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Jüdische Rundschau · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 93. No. 10, JÜDISCHE RUNDSCHAU. den Jungen Mann wieder frei gebe. Da der letzt noch bei Ihm arbeitende lange Mann, weit er ganz besonders tüchtig und arbeitsfreudig in seinem Berufe Ist, zum Lehrgärtner ausgebüdet werden soll, halten wir cs für notwendig, ihm Jetzt, nachdem er eine Zelt lang unter fremden Leuten gewesen ist. wiedei für emo gewisse Zeit nach Ahlem zu nehmen.- Bö dem grossen Angebot von Jungen Kaufleuten In Detail - geschütten, und bei der vielfachen Verwendung von weiblichen, Arbeitskräften, sind die QehaltsverhSltnisse in diesen Geschät ten. meistens schlechte. Ja, auch in Bankgeschäften erhalten Junge Leute, die eine höhere Schule besucht, die häufig sogar Ihr AWüirhun gemacht und ihren Angehörigen viel Geld gekostet haben, meistens nur 1000 bis 1200 Mark Anfangsgehalt, Wobei sie sich natürlich selbst beköstigen müssen, selbst wenn sie schon 20 Jahre und darüber alt sind. Wenn sie älter werden und sich nicht durch hervorragende Leistungen auszcichnen, steigt Ihr Gehalt auch 1*1ur langsam. Das alles haben Sie Ja reichlich Gelegenheit, am Platze selbst zu beobachten. Die grossen Ansprüche bei geringen Einnahmen bringen deshalb leider nicht selten vermögenslose Kauflcute in Versuchung, sich Geld auf unerlaubte Weise zu verschaffen, während Gärtnem und Handwerkern zu einer derartigen Versuchung die Gelegenheit fehlt. Nun können Gärtnergehilfen, gleich wie Junge Kaufleute, stellenlos werden. Der vermögenslose Kaufmann, der keine Verwandte oder Freunde hat, die ihir so lange bei sich aufnehmen könne!*, bis er wieder eine Stellung gefunden hat, wird, wenn er seinen letzten Sparpfennig aufgezehrt, und seine nicht absolut notwendige Garderobe verkauft, und ebenso alles sonstige verkauft und verpfändet hat, darauf angewiesen sein, sich Almosen zu erbetteln und wird dann, wenn er einmal soweit gekommen ist, in schäbiger Garderobe schwer wieder eine Stellung als Kaufmann finden. | Anders der Gärtnergehilfe, der, wenn er kräftig und arbeitswillig ist, in einer flauen Zeit durch seiner Hände Arbeit als Tagelöhner, als Fabrikarbeiter, oder in irgend einer anderen Weise sein Brot verdienen kann, bis er wieder In seinem Fache unterkommt. Hat er gute Zeugnisse, so achtet man nicht darauf, ob er gut oder schlecht gekleidet ist — — Auch beim Militär wird ein kräftiger tüchtiger Gärtner oder Handwerker, der sich Infolge seines Beruf(» in mannigfacher Weise nützlich machen kann, mehr geachtet als ein Klcinkaufmatm, der aus Mangel an Kenntnissen oder aus Mittellosigkeit nicht einjährig dienen kann. Selbständigkeit zu erwerben ist für den Kaufmann beute noch schwieriger als für den Handwerker und Gärtner. Der sesshaft gewordene Kaufmann findet nocli w׳eniger Gelegenheit zur Anstrengung seiner Körperkräfte und zur Wahrung und Kräftigung seiner Gesundheit, als sie der früher mit seinem schweren Packen auf dem platten Lande herumziehende Hausierer hatte. Es Ist deshalb' aus hygieniscJien wie ökonomischen Gründen äusserst wünschenswert, dass unsere Glaubensgenossen in grüsscrer Zahl als bisher sich dem Handwerk und der Bodenkultur zuwenden־. Gilt es doch gutzumachen, w׳as man Jahrhunderte an uns gesündigt hat. Es unterliegt also keinem Zweifel, dass bei der heutigen' Ökonomischen und sozialen Lage in Deutschland es sowohl mi allgemeinen Interesse wie im Interesse der Einzelnen liegt, wenn wir einen möglichst hohen Prozentsatz der hc! anwach־ senden Generation, namentlich der ärmeren Klasse veranlassen, sich dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuwenden. Da• bd denke ich aber nicht daran, selbst die allerärmsten, wenn sie keine Anlage für diese Berufe dagegen hervorragende Begabung für andere Berufe haben, zu zwingen, oder zu überreden, Handwerker oder Gärtner zu werden. Um sich ein richtiges Urteil Über dte Veranlagung eines Knaben zu bilden, muss man Ihm, wie bereits erwähnt, Gelegenheit geben, nicht mir seine geistigen, sondern auch seine praktischen Fähigkeiten Im Handfertigkeits- und möglichst auch im Gartenbammterricht zu entwickeln. Ueberdies möchte ich noch auf $in$n andren nl$h|!