Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10. /ÜDISQHE RUNDSCHAU. Seite;91. meiste Aussicht auf Erfolg haben. Hier ist das Interesse des Staates mit dem Interesse des einzelnen identisch. Gegen das Interesse beider ist es z. B. selbstredend, wenn der einzelne einen Beruf erwählt, der schon überfüllt ist, es sei denn, der Betreffende habe hervorragende Veranlagung dazu. — Wie wir alle wissen, sind die Beamtenkarrieren, höhere wlt niedere, sowie die MtlitäTlaufbahn In Deutschland, wenn auch nicht durch die Verfassung, sodoch durch die Praxis den Juden so gut wie verschlossen. — Die Ge- Iehrteuberufe, wie die der Anwälte und Aerzte sind üb.*rüi! Wir alle wissen auch, dass Hausier- und Kleinhandel durch den bis vor wenigen Jahrzehnten der Überwiegende Teil der Juden seinen Unterhalt erwarb, durch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Neuzeit, als da sind: grosse Warenhäuser, Konsumveicinc etc. Immer mehr ausgeschaltet werden. Dass die Juden nicht aus freiem Antriebe siel; den Handel und das Geklvcrlclhungsgcschäit gewählt haben, sondern dass sic, wenn sie nicht verhungern wollten, auf diese allein angewiesen und von allen anderen Berufen gesetzlich ausgeschlossen waren, ist sattsam bekannt. Das Oeld- und Bankgeschäft hat längs! aufgehört, die aussch’iessliclie Domäne der Juden zu sein, und, abgesehen von der Reichsbank, bei der meines Wissens kein einziger Jude angestellt ist, gibt es aucli andere grosse Banken, selbst vorwiegend von Juden begründete, welche nur ausnahmsweise Juden anstellen. Der Hausierer- und Kleinhandel ist weder für den Einzelnen so nutzbringend, noch für dl Gesamtheit so erwünscht, wie vor Jahrzehnten. — Früiicr. wo die Bewohner der kleinen Plätze, namentlich die der einzel- Hegenden Gutshöft־ nur selten in die Stadt kamen, war der Hausierer, der die nötigen Waren, und ausserdem noch Neuigkelten aus der Stadt brachte, ein gern gesehener Gast, und nicht selten auch der Vertrauensmann der Gutsbesitzer, der alle Geschäfte in der Stadt durch jenen besorgen liess. — Jetzt, bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verkehrs, ziehen Donbewohner und Gutsbesitzer es vor, in die nächste Stadt zu fahren, um dort unter Umgehung des Kleinkaufinanns und Hausierers selbst Ihre Einkäufe zu machen und dabei andere Geschäfte abzuwickeln. — Ueberhaupt sucht, als Ergebnis der wirtschaftlichen Entwickelung, der Produzent sich dem Konsumenten immer mehr zu nähern und die Mittelperson zu umgehen, wie. wenn auch nicht ׳immer mit bestem Erfa’ge, beispiclswcise das Militär angewiesen ist, möglichst immer direkt vom Landwirt zu kaufen. Nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern und auf den Gutshöfen werden meistens die Hausierer als ein Landplage empfunden, gl :ich den Bett'ern durch Plakate, und wenn es sich um jüdische Hausierer in anüsenüfsch verseuchten Gegenden handelt, manchmal auch durch drastischere Mittel von der Schwelle fern gehalten. Da.drängt sich uns die Frage auf: Welche Berufsart sollen nun jüdische Knaben, namentlich Kinder minderbegüterter oder armer Ettern, wählen? Auf diese Frage möchte ich nach sorgfältiger Prüfung der einschlägigen Verhältnisse raten: Falls irgendwelche Ve־׳anlagung vorhanden ist, soll der Knabe sich einem Handwerk oder der Bodenkultur zuwenden!-Nun könnten Sie einwenden, das Handwerk habe seinen goldenen Boden verloren. Allerdings — gebe ich zu — wie die meisten Erwerbsvcrhältnisse haben auch manche Zweige des Handwerks sich anders gestaltet im Vergleich zu früheren Zeiten. Viele Gebrauchsgegenstände, welche der Handwerker früher in seine. Werkstatt mit seinen Leuten anfertigte, werden jetzt fabrikmässig mittelst Maschinen so billig hergestcllt, dass der Handwerker mit seiner Handarbeit nicht mehr konkurrieren kann• .Dagegen kann er, wenn er intelligent ist und sein Handwerk versteht, durch Anschaffung von Hilfsmaschinen und durch Benutzung von Gas und Elektrizität als Betriebskraft in vielen Artikeln erfolgreich mit dem Grossbetrieb in Wettbewerb treten. Namentlich aber haben tüchtige Kunsthandwerker bei dem gesteigerten Wohlstände mehr als Je Gelegenheit, lohnende Aufträge zu erhalten. Der wohlhabende und reiche •Mann will nicht die