Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15. Seite 151. JÜDISCHE RUNDSCHAU. leicht davon begeistert, wenn selbst in der Hungersnot die idealen Triebe vorherrschen, wenn man sagt, wir wollen diesen Vorschlag nicht, aber die Frage zu stellen waren wir verpflichtet. Die Vorgänge auf dem Kongresse haben mich tief erschüttert. Nicht vielleicht, weil es eine grosse Minorität gab, oder weil sie auszog, sondern weil ich mich fragen musste, die Leute, mit denen du so viele Jahre gearbeitet hast, glauben also wirklich, ich könne Palästina aufgeben. Das hat mich tief erschüttert, und dch ging zu den Neinsagern und sagte ihnen, wie mir ums Herz va!r. Von dem guten Willen unserer Freunde habe ich min erwartet, dass sic die Geister allmählich aufklären und ihnen die Sache ganz einfach beibningen werden. Dieser Kongress hat ja noch nicht über Ostafrika endgiltig beschlossen, er hat lediglich bestimmt, dass wir den Antrag in jener Form zur Kenntnis nehmen, in der man alle solchen Anträge zur Kenntnis nimmt, zugleich musste d^s Material gesammelt werden zu einer wirklichen Kntscheidung über die Sache, damit das Volk nicht mit Phrasen, sonder״, aus der Kenntnis der Dinge zu einer Entscheidung komme, fn diesem meinem Vertrauen zu meinen Kollegen habe ich mich aber schwer getäuscht. Gleich nach dem Kongresse wurde eine Agitation entfaltet, die unserer Bewegung schweren Schaden zugefiigt hat. Insbesondere war meine Intervention in Russland einigen Herren nicht recht, trotzdem Ich mich erst auf ihre Bitte zu dieser Reise entschloss. Diese Reise hatte, wie Sie wissen, Erfolg. Dieser Erfolg verhinderte aber nicht, dass mir der Krieg erklärt wurde. Ich habe dem Vertreter der russ. A. K. Mitglieder, Prof. Bclkowsky in Aussce alle möglichen Aufklärungen über die ganze Situation gegeben. Zu diesem Zwecke habe ich ihm ein Dokument gezeigt, welches ich hier verlese. (Aus diesem Dokument ist ersichtlich, dass Dr. HerzI 1/c an das Aufgeben Palästinas gedacht hat, sondern nach dem Kongresse um so energischer in seiner Au-beit für Palästina fortgefahren ist.) Ich habe nun erwartet, dass Belkowsky seüie Kollegen über ihren schweren Irrtum aufklären werde. Ich bemerke noch hierzu: Dieser Brief ist abgegangen, lange bevor die Agitation gegen mich begann. Die Kompetenz der Charkower Konferenz bestreite ich. Damit haben S׳'c einen Wurm in die Bewegung gesetzt, ich wünsche, dass man ihn ausrotte.* Man hat nicht mehr von mir verlangt, als dass ich den Kongress gegen sich selbst beeinflusse. Ich wiederhole, was ich Ihnen anfangs schon sagte, wir halten uns für verpflichtet, die Beschlüsse des Kongreses und die Erforschung der tatsächlichen Verhältnisse sowie sie uns von der Majorität des Kongresses zur Pflicht gemacht worden ist. durchzuführen. Trotzdem haben wir in dieser Zeit mit allem Eifer, den Sie aus dem verlesenen Dokumentc und aus vic’cn Schritten erkennen können, für Palästina das Möglichste getaii, wie es nach unserer Einsicht und nach unserem Gewissen möglich ist. Wir werden darauf noch zurflekkommen. Fcststellen will ich, dass wir uns i!» unserem Palästinaeifer von keinem Herrn eine Lektion gebe!' zu lassen brauchen. Aber wir haben noch einen andern Elfer das .ist der, wenn irgendmöglicli, wenn cs ohne Opfer י:,.־׳ Ueberzeugnug und ohne Vernachlässigung unserer Pflicht niüv». lieh, ist, die Einigkeit herzustclien und unsere Orgaidsatlon Intakt zu halten. Dazu Ist es notwendig, dass die Herren, die sich in einer ablehnenden Haltung befunden haben, deutlich erkennen lassen, ob sie die Beschlüsse des Vf. Kongrescss für die Majorität und Minorität in g’cicher ,Weise bindend anerkennen. Jetzt möchte ich nur an eines erinnern. Sie wissen wie es die beiden Mütter vor Salomo gehalten haben: die das Kind ״entzweien“ wollte, das war nicht die rechte Mutter.