmischen Beifall hervorriefen. — In. kurzen, prägnanten Zügen entwarf Redner ein Bild dor heutigen sozialen und gesellschaftlicheii Verhältnisse der Juden im allgemeiner,, ging dann spezic'l auf diejenigen unserer deutschen Stammesbrüder über und betonte hierbei, dass unsere gesellschaftliche Stellung zwar eine bessere, als die unserer örtlichen Brüder sei. dass aber auch wir, trotzdem wir Gut und Blut gleich unser» andern Mitbürgern fürs Vaterland hergeben, noch sehr viele Rechte nur auf• dem Papier bcsassen. Ganz entschieden müsse er den Standpunkt vertreten, dass wir gute. D e u t s c 11 e. dabei aber auch gute Juden und somit Zionisten sein können. - Mit scharfen Worten geisseite er die Haltung der dem Zionismus fern und feindlich gegenüberstehenden Juden. Die einen verhalten sich so aus Angst, die anderen aus Bequemlichkeit und Gleichgiitigkeit. der grösste Teil aber, weil er alles, was jüdisch ist, nicht merken lassen will, sich vielmehr darin gefällt, in allen Gewohnheiten und Gebräuchen unserer Christliehen Mitbürger nachzuäffen. — Diese Gesinnung sei die vciwerflichstc und könne nicht hart genug verurteilt werden. — Die Lösung der Judcnfragc. auf die der Redner dann übergeht, sei eine brennende. - Diese'be sollte aber nicht durch Almosen erfolgen, sondern auf dem Prinznpe der Arbeitsmöglichkeit und der Selbsttätigkeit. — Nicht als Minoritäten wollen wir in unserer Umgebung aufgehen. seitdem nacfi unserer Eigenart uns im Lande unserer Väter nusiehen. — Dieses Land allein vermag den Idealismus hochzuhalten, der notwendig ist, um das vorhandene Mensciieiimatcrial der geplanten kolonisatorischen Tätigkeit zuzufülncn. An einen Erfolg unserer Ideen dürfen wir ruhig glauben: es sei ein Beweis hierfür in den bereits bestehenden 27 jüdischen Dörfern geliefert — Wir deutsche Juden hätten .nun die Pfliclit. uns unserer bedrängten Glaubensgenossen anderer Länder anzunchmen. weil unsere Stellung <in politischer una sozia'er Hinsicht eben eine bessere und gesicherte ist. — Wir müssen in gairz besonderem Masse das uns gesteckte Ziel zu erreichen suchen, wir müssen hierfür arbeiten und kämpfen. Der Redner bemerkt, dass die) europäischen Fürsten und Regierungen unseren Bestrebungen wohlwollend gegenüberstehen und die Türkei selbst werde uns wohl das gewähren, was sie inferioreren Stämmen ihres Reiches konzedierte. — Wir selbst dürfen nur in unserer Tätigkeit nicht erlahmen und eingedenk des Talmudwories: ״Mensch sein, heisst kämpfen,“ für den Zionismus kräftig elntretcn. Nicht endenwollender Beifall lohnte dem Redner und der Erfolg seiner Ausführungen war sofort sichtbar, indem vier Herren als Mit-* glieder unserer Vereinigung beitraten. — Sicherlich wäre der Beitritt ein grösserer gewesen, wenn eben mehr Nichtzionisten, dem sonst, von Damen und Herren unserer Vereinigung gut besuchten Vortrag *ungewohnt hätten. — Die für den Nationalfond eingeleitcte Sammlung ergab den Betrag von 30 Mark. Unsere Ortsgruppe hat durch das plötzliche Hinscheiden unseres lieben Gesinnungsgenossen und früheren Vorsitzenden Herrn Eduard Littmann einen grossen, unersetzlichen Verlust erlitten. Er starb im Alter von 23 Jahren. Wir beklagen den Verlust eines treuen, eifrigen Mitkämpferss für unsere Sache und eines unvergesslichen Freundes. Ortsgruppe Gross-Strehlltz. Königsberg I. Pr. Herr Sambursky teilt für die Königsberger Abonnenten unserer Zeitung zur getl. Kenntnisnahme mit. dass die Abonnementsbeträge vom II. Quartal an durch die Königsberger Zionistische Ortsgruppe eingezogen werden, also nicht mehr