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Jüdische Rundschau · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 92. No, 10. Nachdenken und Intelligenz erfordert als die kleinbäuerliche Wirtschaft, so wird ein Gärtner mindestens ebenso schnell wie ,ein Kleinbauer erlernen, wie man unter ganz verschiedenen klimatischen tind sonstigen Verhältnissen Landwirtschaft betreibt Lernen und Erfahrungen sammeln mfjsscn beide. Auch in jenen Ländern ist cs häufig ratsam und vorteilhaft, mit der eigentlichen Landwirtschaft Nebenbetriebe gärtnerischer und anderer Art zu verbinden. Aus allen diesen Gründen wird es in der E r 2 i e h u n g sanstalt in Ahlem im Interesse unserer Zöglinge, resp. für deren späteres Fortkommen, für wichtiger gehalten, sie während ihrer dreijährigen Lehrzeit mehr in den verschiedenon Zweigen des Gartenbaues als In der extensiven Landwirt- Schaft zu unterweisen. Die Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem wird vielfach noch mit anderen Jüdischen Waisenhäusem und Erziehungsanstalten, von denen cs in Deutschland eine ganze Anzahl zweifellos ebenfalls unterstützungswerter gibt, auf ein und dieselbe Stuie gjestrih. Wesentlich jedoch sind die sich bei einem Vergleich ergebenden Unterschiede. Während die anderen Institute das Bestreben haben, Kinder so zu erziehen, wie sic bislang meistens in jiidschen Familien erzogen werden, ist unsere Anstalt, abgesehen davon, dass sie durchaus keinen lokalen Charakter hat, noch immer die einzige, nicht nur Deutschlands, sondern in der gesamten Judenheit, wo die Zöglinge bei durchaus jüdisch-religiöser Er- Ziehung als Schulkinder bereits im frühesten Alter nach den bewährtesten pädagogischen Grundsätzen, nicht nur in den verschicdenen Zweigen der Handfertigkeit, sondern auch im Gartenfcau unterrichtet werden. Sie ist die einzgc Anstalt, wo Kinder nach Absolvierung der, hier mit der Anstalt verbundenen Volksschule, abgesehen von einigen Handwerksbetrieben, namentHch in den verschiedenen Zweigen der intensiven Bodenkultur eine gründliche, praktische Ausbildung erhalten, die sie befähigt,«n und ausserhalb Deutschlands sich eine geaclitete Lebensstellung zu vcrschafiicn. Unsere Anstalt ist unter den schwierigsten Verhältnissen, mit manchen Vorurteilen und Feindseligkeiten kämpfend, vor zirka 10 Jahren entstanden, und, ohne unbescheiden zu sein, darf ich wohl behaupten, dass sie Jetzt sowohl in jüdischen wie nicht jüdischen Kreisen in hohem Ansehen steht Trotzdem uns namentlch anfangs manches mangelhafte Schütermaterial zugeführt wurde, da viele noch die Irrige Ansicht hegen, dass alle Knaben, die für andere Berufe untauglich, für den eines Gärtners noch immer zu gebrauchen seien, erhellt aus den ״Mitteilungen des Vereins ehemaliger Ahlemcr“, dass die meisten unserer Zöglinge ein gutes Fortkommen gefunden haben. Unsere Anstalt hat ater nicht nur den Zweck, eine Anzahl tüchtiger Gärtner etc. auszubilden, sondern sie will auch eine Anzahl tüchtiger Lehrgärtner für ähnliche Institute innerhalb und ausserhalb Deutschlands heranbildcn, wie einige bereits in Russland und Galizien erfolgreich tätig sind. Sie soll ferner als Musteranstalt behufs Verbreitung dieser Bestrebungen für die gesamte Judenheit dienen, und hat auch nach dieser Richtung schon gewirkt, wird dies aber in noch grosserem Umfange in nächster Zeit tun. Einen genauen Betriebs- Arbeits- und Unterrichtsplan unseres Schulgartens haben wir dem Baron-Hirsch Komitee in Wien auf dessen Ansuchen eingesandt und bereits mehrere Lehrer dieser in Galizien wirkenden Gesellschaft auf längere Zeit in Handfertigkeit, Gantenbiu und unserer allgemeinen Erziehungsmethode unterwiesen. Wie Ich bereits angeführt habe, liegt es im Interssc der Gesamthdt, nesp. des Staates, wenn der Grund und Boden möglichst intensiv bearbeitet wird, damit wir m Deutschland einen mögliehst grossen Teil unserer Lebensmittel, namentlich die teueren Bodeaprodukte, wie Gemüse. Obst etc. aus unserem eigenen Lande beziehen können und vom Auslände mehr und mehr un- * abhängig werden. Bei den fortdauernd besser werdenden Verkehrsmittein ist es daher möglich, noch ln verhältnismässig ' grossen Entfernungen