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Jüdische Rundschau · 1904-03-30 · Heft 14 (30.3.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 14 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I Bi L j I!; ז; I i JÜDISCHE RUNDSCHAU. ■Seite 135. 4 I I No. 14. ■: מ דישבדעות heisst, dann ist es damit zu erklären, dass er der Bibel nach, mit keinem nationalen Ereignis in Zusammen• hang steht und seine Hauptbedeutung besteht darin, dass er sieben Wochen von Beginnn des Pessach voll macht. Aber der . Feiertag, welcher das Andenken an das grösste Ereignis im Lehen unserer Nation ist, müsste uns schon mit seinem Namen an dieses Ereignis, an die Befreiung unserer Nation, erinnern. Die Benennung aber הג המצות erinnert uns blos an e i n e Epi«. sode dieses Ereignisses, nämlich daran, dass unsere Ahnen keine Zeit hatten, sich mit Reisezehrung zu versehen und genötigt waren. Ungesäuertes zu essen, als ob der ganze Sinn dieser Erinnerung in diesem ganz zufälligen Umstande bestünde, zufällig deshalb, weil es doch ebenso gut hätte passieren können, dass sic wohl Brot hätten und der Mazzoth nicht bedürften. Es ist auch in der Tat ganz unverständlich, weshalb sie nichts vorbereiteten. Sic waren durch Moses bereits vom bevorstehenden Auszug verständigt worden und hatten sogar Wert- Sachen von den Aegyptern entliehen (Exod. XI. 2; XU. 35); sie assen das Pcssachopfer an! Abend des Auszuges, wie es Moses vorbei anbefohleu hatte, die Lenden unigürtet, die Fiisse bc- Meidet, mit dem Wanderstab in der Hand (Exod. XII. 11), mit einem Worte — vollständig marschfertig — und sieh’ da — sie hatten das Allernotwendigste vergessen — Brot zu besorgen! Man wird sager, dass die Benennung הנ הבצות mit der reiigiüscu Seite unseics Feiertags Zusammenhänge, aber unsere Feiertage, ebenso wie viele Sitten und Qesetze unserer Religion, sind doch vor allen Dingen national und dann erst religiös, ja die Mazzoth selbst sind das Andenken einer Episode die bei einem nationalen Ereignis stattfand. ־ Nebenbei wird es nicht überilüssig sein, folgende Erscheiinnig aufzuklären. Beinahe alle jetzt existierenden Völker haben im Lauf ihres historischen Lebens traurige und fröhliche Momente durchlebt. Ebenso wie wir von der ägyptischen Knechtschaft, so befreiten sich auch die Germanen, Briten, Gal- Jier von der Knechtschaft der Römer; — d׳e Russen — vom Joche der Tataren u. s. w., dabei feiert aber kein einziges dieser Völker alljährlich die Gedenktage dieser langst vergangenen Ereignisse; nur wir Juden feiern jahraus-jahrein den Gedenktag der uralten, vor Tausenden von Jahren stattgehabten Ereig- ׳, nisse, sogar solcher, die augenscheinlich bereits die grosse Bevdeutung verloren haben, welche sie seinerzeit hatten. Die Lage :: unseres Volkes in Rumänien, Persien und Marokko ist nicht v, besser, sogar teilweise noch jetzt schlechter afs die Lage un- . \ screr Ahnen in Aegypten. Dieses alles wird uns aber dann klar werden, wenn wir in das Wesen unserer Geschichte eindringm. Allerdings gibt es Leute, die behaupten, dass mit dem Augenblick, wo zur Zeit des Titus unser politisches Leben in Palästina aufhörte, die.Jfldische Geschichte zu Ende ist, und es gäbe nur noch eine Qeschichte des Judentums oder der jüdischen Litteratur. Aber dies wäre dann richtig, wenn man unter dem Worte ״Geschichte“ die Beschreibung von Kriegen und Unterjochung von Völkern verstände; wenn man aber unter Geschichte den Kampf der Völker um ihre Existenz, ihr beständiges Streben nach Vervollkommnung und auch die Lehren, welche die Vergangenheit der Zukunft erteilen muss, verstehen soll, dann ist unsere Geschichte, die am meisten aus dem Leben gegriffene und zugleich auch die reichste in der Weh. Aber unsere Geschichte ist nicht nur d!e bildlichste und reichste, sondern auch die o r i g i ne 11 s t e. Sie hat gar keine Achniichkeit mit der Geschichte irgend eines anderen Volkes. -Sie ist so originell wie das jüdische Volk selbst. Die Originalität des jüdischen Nationalcliarakters ist schon genügend bewiesen. Viele Gelehrte, die den Charakter