«יי wesentlichen Vorzug aufmerksam machen, den heutigen Tages ein jüdischer Gärtner vor einem Jüdischen Kleinhändler oder Hausierer in Deutschland geniesst. Leider werden Ja in einigen antisemitisch verseuchten Gegenden durch das fortwährend kl die urteilslose Menge geschleuderte ״Kauft nicht bei Juden“ Hausierer und Kauflente boykottiert und geschädigt. Bei B^dcnproduktcn, die auf den Markt gebracht werden, frag! Jemand, welcher Religion der Produzent angehört, sondern nur nach Preis und Güte. Ausserdem haben die Regierungen seit einiger Zeit deutlieh die Absicht zu erkennen gegeben, das Hausiergewerbe mehr und mehr einzuschränken. So erzählte mir mein lieber Freund, der den meisten von Ihnen bekannte Herr Alph. Jacobsohn in Leipzig, dass die sächsische Regierung in den tetzten Tagrn 30 Hausierern die Hausiererlaubnis versagt habe, wodurch X» Familien brotlos geworden sind. Fj» ist nicht zu feugnen, dass die Ansprüche, welche an den Jüdischen Wohltätigkeitssinn gestellt werden, von Jahr zu Jahr gestiegen sind. Abgesehen von den interkonfessionellen und christlichen gemeinnützigen Anstalten, von denen wir uns als Juden nicht ausschliessen dürfen, sind wir genötigt, grosse Summen für Altersschwache und Kranke zu verwenden und cs gibt wohl keine Gemeinschaft, die für diese Bedauernswerten mehr Opfer bringt, als wir Juden. Dahingegen sind die Beträge, welche für die hcranwaciisende Jugend bei uns verwandt werden, obgleich sie helfen könnten, vorbeugend zu wirken, noch verhältnismässig gering, sodass leider noch manche armen jüdischen Kinder der Gefahr der Verwahrlosung ausgesetzt sind. Leider sind wir in Ahlem, trotzdem, wie ich dankbar anerkenne, die Zahl unserer Freunde sich fortw׳ahrend mehrt, gezwungen, eine grosse Anzahl der um Aufnahme bit- *pnden Knaben und Mädchen aus Mangel an Raum und Mitteln abzuweisen und sie so der Gefahr der Verwahrlosung zu überlassen. Sind sic einmal verwahrlost, so werden sie nicht nur eine Last für die Gemeinde und den Staat, sondern gereidien ihrer Familie, sowie, bei der Solidarität, die namentlich unsere Gegner uns antzwingen, der Judcnhdt zur Schande. Ausserdem verursachen sie auch grössere Kosten, als wenn rechtzeitig durch eine richtige Erziehung eingegrinen worden wäre. Fliessen uns, wie ־wir hoffen, die Mittel zu, um ein Schulhaus nebst Betsaal etc. zu bauen, und hierbei rechnen wir hauptsächlich auf die Grossgemeinden, so werden die Jetzigen P'ovis. Räume frei, die wir dann als Schlafsäle für 20—30 weitere Zögling» verwenden können. Wie schon von anderer Seite früger gesagt ist, steht die Tatsache fest, dass unsere Stammesgenossen, die unstreitig in hohem Grade opferwillig sind, alles tun, um das Elend zu Andern, aber meistens nicht verstehen, demselben wirksam vorzubeugen. Das hart klingendc Wort, dass der Jude zwar für den kranken Glaubensbrüder sorgt, nicht aber für den gesunden, enthält eine bittere Wahrheit, und sollte allen eine ernste Mahnung sein, in Wohl- ( tätigkcitssachcn nicht, wie es die Juden bis fotzt stets gehalten ן haben, nur das Herz, sondern vor allen Dingen den Kopi sprechen zu lassen. Maimonides. unser hervorragendster Religionsphiiosoph, der von Orthodoxen und Liberalen gleich hoch geschätzt wird, sagt, es gibt 8 Stufen der Wohltätigkeit; die höchste ist. den Hilfesuchenden erwerbsfähig zu machen. - Bd reiflicher Erwägung wird man gewiss die Ueberzeugung gewinnen, dass eine richtige, praktische Erziehung der heranwachsenden Jugend die wichtigste der sozialen Fragen ist. Selbst vom rein finanziellen Standpunkte aus ist das Gold, welches dazu verwendet wird, armen Kindern eine gute, praktische Erziehung zu geben, der vorteilhafteste gewinnbringendste Teil der WohFätigkeitspflege. Denn ieder Junge Manu, der im frühen Alter erwerbsfähig gemacht wird, kann unter Umständen bei dem ausgeprägten Familiensinn S—6 andere Familienmitglieder, darunter alte und kranke, ernähren. Er erweist damit nicht nur der Familie selbst einen Dttenst, son-!terp auch der Oeffentlichk^t, — Ein? ernste Krisis steht bevor,

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