Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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״ % Seite 120. — •JÜDISCHE RUNDSCHAU._ No. 13. der Mahlzeit ab, man iäd ihn zu Tisch und teilt mit ihm, ^as man besitzt. Wohltaten, um den Armen loszuwerden, sind ein Jammer für den Empfänger und eine Schmach für den Geber. Wenn schöne Frauen sich zu Gunsten der'Leidenden dekolletieren und tanzen, so ist das eine Entartung der Neuzeit, die dem jüdischen Geiste widerspricht.. Mit diesem System der Entwürdigung des menschlichen Elends hat der Zionismus gebrochen. Wir üben Gerechtigkeit und keine Wohltaten, Gerechtigkeit für uns und die anderen. Und die Wahrheit über den Zionismus. Nun, wir sind zu stolz, auf all die Erniedrigungen und Verdächtigungen, die Torheit und Bosheit gegen uns ausstreuten, zu reagieren. Wir kennen die Quellen dieser Entartung. Es ist die Frucht der nationalen Entwürdigung, die uns entgegentritt. Es ist der Sklavengeist, den der Ruf der Freiheit so empört. Sie werden zu uns kommen, all die falschen Priester und hohlen Streber, sobald der Zionismus zu einer Macht geworden ist. Die Früchte unserer noch so jungen Bewegung haben heute schon gezeigt, wo die Vertreter des Idealismus und wo die Anbeter des Scheines sind. Wer die Wahrheit über den *Zionismus hören will, der kann sie hören. Wir haben eine Tribüne geschaffen, von der aus man die Stimme der jüdischen Volksseele vernehmen kann, ja vernehmen muss. Und die Einheit! Wefch ein unerreichbares Ideal für das durch seine Leidensgeschichte, durch seinen unseligen Dualismus, zum zersetzenden Element gewordene jüdische Volk! Und das Unglaubliche ist er- reicht, spielend erreicht worden. Wir haben uns im ן Zionismus geeinigt. Freilich soll und wird jeder sein! zukünftiges Zion sich nach seiner Weise ausmalen. Jeder wird sich seine Weltanschauung zimmern aus seinen äussern und inneren Erfahrungen. Wir legen der Geistesfreiheit keine Fesseln an. Im Einzelnen mögen die Wege verschieden sein, die uns zum Ziele führen, mögen Unterschiede sein, wie sie durch Bildungsgang und erworbene Anschauungen gegeben sind. Aber die Grundgedanken des Zionismus sind uns gemein. Es gibt jetzt nur einen Zionismus, ein Programm, ein grosses Ziel, und das ist Zion! Nur von diesem Gesichtspunkte aus kann man das Baseler Programm betrachten, nur so kann man es verstehen‘ Es enthält einen Satz, die neue Lehre des jüdischen Volkes, die so oft ersehnte בשררה טיבה. Man macht keine vielen Worte, wenn man ein gemeinsames grosses Ziel vor Augen hat. Das Programm kann kurz sein, wenn sich die innern und äussern Lebensinteressen eines Volkes auf einen Punkt konzentriert haben. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentiich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.‘* Darin liegt die Proklamierung der Judenheit als Nation und der Weg zu seiner Wiederaufrichtung auf dem geschichtlich geweihten Boden seiner Väter. Wer ist das Jüdische Volk? Wir alle, die wir von jüdischen Eltern geboren sind, wir alle, die wir eine gemeinsame Geschichte haben, auch in allen vergangenen und noch kommenden Geschlechtem. Was ist eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstatte? Eine Heimat ohne Kanonen und Flotte, ohne prangettden Luxus und hinaustönenden Ruhm, aber auch ohne Knechtschaft und Unterdrückung, ohne Verktimmcrung und Verfolgung. Wir wollen keine Gnade mehr, w ir wollen nicht ״gedulde t“ sein. Rechtlich gesichert wollen wir unsere Zukunft sehen. Wir