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Jüdische Rundschau · 1904-03-30 · Heft 14 (30.3.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 14 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Deutlicher gesprochen, warn jetzt ein grosser Teil unseres Stammes aus Assimilationsgelüsten heraus von der Wiedergeburt unseres Volkes nichts hören will, so gab es auch in Aegypten solche, die kraft derselben Bestrebungen sich dem Auszuge widersetzt hatten. Diese Polgerung ist nicht willkürlich — sie kann mit Hinweisungen auf die Bibel bewiesen werden. Moses sagt: ״aber sic glauben es mir doch nicht“ (Exod. IV. 1) während es doch bekannt ist, dass Menschen daran glauben, was sic wünschen. An Sabbata:-Zw! glaubten fast sämtliche Juden der Diaspora, weil sie Befreiung dürsteten; sogar die, welche auch bis zu seiner feigen und schändlichen Kapitulation an ihn nicht geglaubt hatten, wurden von dem Grundsätze geleitet, dass der wahre Messias, als hei-; liger Mann sich nicht erlauben wird, religiöse Vorschriften zu ן umgehen, wie es dieser falsche Messias tat. j Unter den ägyptischen Juden, ebenso wie unter der ungei heuren Masse der Zeitgenossen des Sabbatai-Zwi, gab es keine i Philosophen, deren Unglaube eine rationalistische Unterlage haben könnte: mau glaubte zur Zeit Moses an den Auszug deshalb nicht, weil man ihn nicht wünschte. Sic sagten auch Moses gerade ins Gesicht: ״lass ab von uns — wir wollen den Aegypteni dienen“ (Exod. XIV. 12). Es gab aber auch andere, welche bei der ersten Nachricht von der Befreiung in Jauchzen ausbrachen und ״sie knieten nieder und verbeugten sich-‘ (Exod. IV. 31). Wer waren die ersten und wer die anderen? Das wird uns klar werden aus der Nebcneiuanderstcllung verschiedener Bibclstcllcu. Aus manchen Stellen sehen wir, dass in Aegypten die Juden besondere Wohnorte, ein besonderes Ghetto hatten, wo sie vollständig von den Aegypteni abgeschlossen lebten. .*An d'esem Tage werde ich das Land Goschen, wo sich mein Volk aufhält. absondern, damit dort kein Uniiat hinkommt“ (Ibid. VIII—18); oder ״nur im Lande Goschen, wo die Israeliten ein schier unerreichbares Ideal vorschwebte. Die Humanität, die dein ganzen Mosaismus als uncrschiitterliehe Basis dient, musste ja notgedrungen zu einem nationalen Sozialismus führen, der in weiser Beschränkung das Vermögen des Einzelnen scheinbar unangetastet Hess. Aus diesem Sozialismus ging auch hervor das jüdische Königsgesetz, das den nationalen König zu einer fast heiligen Höhe erhob, indem es ihn doch nur als Bürger unter Bürgern betrachtete. Diesem Sozialismus verdankte die jüdische Frau ihre Stellung als Herrin, während er zugleich die Herzen auch dem volksfremden Feinde gegenüber mild stimmte und ein Kriegsgesetz schuf, das deutlich genug zeigt, wie abhold man dem Kriege war, der darum überhaupt nur als Vcrteidigtmgskämpf denkbar war.12) Der Grundzug des Griechentums war aber der unbezähnibare Drang nach Freiheit. Auch Israel wusste יי) Wie ganz anders selbst bei den Griechen, vom Rom Ranz zu schweigen. Mau erinnere sich, dass die vereinigten Griechen auf Betrcilieii des Aristeidcs in der Schlacht bc: Salamis eine Anzahl gefangener persischer Adliger, darunter auch drei Söhne der Sandauka, einer Schwester des Xerxes. den Göttern opferten. (Plutarch, Leben des Aristides. Cap. 9). So etwas war bei den Juden zu allen Zeiten undenkbar, geschweig« denn etwa bei dem idealsten Aufflammen ihres Nattomri geistes. wohnten, war kein Hagel“ (Ibid. LX. 26) erzählt die Bibel. In anderen Stellen dagegen lesen wir: ״jede Frau wird von ihre« Nachbarin silberne und goldene Geräte entleihen“ (Ibid. XH. 22); oder ״Gott überging die jüdischen Häuser, als er seine Strafe die Aegypter (XII■—27), woraus ersichtlich ist, dass die Juden an Seite mit den Acgptem gelebt haben. Ferner tragen die jüdischen Namen jener Zeit einen ausgcsprochen jüdischen Stempel und ihre etymologische Abstammung von diesem oder jenem hebräischen Worte ist ' sofort ersichtlich; wir begegnen aber aüch Namen, deren Form der hebräischen Sprache fremd ist, wie z. B.: פרלך ,'2 ה י (Exod. XIII. 14; XXXIV. 