Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1904)
- Date
- 1904-03-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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/' Seite 134. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 14. kratischen Staates einen vom Volke erhobenen einzigartigen Staatsmann sah, und der die vollendetste Demokratle gerade In der Alleinherrschaft dieses einen Mannes ־erblickte. (Logo men demokratia ergo d& henos andros archö.) Bei diesem Punkte gibt es nur eine einzige Lösung, die zur Versöhnung und zu gedeihlichem Arbeiten führt, die bedingungslose Unterordnung unter den Mann, der stärker ist. So mögen denn unsere Charkower Frondisten sich stets das Wort des grossen Oriechen Vorhalten: ״Uk agathon polykoiranle, heis koiranos ,östo.“ Aber die Charkower haben auch eine Reihe von Forderungen aufgestellt, die seit vielen Jahren das bewusste Progranun gerade der deutschen Zionisten sind. £s ist Ja kein Zufall, dass die beiden letzten Kongresse die Palästinakotnmissionen in Berlin domiziliert sein Jiessen. Solange es deutsche Zionisten und einen deutschen Zionismus giebt, haben wir den intensiven Ausbau der Palästinakolonisation im Rahmen des politischen Zionismus als unsere ganz besondere Aufgabe angesehen. Damit bringen uns die ..Charkower“ nichts Neues. Wir alten Zionisten i!1 Deutschland haben ja sogar seit fünfzehn Jahren mit ihnen als dem Odessaer •Komitee Hand in Hand gearbeitet. Der Unterschied ist nur der, dass wir wiederum zu nerzi das unbedingte Vertrauen haben, dass er noch ganz anders als wir die absolute Notwendigkeit eines rationellen Ausbaus der Palästinakolonisation zu würdigen weiss. Und hier ist der Weg zum Frieden gegeben. Denn nicht die Ansichten über den Wert und die Notwendigkeit der politischen und diplomatischen Arbeit oder der praktischen Kolonisation sind Im Grunde verschieden, sondern nur der Glaube an die Verschiedenheit bewirkt die Gegen- Sätze. Man glaubt in Wien nicht an den politischen Zionismus der ״Russen“ und in Charkow glaubte man nicht an die Arbeitswilligkcit für Palästina in ״Wien“. Aber beides ist vorhanden. Gerade an dein Beschluss, ־den man über den Oelbaumvorschlag der Palästinakommission fassen wird, muss die Fronde sehen, dass Herzl Jeder vernünftigen Arbeit in Palästina durchaus zugänglich ist. Auf Grund der Einzelarbeit in Palästina wird die Möglichkeit geschaffen werden zu einer Ausgleichung von Gegensätzen, die mehr in den Wünschen der ״Erben des Zionismus“ als in den Reihen der Zionisten existieren. Die Pflicht der nichtrussischcn Mitglieder des Aktionskomitees muss es sein, diesen Ausgleich herbeizuführen. Dass er ein der Partei und der Parteileitung würdiger sein wird, dafür wird schon Herzl ganz allein sorgen. Unser Führer hat wohl mit Vorbedacht die Sitzung des Aktionskomitees unmittelbar nach unserm grossen nationalen Freiheitsfest angesetzt. Möge dieses Fest allen unsern Freunden die Verantwortlichkeit recht vor Augen führen, die sie durch eine Abspaltung vom Zionismus auf sich nehmen, sei es, dass die einen nicht dic.Tragweite ermessen, die eine Spaltung haben würde, sei es dass andere in dem schweren Irrtum befangen sein mögen, dass sie durch ״Scharfmachen“ dem Zionismus und der Disziplin einen Dienst zu erweisen glauben. Was wir von den ״Charkowern“ verlangen dürfen. Ist freiwilliger Gehorsam, von den übrigen, weitgehendes Entgegenkommen. Dass Herzl selbst das richtige Mittelmass finden wird, dass er wohl noch manche Ucberraschung für die grosse Sitzung in Aussicht hat. darüber ist uns kein Zweifel. Möge die Tagung des Aktionskomitees die verletzte Disziplin wiedcrherstellen, möge sie zugleich auch von theoretischen Streitigkeiten zu positiver Einzelarbeit in Palästina führen. Möge