Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite 114. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 12. Für den Nationalfond fielen dabei 60 Mk. ab. Ueb&r die durch unsneugegründete Ortsgruppe in Mttllheim ist bereits berichtet worden. Auch sei noch mitgeteilt, dass in unserem Vereühsfckak) eine Anzahl indischer Zeitungen und Zei t sc h r if t en־ für unsere Mitgbeder sowohl. ׳als auch für alle dfejenigcn. die sich für jüdischen Angelegenheiten interessieren,״ aufliegen. Bei dieser Gelegenheit sei noch aus unserem ln der .Generalversammlung vom Januar gegebenen Rechenschaftsbericht nachgotragen, dass unsere Einnahmen im Jahre I9W 2700 Mk. betrugen, einschliesslich einer Samtnlung für Kiscn'ncw im Betrage von 500 Mk. Dem Nationalfond wurden zugeführt 540 Mk., Schekelgelder 106 Mk.. Burcaubeitrag 80 Mk.־ Seit 1. Januar sind bereits wieder 250 Mk. für Nationalfondzwccke verwendet worden. Die Ortsgruppe hat im vorigen Jahre sich selbst, in diesem Jahre ihren Vorsitzenden. Herrn .Dr. Kaufmann, in das goldene Buch eintragen lassen. Frdburg L B., im Mürz. Zum Schluss(? des Winter• Semesters haben die Herren Dr. M. Namiot und Dr. Walter Pcrlitz, nachdem sie ihre Sittlichen Examina absolviert haben, unsere Stadt verlassen. Beide waren sehr eifrige Mitglieder unserer Ortsgruppe und w’r bedauern lebhaft ihren Weggang. Stuttgart. Zionistischer Verein. Am 1. ds. beging der Verein im grossen Saale des Bürgermuseums in festliche« Weise die Purimfeier. Die Festrede hielt Rechtsa!1\v3lt Dr. Schauer aus Mainz, der für seine interessanten Ausführungen reichen Beifall erntete. Berlin. Akademische Gruppe der Berliner Zionistischen Vereinigung. Am 22. v. M. sprach Dr. Franz Oppenhei in er über ״Gross- und Kleinkolonisation". Welche An- Ziehungskraft Oppenheimers Karne ausiibt. konme mau auch hier erkennen; denn obwohl wir cr’n bei weitem grösseres Lokal a’s für unsere sonstigen Veranstaltungen gewonnen hatten. waren dennoch am Vortragswie am Diskussionsabend; die Säle derart überfüllt, dass viele leider umkehren mussten.; Aus dem Vortrage und der Diskussion sei kurz das wichtigste < hervorgehoben. Der Referent führte aus. dass Gross- und Kkjnkokmisation an sich keine Gegensätze sind: der einzige .Unterschied, den man machen könnte, besteht in dem ver- * folgten Zweck, da wir mit Grosskolonisation eine reiormato- J rische Tätigkeit verbinden wollen. Zu einer derartigen Ko- Ionisation sei zweierlei erforderlich, ein Land, das genügend Platz für grosse Massen bietet, und die grosse iinanziel’e und moralische Unterstützung des ganzen Volkes. Ungeheure Kapitalien werden zur Verwirklichung unseres Planes erforderlieh sein; diese können nicht durch wohltätige Spenden, sondern nur dann aufgebracht werden, wenn man Kapitalisten gewinnt, denen die volle Kreditwürdigkeit der neuen Versuche glaubhaft gemacht wird. Verzinsung und Amortisation des Kapitals durchaus gesichert erscheinen: kurz, die ersten Versuche« müssen ein genügendes privatwirtschaftiichcs Gedeihen aufweisem Diese ersten Versuche, deren eventuelles Miss’iuzen unsere Idee auf Jahrzehnte hinaus unmöglich machen könnte, sollen nach dem Plane unserer Führer in der Form die von dem Redner als Ersten vorgeschlagenen landwirtschaftlichen Produktivgcziosscnschaften vor sich gehen. Gegen die landwirtschaftliehen Produktivgenossenschaftcn