von den voilkrcichen Städten, wo Grundbesitz noch nicht zu teuer ist, Gartenbau zu betreiben und die Piodukte in tadellosem Zustande auf den Markt zu bringen. Wenn also Junge, arbeitswillige Leute, nachdem sie sich die nötige Erfahrung erw'orbejn, mit geringen Mitteln sich in diesem Berufe selbständig machen können, ergibt sich die Frage: Wie ist die ökonomische und soziale Lage dieser Gärtner, die Gemüse-, Obstbau-, Blumenzucht etc. betreiben, Im Verhältnis zu anderen Berufsarten? Sie werden mit mir wohl darin übereinstimmen, dass ein solcher Mann eine sozial geachtetcrc Stellung einnhnmt, und eine ruhigere und gesichertere Existenz hat, als in heutiger Zeit ein unglücklicher Hausierer oder Klein- Händler. Abgesehen hiervor wird ein fortwährend im Freien arbeitender Gärtner mit seinem Familie gesünder und kräftiger wrerden, urid auch bleiben, als ein in ungesunden Grossstadt- Räumen wohnender, mit steten Sorgen kämpfender Hausierer. Nicht mir mit eigener Kraft und eigener Arbeit wird er dem Staate nützen, sondern auch in seinen Kindern wird er ihm tüchtige Vaterlandsverteidiger erziehen, denn die in schlechtventilierten Wohnungen aufgewachsenen, schlecht ernährten armen Stadtkinder geben dem Staat ein sehr mangelhaftes Soldatenmaterial. Wenn Sie, m. H., ein klares Bild erhalten wo'lcn, von den Clunccn eines Gärtners oder Handwerkers in Vergleich zu dem Kleinkaufmann, müssen Sie auch die Gchaltsvcrhältnissc, und gesellschaftlichen Anforderungen von Gärtnergehilfen. Handwerksgeselien und Handlungsdicnern Zusammenstößen. Dabe! ist zunächst fcstzustellen, dass in bezug auf Kleidung und gcsellschaftllche Repräsentation an den Gärtnergehilfen und Handwerksgeselien keinerlei Ansprüche gestellt werden, während der fungc Kaufmann sich diesen Anforderungen, besonders in bezug auf Kleidung, nicht entziehen kann. Das Gehalt eines jungen Gärtners, der nach Absolvierung der Volksschule mit 11־ Jahren in die Lehre tritt, und der seine Lehre nach 3 Jahren beendet hat, ist allerdings nicht hoch. Es beträgt gewöhnlich bei vollständig freier Station etwa 30 Mark monatlich, also Immcrh'm doch genug, um bei beschcidcnen Ansprüchen ohne Zuschuss von anderer Seite existieren zu können. Ein cinigermassen tüchtiger Mensch kann dann nach Verlauf weniger Jahre auf ein Gehalt von 5Q Mk. bis 60 Mark bei vollständig freier Sv1*׳c.1 rechnen. Besonders tüch- tige Leute können es aber auch w׳citcr bringen. Das mögen Sie aus einigen Beispielen ersehen: Ein Junger Mensch aus Telgte in Westfalen kam nach Absolvicrung einer gewöhnlichen Volksschule mit H Jahren in Ahlem in die Lehre. Nach Beendigung seiner Lehrzeit war er in verschiedenen erstklassigen Gärtnereien, Baumschulen, Gew׳ächshauskulturen, Bindereien eltc. tätig. Vor l1/״ Jahren besuchte ich den jungen Mann in Düsseldorf, wo er, etwa 20 Jahne alt, eine Vertrauensstellung in einer Gärtnerei bekleidete und 150 Mk. monatliches Gehalt bezog. Seit Oktober v. J. dient er bei den schwarzen Husaren in Danzig. Ein anderer iunger Mann, gleichfalls ■mit Volksschulbildung war vor seinem Eintritt beim Militär Wer In Berlin bei Spaet (?) tätig, und erhielt nach 2jähriger Militärdienstzeit die Friedhofsgärtncrstellc in Ratibor, die 111m ein für sein Alter gutes und sicheres Einkommen bringt. Ein dritter war einige Zeit nach Vollendung seiner Lehre als Lehrgürtner In Repzlen, konnte sich aber mit dem Inspektor, der später von der Fürsorgekommission entlassen wurde, und der nichts von der Gärtnerei verstand, nicht vertragen, und nahm dann Stellung in erstklassigen Gärtnereien u. a bei Benari in Erfurt an. Im März v. J. bat uns ein Freund unserer Anstalt in Hannover, der viel Pech mit seinen Gärtnern gehabt hatte, ihm einen tüchtigen Gärtner zu empfehlen. Trotzdem sein Arbeitgeber ihn ungern missen wollte, nahm er auf unser Anraten die Stelle an. Sein Jetziger Chef ist ausserordentlich ־zufrieden mit ihm und sagte uns, dass er seinen Garten seit 20 Jahren noch nicht in so ordentlichem Zustande gehabt habe, als es Jetzt der Fall Ist Mit dem betreffenden I Herrn hatten wir geradezu einen Kampf zu bestehen, damit er

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