aber jedes Mitglied des Aktions- Komitees keinen Augenblick vergessen, dass seine ganze Arbeit dem nationalen Gedanken, d. ii. der unteilbaren Einheit und Einigkeit dienen soll. Darum bedarf es eines festen Zusammenschlusses um das selbsigewühlte Oberhaupt, das diese Einheit repräsentiert, dazu bedarf es einer unangetasteten und unantastbaren Disziplin. Und das ist der Unterschied zwischen den Hottuungen unserer Gegner und den Tatsachen. Unsere Feinde erwarten von der bevorstehenden Sitzung eine Spaltung des Zionismus. Aber ihr Wunsch erfüllt sich nicht! Denn sic bringt uns vielmehr die Einigkeit. Heinrich L o c w e. I Pessach-Gedanken. Von M. L. L i 1 i e n b l u m. Uebersetzt von A. B c n I a m i n. Unser grosser Feiertag Pessnch, der zum Andenken an die Befreiung unseres Volkes aus Aegypten und an seine Wiedergebürt zur selbstständigen Kutturnation besteht, trägt iit der Thora und in unseren Gebeten den Namen ״Feiertag des ungesäuerten Brotes“ הג המצות Beim ersten Blick scheint dieser Name unverständlich. Wenn ein anderer nationaler Feiertag ״!.aubhüttenfest“ heisst, so ist cs selbstverständlich: er ist ein Andenken an die Tatsache, dass unsere Ahnen in der Wüste in Laubhütten wohnten; wenn unser 3. Feiertag ,.Wochenfest“ Kanaan und Hellas. Von Heinrich Loewe. (Schluss). Der griechischen Philosophie ist schon eine reiche Arbeit zu Teil geworden, die der Philosophie der Bibel. bisher leider noch vorenthalten geblieben. Man hat sich Ja zu sehr daran gewöhnt, die hebräischen Litteraturdenkmäler‘entweder in supernaturalistischer oder gar rationalistischer Weise aufzufassen, während man sich bemühen sollte, auch Israels Altertum h.storisch zu bcgreifen. Daher ist es denn nicht wunderbar, wenn selbst ein so tiefer Denker und feinsinnigerGcichrtcw׳ie Zeller von einer Philosophie der Hebräer nichts ahnt. Wer aber die mosaische Gesetzgebung aufmerksam liest, w׳cr gar den Hiob studiert oder sich an den Zweifeln des Koheieth erbaut, der weiss. dass hier Reste tiefer Philosopheme und kühn gebauter Weltsysteme dem staunenden Auge des Forschers sich erschlossen. Nur darf man nicht versuciien, sie in die Systeme griechischer Philo- Sophien einzureihen, sie zu messen an den Kategorien hellenischen Geistes. Wer« aber erinnert nicht das erste Kapitel der salomonischen Schrift an die Phantasien griechischer Weltw׳eise11 von periodischen Weltzer- Störungen und Weltenbildungen: nur haben die Griechen alles systematisch dargestellt, der Hebräer dagegen lässt uns einen Blick in das Divinatorische seiner Arbeit tun. Die praktische Anwendung der Skepsis im Leben der Griechen ist die laxe Moral, wie sie durch die Sophistenschulen Eingang fand, während Koheieth, dessen Skepsis unerreicht dasteht, seiner Weisheit Schluss zusammenfasst in die Worte: ״Fürchte Gott und halte seine Gebote: denn das ist des Menschen Zweck; denn Jegliche Tat wird Gott vor das Gericht bringen über alles Verborgene, sei sie gut oder böse!“*) Er ist der erste gewesen, der das Rätsel des Daseins in seiner ganzen Grösse erfasste, und in einem einzigen Satze charaktcrisiert er unübertrefflich die Unbegreiflichkeit des Kausalnexus. Aber auch in ihm ist nichts Fremdbürtiges, er ist durchaus nur Hebräer. Charakteristisch für das Griechentum sind Aischylos, Aristophanes, auch Anakreon, für das Judentum nicht minder Moses und Jcremia, aber auch der Dichter des Liedes der Lieder. Das Drama hat nichts im alten Juda zu suchen, und Israels Prophet ist unmöglich auf den! klassischen Boden der Schönheitsideale; beide aber sind erhaben und in ihrer Art vollendet und unnachahmlich. Ein Jesaia nach Attika versetzt oder ein Demosthenes im •)Ueber die kleinen Einschaltungen hn Koheieth, wozu auch dies gehören kann, ist hier nicht der Ort zu sprechen.