des jüdischen Volkes erforschten, konstatieren, dass die sem!t:schen Volker In vielen Beziehungen von den arischen verschieden sind. Daraus folgt aber noch nicht, dass das jüdische Volk den anderen semitischen Völkern ähnelt. Der Gelehrte Aksakov hal unlängst bewiesen, dass cs gar keine Daten bezüglich der Kulturen der reinblütigen semitischen Völker gibt, ausser den Juden, und daraus schliesst er, dass kein genügender Grund vorhanden ist, auf die Semiten das zu übertragen, was uns blos von den Juden bekannt ist, und was ihre selbstständige Geschichte, an welcher die anderen semitischen Völker kein tangierendes Anteil haben, hervorgebracht hat.“ Es ist klar, dass diejenigen ausschliesslichen Charaktereigenschaften, welche man den Semiten im allgemeinen zuschreibt, faktisch nur im Charakter des jüdischen Volkes beobachtet werden, welches fn dieser Beziehung seines Gleiches auch nicht unter den ihm verwandten semitischen Völkern, hat Also, die Originalität des Charakters der jüdischen Nation unterlegt keinem Zweifel. Nicht umsonst versprachen unsere Alten dem jüdischen Volke im Namen Qottes: ״Ich werde euch zur einzig in der Welt dastehenden Erscheinung machen.“ Es Ist selbstverständlich, dass ein originelles Volk auch eine originelle Geschichte, wie kein anderes Volk, haben muss. Schon die ersten Momente der jüdischen Geschichte zeichnen iudäischen Lande sind gleich unmöglich, in ihrem eigenen Volke aber beide gleich gross und gewaltig. Bei so ausgeprägtem Volkscharakter ist es denn auch nicht anders denkbar, als dass Hebräer und Hellene, d. h. besonders Jude und Athener durchaus national sein mussten. Denn Kultur ohne Volkstum war ihrem Denken ebenso unfassbar, wie Volkstum ohne Kultur. Wenn aber der Athener eifersüchtig über seine politischen Rechte wachte und durchaus nicht litt, dass der Mswu-o; Anteil am Staatsleben nahm, war es ein uraltgeheiligtes und unantastbares Grundgesetz der jüdischen Nation: ״Dir soll ein Recht sein, dir und dem Fremdling (גר), der in deiner Mitte weilt. Denn du bist selbst ein Fremdling gewesen im Lande Mizrajim: Ich, der Ewige, dein •Gott!“* *) Geht doch die milde Rücksichtnahme auf den Fremden im Lande so weit, dass er sogar in das Bereich der von Uralters her organisierten Wohltätigkeit, ebenso wie die Witwe und die Waisen, einbezogen ist.8) י) Lev. XIX 33. 34. Vgl. ferner Deut. X. 19: ״Liebet den *Fremdling: denn Fremdlinge wäret Ihr Im Lande Mizrajim“, Exod. XXIII, 9 und viele andere ähnliche Stellen. •) Vgl. z. B. Deut. XXIV. 19—21, wo es in jedem Verse ausdrücklich heisst: ״Dem Fremden, der Waise und der Witwe soll es gehören“, wobei wohl zu bemerken, dass der Fremde »regelmässig zuerst angeführt ist Denn ״Humanität", das Ist ein unverlöschlicher Grundzug Jener Zivilisation, die auf indischem Boden blühte; und mag noch so viel von unserer ältesten Litteratur verloren gegangen sein, sie hat auch dem Wenigen, was uns überkommen, ihre unverkennbaren Spuren eingegraben. Denn die Gerechtigkeit ist die Grundidee alles öffentlichen Lebens im alten Judentum: aber nicht die strenge, sondern die milde Gerechtigkeit. Das strenge Recht ist nicht nur ein billiges, es ist ein humanes Recht geworden. Man macht allzuoft dem Judentume den falschen Vorwurf gerade auch von jüdischer Seite, dass, gemäss seinem jus talionis, ״das Auge nicht schonend blicken soll". Man vergisst, dass dieser ausdrückliche Zusatz schon an und für sich beweist, dass in anderen als den z. St. angeführten Fällen das Auge wohl schonend blickte. Aber ganz abgesehen davon liegt In dem berühmten Satze: ״Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Brand um Brand, Beule um Beule, Wunde um Wunde" *) in so ursprünglicher Form der Begriff der Gerechtigkeit, wie er sich auch nicht deutlicher aussprechen kann in einem anderen Worte desselben Buches, das weniger gern von jüdischen Anti- 4) Exod. XXL 24. 25. Deut XIX. 21.! i k ( * > I i * »■ 1 t ״r״f״! ,»rJ..n.)* ■׳״.,]^יזיךיי<<וי^וי^^וי^^>^«^ו / gyftyNftygyy *י*^ . •־־ i 4 •«!ווי

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