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Jüdische Rundschau · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 13. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Das mausetote Judentum in den;״ ׳Romanischen Forschungen“.. •* Die ״Romanischen Forschungen“ sind eine hochangesehene, streng wissenschaftliche Zeitschrift, die der bekannte Philologe Karl Vollmöller herausgibt. Der Charakter ernster Wissenschaftlichkeit hält sie vom TagesstreitJ fern. Freilich kann auch Philologengezänk einmal ausarten, aber ein zankender Philologe hat im allgemeinen noch mancherlei Vorzüge vor einem sogar friedfertigen homo politicus. Wir dürfen also billiger Welse voraussetzen, dhss Judenfrage und Antisemitismus in dieses kleine Adyton der Wissenschaft keinen Eingang finden können. Immerhin ist eine Möglichkeit gegeben, auf Juden zu sprechen zu kommen, wenn die ״Romanischen Forschungen“ sich mit den sehr interessanten spanischen Jiidendialekten des Orients beschäftigen wollten, oder die altfranzösischen im Machsor Vitry oder gar bei Raschi überlieferten Wörter in wissenschaftlicher Erörterung als Hilfsmaterial heranziehen wollten. Auch wären die Qhcttodialekte einiger italienischer Gegenden, besonders die Livornos und Anconas einer wissenschaftlichen Untersuchung vor ihrem nahe bevorstehenden völligen Absterben wohl wert. Man würde aber sehr fehl gehen, wenn man glauben wellte, dass die gelehrte Forschung der Zeitschrift sich dieser Stoffe angenommen hat. Im Gegenteil — und daraus ist ihr freilich kein Vorwurf zu machen — ist in den ersten fünfzehn Bänden, soweit wir sehen, nicht einmal der Name Jude genannt. Erst dein 16. Bande war es Vorbehalten, dem Judentume den Garaus zu machen: In einer überaus krausen, ja kuriosen Weise hat ein Folklorist Friedrich S. Kraus sein deutschnationales• Glaubensbekenntnis dort abgelegt.*) Was keinem Deutschen und keinem deutschen Juden eingefallen wäre, die Ruhe der Wissenschaft durch die Bekenntnisse einer deutschseinwollenden Seele zu stören, das ist diesem Abkömmling des Ghettos an der Nordostseite der Oesterreich-Ungarischen Monarchie gelungen. Es ist dies ein allgewaltiger deutschnationaler Drang, der sich zeitweilig im Busen dieser jüdischen Landsleute des polnischen Volkes spontan Geltung verschafft. So ist Karl Emil Franzos stets der Meinung gewesen, dass man ihn bei uns für einen Deutschen hielte. So ist der Jude um so eifriger in der Betonung seines reinen und unverfälschten Deutschtums, je mehr die geographische Lage seines Geburtsorts dem Deutschen Lande fern liegt. Aus diesem uns deutschbürtigen Juden ewig unbe- ^reiflichen Urteutonentum heraus hat schon Friedrich S.2) Krauss vor eilt' Jahren seine Stellung als Sekretär der Wiener Israelitischen Allianz und als Redakteur des Abwehrblättcheus seligen (?) Andenkens ״Das Freie Blatt" missbraucht, um gegen das Judentum und den Zionismus aufzutreten, wie cs die Art wissenschaftlicher Arbeiter nicht ist. Zuerst anonym, dann gezwungen seinen Namen zu nennen, hat p. Krauss damals schon mit dem Mute, den die Unwissenheit verleiht, Angriffe gegen das seiner selbst bewusste Judentum gerichtet, die damals eine scharfe Abwehr des Antisemitismus dieses berufsmässigen ״Abwehrers“ zur Folge hatte. (Den grössten Dienst.leistete er der Abwehr, als er sie verliess.) Er hat sich damals nicht entblödet, den unerhörten Vorwurf gegen uns zu richten, dass ״die Zionisten ihre *) Romanische Forschungen. Bd'. 16, hL 1. Erlangen 1903. S. 151-320. *) Nach Krauss könnte ganz gut der hebräische Name .