Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nd. 13. Seite 121־. JÜDISCHE RU N D $ CH A U. lieh danken, aber ablehnen müssen. Wir wollen kein fremdes Volk seiner Heimat berauben, unter dem fadenscheinlgen Vorwände, ihnen eine höhere Kultur und Zivilisatfon zu bringen.!!Wir wollen kein fremdes Land, sondern das eigene, angestammte, auf das wir ewige, unveräusser- | liehe Rechte haben. Und wie soll dieses Ziel erreicht werden? Wir antworten mit dem Worte des Propheten: ״Nicht durch Kraft und nicht durch rohe Gewalt!“ Nicht mit der Flinte, sondern mit dem Pfluge in der Hand soll unser gebeugtes Volk in das Land ihrer Väter einziehen. Durch die Kulturarbeit wolien wir das alte Recht zu einem neuen machen. Als erstes Mittel gilt: ״Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Hand wer- Kern und Gewerbetreibenden.“ Was die zielbewussten Juden sehnsuchtsvoll stets erwünscht haben, die Erziehung der Judenheit zum Handwerk und Ackerbau, die körperliche und sittliche Gesundung durch eine natürliche wertschaffende Tätigkeit, wir haben es auf unsere Fahne geschrieben. Aber im grossen Stile soll dieses Werk durchgeführt werden und iiir die Dauer soll es Segen bringen. Und das ist nur im eigenen jüdischen Heimwesen, da s ist nu r in Palästina, in dem zukünftigen Zion, möglich. Jedes Ideal muss einen natürlichen Boden haben und die einzige Grundlage der jüdischen Regeneration ist die• Nationale sterung des jüdischen Volkes im eigenen Lande. Ein glücklicher jüdischer Handwerker, ein zufriedener jüdischer Bauer ist aus ökonomischen, politischen und psychologischen Gründen n u r in einer gesicherten jüdischen Heimstätte, und nur in Palästina, möglich. Aber wir tun keinen Sprung ins Dunkle, wir wissen, dass das, was uns als Ideal vorschwebt, nicht in einem Tage zu erreichen ist. Wir wünschen eine ruhige, natürliehe Entwickelung des volkskulturcüen Prozesses. Wegen des grossen Zieles vernachlässigen wir die Aufgaben der Gegenwart, die Arbeit für die nächste Zukunft nicht. Etappenweise wollen wir die Höhe erreichen. Die erste Etappe ist die jüdische Gem e i n d e. Die jüdische Gemeinde war im Laufe der Geschichte niemals eine blosse Religicnsgemeinscliaft. Sie war eine Kolonie! eine grosse Familie, und hier wurzelte die Lebenskraft der Judenheit. Erst die unselige Reform hat nach christlicher Schablone die jüdische Oemeinde ln eine Kirchengemeinde verwandelt. Erst als infolge der Assimilation der Unglaube die Oberhand gewann, wurde von den Ungläubiggewordenen die ״Glau- ז bensgemeinschaft“ proklamiert. Und die Früchte ן blieben nicht aus. Die Bande wurden iocker, die Brüder 1 verloren den Zusammenhalt und in der Stunde der Not fehlte die sicherste Stütze, das Vertrauen zu sich selbst l und ihrer Gesamtheit. Dass wir heute in vielen Gej mcinden die tragikomische Erscheinung erleben, Juden, i die weder jüdisch fühlen noch jüdisch leben, In führender! Stellung zu sehen, ist eine natürliche Folge dieser schweren Versündigung am jüdischen Volke. Die sich ״Liberal“ nennenden Assimilatoren wollen uns noch mehr wie bisher eine Nachäffung nichtjüdischen Wesens aufdrängen. Unser Judentum soll, wenn es nach ihnen ginge, noch mehr als bisher zu einer Beute des Streber- und Protzentums werden. Wir müssen also die jüdischen j Gemeinden erobern, wir wollen sie wieder zu Judengemeinden machen, zu Gemeinden, die durch gemeinsanie Lebe״sintcresscn mit einander verbunden sind. Wir müssen einen besseren Boden für die freie ן Betätigung jeder ehrlichen Ucberzeugung schaffen. Aber wir iniissn unsern Brüdern auch noch ein anderes Ideal geben: Die Pflege des