Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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a׳s **Ä Seite. 106. JÜDISCHE RUNDSCHAU. NO. 11. «xistief cn zwei Acrztevereine, ein jüdischer und ein christlicher. In den Jüdischen will er nicht. In den christlichen werden sie Ihn nicht aufnehmen. Da wird er Einsiedler bleiben müssen." ״So ist’s recht,“ sagte darauf der Getaufte, ״so muss es ur־׳. getauften Juden aMen gehen.“ >. Szene: Ein Pauklokal In einem Vorstadt-Wirtshaus. Auf der Mensur steht ein jüdischer Student. Der Gegner ist der Studiosus Letzig. bis zun* Abturientenexamen hiess er Aron. Ei׳ hat die Waffen einer urgemianischen Verbindung belegt und wird natürlich von einem waschechten Arier sekun* diert Während der Mensur fragt der Sekundant dis jüdischen Studenten den Unparteiischen: ״Herr Unparteiischer! War die Stellung' des Herrn Aron genannt Letzig kommen tmässig?" Herr Letzig bekommt einen Schmiss. Beim Nähen sagt der Paukarzt: ״Nur 1K>ch einen Augenblick, nur noch zwei Nadeln, Herr Itzig." Und Letzigs christlicher Sekundant ruft aus: ״Viel Massel, Herr Letzig! Von dem Schmiss werden noch Ihre Kinder und Kindeskinder." (L.) Kleine Chronik. Aus den liberalen Kreisen lässt sich niemand taufen. ,A. Z. d. J.). In Berlin verstarb Frau Mathilde Bohrend geh. Reichenheirn. Sie Itinterliess dem Reichcrheimschen Waise:.־ hause der Jüdischen Gemeinde 2 Vermächtnisse von je OHM) Mk. Die Familie R. spielte einst innerhalb der Judcnhcit enic Rolle. Heute sucht man den Namen R. wegebiieh im .Mugiiederverzcichnis der Jüdischen Gemeinde. Wo mögen sie wobt geblieben sein? Ein Verbot des Schächtens wird der Potsdamer Maeistrat, wie er der Stadtverordnetenversammlung mitgeteilt hat, noch im Laufe dieses Jahres bei der neuen Betriebsordnung für den städtischen Schlachthof erlassen. Seit Jahren hat das, Schächtverbot die Potsdamer städtischen Behörden bescbäftigL ' Erst als eine Entscheidung des Obervcrwaltungsgerichte die Stadt Angcrmünde betreffend, vorlag, trat der Potsdamer Magistrat auf wiederholtes Drängen der Stadtverordnetenversammlung der Sache näher, nachdem der Tierschutzverein das Schächtverbot aus ״Hamanltätsrücksichten*־ angeregt hatte. Berliner Zeitungen bringen eine Bekanntmachung der Hirsch und Julie Hammerfeklschen Stiftung, worin zur Bewerbung um Stipendien für bedürftige Schulkinder ur.d Studenten aufgefordert wird. Wie bei vielen derartigen Stiftungen, dH von Juden begründet sind, befindet sich auch in diesem Kura* torium kein Jude: denn der mitunterzdclüicle Kurator Martin Lev!• ist ־־* evangelisch. Sehr lustig liest sich auch das Ausschreiben der Stiftung der portugiesischen Judengemeinde in Aljona: da wird Absolvierung des einjährig-freiwilligen Dienstjahres (!) oder Abkunft von Mitgliedern der Portugieserrgemeindc Altona verlangt oder — so bestimmt § 6 des ,.liberalen“ Statuts der Stiftung der portugiesischen J u d en gemeinde — die Stipendiaten müssen Kinder christlicher oder jüdi• scher Einwohner der Stadt Altona sein. Frelburg L B. In diesem Semester hat sich auch an Westgcr Universität ein »»Verein Jüdischer Studenten״ (V. J. St.) konstituiert wie solche bereits seit mehreren Jahren an verschiedenen deutschen Universitäten bestehen und im ״B und jüdischer Korporationen“ (B. J. C.) zusannnengefasst $Md. — Die Gründungskneipe war von zahlreichen Gästen besucht und nahm einen würdigen Verlauf. U. a. waren anwesend Vertreter der Zionistischen Vereinigung, der Loge Bne-BrJtli. des jüdischen Lesevereins sowie ein Delegierter der nationaljüdi'schen Verbindung ״Kadimah“ Bern. Der V. J. St Strassburg war fast vollzählig erschienen. Cand. med. H. Moses hielt eine wohrdurchdachte Tendenz rede, in der er Zwecke und Ziele der Vereine Jüdischer Studenten auseirian- «!ersetzte. — Am Samstag, d. 16. v. Mts. fand der erste Veieinsabend statt. Cand. med. Ktitzinski hielt eenen, sehr interessanten Vortrag über ״Die Rassenfrage bei dar Juden“, an den sich eine längere Diskussion anschloss. — Cand. mec. Pcnczower sprach am Samstag, d. 20. v. Mts., dem zweiten Vereinsabend, über ״Rom und Jerusalem“ von Moses Hess. Das Referat wurde von den zahlreichen Gästen mit grossem Beifall aufgenommen. Herr Arzt W. P e r 111 z hielt die Tendenzrede. Auch unter der Erde hört der Judenhass nicht auf. Mr. Markhani hatte jüngst au den englischen Staatssekretär des Innern die Anfrage gerichtet, ob ihm bekannt sei. dass in den Kohlenbergwerken Englands 4000 polnische Juden, die der engfischen Sprache unkundig seien, arbeiten und eben wegen dieser Unkenntnis eine ständige Gefahr für die Sicherheit in den betreffenden Kohlenw׳erken