“ Montag Nachmittag wurde die Debatte über die Erkiärung Dr. Herzl's eröffnet. Als erster ergreift Ussischk i n das Wort. Er wlill nichts von HerzI, er will von der ganzen zionistischen Welt die Zusage, dass wir Arbeiten, die mit Palästina nicht zusanfmcnfallen, nicht aufnehmen sollen. Die Frage ist nicht, ob HerzI weiter für Palästina arbeitet. oder nicht, sondern die Frage bleibt dieselbe, wie sie am Kongress diskutiert wurde und wie sic in allen Vereinen diskutiert wird, nämlich ob wir bereit sind, uns mit der Frage der Kolonisation ausserhalb Palästinas' zu beschäftigen. Wenn auch 295 für Ostafrika gestimmt haben, tch erkläre hiermit j öffentlich, dass dies?r Beschluss für mich nicht obligatorisch ist. da er das,Basler Programm verletzt. Sie können versichert sein, w׳eun Sie auf Ihrem Standpunkt stehen bleiben, können wir nicht Zusammenarbeiten. Dr. HerzI meinte, die ganze Sache sei wie ein Stückchen Brot, das wir nicht zurückweisen dürfen. Das ist ein Humanitätsstandpunkt. Man muss nur sehen, wie die Schüler Herzls diesen Zionismus Jetzt auffassen. Man hat meinen Brief einen Revo’utionsbricf gegen unsere Organisation genannt. Aber das Ostafrikaprojekt w׳ar ein Coup d’Ötat von oben und die Antwort war darauf die Revolution von unten. HerzI hätte seine eigene Kritik üb r meinen Brief auf das strengste getadelt, wäre sic von einem andern gesagt worden. Ich kann eine Entschuldigung für Dr. HerzI nur darin finden, dass ein grosser Mann auch grosse Fehler hat. Wenn wir nicht versichert sind, dass HerzI von den Mitgliedern des A. K.. die mit ihm gehen, alles aufbieten wird, dass wir die Ostafrika-Fragc bis zum Vfj. Kongress los werden, so werden wir nie Zusammengehen können. Wir können nicht zusammen bleiben, wenn Ostafrika nicht fällt. Dr. Bernstein-Ko h an: Ich erinnere Dr. HerzI an seine eigenen Worte. Er sagte einmal zu mir. unser Bund ist ein Bund für ein gewisses Ziel, das etwas höher ist, als die 1 breiten Massen i״.tzt verstehen können. Das antworte ich auf seinen Satz, wir dürfen und können die Brotfrage nicht ausse! Acht lassen. Das Volk freilich ist jetzt bereit, sogar in die Hölle zu gehen, so schlecht geht es ihm. Aber wir müssen höher stehen als das Volk. Wir sind wohl Diener unseres Volkes, aber nicht nur in der Gegenwart, sondern für die ganze Zeit. Deswegen bin ich auch nicht einverstanden mit jenen Parteien, welche eine zeitliche Lösung der ökonomischen Frage Vorschlägen. Denn ich bin auch aus ökonomischen Gründen Zionist. Der Zionismus ist eine Bewegung, die langsam verlaufen kann und die das Volk Langsam Tcgcncriercu muss, um es dorthin zu bringen, wohin es will. Wenn wiir Ostländer auch mit Ihnen im Wesen einig sind, in der Liebe zum Volk, denn Sie arbeiten ja für das Volk, wie wir dafür arbeiten, so ist der Unterschied der, dass Sie den Zionismus mehr als eine Sache der Wohltätigkeit auffassen (Lebhafter Widerspruch von Dr. F r I e d e m a n n und Dr. Klee) und dass Sie eine Opportunitätspolitik machen, deshalb ist man so sehr für territorialistischc Zwecke und nicht so sehr für palästinische Zwecke. Dieser Politik haben wir öfter widersprechen und wir haben nicht zum erstenmale jetzt ein Ultimatuin an Dr. Herz! gerichtet. Es geschah schon mehrmals. Der Unterschied diesmal ist nur der, dass die Sache in die Ocffentlichkeit gekommen ist, aber nicht durch unsere Schuld. Die Flucht in die Ocffentlichkeit War der ganze Feh’cr, sonst wajro gewiss im Stillen ein Weg des Friedens gefunden word־.*n. Die Bewegung muss verlieren, wenn Dr. HerzI sich zurückzieht und die. Bewegung muss verlieren,' wennwiir uns zuriickzichen. Prof. M a 11 d e 1 s t a m m: Es wurde mir der Vorwurf gemacht, dass ich wenig gearbeitet hätte. Ich mache aber den andern Herren den Vorwurf, dass Sie nicht zuviel, sondern mit zuviel Lärm und Phrasen gearbeitet haben, und so de Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Ihre weitere Arbeit bcstand darin, dass sie die Organisation störten, wo sie konnten und sich der Disziplin nie fügten. So z. B. als sie gegen den W4licn des A. K. nach Paris fuhren. Sie haben sich dort eben nur eine Blamage geholt. Ich muss ferner dagegen protestieren, dass in den Zirkularen der A. K. Mitglieder ein unglaublich hämischer Ton gegen Dr. HerzI und die Parteifflhrung herrscht. Dr. Jasinowsky wendet sich dagegen, dass hier <üe Ostafrikafrage diskutiert wfrd. Darüber werden wir am