in Fabriken;herge^telltai Dutzcndartikd in seinen Räumen haben, sondern zieht es• meistens vor, sich dieselben nach Zeichnung von einem tüchtigen Kunsthandwerker anfertigen zu lassen. Während also es dem wenig intelligenten Handwerker heutigen Tages manchmal schwer wird, sich selbstständig zu machen, und er daher gezwungen ist, als Fabrikarbeiter sein Leben zu-fristen, kann der tüchtige intelligente Handwerker jetzt, nachdem die Zunftschranken nicht mehr in dem Masse wie früher existieren, leichter als ehemals sich eine auskömmliche Existenz schaffen. Ähnlich finden Sie die Verhältnisse in! der Bodenkultur. Der Kleinbauer der seinen alten Schlendrian geht, und der ausschliesslich Körnerbau ׳treibt, kann manchmal mit dem Grossgrundbesitzer, der bei seinem Betriebe überall Maschinen zu Hilfe nimmt, nur schwer konkurrieren, namentlich wenn sc’n Grundbesitz noch mit Schulden hoch belastet ist. Hingegen kann er recht gut existieren, falls sein kleines Besitztum nicht allzu verschuldet ist, wenn er intensiv'wirtschaftet, sich alle Erfahrungen der Neuzeit zu nutze macht und auch die Nebenbetriebe der Landwirtschaft, wie Gefüge!- und Bienenzucht. Obst- und Gemüsebau etc. mit berücksichtigt Ein junger Mensch, der geringes oder gar kein Vermögei•, hat. und sich in Deutschland in der Bodenkultur selbständig machen will, tut besser, wenn er sich der t n t e n s i v e s t e 11 Bodenkultur, wie Obst-, Gemüsebau und anderen gärtnerischen Betrieben widmet, als den mehr cx tensi vtn, also landwirtschaftlichen. Der Ankauf eines, wenn auch nur kleinen Bauerngutes erfordert ein für ihn unerschwingliches Kapital, und wenn ihm auch ein solches von einer hierzu extra begiündeten Gesellschaft geliehen würde, so würde cs ihm döci: schwer fal'en, die Zinsen aufzubringen, abgesehen davon, dass es bei den grossen Ansprüchen, die heute in Deutschland an die jüdische Wohltätigkeit gestellt werden, schwer fallen dürfte, ein genügend grosses Kapital zu beschaffen, t«m eine nennenswerte Anzahl vermögensloser Bauern selbständig zu machen! Anders verhält es sich mit der Gärtnerei. Ein intelligenter, fleissigcr Gärtner kann, wenn er nicht das Geld hat, ein Eigentum zu erwerben,־ srch einige Morgen Land In der Nähe einer Stadt auf längere Zeit pachten, dort Obst- und Gemüsebau oder andere Zweige der־ Gärtnerei betreiben und dabei sein Auskommen finden. Bei derartigen Betrieben kommt die InteUigenz mehr zur Geltung als bei der kleinbäuerlichen Landwirtscliaft, wie Körnerbau etc. und da, wie bereits erwähnt, die Grosswirtschaft beim Körnerbau die Handarbeit grösstenteils durch Maschinen ersetzt, so kann der Kleinbauer bei diesen rein landwirtschaftlichen Betrieben nur dann erfolgreich mit dem Grossbcsitzer konkurrieren, wenn er eine geringe Schuldenlast hat,und mit Frau und Kind emsig arbeitet. Da beim Grossbetrieb häufig durch tieferes Pflügen mittels Dampfs oder elcktrischen •Piugcs grössere Abwechselung in der Fruchtfolge, und durch Anwendung mancher anderer Hillsmittel, die dem Kleinbatu. rn aus diesem oder jenem Grunde nicht zu Gebote sfcehco, ein grösserer Ertrag pro Morgen crzelt werden kann, so mag unter Umständen vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus im Interesse des Staates•— also der Allgemeinheit —, der Grossl ctrieb in der eigentlichen Landwirtschaft wünschcnswerter als der Kleinbetrieb sein. Im Interesse unseres Vaterlandes ist es, wenn ein möglichst grosser Teil der Volksnahrungsmittel im Land selbst produziert wird. So lange nun noch so viele Millionen Geld für frisches Gemüse und Obst ins Ausland geschickt werden, ist für den Staat sowohl, wie für den einzelnen Kleinbesitzer oder Kleinpächter da, wo die Verkaltnisse es Irgend gestatten, der intensive oder mehr gärtneriseke Betrieb, wie ich bereits vorhin erwähnte, vorteilhafter als der extensive, rcütlandwirtscliaitlicbc. — Eut$ch>Ücs$t.sich später ein. tüchtiger Oärtner zur Auswanderung nach solchen Ländern, wo bei billigen Bodenpreisen die. extensive-Landwirt- Schaft vorteilhafter ist, so kann־ er die mechanischen Handgriffe der . für die eigentliche;-Landwirtschaft,.nötigen Geräte und Maschinen -sich leicht. anedgoen, .Ga -die Gärtnerei -mehr ייי / >v £׳■־ ־■fTiPU