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Jüdische Rundschau · 1904-03-30 · Heft 14 (30.3.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 14 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Noü__ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 13V, ן *siclj die Bibel mit der lakonischci» Mitteilung, dass Elieser eine l der Töchter Puticls hc'mführte (Exod. VI, 25), woraus ersieht- | ttich ist, dass Puticl ein allgemein bekannter Mann war, denn * - der blosse Name reichte schon aus, um die Herkunft von ן Eliesers Frau zu bezeichnen; so wäre es z. B. heutzutage ge- | Rügend, wenn man sagen würde, dieser oder jener hat eine der * Töchter Bleichröders geheiratet. Da aber Putiel weder ein ' jüdischer Stammesfürst noch ein Staatsmann war, so muss : maa seinen Ruf seinem Reichtum zuschreiben. Er tragt einen halb-ägyptischen Namen, den er von seinen Eltern, die dem * ägyptischen Leben scheinbar nicht fremd waren.*erhielt; er selbst führte aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine vollkommene oder fast vollkommene ägyptische Lebensweise, und es liegt nichts Wunderbares darin, dass sein Enkelkind den rein ägyptischen Namen ״Rnchas“ erhielt. Diesen Namen gab wahrscheinlich die im Sinne des Vaters erzogene Tochter Putiefs ihrem vor dem Auszuge geborenen Sohne, da zu jener Zei-t oft die Mütter den Kindern diese Namcit gaben, wie dieses am Beispiele Leas und Rahels zu ersehen ist. Aus alledem sehen wir, dass im ägyptischen Judentum der Zeit des Auszuges zwei Strömungen herrschten. Die arme, gequälte Masse lechzte nach Befreiung, wahrend die Bevorzugten des Schicksals sich dem Auszuge aus Aegypten widersetzten, genau so wie dieselben sich nachher gegen den Auszug aus de/ Babylonischen Gefangenschaft gestemmt haben. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass die damals :n Persien stattgehabte Spaltung des Volkes, von denen der eine Teil nach der historischen Heimat auswanderte und der andere in der Fremde 1)!icb, der ganzen jüdischen Nation einen gewaltigen Schaden * zufügte. Schon unsere Alten sprachen deswegen: ״wäret ihr mit Esra zurückgekcjirt, dann wäret :hr dem nie faulenden Selber gleich; jetzt aber gleicht ihr einem, der Fäulnis unterworfelten Bäume“ (Jona 9b). Und tatsächlich verkamen auch die Nachkonunen der babylonisch-persischen Juden, welche die Fremde der Heimat vorgezogen hatten. Von den mehr als eine halbe MilToit Juden, die zur Zeit des zweiten Tempels und der ersten tabnudisohe« Epoche in Persien und Babylon lebten, zählen wir dort heute 30000 armer ungebildeter Juden, die das elendste Dasein tristen, während sich die anderen nach Grusicn, Arabien, Afghanistan und China zerstreut haben und der sclireekKchc Fluch Moses: ״Du wirst anderen Göttern dienen, welche weder Du iKtcli Deine Eltern kannten“ (Deut. XXVIII. 6*0 traf zu. Sie sind 1T1 r Israel verloren. , Aber die in Persien und Babylon zurückgebliebenen Juden fügten ihrer Nation dadurch Schaden zu, dass Ihr, nach der Restaurierung, eine ungeheuere Anzahl ihrer Söhne fehlte und sie In ihrer historischen Heimat zu schwach war. Man kann sich vorstdien, welcher Schaden Israel zugefügt worden wäre, wenn auf der ersten Stufe seines historischen Lebens ein bedeutender Teil von ihm, durch Zurückbleiben in Aegypten, entrissen worden wäre. Das durfte nicht zu gelassen werden. Deshalb ist es auch Moses verheissen worden: ״Durch Gewalt wird Pharao sie entlassen und mit Gewalt wird er s'e von seinem Lande vertreiben.“ (Exod. VI. 1). Die erste Hälfte ',ieses Bibelverses bezieht sich auf die, die nach Befreiung lechzten, s'e hatten blo$ ״entlassen“ zu werden, Freiheit zu bekommen; die zweite Halite des Verses bezieht sich aber auf die Gegner des Auszuges, die ihre Knechtschaft üebgewonueu hatten. Sie mussten eben gewaltsam ״fortgejagt“, gewaltsam in die Reihen des befreiten Volkes gebracht werden, sonst wären sie dort verblieben. Sie waren cs. d!c keine Wogkostticreitet hatten. Sie dachten sich: ״unsere rohe ungebildete arme Masse will mit Moses gehen, — umso besser, wir werden sogar noch an Bequemlichkeit gewinnen denn wir bleiben hier und Moses w'rd uns nicht zwingen können, unser Heimatland zu verlassen.