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Jüdische Rundschau · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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... ׳*.. I Seite-.90. V.. ־ . JÜDISCHE .RUNDSCHAU No. 10. R'aab Ihr Kandidat war. Und die freisinnigen Wähler haben diesen offen-geheimen Wink sehr wohl verstanden; denh} nur durch die Abgabe von wenigstens 2500 ״freisinnigen“ Stimmen für "Raab wurde der Antisemit gewihlt Die Freisinnige Volkspartei hat bei dieser Nach- .. wähl deutlich und klar, den Juden zu verstehen gegeben, dass sie das Tischtuch zwischen sich und ihnen zu zerschneiden im Begriff *steht, nicht mit einem kühnen Ehrlichen . Schnitt, sondern heimlich und feige, damit die dummen Juden noch recht lange dumm genug seir. mögen, ihr Geld für die Partei zu geben und ihnen die Kastanien aus dem agrarischen Feuer zu holen. Schade, dass Eugen Richter aus Seiner Ehe keinen Sohn hat, jetzt könnte der •Minister Sein Wort von dessen Offiziersfähigkeit mit gutem Gewissen einlösen. Gewiss, der Radauantisemitismus ist in Deutschland zuruckgewichen. Aber der viel gefährlichere, hartnäckige Asemitismus ist um das tausendfache gewachsen und beweist seine Kraft, indem er seinem Vater, dem _ Parteiantisemitismus, aufs neue zu einem Sitze im'deutsehen Reichstage verholten. Wir wollen aber nicht mit der Freisinnigen Volkspartei rechten. Wenn sie asemitisch i ist, ist es nur konsequent, den Antisemitismus so zu unterstutzen, wie sie es tut. Wir haben uns an die Juden zu halten! Und da richten wir die Frage an jene hohe Stelle, die sich für berufen erachtet,- die politische Gesamtheit der deutschen Juden zu vertreten: Wie kömmt es, dass der Vorstand des Zentralvereins mit jener Barschheit, die ihm eigen ist, jede Prüfung des Verhältnisses, das unzweifelhaft zwischen den Antisemiten und den freisinnigen Asemiten besteht, als unstatthaft zurückweist? Wir können keinen bösen Willen voraussetzen bei Männern, die sich zum Kampfe .gegen die Angriffe auf die Rechte und die Ehre unseres Volkstums zusammengeschlossen haben. Was ihnen fehlt, das ist nicht der gute Wille, sondern die politische Einsicht! Das ist aber viel schlimmer. Denn den guten Willen könnte man ihnen zur Not mit der Zeit schon beibringen. Die politische Einsicht wäre uns aber unendlich viel wichtiger. Sch. L. Emil. Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage. Von A. M. Simon -Hannover.*) Dass wir Juden, wie immer inan uns bezeichne: als Volksstamm, als Rasse oder als ReÜgionsgesellschaft, als Deutsche Staatsbürger dieselben Pflichten erfaßen müssen wie unsere christlichen Mitbürger, darüber sind .wir uns adle einig. Dies schon deshalb, weil wir auch dieselben Rechte -verfassungsmässig beanspruchen. Abgesehen von den gesetz-, lieh *geregelten Pflichten, wie Militärdienst, Stcuerabgaben etc., ' laben wir noch Ideale Pflichten gegen den Staat, in! dem wir leben und dessen Gesetze uns schützen. Die erste Pflicht, die wir alle unserm Vater lande schulden, ist die, ihm nach Kräf- * zugleich den Wohlstand der .Gesamtheit zu erhalten und ten zu nützen, und das Wohl und zu fördern. Am besten wird •diese Pflicht dadurch erfüllt, dass ieder einzelne in seinem Be- ג Wir geben diesen interessanten Vortag des Gründers von Ahlem eder! bemerken aber, dass die unsem Lesern manchmal etwas fremde ז Form sich daraus erklärt, dass der Vortrsg Im *Zemralvertin deutscher Staatsbürger L Cl,״ gehalten wurde. rufe oder seinem Fach das möglichst vollkommene zu leisten sich bestrebt Es Ist naturgemäss unmöglich zu bestimmen, welcher 3eruf dem Staat am meisten nützt. Ein gut geleiteter moderner Staat Ist einer gut funktionierenden Maschine vergldchbar. Die Regierungsorgane sollen die Stelle des erfahrenen, gewissenhaften Maschinisten vertreten. Wie dieser düe Maschine