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Jüdische Rundschau · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 15. - --־־T Krüppel; gemachter Jude, und legte sein Zeugnis ab mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme. Den Zeugencid hatte er noch vor 6 Monaten geleistet, einige Tage nach den Exzessen, als er todkrank, von den Aerzten fast aufgegeben, daniederlag. Er hatte damals ausgesagt: ״mit dem Oewissen eines Menschen, der bald In der andern Welt sein werde“ (seine eigenen damaligen Worte), dass ihn Krzywiecki mit einer Wagenstange und Skaiski mit der Schwertscheidc auf den Kopf geschlagen haben, und dass letzterer auf ihn als auf den gezeigt hat, der angeblich die Bäuerin geschlachtet hätte. Dieser hat ihn auch vom mehr als manneshohem Ufer in den Mühlbach hinuntergestürzt, worauf ihm die Bauern mit einein Sleinhagel das Bad segneten. Burg wiederholte jetzt vor den Richtern seine alte Aussage. Er wollte sich vor den gefährlichen Steinen an das jenscitige Ufer flüchten, da erfassten ihn einige Bauern und warfen ihn wiederum ins Wasser, dabei schlugen sic auf ihn mit Stöcken los, traten ihn mit den Stiefelabsätzen und tauchten ihn vielmals im Wasser unter. Nach der Mitte des Wassers sich hinwälzend, gelang es ihm zu entfliehen. Da begegnete er einem andern Haufen und er wurde von neuem geschlagen. Da erblickte er einen bekannten Bauern, den J6zef Butulinski, und er umarmte diesen, uni Rettung flehend, doch dieser stiess ihn zurück. Dasselbe widerfuhr ihm bei dem Bekannten Stefan Tomcznk. Er wurde von Haufe zu Haufe, von Haus zu Haus wie ein wildes Tier gehetzt und gejagt. Wer ihm begegnete, schlug ihn. Endlich traf ihn der gewesene Gerichtsdiener Kadletz, der iiihlte menschliches Erbarmen, wehrte die bestialischen Bauern ab. und iiihrte den halb bewusstlosen, blutiiberströmtcn Burg in das Haus seines Onkels . . . Der arme Junge, der eine Stunde lang den bitter» üeschmack der Gcsetzeslosigkeii durchkostet hatte, mochte wohl jetzt in Gegenwart des Gerichtes, sich gleichsam im Schutz einer liebenden Mutter dünken. Seine Stimme brach, er stockte. Vergebens ermuntert ihn der Vorsitzende; der Arme, der sich seiner Unschuld und der ihr.» widerfahrenen liimmelschreienden Ungerechtigkeit bewusst ist. :är.;1 an leise zu schluchzen ... Da überkam cs mich wunderlich und ich riss die Augen weit auf. . . Ich sah ihn mit andere» Augen an und sieh da! Eine Strahlenkrone des Märtyrers umgab das Haupt dieses einfachen Schusterjungen von Zablotow. Ein Märtyrer unseres Volkes stand da vor meinen Augen; ein Jude, der um keine andere Sünde geschlagen und gepeinigt wurde, als darum, dass er ein Jude sei. Und ich schaute nach links. Da sasseii sic im Hintergründe des Saales, auf der Anklagebank, die 30 Bestien, welche diesem da oder manch andern Juden eine böse Stunde bereitet haben. Da sass er in seiner Paradeuniform, der Führer der Meute, der Obcraufschcr der Finanzwachc. Herr Edward Skaiski. Und ich fragte mich: Warum? Warum überfielen denn diese Ungeheuer den schwachen Juden, wie man es nicht ärger mit einem tollen Hunde tut? Hat er ihnen wirklich irgendwelche Veranlassung dazu gegeben? Gerne wollte ich mit dem Reiehsratsabgeordneten Moysa antworten, die Juden hätten koinc gegeben; allein der Wahrheit gemäss muss ich cingcstchcn. dass — die Juden selber schuldig sind ... Womit? Mit ihrem Judentum etwa? Ja, mit ihrem Judentum! Ist dieses doch hinreichender Grund unter Umstünden auch totgeschlagen zu werden. Das Auftreten Burgs war ein ernster, jüdisch-historischer Moment; es war der Schwerpunkt des Prozesses. Der Zufall hat es gewollt, dass er gerade auf eine Stunde fiel, in welche, die jüdischen Leiden von ehemals in den Gotteshäusern vorgelesen wurden. Es war der erste Purimabend ... Es war mir, als sähe ich den Geist Hatnans schützend und beschirmend über der Anklagebank