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Jüdische Rundschau · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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% Seite 104 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. II.. die ausserhalb des jüdischen Ansiedhmgsrayons zurückgeblicbenen FamUiemnitgliedcr der nach Ostasien abgehetnden Aerzte ungestört weiter in *hrem Aufenthaltsorte wohnen können.“ - Dem gegenüber müssen wir erwähnen, dass das Petersbuitger Tageblatt Freind“, der ״Woschod“. ferner die Zeitungen!,Kiew. Slowo“ und ״N. Lisok“ die unglaubliche Tatsache bestätigen, dass die russische Polizei, spez'ell »n Kiew, die Farm'- Henangehörigan der Aerzte, die in den Krieg nach Ostasien gezogen, ausgewiesen hat mit der Begründung, dass durch die Abreise des Familienoberhauptes die Angehörigen das Aufcnthaltsrecht verloren haben. Es ist nur in der Ordnung, dass die jüdischen Aerztq von Petersburg, Charkow, Kiew und Moskau in den Krieg ziehen; das ist ja ihre Pflicht. Abci es wäre unverantwortlich, d'esc schöne Gelegenheit, die Familien der Aerzte aus den Städten auszuweisen, unbenutzt zu lassen. Man muss doch den Bestimmungen der Gesetze ge• recht werden, die Gesetze gestatten aber nicht, dass jüdische Familien ausserhalb des Ansiedlungsrayons wohnen, wenn ihre Oberhäupter ausserhalb der Stadt ihren Wohnsitz haben. Der Gouverneur von Kiew, Sow'tsch, hat übrigens die Juden verwarnt, wem! sie ihre Unzufriedenheit zu erkennen zu geben wagteji. Ucber den zweiten Kischinewcr Prozess wird gemeldet: Ein hervorragender Verticter der Kischinewer Judcnschuf! erklärte einem Berichterstatter, dass de Kischinewcr Juden den schlimmen Eindruck, den die Berichte, über die Exzesse und über den ersten Prozess üt der auswärtigen Presse he01\־יriefen, entgelten müssen und von den Behörden viel zu leide:, haben. Sie batten keinen anderen Wunsch, als dass alles, was immer auch geschehen niögo, vertuscht werde, weil die Juden befürchten müssten, dass die Regierung neuerdings das Signal zu Judenverfolgungen geben könnte. 25000 Juden in der sib'rischen Armee, welche dafür zu kämpfen habet* dass ihnen und ihren Fanrilien der Aufenthalt in Sibirien versagt wird. Gottesdienst in der Synagoge von Kischincw für den Sieg der russischen Waffen. Leitartikel de! russischen Zeitungen gegen die barbarischen Asiaten (worunter nicht die Mörder von Kischincw, sondern die Japaner gemeint sind); das ist d!c Signatur in Russland. In Deutschland eine Regierung, deren strikte Neutralität doch ein überwiegendes Wohlwollen für Russland erkennen lässt, eine sogenannte ״Judenpresse“, die sich ängstlich hütet, unfreundliche Worte über Russland zu sagen, und ״die verjudete Börse“, die überwiegend einen russischen Sieg wünscht. Dahinter aber das deutsche Volk, welches in erdrückender Mehrheit den Sieg de! Japaner erhofft, damit Europa von dem Druck befreit wird, du! die ״asiatischen Barbaren“ auf Europa ausüben. Dem: das deutsche Volk versteht unter den asiatischen Barbaren n'cht die Japaner, sondern die Russen. Es sind verhältnismässig viele Juden zur sibirisch-«! »nuschurischen Armee eingcz.ögen. Die Juden müssen scboi 1!igemein einen Prozentsatz zum russischen Heere stellen, du über den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung hj1j.,sgcl1t. Zur Zelt sind ausserdem aber debalb besonders viele JtivPn in;• die Ostarmee unterwegs, weil man gerade die westlichen Goavemements am ehesten von Truppen zu cvitblössen in dci Lage ist und 4n diesen Gouvernements die Juden besonders zahlre cii sind. Die jüdischen Soldaten haben tatsächlich dafür zu kämpfen, dass ihnen und ihren Familien der Aufenthalt in der Mandschurei und in Sibirien versagt bleibt. Bleibt die Mandschurei chinesisch, so dürfen die russischen Juden dort Wohnsitz neh• men, und nicht bloss das, die russische Regierung würde für das Wohnrecht der russischen Juden in der Mandschurei eintreten, we'l sie ja damit ihren Einfluss im fremden Lande stärkt. Wie s*e Ja auch tatsächlich sich bemühen will, der Eiuwanöcrung der russischen Juden nach Palästina Vorschub zu leisten. Wird dkj Mandschurei! russisch, so bleibt