bedeuten. Falls dem Minister (fiese Tatsachen bekannt seien, möge er sich fiussern. ob er Schritte unternehmen wolle, um die fernere Verwendung soleher fremden Elemente ln den Kohlengruben zu verhindern. Der Staatssekretär Mr. Akers Douglas beantwortete diese Frage in folgender Weise: ״Meine Information über diese Angelegcnhcit, die das Staatssekretariat des Innern seit einigen Jahren beschäftigt, weicht von jener des verehrten Interpellaniten enigermassen ab. Sorgfältige Nachforschungen in den schottischen Kohlemverke!!, wo 1200 polnische Juden beschäftigt sind, haben ergeben, dass diese Leute in keiner Weise eine Gefahr für die anderen Arbeiter darstellen. Ich habe mich selbst überzeugt, dass die fremden Arbeiter in den Gruben über ihre Pflichten belehrt werden, und ich sehe mich daher nicht veranlasst, gegen die polniscli-iüdischenArbeiter irgend wc'che Schritte zu unternehmen." Im Land, wo die Zitronen blühn, in Verona, wurde cm Erziehungsinstitut auf Anordnung des Präiekten geschlossen, w-eil während des Faschings von dem hoffnungsvollen, höheren Töchtern ein Theaterstück aufgeiühr.t worden war. m dem der R.itualmord eine bedeutsame Rolle spielt Ostern ist eben nahe. Der Krieg hat clm Juden ln Russland eine eigene Art Gleichberechtigung gebracht. Die Ordonnanzen des Kriegsministeriums über Formierung von Froiwilligcnbataiiionen in Ostasien aus allen regulären Truppen enthalten die ausdrücklicke Klausel, dass man in diese Freiwilligcnbataillone ohne Unterschied auch po’itisch verrufene Elemente und Juden stccLen dürfe. Natürlich werden vor allem die jüdischen Soldaten nach Ostasien bestimmt. . Es Ist wohl nicht zufällig, dass die jüdische! Gemeinde in Kisehincw aus Anlass des Krieges ein Ergebenheitstelegramm an den Kaiser gesendet hat und dass hier, wie überall in den russisch-jüdischen Gemeinden, trotz der Hand in Hand mit den Krii'gsrüstnngen gehenden neuen drückenden Massrcgein gegen die Juden. Sammlungen zur Verstärkung der Flotte wie zur Pflege der Verwundeten eingeleitet werden. Zahlreiche jüdische Aerzte aus Odessa befinden sich unter den nach dem Kriegs- Schauplatz gesendeten Sanitätskolonne». Auf die Initiative des Bankiers Siegfried Aschkenasic hat die jüdische Gemeinde in Odessa dem Kriegsministerium das Angebot gemacht, aui eigene Kosten o:ne Sanitätskolonne auszurüsten, wozu Herr Aschkenasi den Betrag von 6000 Rubel spendete. Das Kriegsministerium erklärte, dass augenblicklich kein Bedarf sei. dass es jedoch nötigenfalls von dem patriotischen Anerbieten Gcbrauch machen werde. Aus Russland. Petersburg. Die Zahl der jüdischen Handwerker in Russland beträgt nach den neuesten Daten 500 9S6. darunter ausserhalb des Niederlassuugsgebiets im ganzen 1935. Die Zahl der nichtprofessionellen jüdisehen Arbeiter, wie Kutscher, Wasserführer. Ho'zhacker, Landarbeiter etc., beträgt 97 000; Ackerbau betreiben in Russland 10 721 jüdische Familien, ungefähr 68 959 Seelen; die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter im N'.ederlassungsgcbiete. das Weichseigebiet und das Gouvernement Cherson ausgenommen, beträgt 33933. , Odessa. Für die Erweiterung des Wahlrechtes der Juden in Odessa hat sich dieser Tage der Gemeinderat von Odessa ausgesprochen. In ihrer Sitzung unter Vorsitz des Bürgermeisters Selenoj hat die Duma beschlossen, die Regicrung um Erweiterung des Wahlrechtes der Juden anzusuchen. Die Begründung dieses Beschlusses lautet: ,Ahe Juden, welche bis jetzt «in der Stadt- oder in der Gemeinde- Verwaltung gearbeitet haben, standen auf der Höhe!ihrer Aufgabe und brachten der Stadt grossen Vorteil." Cherson. Die unter den Bauern der Aiisicdlung NowaJa Proga im Gouvernement Cherson lebenden Juden hatten von der Behörde die Auswoisungsordrc erhalten und mussten gegen Ende Januar ihre alten Wohnstätten verlassen. Vorige Woche jedoch wurde der Bezirksleiter von Now׳aja Praga von dem Gouvernement-Stellvertreter von Cherson. Kammerherm B c - sobrasow. telegraphisch angewiesen. Ute Ausweisungen der Juden bis auf weiteres einzustclicn. Diese Meldung der ״Illisawetgradskija Nowosti“ ist dahin zu ergänzen, dass die Einstellung auf Verfügung des Gouvemeucrs von Cherson. Lew'aschew erfolgte, welcher der Konferenz in Petersburg beiwohnte und die Beschlüsse der Konferenz kannte. Kiew. Der neue Gcueral-Qouverneur von Kiew׳. Genera! Kleigel. welcher früher als Stadrhauptmann von Petersburg viele Juden aus der russischen Hauptstadt ausgewiesen hatte, hat nunmehr auch die Vorschriften über das Wohnrecht der Juden in Kiew verschärft. Wie die ״Kiewskoje Slowo" mitteilt, hat der Polizuchef von Kiew ungeordnet die Wohnrechte der jüdischen