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Jüdische Rundschau · 1904-03-30 · Heft 14 (30.3.1904) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 14 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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•*"*?*»«■"*־'*ז Seite 140. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 14 dieser geistigen Knechtschaft nichts erreichen, weil die Oe-! setze d!er Geschichte das Ihrige ohne unseren Willen vollbr.'ngen. ״Es wird' nicht sein, wie ihr cs euch denkt! Ihr redet euch ein: wir wollen wie die anderen sein — aber, so j waftr ich lebe, sagt Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm und schrecklichem Zorn werde ich flbrr euch herrschen (Jccheskcl XX. 32. 33). Unsere Ahnen in Aegypten wollten 1 auch wie die anderen sein, unserm eigenen nationalen Bcdlirfn'ssc zum Trotz und entgegen den Gesetzen der Geschichte, aber sie wurden aus Aegypten vertrieben, בי גדכי כמצ״יב. An diese Lektion, die viele von uns öfters vergessen, erj innert uns a'ijährlich unser ״Mazzothfest“.! Aber unsere Erinnerungen sind für uns nur im Golus wichj tig. wo sic uns als Lciichttürmc auf unseren Wanderungen j denen müssen. Wann aber die Worte des Propheten — ״und j Jakob wird in sein Land wiederkehren, wird friedlich und j ruhig leben, niemand wird ihn behelligen“ (Jercmia XX. 10) — ן ״denn vergessen wird er sc'ne irühcrcn Leiden•' (Psalm LXV. ׳ 16), und die Geschichte der Knechtschaft endgültig aufhören, j ־ weil letzt Völker nicht mehr aus ihrer historischen Heimat! verbannt werden, — dann werden unsere alten Feiertage nur die Pedeutimg von kulturellen Relquien und nicht vo:1 Lektioj neu für die Zukunft im nationalen Sinne haben. ..Ls wird ein•■׳! Zeit kommen, spricht der Herr, und inan wird nicht mehr! sagen: Gott lebt, der die Söhne Israels aus Aegypten tTihrtc. : Müdem Gott lebt, der die Nachkommen Israels aus dem { Lande des Nordens und aus?!len Ländern, wohin ich sie zei- : streut hatte, führte, damit sie in ihrem Lande leben“ (Jercmia XIV. 14. 15), ״des Gewesenen wird nicht mehr gedacht werj den" (Jesaja XIV. 17. 51), ebenso wie bei anderen Völkern : die alten Lreignissc kein besonderes Interesse mehr haben.; D'csc Zeit sehnen wir herbei und in ihrer Erwartung hüten j wir . unsere historischen Erinnerungen.; ,• ״Wem! wir aber in diesen Erinnerungen Lektionen für unsere; Zukunft sehen, denn doch nicht mit dem Z;eL’. der leeren fruelit-! losen Beschaulichkeit, durch de das Leben nicht besser wird.; sondc־׳» mit dem Ziele, um unsere Tätigkeit waclizunifeii. Das j Mittel. ..ihr schweiget still“ (Exod. XIV. 14). war blos in dem Augenblicke anwendbar, a's glcichzcit'g mit demselben Gott zu Mcses gesagt batte: ..erhebt* 1׳־•inen Stab!“ (Ibid. XIV. 15b j Aber das war in der vorhistorischen Zeit, als noch d:e Kugel; sic!» mit Menschen unterhielten und der Himmel s,'cl1 ofien in; mtnsehlie'ic Angelegenheiten cjiiunisehte. Jetzt aber in der , historischen Zeit handelt der Himmel durch Mensche n in Ucbcre'nstimmung mit den Gesetzen der Natur und der Geschichte, abar die Gesetze der Natur und der Geschichte fordem den Kampf ums Dasein. Leiden können nicht ewig fortdauern; früher oder später muss ihr Ende emtreten, entweder in Form von Rückkehr zum normalen Leben, oder in Form von Vernichtung der Kräfte und der damit verbundenen Auf-!ösung. Wir leiden schon tausende von Jahren, wir. entarten physisch und geistig und diese abnormale Lage muss uns früher oder später, freiwillig oder unfreiwillig, zur Befreiung von unseren Leiden führen. Es braucht nicht betont zu werden. dass wir alle Massregeln treffen müssen, damit diese Befreiung auch eine hcilvollc sei, und keine vernichtende, die im Auflösen bcsitcht. Ohne zielbewussten Kampf für die Rettung unserer Nation werden die finstern Blätter unserer lwdvollcn Geschichte endlich durch Wiederholung der schon in unserer Geschichte stattgehabten vollständigen ägyptischen Austreibung oder der persischen Fäulnis, abscliliessen. Der erste Epilog, d. h. Verbannung wäre, selbst wenn uns dabei unsere historische Heimat wiedergegeben wird, für uns schreck-?ich, abgesehen von den Opfern, welche bei solchen Katastrophen unvermeidlich sind: Wüsten, um uns darin zum neuen Leben vorzuhcreiten. werden w ir n'cht mehr haben, und selbst unsere Almen warm nicht sehr von ihnen erbaut: im Handmndrelien. aber aufcrstchcu ist unmöglich יו^דגויפעבאהת TN (Jcsaia LWI. 8). Und der zweite Epilog — der Fäulnis ani!1im1״!!.n. wenn