Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651354--01137-2657973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tc St■*? Seite 112. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 12. Berlin. Am Mittwoch, d. 9. Mürz fand weder eine Distriktsversammlung unter Vorsitz von Dr. Simonson statt. Cs referierte Dr. Klee über die ״Lösung der Judenfrage“, fn seiner beredten Weise gab er ein kurzes Bild der zionistischen Entwickelung und widerlegte besonders den Vorwurf, der Zionismus sei mit dem Patriotismus nicht zu vereinbaren. An der Diskussion beteiligten sich Herr Freund und Dr. Grone mann. Es wurden 14 neue Mitglieder gewonnen. Für den Nab'onalfond wurde wie immer gesammelt. E. u. Berlin, 8. Mürz 1904. Echte fröhliche Purunstimmurig herrschte am Montag abend — und, wie ich hier gleich verraten will, auch noch spät am Dienstag morgen — in den prächtigen Räumen der Therbusch’sehen Ressource, trotz der gewaltigen Zahl derjenigen, die der Einladung der zionistischen Vereinigung Folge geleistet hatten. Ein reizendes Bild bot sich dem Beobachter, da viele der Gäste es sich nicht hatten nehmen lassen, nach altem schönen Furimbrauch in färbenprächtigen Kostümen zu erscheinen. Dass auch die Festlei־ tung ihrer schweren Aufgabe glänzend gewachsen war. bewies sie von vornherein dadurch, dass sie mit feinem Taktgefühl es unterticss. durch die •sonst als Einleitung übliche offizielle Festrede der Bewegungsfreiheit der tanzlustigen Welt Irgendwelche Beschränkungen aufzuerlegcrv. Es war auch gänzlich überflüssig, uns die Geschichte von Haman .noch einmal zu erzählen; Triumphe, die die Geschichte unseres Volkes zu verzeichnen hat. sind ja leider so wenige, dass jedes Kind sic mühelos mit sämtlichen Details im Gedächtnis zu bewahren vermag. Ucbrigcns: wer über die den Aufsehen erregenden Vorgängen am Susaer Hof zu Grunde liegenden tieferen Fragen doch noch einige Aufklärung wünschte, dem wurde auch dazu Gelegenheit geboten: denn in dem zur Aufiührung gbrachten historischen Trauerspiel ..Die Afrika- 11c rin“ oder ..Wer ist gerecht?“ oder ״Die kulturelle Bedeutung der Hosen, wenn man sie an hat!“ behandelte der. in .,litterarischen Kreisen“ durch die Herausgabe des ״Schlcmiel“ schon längst bekannte und gefürchtete Verfasser, Dr. Jungmann, das bisher noch unaufgeklärt ketwesene Problem: ob nun eigentlich König Ahasverus im Recht war. als er zur Auffrischung des eigentlich schon gestillten Appetits seine bildhübsche Frau Gemahlin zur Tafel befahl, oder ob Ihre Majestät hingegen Rechte hatte, als sie diesem Befehl Folge zu leisten sich weigerte. Dass der Vatasser dieses Problem, dem man Ja schliesslich auch eine prinzipielle Bedeutung zusprechen muss, mit dem verhältnismässig geringen Aufwand״ van nur einem Totschlag, einem Selbst- und einem Justizmord äusserst geschickt gelöst hat. sowie, dass ferner die einzelnen Schauspieler sich mit bewundernswerter Elastizität in den Geist ׳Itrcr Rolle gefunden und demzufolge auch sämtlichst unerreichte Glanzleistungen geboten haben, das musste selbst der in Begleitung seines Schamnies der Vorstellung als Ehrengast beiwohnende Parnes von Neustädtl bei Pinne unumwunden anerkennen; sowohl vor. wie auch während und nach der Vorstellung hielt der hohe Herr mit seinem Beifall nicht zurück. — Während der Kaffeetafel erfreute dann noch Herr L epp hier durch wunderbare hebrä'sche Gesangsvorträge. Ucber alles weitere aber sehe ich nvch zu striktestem Silen• tium genötigt. Denn ungeachtet meines Postens als Berichterstatter stahl ich mich bald mit trauten Freunden fort von dem Getriebe, und während die bunte Menge noch weiterhin m t lautem •Jubel die» Erinnerung an iene über 2000 Jahre zurücklictgendcn Ereignisse feierte, sassen wir in entlegenem Stübchen und dachten in ernsteu Gespräche der Zukunft. Königsberg. Die Zionistische Vereinigung hatte zu Mitrtwoch abend eine öffentliche Versammlung <־'n die Bürgerressource einberufen. Der Umstand, dass der neben Dr. Herzl und Dr. Nordau bekannteste Führer der zionistischen Bewegung, Herr Architekt Marmorek aus Wien. Mitglied des engeren Aktiorhkamitees. sew Erscheinen angeVündr'gt hatte, halte dahin gewirkt, dass der zweite Saal vollständig gefüllt war. Der Zufall wollte es, dass noch ein zweiter bckaimter Führer der zionistischen Bewegung. Herr Wolfsohn aus Köln. Direktor der jiidschen Ko!o״ialba11k. gleichzeitig hier anwesend war und der Versammlung beiwohnte. Abseitiger Beifall begriisste Herrn Marmorek. als er das Rednerpodium bestieg, um über das Thema ..Gibt es verschiedene Wege zur Lösung der Judenfrage?" zu sprechen. Redner ging von der Voraussetzung aus. dass nicht der gemeinsame Glaube den Juden ihr Zusammengehörigkeitsgefühl ״ebe, sondern das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer grossen Rasse, einer einst glorreichen Nation. Dieses