dürfen nicht mehr auf die ״Güte“ der Völker angewiesen sein. Nicht trotzdem wir Juden sind, sondern weil wir Juden sind, wollen wir unser Recht haben. Und in Palästina soll das geschehen. Nur da. In dem Lande, wo wir einst eine grosse Vergangenheit hatten, wollen wir eine bescheidene aber glückliche Zukt.nft erleben. Warum־ da? Ja, warum habe ich d i e Mutter und nicht eine andere? Es wäre ungeiähr dieselbe Frage. Sie ist meine Mutter, für mich die beste Mutter. Und Palästina ist das Land Israels. Dort soll die leidende Judenheit eine dauernde Zuflucht finden, weil das Gemüt, die treibende Kraft im innern Leben der Völker, dahin lenkt. Und wenn uns eine edle Nation die schönsten Länder auf dem Präsentierteller entgegenbringt, und w׳enn sie uns Freiheiten und Privilegien aller Art aiibieten, und es ist unsere historische Heimat nicht, nicht das Land, in dem unsere Väter schlummern, wo sich unsere glorreiche Geschichte abgespielt hat, so werden wir danken, herz- Kanaan und Hellas. 11. Wenn man irgend einem Volke Klassizität zuspricht, so muss man dies den Hellenen und den Hebräern zuerkennen, den wahrhaft klassischen Völkern der euro- I pfuschen Kulturwelt, während die Römer, die man gewohnlich für das klassische Volk anzusehen beliebt, nur ein verwässertes und entartetes Griechentum sich zu! eigen gemacht hatten. Sie haben die Jurisprudenz zu I einer Höhe gebracht, dass heute noch alle modernen ] Völker daran kranken, haben auch zuerst den Polizei- I Staat mustergiltig geschaffen, und die Politik zu jener ] Blüte entfaltet, von deren unseligen Folgen die Welt noch j lange nicht geheilt ist, aber sonst haben sie nichts Originelles geschaffen. Ihre Dichter und Denker stahlen und entlehnten bei den Griechen; den Geist des Griechentums haben sie nicht erfasst, seine Laster und Fehler aber alle übernommen. Jene heitere Ruhe, die über dem Altertum Griechenlands ausgebreitet liegt, ist freilich der Neuzeit noch fremder als dem alten Rom. Denn gerade darin offenbart sich die Eigenart jener naturwüchsigen und originellen Kultur Alt-Israels nicht weniger als Griechenlands, dass sie keine düstere Lebensauffassung kennen. Vom Gelächter homerischer Götter und Helden 1 bis hinab in die spätesten Zeiten hellenischer Herrlichkeit ist dem Volk jene charakteristische Heiterkeit geblieben: und ebensowenig sind der religiöse Sinn und die aufrichtige Frömmigkeit im stände gewesen, Israels Söhne zu kopfhängerischen Betbrüdern zu machen. Wenn aber die heitere, lebensfrohe Auffassung den Griechen überschäumen liess, wusste Israel zugleich seinen sittlichen Ernst zu wahren, w usste es die Sittlichkeit zur Quelle gesunden Volkslebens zu gestalten. Wir können es heute kaum begreifen, dass Männer wie Perikies, die uns sonst als ein Ideal erscheinen, in sittlicher Beziehung Schwächen aufw iesen, die dem Juden von Anfang an unfassbar waren. War doch Sokrates der erste, der energisch und wirkungsvoll dieser Unsittlichkcit entgegentrat, während selbst ein Xenophanes oder Pythagoras nichts dagegen vermocht hatten. Israel dagegen blieb bei aller Lebensfreude immer tief sittlich. Das Grundprinzip des ganzen Volkslebens war eben ein anderes. Während sich Ioniens Söhne in Apollo, dem Gotte der. Schönheit, jenes Ideal des Ebemnasses schufen, wusste, der Jude, dass sein Volk ein Erbe sei dem Gotte der Sittlichkeit und Liebe. Während selbst die erlauchtesten,Geister der Griechen sich nie von einer materialistischen' Weltauffassung losmachen konnten,