25) der Name פוטיאל ist ein <icmisch aus dem cgyptischcn פומי (Potifar) und dem jüdischen א ל; der Name פנחס ist rein ägyptisch und erinnert an ת ה 2ג הס (Könige A. xr. 19), eine Schwester einer ägyptischen Königin oder 2 הסV5 (Jeremia XLVI. 14) an eine ägyptische Stadt. Auf Grund dieses muss man zur Folgerung gelangen, dass die jüdische Masse in Göschen, dem damaligen Ghetto, abgesondert lebte und unter der Last des ägyptischen Joches stöhnte; als e’nfache Arbeiter lebten sie überhauot sehr armselig und nährten sich von kostenfreien Fischen und geschenktem Gemüse (Numeri XI. 5). Als arme Leute, die noch dazu im Ghetto wohnen, hielten sie sich von Allem was ägvn- ’ tisch war, und auch von den ägyptischen Namen, fern, ebenso wie die spätem inittetaierlicheu verfolgten (jhcttobewolmer sich von allem Nichtjüdischen!enthielten. Es gab aber noch eine besondere Kategorie von Juden, welche im Innern Aegyptens lebten und mit den allgemeinen Leiden ihres Volkes nichts gcmein hatten. Unter diesen Glücklichen waren mehr oder nunder reiche Leute, weiche mit den Aegypteni zusammenlcbcitd einen gewissen Wohlstand errangen; das sind jene, welche nachher nicht die ״geschenkten Fische“, sondern die ״Fleischtöpfe" bedauerten (Exod. XVI. 3); sie sind es eben, die viel, Aegyptisches, unter anderem auch die ägyptischen Namen, annahmen, wie Solches in diesen Sphären üblich ist. Die Annahme, dass die, weiche ägyptische Namen trugen, zur wohlhabenden Klasse gehörten, bestätigt sich auch durch Folgendes: Die Bibel stellt genau den FamUienstamiu der Frau Arons fest, indem sie sie mit Namen und Vatersnamen benennt: Eiisclieba, Tochter Aminadabs, Schwester Nachschons (Exod. VI. 23). um den Adel ihrer Herkunft hervorzuheben, denn Nachschon war der Fürst des Stammes Juda. Aber nachher zur Hochzeit Eliesers, des Sohnes Arons, übergehend, begnügt der Freiheit Wert zu begreifen und schützen: aber dieser Freiheitsdrang war ihm doch weniger angeboren, als den Söhnen Hellas*. Es mag wahr sein, dass die Griechen in den Perserkriegen gegen eine materiell vielleicht höhere Kultur kämpften, in Wahrheit aber waren sie sich bewusst, dass das, was sie bcsassen, einzig durch der Freiheit Weihe geadelt, mehr Wert habe, als Persiens Glanz und Pracht. Sie konnten unmöglich mit Menschen leben, deren Gaumen sie empfindliche!• fanden als ihr Herz. Für uns müssen heute nicht nur unsere Makkabäer, nicht nur die Helden beim Untergänge unseres Staates oder der grosse Bar-Kochba Vorbilder sein, wir dürfen und müssen uns auch der griechischen Helden bedienen, um an ihnen zu lernen, was .,Freiheit“ heisst, jene Freiheit, die allein imstande ist, Kultuf zu schaffen. Für uns ist heute ein Demosthenes ein leuchtendes Beispiel, jener Demosthenes, der in der Weltgeschichte seinesgleichen nicht kennt, nnü dessen Andenken man schmäht, wenn man mit ihm den römischen Schwätzer Cicero vergleicht. Griechenland soll uns ein Vorbild sein mit jener flammenden Vaterlandsliebe, die allen Hellenen gemein war, und die trotz aller Auswüchse nichts hatte von dem eifersüchteluden Hasse, mit dem moderne Nationen einander verfolgen. Judentum und Hellenismus haben den modernen

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