Gefühl wolle der Zionismus stärken, und er müsse cs stärken, wenn er nicht die gesamte Existenz des Judentums in Frage stellen wolle. Es sei für d׳e! Juden unmöglich. :11 den einzelnen Nationen aufzugehen. Ein Jude könne den besten Willen haben, ein echter Germane zu werden, er könne eine glühende Vaterlandsliebe besitzen, sich selbst taufen lassen, iür den Christen bleibe er der getaufte Jude. E ne Zeit lang hätten die Juden geglaubt, dass mit dem Erstarken des Liberalismus eine neue Aera für sie angehe, und sie seien treue aufopfernde Mitarbeiter des Liberalismus geworden. Aber der Liberalismus habe ihnen nicht halten können, was er ihnen versprochen habe, der Volksiustink't habe dem widersprochen. Sei aber ein Aufgehen in den einzelnen Nationen nicht möglich, dann müsse eben der jüdische Nationalgeist erstarken und wieder eine jüdische Nation schaffen. Dieses Ziel sei ke iie Utopie, denn die Mächtigen der Erde, auf die es in diesem Falle ankommc. seien dern Plane sehr geneigt. Der russische Minister Plehwe. der König von Ital'en wie auch der Papst hätten ihre moralischc Unterstützung zugesagt. England sei sogar soweit entgeccngckomntcn, dass cs Ostafrika als Kolonie angeboteu habe. Das letztere Projekt könne selbstredend nur ein Notbehelf sein: das Ziel aller Zionisten sei und bleibe Zion. Sei dieses Z'el erreicht, dann sei auch die Judenfrage gelöst Minutenlanger Beital! folgte» den Ausführungen des temperamentvollen Redners. Es folgte eine längere, stellenweise sehr angeregte Debatte, an der sich Herr Rentier Kirschner. Herr Direktor WoUsohn und Herr Rabbiner Dr. Vogelstein betciligten. Letzterer betonte scharf, dass nach seiner Ansicht einzig und alle‘!! die jüdische Re״zi״>s die Juden zusammenhalte, die Rasse sei ihn ganz und gar nebensächlich. Das ״Juda“ haben, und vor allem seinen Jesaja nacheniptinden von der hochgebauten Feste und dem ireudetollen Reigen der Jünglinge und Jungfrauen bis zu der einzigartigen Figur des grossen Volksmannes. Aber wir tüten Lilien Unrecht, aus seinem Werke Einzelnes herauszugreifen, da das Gesamte sein eigen ist. Wir wollen nur das Eine kurz und deutlich hervorheben, dass er mit seiner Kunst unendlich viel schafft für die Erhaltung und Ausweitung jüdischer Kulturcigcnart und für die Ausbreitung echter jüdisch-nationaler Gesinnung und wahren Zionismus. Liliens Werk ist eine Tat in jüdischein Geiste. Es ist eine hervorragende Leistung des jüdisch-nationalen Genius. Das Wesen seines Werkes ist: ״Judentum und Kunst“. HeinrichLoewe. Meyers Grosses Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste gänzlich neubearbeitete und. vermehrte Auflage. Fünfter Band: D 1 f fe - renzgeschäftc bis Erde. Leipzig und Wien: Biblio- »graphisches Institut 1903. War der vierte Band des Konversationslexikons für unsere Leser besonders interessant durch das. was er speziell für s’e bietet, auch durch die Karten und Darstellungen jener Gebiete, wo augenblicklich um die Vorherrschaft in Ostasien gekämpft wird, so hat der neue, fünfte Band zwar weniger Artikel, die gerade unsem Leserkreis besonders in dem Range intcrcsseren. steht aber sonst in keiner Weise hinter seinen Vorgängern. Auch die kleinen Artikel dieses Bandes, die in unser spezielles Wissensgebiet gehören, wie Edom (Idumäa) und viele ähnliche s nd sachlich und dem Stande der Wissenschaft angemessen. Die Literaturnachweise sind durchaus genau und ausführlich. (Uräversalis.) Ludwig Böme’s literarischer Nachlass. Dr. G. S c h n a pper-,Arndt, der gewissenhatte Hüter und Sammler, des Bürneschen Nachlasses hat. eingehende Verfügungen getroffen, die darauf gerichtet sind, desen Nachlass der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Eingeweihten Kreisen dürfte es bekannt seir, dass schon vor einigen Jahren ein für eine Börne- Sammlung bestimmter Kunstschrank gestiftet wurde, der einstweilen int Frankfurter Historischen 'Museum Aufstellung getundeii hat. Dieser Schrank enthält bereits Boerneana und soll dem Zweck dienen, weiteres aufzunehmen. Auch sind Börne-Andenken schon früher dem Museum überwiesen worden. Dr. Schnapper-Arndt — selbst der beste Kenner des Börne-Nachlasses — war stets bereit. Arbeiten über Börne durch Rat und eigne Mitwirkung zu fördern. Hi־׳״ sei erwähnt, ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu machen, sein Anteil an .der bekannten M. H o 1 zm u n n sehen Börnebiograplkc, sowie an der kürzlich erschienenen Schrift desselben Verfassers: ״Aus dem Lager der ׳Börne-O׳^”-*׳•“ (Bor- Un 1904). Er selbst gab u. a. heraus: ״Jugendarbeiten Ludwig Börnes über jüdische Dinge“ (in L. Geigers Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland) mit einem reichen interessanten zeitgeschichtlichen Kommentar. Ferner .’n Wes;ermann Monatsheften (1887) ״Jeanette Sirauss- Wohl ujid ihre Beziehungen zu Bö nie.“ Für eine Neu aus-