bei fortwährender Beaufsichtigung durch Zuführung von Heizmaterial und rechtzeitige Ölung in Gang erhält und vor Reibung und zu rascher Abnutzung der einzelnen Teile bewahrt, so sucht eine weise Regierung durch Förderung der Vcrkchrsverhä-nüsse, Eisenbahnen und Wasserstrasson und durch gute, zweckmässige Gesetze und Handelsverträge Landwirtschaft, Industrie und Handel zu heben, die Staatsmaschine m Gang zu erhalten, und jedem einzelnen Staatsbürger dadurch die Möglichkeit zu verschaffen, sich zu ernähren. Wie der tüchtigste Maschinist seine Maschine nicht in Gang zu erhalten vermag, wenn die kleinste Schraube ihre Dienste versagt so müsste die grösste und beste Staatsmaschine in Unordnung oder in Stockung geraten, wenn irgend ein Stand oder Beruf ausgeschaltet würde oder mangelhaft arbeitete. WiSe heute die meisten Maschinen komplizierter sind als in früheren Zeiten, so auch die Staatsmaschine. Wie man heute besseres Material, beispichvcise besseren Stahl zu den meisten Maschinen verwendet, so verlangt die Staatsmaschine auch heute tüchtigeres Menschenmaterial als in früheren Jahren. Heute werden in ai'en Berufsarten nur tüchtige Menschen gesucht, während mlttelmässigc, und gar solche, die ihren Beruf schlecht verstehen, nur schwer Unterkommen. Voraussichtlich wird sich dieses Verhältnis, namentlich in dicht bevölkerten Staaten, wie Deutschland, von Jahr zu Jahr mehr zuspitzen Es ergibt sich hieraus die ernste Pflicht, dass wir gründlich prüfen, in welcher Welse die Heranwachsende Generation der Juden ausgebildet und erzogt« werden muss, um in dem Berufe, den jeder einzelne erwählt, etwas tüchtiges zu leisten. Da ist dann die erste Frage: Wie steht cs mit der Kindererzlehung? Wie sollen wir entscheiden, für welchen Beruf sich c'n Knabe besonders eignet? Um den Knaben selbst, den Angehörigen, und vor allen Dingen den Lehrern es zu ermöglichen, die in den Einzelnen schlummernden Talente und Fähigkeiten zu erkennen, sollte man schon ln den Schulen den Kindern Gelegenheit geben, nicht allein ihre Geistesgaben, sondern auch die praktische! und künstlerischen Fälligkeiten zu prüfen und zu entwickeln. Dies kann, glaube ich, am besten dadurch geschehen, dass man möglichst in allen Schulen ausser dem Zeichenunterricht ׳auch den Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau cmführt. Besonders wichtig und nützlich sind diese Unterriclitszweigc für jüdische Kinder, die durch den Atavismus von Jahrhunder• ten und durch die Berufsarten ihrer Eltern und Venv«r.dte;1 meistens auf solche Tätigkeiten hingewiesen werden, zu denen fast ausschliesslich geistige Fähigkeiten erforderlich sind; also vor allem Gelehrtenberufe und den Handel. *Schafft man nun durch Erteilung von Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht Gelegenheit, den Knaben Sinn ’J־d Ncigung für praktische Handle istungen aiizucrzielien, so werden die Knaben selbst, sowie die Lehrer meistens ausfir.den, it. welchen Berufen sie am meisten Aussicht haben .später etwas tüchtiges zu loisten. Nebenbei gesagt ist nicht, wie unbegreiflicherweisc vielfach geglaubt wird, der Handfertigkcitsuuterrieht eine rein mechanische Tätigkeit, oder eine gedankenlose Sache! Während man durch reine Büchcrgelehrsamkcit nicht selten schwankende, krittelnde, erwägende und zagende Mensehen erzieht, bildet man durch den richtig, nach pädagogischen Grundsätzen erteilten Handfertigkeitsunterricht schaffensfreudige, tatkräftige Männer! Das Selbstgefühl wird bei dem Knaben geweckt, wenn er einen brauchbaren Gegenstand au■ Pappe, Holz oder Metall selbständig hcrgcstellt oder Gemüse. Blumen etc. durch eigene Arbeit produziert hat. Ausser den Fähigkeiten der Knaben w׳crden wir bei der *Berufswahl aber auch zu erw-ägen haben, welche Berufe die

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