den Juden das Aufcmtövaltsrecht versagt. Es wa? tfne phänomenale Unverschämtheit, dass in Mukdcn, welches offiziell nicht einmal russisch, sondern chinesisch ist, den Juden der Aufenthalt verboten wurde. Die jüdischen Soldaten, die in der* E'scnbahn nach dem Kriegsschauplatz fahren, werden anderen Juden begegnen, die aus Sibirien ausgefwiesen wurden und den Weg nach Europa über Schnee und Eis zu Fuss zurücklegen müssen. Der Gottesdienst in Kischincw braucht be! den beteiligten Juden nicht Heuchelei zu sein. Das Menschenherz ist ein morkwürdig Ding, und wir haben gerade bei russischen Juden hüufg starken russischen Patriotismus gefunden; sie unterscheiden sich stark zwischen dor russischen Regierung und dem russischeu Volke. In jedem Falle haben die russischen Juden von dem Krieg grosse Nachteile zu befürchten, da, je nachdem Russland siegt oder besiegt wird, nationaler Ue.bermut oder Wut gerade an den Juden sch auslassen werden. Hierbei werden allerdings die reichsten und einflussreichsten Teile de! russischen Juden am wenigsten von Verfolgungen zu leiden haben, wie ja auch anderwärts der Antisemitismus gerade den reichen Juden nich gefährlich wird. In der ״Nation" hat seincr Zeit Dr. Heilborn mit Recht seiner Verwunderung dariibc! Ausdruck gegeben, dass nach den Ereignissen von Kischincw die rej'chen Juden ruhig an Ort und Stelle verblieben sind. Fandet man es begreiflich, dass die russischen Juden mein oder weniger russisch gesinnt sind, so müssten in Deutschland diejenigen Kreise, welche als speziiiscli jüdisch bezeichnet zu werden pflegen (d. h. Börse und Presse), antirussische Te.ndenzen besonders deutsch zeigen. Bei beiden ist dies indessen nicht der Fall. Mit Ausnahme der sozialdemokratischen Blätter und einlger Blätter, die sich durch besonders ausgeprägte; liberale Tendenz auszciclmen, beweist die Presse eher Wohlwollen fiir Russland, wobei viele von den Antisemiten zur Judmpressc gerechnete Organe Russland als ,.,Schutzhort gegen da gelbe Gtiiahr" dem deutschen Philister in erträglichem Lichte etscheinen lassen möchten. Hierzu trägt neben der Haltung unscrcr Regierung die Erfahrung bei, dass Pressangriffc während des Burenkrcges uns unnötige Feindschaft zugezogen haben. Darüber hinaus dürften aber wohl Rücksichten auf den doutsehen Kapitalisten massgebend gewesen sein, welcher in sta!- kem Masse an russischen Papieren interessiert ist und deshalb nicht gern Unfreundliches über die russischen Verhältnisse zu hören wünscht. Von zuverlässiger Seite geht uns aus Russland folgende Nachricht zu: Auf Interventen der Militärbehörde ist in Kiew die Aus- Weisung der Familienangehörigen jüdischer Aerzte sistiert worden, welche durch die Einberufung ihrer Familienhäupter das Recht, in Kiew zu wolmc-n, verloren haben. Indassen bez'eht sich diese ״Vergünstigung" nur auf Frauen und Kinder; auf Eltern, Geschwister und jüdische Diener erstreckt sich diese Vergünstigung nicht. In Charkow, Petersburg und Moskau scheint es ho־: der Ausweisung der Familien überhaupt zu verbleiben. Die Erpressung ״freiwilliger Beiträge“ für Kriegsfond etc. Lei der jüdischen Einwohnerschaft wird in Warschau mit grossem E ier betrieben. So hat mau bei dem Millionär F. eine Haussuchung veranstaltet, bei der man sogar die Dielen aufgerissen hat, und nach ergebnislosem Verlauf Herrn F. zu verstehen gegeben, dass die Juden sich verdächtigt gemacht hätten, weil sie nicht genug freiwillige Beiträge spenden. Sogar die Diener im jüdischen Krankenhaus, welche ein Gehalt von 5 Rubel toben, tot man zu freiwilligen Beiträgen hcrangezogen. Wieviel von diesen freiwilligen Beiträgen ihre oigentliehen Bestimmung erro'chen werden, ist recht zweifelhaft. Die Meldung der ״Neuen Freien Presse", dass man den einbenifenen jüdischen Aerzten einen Teil ihrer Löhnung unterschlagen hat, bewahrheitet sich; man hat Urnen nur 900 Rbl. statt der von der Regierung angewiesenen 1225 Rbl. ausgezahlt. Die Tatsache kam nur durch den Zufall ans Licht, das» bei der Ablöhnung eines dieser jüdischen Aerzte ein höhere! Offizier aus einer andern Garnison anwesend war.

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