“ — Aber die Sache endete damit, dass sie aus Aegypten vertrieben wurden בי;ריבו מבצרים (Exod. XII. 9), ohne sogar Zeit zu bchalten, sieh reisefertig zu machen; und plötzlich aufgestört, waren sie genötigt, ungesäuerten Teig mit sich zu nehmen und daraus Armcnbrot zu backen ׳ל־ם עיני (Peilt. XIV. 3). alias Mazzoth (Exod. XU. 39). Hier ist der tiefe Sinn der Erinnerung an die Mazzoth in der Benennung dieses nationalen Feiertags ה; המצות — Mazzothfcst, zu suchen. Ja — das ist c-'n ״Fest der Mazzoth“, — ein Triumph des , Arrncnbrotes", ein Triumph der unglücklichen kleineren Briider. die nach Freiheit lechzten, die ein gesundes Volksleben in der Heimat anstrcbtai — über die satten Abtrünnigen, welche vom Kummer fhrcs Volkes nichts wissen wollten, die für das allgemeine nationale Ziel nichts tun wollten. Diese Benennung Chag Ham-Mazzoth erinnert uns an die geistige Knechtschaft eines Teiles unserer Ahnen, von weicher wir uns bis heute noch nicht fregemacht haben, an das Voransetzen bei vielen von uns. ihrer kleinlichen persön'ichen Interesseti, vor der Rettung des ganzen Volkes. Lhtd sic eben, diese Benennung dient uns auch als Lektion, dass wir tut (leist in erster Reihe geschaffen; er aber ist noch weit , zurückgeblieben hinter dem Punkte, wo diese Klassiker! der Weltgeschichte schon vor zwei- und dreitausend Jahren standen. Hatte Hellas die ästhetische Kultur gcschaffen, so war Israel die Mutter ethischer Kultur, deren j Betätigung freilich den! modernen Europa noch immer ■unbekannt geblieben ist. Wir Anhänger einer monistischen Wcltauffassung müssen aber zu dem Gedanken kommen,; dass das höchste Gute und das höchste Schöne schlicssj lieh identisch sein müssen und Griechentum und Jnüais- ( «,ns endlich gleichbedeutend sein müssten, wenn sie ihr ן Ideal erreicht haben. Für uns heute ist in erster Linie Israels Altertum das leitende Ideal, wenn auch durchaus j nicht das allein massgebende. Einer anderen Arbeit bleibt j es Vorbehalten zu zeigen, wie gerade die nculiebräische Litteratur dazu berufen sein sollte, dem Jüdischen Volke die Wege zu bahnen zu den Idealen der beiden klassischen Nationen der alten Welt, und in welcher Weise sie diesem Berufe gerecht werden könnte. Denn was uns fehlt, ist i noch ein ganz Teil Hellenismus und noch bedeutend mehr j des klassischen Judentums. Beides ist unser Ziel, wenn j wir uns auch bewusst bleiben, dass entschwundene Zeit- ן alter nicht mehr neu zu beleben sind, wohl aber ihre; Ideale! Durch unseren Kulturkampf schaffen wir aus der Natur unseres Volkstums heraus in Anlehnung an die ur- * alten ewigen Wahrheiten der Aesthetik und Ethik, der Schönheit und der Sittlichkeit, eine neue jüdische Kultur, deren Ziel der ethische Fortschritt ist im Einklänge mit den Lehren der Wissenschaft und der Kunst. Möge cs unserem Bemühen gelingen, auch auf diesem Wege für unser Volk Erspricsslichcs zu leisten! Zum Pessachfeste. Von Dr. Jakob Nacht (Focsan). ..Und wenn wir auch alle Weise. Verständige und Torakundige sind, liegt uns doch die Pflicht ob. des Auszuges aus Mizrajim zu erzählen.“ In diesen wenigen Worten sagt uns die Hag ida. was eigentlieh das Pcssaehfest von uns verlangt, und 1t welchem Verhältnis w ir zu demselben zu stehen haben. Als Erzähler!missen wir dem Pessachfeste gegenüber uuitrctcii. Da was in Mizrajim aa Leid und Freud geschehen, soll nicht bloss aus gelehrten Bücher״ geholt werden. Nicht der trockene Gelehrte, der sich in die Vergangenheit vergrübt, ohne mit der Gegenwart in Fühlung zu stehen, kann 11״s über das Passah lest belehren. Der Bericht über den Auszug aus Aegypten darf nicht den Cliarakter eines gelehrten Referates annehmeii. hei dem die Zuhörer gemütlich einschlummerii. Erzähler verlangt das Passahfest. Das was in Mizrajim geschehen, soll in die Form der Er- Zählung gekleidet werden. Anschaulichen und lebendigen Cliarakters soll der Vortrag über Mizrajim tragen, auf dass er zum Gcmiitc spricht, zum Herzen redet und das schlummernde Ge-

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