sei ins Feld gefiiiirt worden, dass bisher alle industriellen Produk'Hvgenossenschaiten missg'ückt seid«. Dabei habe man den fundamentalen Gegensatz zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Produktivgenosscnschaft übersehen. Diese seien Verkäufergeuossenschaften, deren Mitglieder einander widerstreitende Interessen hatten, sie eehpren zu den disharmonischen Genossenschaften. Daraus erkläre sich auch ihr Bestreben sich gegen neue Mitglicder zu sperren: denn sie müsse danach trachten, den Gesamt- Profit, der sich nur ausnahmsweise verhältnismässig stärke« vermehre als die Mitgiiedcrzahl, auf möglichst wenige Mitglieder zu verteilen und das allgemeine Angebot ihrer Waren bcifal'cnder Konjunktur zu mindern. So werde sie dem Prinzip wahrer Genossenschaftiichkeit untreu; dazu käme, dass sie auch an 3 äusseren Schwierigkeiten fast stets scheiterten, tiümlieh am Maiifeel au Kapital, Mangel au Absatz. Mangel au Untcrordnung der Mitglieder unter ihre sclbstgewählten Leiter. Die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft weise die für die Käufergenosscnscfiaften wesentlichen Merkmale $uf. d. h. ihre Mitglieder hätten dieselben Interessen, sie seien harmonisöhe Genossenschaften. Sie suche sich möglichst viele Mitglieder änzugliedern, da ihr Gesamtprofit stets stärker wächst als ihre Mitgiiedcrzahl. Auch den drei äusseren Schwierigkeitero entgehe‘ sie: denn* durch Verpfändung ihres Bodens erhält sie leicht das notwendige Kapital: ferner brauche sie für den’ Absatz nicht zu fürchten, da ja landwirtschaftliche Erzeugtu&se auf de««« Weltmärkte stets ihre Abnehmer finden und je grösser die Geitossciischaft sei, desto weniger infolge des Eigen- Verbrauches die Mitglieder sic auf den Markt angewiesen sei. endlich sei bei landwirtschaftlichen Betrieben die Arbcitsordnung *ine andere; es ständen sich in der Landwirtschaft selbstständigere, koordinierte Arbeiter gegenüber. Die Richtigkeit dieser Theorie sei bewiesen worden durch das glänzende Gedeihen der beiden landwirtschaftliche«! Produktivgenosscnschaften. Assington und besonders Rahaline. Redner schloss, dass, wenn wir mit a g r a r isch e r Ko- Ionisation in angegebener Weise beginnen, von Anfang an das Gelingen der Versuche gesichert sei. (bezügl. der hier nur angedeuteten theoretisch. Grundlagen vgl. in ״Altnetiland“ Heft II und III Openheimcrs Aufsätze). In der Diskussion wandte sich zunächst Herr Gustav Landauer gegen den Referenten, indem er die zionistische Kolonisation statt mit landwirtschaftl. Produktivgenossenschaften mit sog. von Proudhon zuerst in die Wissenschaft eingeführten Assoziationen durchgeführt wissen will. Für die landwirtsch. Produktivgenossenschaft bestehe die Gefahr, durch die Berührung mit der übrigen, doch kapitaliit'scli organisierten Gesellschaft in ein kapitalistisches Wirtschaftsgelde zurückverwandelt zu werden. Ferner betonte Herr Landauer, von der falschen Voraussetzung ausgehend, dass Oppenheimer nur landwirtschaftlich kolonisieren־ wolle, in welch' grosse Abhängigkeit vom Weltmärkte dadurch die jüdischen Siedelungen kämen, da sic um andere Dinge als landwirtschaftliche Produkte zu erhalten, sie gezwungen wären, diese um jeden Preis zu verkaufen. Er sieht überhaupt in dem Weltmarkt die Wurzel aller heutigen Missstämle. der Gegensatz zwischen Stadt und Land des