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Jüdische Rundschau · 1904-03-30 · Heft 14 (30.3.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 14 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 14. I JÜDISCHE KUNüSCHaü barem. Für die end- und ziellosen Wanderungen unserer Etui- ׳grauten aus Eurjtpa nach Nordamerika und Argentinien und zurück hatten wir ungeheure Geldsummen, aber für unser Volk 1 ei'’•. Meint zu schaffen, dazu haben wir weder Lust noch Mittel. Genau so wie unsere Ahnen, die vor den Aegyptern am Ufer des Roten Meeres bebten, sich sofort berührten, als Moses .ihnen sagte: ״Gott wird für euch streiten, ihr aber schweiget .still“ (Exod. XIV. 14) und zwar deshalb beruhigten, weil stillschweigen, die Hände in den Schoss falten und von andern Hilfe erwarten durchaus nicht schwer und sogar angenehm ist, — ebirtso tun auch jetzt recht viele von uns. die im Herzeit die Befreiung unseres Volkes wünschen, zu diesem Zwecke gar nichts; sie schweigen still und erwarten Rettung von aussen her. oder sie begnügen sich damit, dass andere darauf lvn- .arbeiten. Beispiele der Wiederholungen von Tatsachen unserer Geschichte und von Fehlern unserer Ahnen könnte man unzählig viele anführen, aber auf sic hinzuweisen, hiessc hier unsere 3?t ־« ייjährige Geschichte wiederzuerzählen. Bemerkt muss aber werden, dass die Originalität unserer Geschichte und ihre häufige Wiederholung fiir uns eine grosse Bedeutung haben. Sje haben uns in der Vergangenheit ermuntert. sie flössen uns Selbstvertrauen zu unserer Arbeit, für uusere Zukunft ein. Die Gegner unserer Wiedergeburt führen oft gegen uns als Argument au. dass es in der Geschichte noch nicht vorgekommcii ist, dass ein Volk zum neuen Leben in seiner alten Heimat auferstehen kann, nachdem es ans ihr herausgerissen worden ist. Aber ein Volk, welches eine origineile Geschichte hat, braucht keine Präzedenzeit bei anderen zu suchen; die Geschichte hat aucli keine Beispiele dafür, dass ein Volk, seiner Heimat entrissen, noch eine nationale Existenz für lange Zeit fortsetzen kann, während bei uns diese phäno- . rncitale Erscheinung mehr als die Hälfte unserer Geschichte •umfasst. Dafür aber finden wir das Beispiel der Restaurierung eines verbannten Volkes in unserer eigenen Geschichte: das ist der Auszug aus dem babylonischen Exil. Da aber unsere Gcschichte sich wiederholt, so können auch die Zeiten Scrubabels und Esras für uns noch einmal wiederkehren. Und in Anbetracht dieser charakteristischen Eigentümlichkeiteii unserer Geschichte, haben die Ereignisse der Vergangenheit und die mit ihnen verknüpften nationalen Erinnerungen fiir tins eine we.'<t grössere Bedeutung, a’s solche Erinnerungen bei anderen Völkern. lk־i anderen Völkern heisst es: ״für das Ge- Seite 137. wesene gehe ich nichts" und fiir sie hat das Gewesene nur eine archivalische Bedeutung. Bei uns aber dienen die Tatet! der Väter als Vorbild für die Kinder. Das haben bereits hn Altertume die Besten unserer Ahnen begriffen oder gefühlt. Sie merkten dann schon die Sehnlichkeit der Schicksale unseres Stammvaters Abraham;11 Aegypten und Israels Im selben Lande, worauf schon der berühmte Kommentator Nachmanidcs hinwies. Elavius Josephus sagt, dass der Kampf des Engels mit Jakob, diesem Prototyp des Golusjuden, seinen Kindern als Voraussagung galt, dass es keinem Ecinde gelingen würde, sie zu vernichten. Und wenn wir noch daran erinnern, dass das Andenken dieses Kampfes noch im hohen Altertum von den Söhnen Israels durch ein besonderes Gesetz (Genesis XXXII. 33) verewigt worden i$t, so wird es uns klar, dass diese Vorahnung keinem Zweifel unterliegt. Jawohl — unsere Erir.iieiungcr. haben für uns eine sehr hohe Bedeutung. Nicht umsonst spricht unsere Thora so oft von der Not- Wendigkeit unsere alten Erinnerungen zu wahren: viel Mal wiederholt sie: ״Gedenke, dass du ein Sklave warst in Aegyp* teil," einige Mal erinnert sic auch an den Auszug aus Aegypten; ferner sagt sic: Hüte dich sorgfältig, bewahre deine Seele, um nicht zu vergessen * --des Tages, an welchem du vor Gott am Horeb standst (Deut. IV10 — 9 .