direkt zu schicken sind. Zur Charkower Konferenz. Einen äusserst interessanten Verlauf nahm die interne Sitzung der ..Breslauer Zionistischen V e r c r n igung“ vom Dienstag den 29. März. Herr Elias Auerb a c 11 sprach über ״Vorgänge seit dem sechsten Kongress“. Wir geben im folgenden kurz den Inhalt seiner Ausführungen und der der Diskussionsredner. Referent: Ucber den wichtigsten Verhar.dlungsgegenständ des 6. Kong., das Ostafrika-Projekt. wa: man am Kongresse selbst zu keiner Klarheit gelangt, auch rieht über die Frage: was ändert sich nun im System der Arbeit? ״Ostatrika“ als Agitationsmittel barg in sich Gefahren, vor allem in dem Entgegenkommen im Philantropischen. Durch die nur durch das philantropische Moment Neugewonnenen musste die cndgiltige Abstimmung beeinflusst werden, es konnte sich eine Majorität von neuen, in Zionisticis ungeschuften Ostafrika- Politikern bilden, deren Votum sicher nicht dem der alten Zionisten entspräche. Ostafrika durfte in der Agitation wohl als Erfolg des Zionismus angeführt werden, nicht aber als Zionismus. Innerhalb des Zionismus hätte man die Frage diskutieren müssen: gehört Ostafrika zum Programm? Man hatte herausarbeiten müssen, wo sich der Weg des neuen Projektes von dem des alten Zionismus scheidet. Menschliche Leidenschaft, frühere Ereignisse und persönliche Momente liessen die Dinge sich anders gestalten. In die zuerst ganz sachliche Diskussion platzte wie eine Bombe der Briet Ussischkins. Ussischkin gibt zu. dass dieser Brief ein gesetzwidriger Akt war. ein bewusster Verstoss, weil er die Fragen, die er aufrollte, endgiltig erledigt wissen wo’lte. Aber gerade e r, bei seiner Bedeutung durfte diesen Schritt nicht tun. dessen letzte Konsequenzen er nicht ab sehen konnte. Eine von diesen war die Charkower Konferenz, ein Beispiel, das nachgeahmt die Auflösung der Organisation bedeutet. Die Ansätze zu den durch Charkow zum Ausdruck gebrachten Differenzen liegen sehr weh zurück, noch vor dem ersten Kongress. Vor dem ersten Kongresse finden wir zwei Lager: 1. Vertreter der Kolonisationsidee. 2. Vertreter der jüdisch-nationalen Idee. Hieizu brachte Herzl*) die Idee der staatlichen, Völkerrechtliehen Grundlage. Diese drei Ideen vereinigt ergaben das Baseler Programm, den politischen Zionismus. Die Chowewfr Zi«n blieben aber auch nebenher gesondert bestehen. Den Gegensatz theoretischer Meimmtgen verstärkte der im Judentum bestehende Gegensatz zwischen Ost und West. Die öst'iclicn Cliowcwe Ziön legen das Schwergewicht mehr auf die gegenwärtige Arbeit in Palästina und Vertiefung des nationalen Gedankens, im Westen wird zu sehr das politische Moment in den Vordergrund gestellt. — Wie steht demgegenüber Dr. Herzl? Beilm Erscheinen des! .,Judcmstaaftes“ wurde viel die Frage erörtert: gehört er überhaupt zu den Zionisten? Die Antwort darauf war dann seine durch die Chowewi1 Ziön erfolgte Wahl zum Präsidenten. Immer aber blieb der Gedanke bestehen, dass er mehr Judenstaatier als Zionist sei. Abfcr ein so hochbegabter Mensch lernt doch auch zu: das intensive national-jüdische, palästinisch-zionistisehe Gefühl kann er sich doch auch inzwischen zu eigen ״cmacht haben. Und auf Grund seiner Aeusserungtn müssen wir das auch annehmen. Wir haben kein Recht zur Annahme, dass er anders denkt als er spricht. Vertrauen muss sein! Die Cltarkower hatten dieses nicht. Ussischkin sagt, dass .,Bcfürctvtungen“ vorliegen. Es scheint sich aber nur dämm zu handeln, wo für den einen oder anderen das ..Unmögliche"

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