Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1904)
- Date
- 1904-03-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 136. JÜDISCHE; RUNDSCHAU. No. l*f. sich durch ihre Neuheit aus. Ein bekannter russischer Schrift• steiler drückte sich unlängst über die zionistische Idee in dein Sinne aus. dass die Verwirklichung dieser Idee etwas noch nie Pagtwcsenes sein würde: alle Völker sind unbewusst entstanden, ohne vorgefassten Plan, während sieh hier ein Volk organisieren würde mit bewussten Vorbereitungen und vorgestrecktem Ziele. Ja wohl, eine solche Erscheinung kennt‘die Geschichte anderer Völker nicht, aber so ist eben die Oeschichte der Entstehung des jüdischen Volkes. Nicht unbewusst. in seiner Heimat, formierte sich das jüdische Volk: ncht als Haufe Wanderhirten ohne kulturelle Einheit, wie die anderen Stämme, die aus den Tiefen Asiens nach verschiedenen Lünder'n wanderten, kamen die Juden aus Aegypten in die Heimat ih'rqr Väter — Palästina.. Noch im Entstehen in der ägyptischen Fremde, tat sich unser Volk mit Bewusstsein zusammen, um nn. 1t 111 den Fremden aufzugehen; dort auch vereinigte es sich zur Nation und rot den Gesetzestafeln, die zur Kulturaiielle für j die ganze Menschheit geworden sind, in der Hand, in der Wüste. , für das grosse vorgestecktc Ziel vorbereitet, zog es :n das | versprochene Land ein. Das Phänomenale dieser Erscheinung ist bereits von den Begründern unserer Geschichte vorgemerkt worden: ״ist es denn schon vorgekommen, dass Gott hinunterstieg und sch ein Volk ans einem Volke wählte** (Deuteron. IV. 351 sagt Moses. Abstrahiert vom Hauptgedanken dieses Verses, die in der Bibelsprüche gebräuchlichen metaphysischen Ausdrücke, und ihr findet darin einen direkten Hinweis auf die einzig dastehende Geschichte der Entstehung des jüdischen Volkes. Und so ist auch die weitere Fortsetzung unserer ־ Geschichte bis aui den heutigen Tag: uiiscreWanderungen. unser beharrliches nationales Existieren ausserhalb unserer historischen Heimat, unsere Zerstreuung über den ganzen Erdball, unser einziges Märtyrertum und unser ununterbrochener Kampf mit Feinden, denen wir nie etwas Böses getan haben, finden nicht ihresgleichen in der Geschichte anderer Völker. Aber wenn unsere Geschichte kan Analogon in der allgtmeinen Geschichte findet, so ist sic doch sehr »eich an Wiederholungen in sich selbst. Als Volk aus der Mitte eines Volkes gingen wir aus Aegypten und als Volk aus der Mitte eines Volkes zogen wir aus der Babylonischen Knechtschaft. Das, was Haman wider uns ausgehcckt hatte, versuchte Antiochus Epiphanes zu verwirklichen, wurde auch bis zu einer gewissen Grenze durchgeiührt, während der Kreuzzüge, zur Zeit des Schwarzen Todes u. s. \v. Auch jetzt noch wollen die herzlosen Vertreter des deutschen Antisemitismus die Juden vertilgen: ״Von Geschlecht zu Geschlecht erlicht man sieh, um uns ztr vertilgen־* . (Hagada). Das •ausdrucksvollste Beispiel der Wiederholungen in unserer Geschichte stellte unsere endlose unfreiwillige Wanderschaft dar: Zweimal wurden wir aus unseren» Hcimatlande - - Palästina — vertrieben, man vertrieb uns aus Spanien, aus dem mittelalterlichen Deutschland. Frankreich, England, aus verschiedenen Herzogtümern und einzelnen Städten, während man uns jetzt aus Rumänien austreibt — — Sogar die Heuchelei und das Politisieren uns gegenüber Wiederhofen sich. Als Pharao den Befehl erteilte, sämtliche neugeborenen jüdischen Knaben ins Wasser zu werfen, Hess er keine Silbe von den Juden verlauten: ״und Pharao befahl seinem ganzen Volke: ״j c d c n' 11 c u g e h o r e 11 c n K 11 a - bei! werft in den Fluss“ (Exod. f. 22) erzählt die Bibel. Aber sämtliche Acgypter wussten nur zu genau, um wessen Knaben cs sich handelte. Auch die heutigen Rumänen haben scheinbar nichts gegen die Juden: ihre Todespfeile richten sic nur gegen die ״Auslände r." Es ist charakteristisch, dass sogar die Motive für Verfolgung der Juden dieselben geblieben sind. Pharao befürchtete, dass sieh die Juden vermehren niöchtui (Exod. I. 12); und es ist gar nicht solange her, als man in verschiedenen!.