er den Feinden unserer Nation wfmschcuswert st. so versetzt uns schon der blosse Gedanke daran in Schrecken! Wein* uns. wenn die Bedingungen unseres abnormen Lebens die Möglichkeit zulassen, diese nationale Tragödie in uns zu befürchten, während solche Befürchtung für andere lebende Völker nur ein verächtliches Lächeln hervorgerufen hätte. Nein, wir müssen uin jeden Preis der .Möglichkc't einer solchen Tragödie zuvorkommen. Nicht ein solches Schmachvolles Ende kann die Krone unserer tausendjährigen Leiden sein, die ihresgleichen nicht haben. Unser Volk, unsere Geschichte, das glorreiche Andenken unserer Propheten und grossen Männer, unser beispielloses Martyrologium und der ansehnliche Platz, den wir in der Wdtkultur entnehmen ־ sind einer anderen, ihm voll und 'ganz gebührenden Krone würdig. Und nach den Beispielen unserer sich in Wiederholungen bewegenden Geschichte können wir hoffen, dass de Zeiten Sernbabcls roch einmal für uns erstehen w erden. 1'iihl wachrüttelt. Nicht Ausgrabungen, die die Gelehrten hie uni da :muhen, verlangt die Passnh'tier. sondern F.ingra- Innigen ins jüdische Herz alles dessen, w as wir i!׳ diesm grossen Tagen hören. Und das können uns die Erzähler tun. die Er- Zähler, die cs verstehen dem erzählten Gegenstand Leben und Seile cinztihatichen. als wäre es ein Stiick (legcnv art. deren Bild sic vor unseren Augen entrollen. ״Ein wenig Poesie, dass Ich nicht vergehe“ ruft irgendwo der Dichter Mnltatu’i aus. Ein wenig Poesie verlangt auch das Passahfcst. weil es nicht vergehen will. Es ist nicht etwas Abgeschlossenes der Vergangenheit angeliöreiides. das aus (Jen Grabmalen zu uns spricht. Nein. Das Pessachfest greiit tief in unser Leben ein. sowohl hinsichtlich seiner Schatten- und L'chtseiten: ..Denn zu jeder Zo't erstehen uns Feinde, die uns vernichten wollen, und der Ewige errettet uns von ihrer Hand." Nur bedarf es des feinen Ohres, das diese geheime Sprache dem Pessiclücstc abzulauschcn versteht. Die PessachcreHmisse wollen daher erzählt werden, damit sie Poesie, Gefühl Gegcnwartslcbcn irlialten. U1;d jeder Jude der das Pessachfest begeht, muss bestrebt sein, sich diese Erzühluugskunst zu eigen zu machen W ir müssen sie erzählen, diese grossen Ereignisse als wären wir Augenz.ougcu dieser Begebenheiten gewesen. Mit unser» Almen müssen wir ihr Leid in Mizrajiiu mitempfinden. und in ihrem Seufzer über das Sklavenjoch mit einstiniuicii. Ist er ja ein und dasselbe Goluswch, das das jüdische Merz durchzittert. Die lebendige Erzählung sagt uns dies... Erzählen müssen wir die Pessaehercignissc, und sie so mit unserm eignen Lehen verquicken, dass wir m’t unser!» Ahnen von ehemals den Willen zu neuem Leben in uns auf kommen lassen, den Willen zur Freiheit. An der Hand der Erzählung über den Auszug aus Mizrajim. wollen wir uns als die stolzen Nachkomen jener grossen Ahnen wähnen, die für Freiheit kämpften und stritten. Und so sehr muss uns dieses Gefühl besielen, dass ein Verschweigen desselben, einem Verleugnen 1111scres eignen Selbst gleichkommeit müsste. Denn auch uns bat ן der Ewige aus Mizraj'm erlöst. Auch w ir waren mal frei u:׳d in i tmsern Adern rollt das Blut freier Ahnen. Ein stolzes Hrhe j haben wir augetreten: Freiheit. Und cs ist unsere heiligste Pflicht und Aufgabe, dieses grosse Erbe zu wahren. Durch 1־ij genes Hiiizutiin, durch eigenes Wollen, durch eigenes Könn•;!!. I ״Was du eferbt von deinen Vätern hast, j Erwirb cs. um es zu besitzen". i Dies alles körnten einzig und allein gute Pessacberz.ählcr erj wirken. Und diese Kunst der Erzählung kannten unsere I Grossen. Rabbi Akiba und .seine gelehrten Kollegen verstanden sich meisterlich darauf. In diistern Zeiten lebten sie. Der Druck des Tyrannen Hadrian lastete schwer auf dem jüdischen Volke. Lehre, Lehrer und Schiller waren von schwerer Lebensgetähr bedroht. Düster wölbte sich der l.tbcnslunmtel über Israel, schwarze Wolken durchzogen ihn. Und in dieser Finsternis, des Golus verstunden Ruhlü Akiba und seine Gesiuuuugsgcnosscn zu erzählen. Und sic erzählten von grossen jüdischen Tagen, vom grossen jüdischen Leiden und grossem heioischeti Ringen von Knechtschaft und Freiheit. Sic erzählteil den Auszug aus Mizrajim. Und in dieser Erzählung lag so viel Lcbeusrciz. so viel Hoffen und Träumen, so viel Glaube und Selbstbewusstsein, dass es in den Herzen der Hörer eigen- | tiünlieli zugiug. Ein Schneit überkam sie. Ein heiliges Sehnen nach neuen.

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