schweben. Der Prozess hatte noch einige empörende und einige humoristische Momente. Zu den erstcren gehört das Auftreten des Seite 149, Inspektors der Finanzdirekt 011 in Kolomea. Herr Theofil Czaban, der entlastend für Skahki aussagen sollte. Was dieser schwarzge'.’eidete, weiss behandschuhte Herr mit seinem sorgfältig gespicssten schwarzen Schnurrbart und mit seiner anderthalbstündigen. ununterbrochenen Rede Im Gerichtssaale zu suchen hatte, wissen wir nicht recht. Er war während der Exzesse nicht in Zablotow, hat daher den Skaiski weder hetzen noch ״beruhigen“ sehen. Er konnte daher weder für ihn noch gegen ihn aussagen. Und er kam dennoch, legt« einen Eid ab und sagte aus, dass — die Zablotower Juden Räuber und Diebe sind. In hochtrabenden, oft lächerlichen Phrasen, bemühte sich der Herr Inspektor während der anderthalb Stunden, die ihm vom höchst langmütigen Tribunal zur Maularbeit gewährt wurden, ein Bild vom Angeklagten vor den Richtern zu entwerfen. Stümperhaft waren zwar die einzelnen Teile des Bildes ausgefiihrt, aber grell waren sie und schreiend. Vom höllenschwarzen Hintergrund ־־־ den Zablotower Juden — hob sich .die leuchtende Gestalt des grossen Edward (Skaiski) biendend ab. Der Mann hiess es — sei eine aussergewöhnliche Erscheinung in der grossen Welt der Finanzwachc. Jung, begabt, von ausscrgcwöhnlicher Geistes- und Körperkraft (von welch letzterer sogar die Zablotower Juden, seine Todfeinde. Zeugnis ablegen könnten), verdiene ״dieser Jüngling“ nicht hier auf der Anklagebank zu sitzen, sondern ״vielmehr vor seiner Maies tiit, dem Kaiser, zur Auszcichnung vorgestellt zu werde n.“ Worin die Grosstaten dieses grossen Obcraufseliers bestand, erklärte Herr Czaban, in dem er von einem vorberei־ teten Bogen nicht weniger als 60 Anzeigen herunterzählte, welche Skaiski über Juden von Zablotow und Umgebung gemacht hat. Es waren darunter folgende staats- und m e n s c h c n g e f ä h 1 1 i cti c Verbrechen (Herr Czaban entblödete sich nicht, dieses wirklich zu behaupten): Zuckerverschleiss ohne vorherige Meldung;-Unreinlichkeit in Traiiken: ungarische Lotterielosc; etwa ein Dutzend unzerrissener ZucIermarken und endlich ebensoviele Fälle ׳von unbestempcltc 11 Verkaufskontrakten des Chomez (schtar mec/tirat chämCz)! Und all dieser Blödsinn wurde anderthalb Stunden lang vor ,einem Gericht ausgefiihrt, wo den Belastungszeugen (notabene: fast durchgängig Juden) mehr als einmal der Mund gestopft wurde, wenn sie nur Miene machten ״von! Thema abzuweichen“. Und das war empörend, nicht viel weniger als die Exzesse selber. Wir konnten aber leider dieses ebensowenig wie jenes verhindern. Auch an Komik hat es in diesem Prozesse nicht gefehlt. Zwar w׳ar der ganze Prozess einer Komödie nicht unähnlich, weil ganz überflüssig. Wusste maii doch im Voraus, was man von den Richtern, unter denen zwei wütende Antisemiten sich befanden, zu erhoffen habe. Allein die richtige Komik hatte sich in den Aussagen einiger Entlastungszeugen hcrauskrystallisiert. Als klossiehcs Beispiel eines Entlastungszeugen im Zablotower Prozess diene uns Frau Amalia Krebuszewska aus Zablotovv. Ich folge dem Protokollbericht: ' Zeuge Amalia Krebuszewska aus Zablotow, *1־1־ jährig, unbestraft, schw׳ört, spricht ruthenisch. Der Vorsitzende: Was haben Sie am Tage der Exzcssc gesehen? Zeuge: Ich habe gesehen, dass viele Bauern einen Juden schlagen. Der Jude heisst ״der Sohn Burgs“ (Heiterkeit), die Bauern trieben ihn daun zum Wasser, und einer derselben stiess ihn in den Mühlbach. Skaiski und Krzywiecki habe ich nicht gesehen. Krzywiecki stand damals an der Tür seines Ladens und schaute von Ferne zu (vom Laden Krzywiecki’s bis zum Mühlbach sind mehr als zweihundert Schritte und sind Gebäude dazwischen). Der Prokurator: Woher wissen Sie das? Vielleicht JÜDISCHE RUNDSCHAU.

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