Umstandes, dass in Getreide exportierenden Ländern Hangersnot herrsche etc. Nicht werde auf dem Weltmärkte der den Bedürfnissen des Produzenten entsprechende Preis gezahlt, sondern der Preis hänge von Angebot und Nachfrage ab. wohl könnten auch landuirtscli. Produkte auf dein Markt ganz ausfallen. Das einzige Mittel gegen diese Missstände. sei die Gründung von Siedelungcn. die alles, was sie brauchten, selbst produzieren, ühn'ich wie cs bei der Gemein- Wirtschaft des Mittelalters der Fall war. Allerdings werde es heute in der Siedeiung trotz der grössten Aufopferung und Sclbstbeschräiikung ihrer Mitglieder stets an etwas fehlen, sodass diese doch auf den Tauschverkehr angewiesen sein wird. Herr Davis T r i e t s c 11, der grundsätzlich Oppenheimers Anschauungen billigt, wandte sich dagegen, dass war durchaus mit landwirtschaftlicher Kolonisation b> ginnen sollen. Wir hätten es mit einem industriell veranlagten Mcjischenmaterial zu tun und sollten alle diese Leute in Ackerbauer verwandelt werden, so sei der Umschwung zu gross: dies sei auch unnötig: da wir später auch Industrie, treibe!! müssten, hiesse es ungeheure Kapitalien verschwenden, wenn die zunächst zu Ackerbauern gewordenen später sich wieder in Gewerbetreibende verwandeln müssten. Ihm sei jede Art von Kolonisation lieb. Um bald zu beginnen, stände uns auch ein geeignetes Gebiet. E',-Arlsch, zur Verfügung, das für e nc Kleinkolonisation, mit der ja nach dem Referenten jede Kolonisation beginnen Hisse, und zwar besonders für eine Ko’or.isation industrieller Art das Land geeignet sei und da es unter englischer Verwaltung stehe, auch die unerlässliche Sicherheit der Siedler verbürge. Dr. S y r k i n wies zunächst gegen Landauer darauf hin. dass der sog. Anarchismus, den dieser vertrete, nia ein politisches bezw. wirtschaftliches Progra««1m sein könnte, sondern nur ein regulierendes Prinzip, das letzte Ideal alles ntenschliehen Zusammenlebens. Im einzelnen führte er aus. dass die Geiahr. die Umwaiid'ung in ein kapitalistisches Gebilde iür die Produktivgcnosscnschait nicht bestehe; denn wohl sei die Durchführung e.'ner Sozialreform in einem Lande möglich ohne Durchführung derselben in einem anderen, da ja schon jetzt die Produktion in jedem Lande verschieden sei. Gerade um den Wettbewerb mit grösseren Gebieten auszuhalten, müssten sich kleinere Gebiete genossenschaftlich organisieren. Im ailgemeinen betonte Redner, dass mau die Imponderabilien der jüdisehen Masse nicht überschätzen dürfe. Diese denke sehr matcrialistisch und wolle sich nur national und wirtschaftlich helfcci: nicht käme es ihr so sehr daran!‘ an. diu a'tc jüdische Kultur tortzusetze!׳. Oie Palüstinaselinsucht sei nur in dem jüdischen Kleinbürgertum vorhanden, das Palästina so notwendig brauche. Dr. Franz Oppenheimer führte gegen Landauers Einwendungen an. dass er rein agrarische üeuossenscliaiten nur für den Anfang wolle, dass selbstverständlich Industrie und Landwirtschaft lurmonisclt verbunden sein müssten, dass cs ja unmöglich sei. die Entstehung von ludustriccii zu hindern, wer Städte schaffen will, muss zuerst Bauern Schaffell• Gegen die Einführung der alten, primitiven Gemelnwfrtschalt bemerkte er, dass damit ein Zurückschrauben der Kultur verbunden sein musste. Wohl solle man die Vorteile des Weltmarktes benutzen. Wenn Landauer gegen diesen eitere.