jüdischen Lebens, j Das ist es, was im Punkte 2 des Baseler Programms aus-! gedrückt wird: Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltung hach Massgabe der Landesgesetze. Wir Juden besitzen eine ererbte Organisation von altcrsher, die Gliederung des Volkes durch die Gemeinden. Auf diese Organisation wollen wir uns stützen. Von der jüdischen Gemeinde zum jüdischen Volk! Und wir bedürfen dieser Neubelebung. Wir westeuropäische moderne Juden ebenso nötig wie das jüdische Proletariat in Russland, Galizien und Rumanien. Wir bedürfen des Zionismus, um sittlich und geistig zu genesen. Uns tut not: ״Die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewusstseins“. und ihnen so das Gebiet der Moral und der Metaphysik stets zwei absolut getrennte Welten blieben, gab es für den Juden nur ein Prinzip der materiellen und der sittliehen Welt. Derselbe Gott, der Himmel und Erde geschaffen und die materielle Welt ins Dasein gerufen, er war es, der als Prinzip der Moral die Liebe des Nächsten gebot, der das Land als sein Eigentum betrachtete, das seinen Söhnen er nur dann überliess, wenn sie seine Gebote der Heiligkeit und der Moralität beobachteten. Den Griechen war der Geist allenfalls eine Funktion der Materie und deshalb ihren Gesetzen unterworfen, den Juden dagegen war der Geist in seiner höchsten Vollendung auch das Prinzip und der Schöpfer des materiellen Daseins. . Es war nur natürlich, wenn sich dieser Gegensatz auch in dem allerursprünglichsten, was der Menschengeist schafft, in der Poesie, offenbarte. Der Grieche, ein Bewunderer des Ebenmasses in allen Dingen, erfand das Metrum und bildete es bis zur höchsten Vollendung aus; der Hebräer fand dieselbe Symmetrie im Reiche der Gedanken wieder und schuf den Parallelismus. Der Hellene sah die körperliche Schönheit als eine Tugend an, und er kannte kein höheres Lob als der Hebräer dagegen wusste der Schönheit־ seinen Tribut zu zollen, ohne doch Ihr einen grösseren Wert beizumessen, I f f als anderen äusserlichen Erscheinungen.1) Freilich ist dieser Gegensatz bei weitem nicht so scharf in der Wirklichkeit, wie er sich in Worten leicht gibt, aber nur der sokratische Geist scheint sich hier hebräischer Auffassung zu nähern, nur die salomonische Liebesdichtung dem Hellenismus weniger fern zu stehen. Und doch ist auch Sokrates so ganz und gar Hellene ohne jeden fremden Zug, und doch ist die glühende Liebe des Hohen Liedes 1 ) Wie sehr das indische Volk auch die körperliche Schön heit zu schätzen wusste, selbst in der Zeit, wo das Volkstum schon ausserordentlich von seiner Ursprünglichkeit und Naturlichkeit verloren hatte, und mehr und mehr ein Geist sich Geltung verschaffte, der seine Befriedigung in theologisch-iuristisehen Untersuchungen suchte und fand, erkennt man u. a. aus öen überschwänglichen Beschreibungen der Lebesschüi.tieit des Rabbi Jochanau im babylonischen Talmud. Es heisst dort irr. Traktat R,rakh»'>th 5 b. dass Rabbi Jochanan durch das einfache Entblössen seines Unterarmes das dunkle Krankenzimmer des Rabbi El'ezcr so erhellte, dass er bei diesem Lichtscheine die Tränen sah. die den Augen des Kranken entströmten. Welchen Wert der sonst nicht gerade eitle Rabbi Jochanan auf die hier hyperbolisch geschilderte Schönheit legte, geht deut'icb aus einer Stelle desselben Traktats hervor, die einige Seiten später folgt, und die in deutscher Übersetzung so lautet: ..Rabbi Jochanan war gewohnt, vor dem Tore des Tauchbades zu sitzen, damit, wie er sagte, die Töchter Israels beim Hinausgehen vom Tauchbade, mich sehen und mir Infolgedessen Ihre Kinder ähnlich werden." (B'rakh^th 201.)