לסד in Anlehnung an den deutschen Namen Friedrich gebildet sein. Seite 123. Stimm- und Schreibmittel in der leichtsinnigen Verlockung einfältiger, bedrückter Juden zur An- Siedlung in Palästina“*) verwenden. Damals musste sich Dr. Krauss in einer mit Wiener Namen Unterzeichneten öffentlichen Zuschrift sagen lassen, dass ״ihn die Grundlosigkeit und Verschwommenheit seiner Argumente dazu gebracht habe, sich hauptsächlich auis persönliche Gebiet zu verlegen und Personen, denen er seit jeher nicht gut ist, schon deshalb, weil sie ihn an Wissen und Talent weit überragen, in so niedriger» unschöner Weise zu überfallen“. Immerhin müssen wir ihn! als mildernden Umstand zubilligen, dass er seine grund- und haltlosen Angriffe in einem Blatte schrieb, wo auch andere ungerechtfertigte Angriffe gegen unsere Ideale ihren Platz fanden. Sein jetziger judentemdlicher Angriff in den ״Romanischen Forschungen“ hat wenigstens insofern den Reiz der Neuheit, als er mit mehr Geschick, als man ihm Zutrauen konnte, einen Ort herausgefunden hat, der wohl von allen am ungeeignetsten zu seinem antisemitischen Ausfall ist. Die Auswahl dieses Ortes zeigt, dass er nicht nur in der Frage des Volkstums an völliger Ortsblindheit leidet. Um so mehr müssen wir uns über den anstandslosen Abdruck in den״Romanisehen Forschungen״ wu!1dern, als sein Aufsatz ״Die Volkskunde in den Jahren 1897 bis 1902“ weder in den Rahmen der Zeitschrift überhaupt hinein gehört, noch zu gut ist. Der HöhepunKt seines Aufsatzes ist der Absatz XII ״Fata Morgana-Volkstümler", um dessentwillen überhaupt der ganze Artikel entstanden ist. Wir w ollen es ihm ohne weiteres konzedieren, dass er gegen M. Grunwald in gehässiger Weise ausfällig w ird, da cs wohl kaum einen exakteren Beweis a priori für die wissenschaftliche Bedeutung eines Gelehrten gibt, als die Anrentpelung durch Krauss, dessen heftige, grundlose und ungerechte Angriffe in der Philologemvelt mehr Beachtung gefunden haben, als seine wissenschaftlichen Arbeiten. Es ist dabei für Krauss und seine ״Methode“ bezeichnend, dass er nicht das Geringste von Grunwalds sehr umfangreichen Arbeiten — deren Titel er vielleicht gelesen haben mag — anzutasten wagt, ausser dem Um- . stände, dass Grunwald, der ein deutscher, kein polnischer und kein südslavischcr Jude ist, Wert auf ein jüdisches Volkstum legt Krauss hat sich mit der Voraussetzungslosigkeit, die der gelehrten Forschung eigen sein soll, sechs Merkmale zusammengestellt, die, weil sie nach seiner Auffassung auf die Juden nicht zutreffen, entscheiderd sein sollen für die Definition des Volkstums. Der W msch ist bei ihm der Vater des ״wissenschaftlichen ' Gedankens. Diese sechs Momente zu kritisieren, kann nicht unsere Aufgabe sein, denn in ihrer Anwendung müssten wir überhaupt jegliches Volkstum leugnen, auch dns der Deutschen, und nur ein einziges Voikslutn anerkennen, nämlich •die deutsche Nationalität des Teiles der Juden, dem Herr Krauss angehört,!; Er möchte eben für sein,Leben gern ein Deutscher •sein, und hier einzig begegnen sieb seine und unsere Wünsche. Denn auch wir wären unendlich zufrieden, wenn wir Ihn, wie der studentische Ausdruck heisst.- abgeben könnten. Mit denselben Gründen freilich, mit denen Krauss das Deutschtum der Juden, d. h. sein eigenes, zu erweisen glaubt, könnte man noch viel besser . nachweisen, dass die Deutschen dem jüdischen Volksturne zuzurechnen sind. ' Dabei hat Krauss den wunderlichen Mut, über Gegenstände ein Urteil — selbstverständlich ein apodiktisches — zu fällen, von denen ihm auch die elementar- •) ״Fre'es Blatt“, Nummer vom 22. 10. 1893.

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