ändern und Städten Juden verbot, in den Ehestand zu treten, bevor in dieser Stadt nicht ein verheirateter Jude weniger sein würde, — man befürchtete פן ירכה \ou dieser Krankheit sind auch jetzt noch verschiedene Länder befallen, wohin die Juden ihre Schritte zu lenken begannen:׳ anstatt des alten rohen 2[ ירבה kursiert jetzt der neue, hübsch klingende ״Anti-Alienismus“. ־ - Ebenso wie die Könige von Edotn und Sichon zur Zeit Moses es den Juden ncht gestattetea sogar zeitweilig durch ihr Land zu ziehen (Numeri XX. I4.--2I.: XXL 21.23 ־.). Hessen ein',re Herrscher die jüdischen Verbannten aus Spanien nicht durch und ebenso lässt heute U11garn unsere aus Rumänien flüchtenden Brüder nicht durchreisen. Und nicht nur andere irt Bezug auf uns, sondern auch wir seihst wiederholen uns oit. Genau so wie unsere Ahnen, die im Joche Aegyptens genügend Kraft und Energie hatten, ganze Städte und ewige Pyramiden autzufiihrcn. welche ihnen selbst gar keinen Nutzen brachten, -- vollständig hilflos am Ufer des. Roten Meeres waren, um den Auszug zu vollziehen, ebenso sind wir fähig unter dem Drucke des Antisemitismus Kraft und Energie auf vollständig für uns nutzlose Sachen aufzubraucheii, aber nicht zur Schaffung von etwas für uns wirklich Fruchtsemiten zitiert wird:*) ״Du sollst das Recht nicht beugen,! du sollst kein Ansehen kennen im Gericht und keine Bestcchung nehmen; denn Bestechung'blendet die Augen , der Weisen und verkehrt die Worte der Gerechten: Der Gerechtigkeit sollst du naehjagen, aut dass du lebest und ן das Land cinnimnist, das dein Gott di׳• gibt." Es ist ן daher gar nicht nötig hiuztiw־eisen, dass eine mündliche j Uebcrlieferung wohlweislich ״Wert von Auge, Zahn und I Hand" interpretierte, um ein Gesetz zu rechtfertigen, das j man nur versteht, wenn man daneben liest: ״Du sollst י dem Ochsen, welcher drischt, nicht dos Maul verbinden.*‘ Es gibt ja Völker, denen ihre Religion den Genuss von Fleisch untersagte und sie an eine völlig vegetarische ן Lebensweise gewöhnte, während Mo^es den Fleischj genuss nur auf bestimmte Tierklassen einschränkte. j Keines aber von allen jenen Völkern kannte eine so ן humane Rücksichtnahme auf das Tier, wie einzig und i allein Israel. Der Bramahne, der sich völlig der Fleischkost enthält, kannte nicht etwa Mitleid mit dem Tiere, sondern er fürchtete, dass ihn im jenseitigen Leben das¬ *) Deut. XVI. 19. 20. Vgl. ferner u. a. Lev. XIX, 15. 35. 56. Spr. XX, 23. XXII. 22. 23. XXIV. 23-25 und viel andere Stellen; andererseits, was der grosse Verehrer der Griechen Ernst Curtius an zahllosen Stellen seiner ״Griechischen Geschichte“ über die Bestechlichkeit der Griechen sagt. jenige Wesen fressen w ürde, dessen Fleisch er hieniedeu genösse. Aber einzig dastehend ist ein Gesetz, wie das israelitische, das gebot; ״Wenn du atu dem Wege ein Vogelnest iindest, auf einem Baum oder auf der Erde, mit Jungen, oder mit Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen, sondern sollst die Mutter fliegen lassen und die Jungen nehmen, auf dass dir’s wohl gelte und du lange lebest." :) Diese Humanität die sieh ausnahmslos auch aut die Tierwelt erstreckt, ist so charakteristisch für die .althebräisclie Kultur, wie der Schonhcitskultus deii^ Hellenismus immanent war. Dieser humane Grundzug war es auch, der es 1111möglich machte, dass zu irgend einer Zeit auf dem Gebiete der Sklaverei, an dem sonst das Altertum beinahe ähnliche Sünden sich 7.11 Schulden kommen liess. wie später einige christliche Nationen, die Juden stets sich fern von jeder Gewalttätigkeit hielten. War doch das• Sklaventum in ein blosses KneclitsverlüiUnis tuiigewandelt, das überdies die Dauer von sechs Jahren nicht übersteigen durfte, soweit es sich um Volksgenossen handelte.') Es ist um so wichtiger dies hervorzuheben, als die umwohnenden gleichspracbigcn Völker unendliclr T) Deut. XXII. 6. 7. . י) Exod. XXL 2. Lev. XXXV. 3? ff.