׳): ..gedenke, was dir Amalek antat" (Ibid. XXV. 17); ״gedenke der ewigen Tage, begreife die Jahre eines jeden Geschlechtes" (Ibid. XXXII. 21—23), — denn diese Erinnerungen müssen uns den Weg iiir die Zukunft beleuchten. Die Besten unserer Ahnen haben damals schon gewusst, dass die Geschichte als Leitfaden im Leben der Völker dienen muss, während viele, sogar gebildete Menschen noch bis vor Kurzem in der Geschichte nichts' weiter als interessante Erzählungen fanden. Dieses haben natürlich damals nur die Besten unseres Stammes begriffen, unsere Masse dachte aber, w ie alle anderen Volksmassen, dass man die Vergangenheit ins Archiv stecken kann. Damit lässt sich auch die Tatsache erklären, weshalb die Juden im Altertum bis König Chiskija oder Josia (Buch der Könige B. XXIII., 21 23) ihre nationalen Erinnerungen nicht schätzten und seit Josua bin Nun Pessach nicht feierten. Zur Zeit des Josua bin Nun, als die Erinnerung an den Auszug noch frisch war. feierten unsere Ahnen noch Pessach genau so, wie andere Völker noch jetzt grosse Ereignisse feiern, solange die ״Sage noch frisch“ ist. Mit der Zeit aber, als sie an- 9 tief in dieser Hinsicht standen, wie der grosse Sklaven- I atifstand in Tyrtts so eindringlich lehrt, wo alle Herren! ermordet w urden und ihre Häuser und Weiber den durch ihre Uebcrzahl ,siegreichen Sklaven zuficlcn.0) Wenn man sich ferner der Kryptcia erinnert, der gesetzlichen '■ Sklavenjagd in Lakonien, wenn man daran denkt, dass! selbst in den Zeiten eines Perikies die Behandlung des! Sklaven in Athen eine derartige war, dass man gegebenen; Falls von ihnen alles befürchten musste, so vermag man J zu ermessen, welch ein Unterschied zwischen dem Sklaventum in Hellas nicht weniger, wie in anderen ' Ländern, und dem in Juda war. Selbst der humanste י Grieche hatte Gewalt über die Fortpflanzung seiner j Sklaven, ein Recht, das dem Juden nie von seinem Gej setze eingerüumt wäre. Was das grossstädtische Rom ‘ in dieser Hinsicht sündigte, das beweisen die gewaltigen ] Sklavenanlstände, welche den Bestand des Weltreichs; oit genug erschütterten. Aber selbst zu einer Zeit, wo j man noch, wie Plutareh ausdrücklich versichert *"), die; Sklaven mit grosser Milde, ja liebreich und vertraulich j behandelte, ist es gelegentlich vorgekommcii, dass ein I römischer Bürger einen Sklaven von den anderen über j eien Markt weg geissein liess, dass er sich vor Schmerz j 9) JustinTxVlII, 3. Movers: Phönikier II. 1. Seite 341. 521.! 10) Plutareh: Leben des Cn. Marcius Coriolanus, Cap. 24. krümmte und grässliche Verrenkungen maclite. und ihn dann hin richten. Gestattete doch das römische Recht dem Herrn, seinen Sklaven bei lebendigem Leibe zerfleischyn zu lassen. Und dem gegenüber denke man an das jüdische Gesetz, wonach der Sklave, dem der Herr im Zorne einen Zalm oder ein Auge ausschlug, ohne weiteres frei wird"), während es für sündhaft galt, entlaufene Sklaven dem Herrn wieder auszuliefern. Aber das jüdische Sklavenrecht konnte überhaupt kein anderes sein, als es war, wenn es mit;dem übrigen Geiste der mosaischen Kulturgesetzgebnng harmonieren wollte. Denn der ״soziale Staat", den Israel geschaffen hatte, konnte und durfte kein Sklaventum dulden. Wohl aber waren alle anderen Völker des Altertums so tutendlieh weit von dem Gedanken eines national-w irtschaftliehen Ausgleichs, wie ihn das mosaische Sozialgesetz vorschrieb, dass der Sklaverei der weiteste Umfang dauernd gesichert war. Gaben doch die Griechen —- mit der einzigen rühmlichen Ausnahme der Spartaner — das Teuerste, was sie besassett, ihre Kinder, Sklaven zur Erziehung. Schwache Anklänge an das jüdische Sozialgesetz fanden sich einzig im semitischen Karthago, dessen Verfassung dem grossen Philosophen von Stageira als ״) Exod. XXI. 26. 27. 1

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